Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1909)
- Date
- 1909-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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7. Januar 1909 Der Israelit. Seite 3 *8. t schon im Interesse reinlicher Scheidung und einer andererseits, daß auch im anderen Lager sich ein u n'b eft i m m? e s Sehne n' nach jüdischem Leben geltend macht, daß man auch dort nach lutb nach zur Ueberzeugung gelangt, daß es so nicht weiter gehen könne, ob auch leider der neue Weg, den die „L beraten", die den alten verlassen, bislang einschlagen, niemals zur Erkenntnis der großen jüdischen Wahrheit führen wird. Die Tre »gebliebenen haben aber auch in diesem Jahre enger das Band um ihre Schar geschlossen, sich enger und fester um das jüdische Banner gesammelt. Die letzten Tage des verflossenen Jahres waren unvergleichliche und unvergeßliche Festtage für die Gesetzestreuen Deutschlands, die sich in Frankfurt versammelt hatten. Die von uns bereits'bekanntgegebenen Zahlen in den Berichten der „Freien Vereinigung", des "Verbandes der Sabbatfreunde" usw. führen eine beredte, herzerhebende Sprache, eine Sprache, die in den uns auch in das Leben des neuen bürgerlichen Jahres begleitenden Jubelruf ausklingt: ■’Ä' xb "TU? Mochenrrmöfchav. Die Mittelpartei. Schon gleich nach der Gründung der „Liberalen Bereinigung" verlautete, daß einige des radikalen Geschreis der liberalen Stürmer überdrüssige Rabbiner die Idee propagierten, noch eine dritte grosse Vereinia>una>, eine Mittel Partei, ins Leben zu rufen! Uns fiel dabei des weisen Nathan weises Wort ein: „.So ganz „ Stockjude " sein zu wollen, geht schon nicht, Und ganz u u d gar n i ch t Jude geht noch minder" und diese klassische Reminiszenz tritt jetzt, da uns vor einigen Wochen der E u t w u r f e i n e s A u frufs dieser Mittelpartei auf den Redaktionstisch geflogen ist, mit erneuter Lebhaftigkeit vor die Seele. Zwar sind die Motive, die die Herren Rabbiner Werner, Kroner und Eschelbacher bei ihrem Gründungsprojekt leiten, höchst ehrenwerte und wir denken von diesen drei Herren viel zu gut, als daß wir sie ohne weiteres in das Schema der Breslauer Schule registrieren möchten, die sich ja von den Grundsätzen der echten „Liberalen" nur durch bedeutungslose Nuancen unterscheidet, und der sich jene drei Herren darum innerlich vielleicht längst entfremdet fühlen. | Allein, man mag nach der subjektiven Seite noch so milde urteilen — objektiv betrachtet, wäre die Gründung dieser Mittelpartei, wenn sie zustande kommen sollte, ein viel schwereres Unglück für die religiöse Zukunft des Judentums in Deutschland als die der „Liberalen Vereinigung." Wer, wie es. der mittelparteiliche Aufruf tut, die Orthodoxie verurteilt, weil sie das „Prinzip der .Entwickelung" für das Judentum perhorresziert, wer also exprvsNs verbis das Judentum eben diesem Götzen der Zeit, dem „Prinzip der ^Entwickelung" unterstellt der hat sich damit allein schon unfähig erwiesen, den Radikalismus zu bekämpfen, der wird, mag er wollen oder nicht, vielmehr Schrittmacher und Missionar des liberalen Abfalls sein. Auch die ^Liberalen" feiern ja d i e s e l b e „Wissenschaft des Judentums", die auch von der Mittelpartei an die Stelle des allen NvV? mifH "HO;, gesetzt wird und deren Früchte - von Frankel, Grätz, Weiß schmackhaft gemacht in Deutschlarü», mehr noch in Rußland Hunderte, Tausende der vollendeten Leugnung in die Arme geführt haben! Meinen es die Herren Werner, Kroner und Eschelbacher ehrlich mit der Sorge um die Erhaltung des überlieferten Judentums und wir sind bis heute davon überzeugt dann mögen sie dem verhängnisvollen Irrtum entsagen, daß es einer „MittelPartei" gelingen könne, den Massen die Liebe zur jüdischen Lehre, die religiöse Pflichttreue und den Respekt" vor der Wahrheit der Ueberlieferung zü erhalten. Zum Verdrusse ihrer Urheber würde die Partei vielmehr das „Stvckzndentnm" der a.a.n^en Juden diskreditieren helfeir und vor dem „Ganz und gar nicht-Judentum" der Bogelstein-Selig mann und Geirossen keine jüdische Seele zu erretten vermögen. Wir möchten diese Mahnung nicht unausgesprochen lassen. Verhallt sie ungehört, dann wird, so hoffen wir, die gesetzestreue Judenheit sich über die neue Gefahr bald klar werden und ihr mit dem Aufgebot aller geistigen Energie in offenem Kampfe entgegentreten. Jüdische OJohlfäffgheif- Im Novemberheft des „A r ch i v s f ü r Volk swohlfahrt" behandelt Herr Justizrat Bernhard Breslauer in erschöpfender Weise die Ausdehnung der jüdischen Wohltätigkeit und Wohlfahrtspflege in Deutschland. Die fleißige Arbeit bietet ungemein viel des Interessanten nnd entrollt auf Grund des gesamten einschlägigen Materials ein Bild von dem eminenten Umfange der jüdischen Hilfsarbeit in Deutschland, das namentlich die nichtjüdische Welt, wiewohl sie den jüdischen Wohltätigkeitssinn nie in Zweifel zu stellen wagte, doch sehr überraschen muß. In 1014 jüdischen Gemeinden des deutschen Reiches zählte'der Verfasser nicht weniger als 1310 humanitäre Vereine. Selbst die kleinen und kleinsten Gemeinden, denen die Erhaltung ihrer Kultusinstitutionen schon die größten Opfer auferlegt, lassen sich es nicht nehmen, noch nebenbei ihren Verein zu erhalten. Das ist eine erfreuliche und herzerhebende Erscheinung auch für uns, ob wir uns auch im übrigen mit den Ausführungen, Ansichten und Vorschlägen des Herrn Breslauer nicht in allen Teilen einverstanden wissen. Für uns ist die Tatsache wichtig, die Herrn Breslauer vielleicht am wenigsten beachtenswert erscheint, die Tatsache nämlich, daß es sich bei diesen Vereinen, soweit die Land- und Mittelgemeinden kn Betracht kommen, nicht um einseitige Unterstützungsvereine, die nur das gutejüdische Herz dokumentieren, handelt, sondern zumeist um gut jüdische rman, die auf den Grundlagen von n"ön rmay mm echt jübifdje Wohltätigkeit pflegen. §s sind darunter Vereine für Krankenpflege und Leichenbestattung (p"n und rV'pi), für Unterstützung fremder Armen und Ausstattung armer Bräute (DTrmt nD3Dn unb nfc DDJon) auch viele Vereine, die dem ITD*? mm oder der Unterstützung und Erhaltung *>tm ‘fitf&tn Zusammenschluß dieser Vereine auf gesetzestreuer Basis wäre wohl mit Erfolg anzustreben. Anders aber verhält sich doch die Sache in den Großgemeinden, speziell in der jüdischen Gemeinde Berlins, über deren Armenwesen der Verfasser eine ausführliche und übersichtliche Darstellung gibt. Dort, wo die Wohltätigkeit aus dem eigentlichen jüdischen Pflichtenkreise herausgewachsen ist und im Großen arbeitet, arbeiten muß, har sie leider oft Bahnen eingeschlagen, auf denen ihr zu folgen dem gesetzestrenen Juden geradezu unmöglich ist. So erfreulich an sich und anerkennenswert all die Institute, die Millionenstiftungen, all die monumentalen ■ $ H .(■> 1 '’ri? iUS •rii f 3 und sie werden es innerlich auch hoffentlich bleiben - die mir aber Gott hier gegeben." Hier, im fremde Lande, unter fremder höfischer Umgebung find fie au! gezagen, und so war es leider nicht zu vermeiden, baß fi A iüren und Namen erhielten, die Dich heute befremde und abstoßen. Und Jakob ließ es gelten und segnet seine Enkel. Aber wie lautete dieser S egen? „Der Enge der mich aus allem Ue'el erlöst, segne die Knaben, da in ihnen genannt werde mein Name und der Nam meiner Väter Abraham und Jtzchak." Den eigenen jüdischen Namen in Ehren tragen un den Namen Gottes hoch und heilig halten, ist die Losun aller Zeiten, das heilige Vermächtnis nicht nur de einen Patriarchen, sondern der unzähligen großen Bätei die Seinen Namen auf Scheiterhaufen mit dem iriK ge heiligt. Und wenn wir uns im Angedenken an dies Heiligen, wie einst die Söhne am Sterbebette de Vaters, pietätvoll zusammenfinden, um uns durch Lehr und Leben zum einzig ewigen Gotte zu bekennen, f zie't ein geheimnisvolles Flüstern durch unsere Seele „Gesegnet sei der Name und die Ehre seint Reiches immer und ewig." Kleines Feuilleton, lldkäne« aer llrsrter. Skizze von A. S. Nadiuowitz. (Schluß.) Als man Gedalja meldete, daß sein Vater käme, sich von ihm zu verabschieden, riß er weit seine großen Augen auf, sann einen Augenblick nach und sagte: Gut, er komme. Der Vater kam herein. Iochanan war in diesen Tagen furchtbar gealtert, und seine Augen waren beinahe blind geworden. Sein Weib lag krank zu Bette und konnte das Lager nicht verlassen. So war er allein gekommen. „Ich bin gekommen, von dir Abschied zu nehmen, Gedalja", rief der Greis und feine Kehle schnürte sich zusammen. „Tank, Vater, vielen Dank", antwortete der Jüngling mit leiser Stimme, die bis in die Tiefe des Herzens drang. ' ' „Ich komme, dich zu trösten, dir zu Herzen zu. reden, und nun betrübe ich dich noch durch mein Weinen. O, Gedalja, mein Herzenskind." „Tut nichts, Vater, wenn es nur dir Erleichterung gewährt." „Und dir, mein Kind?" „Mir? mir fehlt nichts, Vater." „Wie?" fragte Iochanan erstaunt. „Ja, Vater," antwortete Iochanan mit leiser Stimme, indem er voll Liebe aus den Vater blickte. „Das verstehe ich nicht, Gedalja, ich verstehe dich nicht, mein Aind. Wie kannst du kalten Herzens sagen: es macht nichts, in dem Augenblick, wo wir uns auf ewig trennen? Und weshalb? Warum hast du nicht dem Anwalt gefolgt? Wäre es für dich eine Herabwüroigung gewesen, wenn du verlangt hattest, daß man deine Angelegenheit näher untersuchte? Tu bist ja gar nicht schuldig; ich weiß es ganz gewiß, daß du unschuldig bist." „War nicht nötig, Vater, war ganz unnöttg." „Ich begreife deine Worte nicht, Sohn; gestehe mir alles, verheimliche nichts. Ich möchte gerne wissen, was in deinem Herzen' in diesem Augenblick vorgeht. Laß mir doch dein Herz nicht wie ein versiegeltes Buch erscheinen, oenn mir ist es zu schwer, die Last eines so dunklen Rätsels mit mir herumzutragen." „Manchmal, lieber Vater, ist es für den Menschen besser, die Wahrheit nicht zu kennen, denn sie ist manchmal sehr bitter und ich will dich nicht kränken." „Und trotzdem will ich es wissen. Ich muß wissen, was im Herzen meines Kindes vorgeht, was es auch immer sein mag. Sage mir doch die Wahrheit, ich befehle es dir: isfenbare mir alles, was in deinem Herzen vorgeht, verhehle nichts." „Ich habe keine Ln st mehr am Leben, Vater," antwortete der junge Mann mit zitternder Stimme, „wenn jene mich nicht hängen würden, würde ich es selbst tun." „Warum!?" „Weil ich keinen Nutzen vom Leben sehe; ich besitze nichts mehr, was meine Seele erhebt und erhält. Wenn es Augenblicke gab, wo ich dachte, jetzt habe ich ein Großes gesunden, ein Ideal, ich will es sesthalten und nimmer fahren lassen, ich will ihin dienen und ihm mein Leben weihen, so kam ein Windstoß daher, und das Ideal zerfloß vor meiner Seele. Es zerfloß und existierte nicht mehr. Ich trat allen Parteien bei, welche in der letzten Zeit sich so zahlreich bildeten, ich hörte auf alle Redner und sah ein, daß jie nur Schwätzer waren, die sich und andere betrügen und der Welt vormachen wollten, sie besäßen ein Ideal, und in Wirklichkeit war doch auch ihr Herz leer." „Warum glaubst Tu denn, daß wir kein Ideal besäßen? Ist es denn nicht herrlich, Sohn, Jude zu sein, der Gemeinschaft mit Gott sich zu freuert Begreifst Du denn nicht, wie herrlich es ist, Jude zu sein? Wenn wir in qualvoller Enge und Bekümmernis leben, so freuen wir uns mit unseren GottesgÄboten und hoffen auf Tage, die besser sind wie die m