Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1909)
- Date
- 1909-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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r jfette 2. Nr. 1. bei dieser Gelegenheit durch energisches Eintreten für. die Entrechteten beweisen werden, daß der Kampf um Recht und Freiheit, den sie auf ihre Fahne geschrieben, kein leerer Schall sei. Doch hört man bereits andererseits von einem Rückzuge der Regierung und von ihrer Absicht, den Verbändlern auf Kosten der Juden noch einige weitere Konzessionen zu machen. Wie viele Juden werden wieder daran glauben müssen, von ihrer Scholle verjagt zur ziellosen Auswanderung gezwungen werden? Schon hört man von neuen Ausweisungen in Finnland, während denjenigen Juden, die weder ein alt-finnisches noch ein neu-russisches Gesetz von der alten Heimat vertreiben kann, ein Schächtverbot droht. In Polen aber, in diesem Landesghetto, wo es allein den Juden Rußlands noch möglich ist, sich ohne Beschränkung zu konzentrieren, werden sie bei der Regelung der Gemeindeverwaltung vollständig übergangen und werden allem Erscheine nach unter der neuen Ordnung, nunmehr statt den Chikanen der russischen Administration der Will kür der polnischen Kommunalbeamten ausgesetzt sein. Diese untröstlichen Zustände lenken unwillkürlich unsere Blicke nach den Zufluchts-Ländern, wohin der Auswandererstrom aus Rußland und Rumänien sich vornehmlich ergießt, England und Nordamerika. In England erhält sich die Alien Bill trotz energischen Einspruches einsichtiger toleranter Kreise, denen das drakonische Gesetz weder gerecht, noch den Interessen des Landes dienlich erscheint. In A m erika sind die erschwerenden Einwandernngsbestimmungen noch nicht derart, daß sie einem erheblichen Teile der Flüchtlinge die Tore des Landes zu schließen vermögen. Wegen der starken Uebersüllung und der wirtschaftlichen Krisis, unter der der Arbeitsmarkt dorH zu leiden 'hat, hat indes leider auch die Union längst aufgehört, das Dorado der Emigranten zu sein. Die Präsidentenwahl, die nur einen Wechsel der P e rsonen und nicht des Systems gebracht, wird mithin auch auf die Lage der Juden, sowohl der einheimischen, die nunmehr die Politik Tafts wie früher die von echtem demokratischen Geiste getragene Politik Roosevelts unterstützen werden, noch auf die der eingewanderten, die auch von der neuen Regierung eine gerechte und menschenfreundliche Behandlung zu gewärtigen haben, Einfluß ausüben. In ihrer Wirkung nicht nur für Amerika hoch bedeutsam sind die unseren Lesern bereits bekannten hochherzigen und vom Geiste der echten Menschenliebe getragenen Kundgebungen, mit denen Roosevelt so wirksam in den Wahlkampf einzugreifen wußte. Der Appell an die verschiedenen Nationalitäten in Frieden und Eintracht zusammen 'für Der Israelit das Wohl des Landes, das sie vereint, zu wirken, wird nirgends so mißachtet, als in Oesterreich, wo nationaler Haß und Hader die Bürger von einander trennt und die gedeihliche Fortentwickelung des Landes stört. Am Tage, da Wien im Festesschmucke zu Ehren des Jubelkaisers prangte, mußte in den Straßen Prags, wo der Bürgerkrieg tobte, das Standrecht proklamiert werden. Die Juden Oesterreichs, die bei dieser Gelegenheit ihre aufrichtigsten Gefühle der Dankbarkeit und Ergebenheit ihrem Monarchen bekundeten, werden auch am besten den Schmerz ihres Kaisers ob des Geistes des Unfriedens, der unter seinen Völkern verheerend wütet, zu würdigen verstehen, da gerade sie, die Juden, die den passivsten und friedliebendsten Teil der Bevölkerung ausmachen, oft unter der Reibung der nationalen Elemente am nleisten zu leiden haben. So auch in'Prag, wo die Juden als Deutsche der blinde» Wut der Tschechen ausgesetzt waren, während zur gleichen Zeit die deutschen Christlich-sozialen tit der guten Lueger-Stadt für sie als die „Feinde der deutschen Nation" Ausnahmegesetze anstreben. Recht traurige Ziffern weist auch die Statistik der Juden in Galizien auf. Ter von und jetzt veröffentlichte Bericht des dortigen Hilfsvereins entrollt ein Bild vom I u d e n l a n d in Galizien, wie es uns in solchen grellen Farben doch noch nicht dargestellt worden ist. Es wird hoffentlich kein bloßes Schreckensbild bleiben, von dem man sich mit Schaudern abwendet, sondern die, welche, dazu berrufen sind, zur eifrigen, intensiven Hilfsarbeit anregen. Den jüdischen Abgeordneten Galiziens gebührt Dank und Anerkennung für die durchaus korrekte und wirksame Art, in der sie die berechtigten Wünsche ihrer Wähler im Reichsrate wiederholt geltend zu machen suchten. Viel mehr ließe fick noch für Galizien nach Innen und Außen erreichen, wenn dort die großen jüdischen Massen mittels einer innerlich gefestigten Organisation selbst für ihre Interessen einträten. Zn diesem Zusammenschlüsse ist aber leider in Galizien, im zu Ruß^sud, wv Fch uulrr dru drukbar ungünstigen politischen Verhältnissen die Gesetzestreuen zu sammeln beginnen, noch nicht der geringste Ansatz vorhanden. _ Zu einiger Besorgnis gab auch die Zukunft der Juden in den okkupierten Provinzen Bosnien und Herzegowina Anlaß. Die Gefahr scheint indes vollständig abgewendet, was nicht in letzter Reihe der durchaus klugen und taktvollen Haltung der Juden dieser Provinzen selbst zu verdanken ist. In weit höherem Maße als in Oesterreich und in den Balkanstaaten werden die äußeren 7 Januar lüvv ' j wie die inneren Verhältnisse der Juden in der Türkei von den neuen Ereignissen beeinflußt. Hatten die Juden als solche schon in der alten - Türkei kaum Grund zur Klage, so dürfen sie von « der neuen Aera und vom Parlamente, in dem sie annähernd rechtmäßig vertreten sind, wie die anderer Nationalitäten des verjüngten ottomanifchcn Reiches nur Gutes erwarten. Anders aber ist es um. die internen Verhältnisse der jüdischen Gemeinden in der Türkei bestellt, die, wie bekannt, noch keineswegs befriedigend geklärt und geregelt sind. Und die nächste Zukunft wird es zeigen, ob und inwieweit die große Zeit auch ein großes Geschlecht unter den Juden der Türkei gesunden, ob die Freiheit auch stark genug ist, die bislang geknebelten jüdischen Massen von der Bevormundung seitens geldgewaltiger Gesellschaften zu emanzipieren und sie zum freien, selbständigen Handeln zu ihrem Nutzen und Frommen zu veranlassen. Bangen Herzens und sorgenvoll sieht die gesetzestreue Judenheit aller Länder der Entwickeln der dortigen Dinge ent gegen, umsomehr, als sie auch für die weiteren Geschicke der jüdischen Gemeinschaft int heiligen j Land c von entscheidender Bedeutung ist. , Auch bei uns in Deutschland ist des Juden Blick mehr nach Innert gerichtet. Picht als ob die äußere Lage zu gar keiner Klage und Besorgnis mehr Anlaß gäbe. Der Antisemitis > mus, der offiziell hie und da eine Niederlage erlitten und in verschiedenen Gemeindevertretungen art Stimnlkraft verloren hat, wußte sich viel fach schadlos zu haltert. In den breiten Volksschichten gelang es ihm auch dieses Jahr festen Just zu fassen und überall, in der Verwaltung wie in der Parteipolitik der meisten Fraktionell sickert der latente Antisemitismus durch. Die Aera der Blockpolitik, hat. zumal ln Preußen, daran so gut rvie nichts geändert und den Juden, die von ihr eine durchgreifende Aendörung des Kurses crwarteterl, eine Enttäuschung gebracht. Allein die Einsichtigen sind längst zur Ueberzengung gelangt, daß der ewige Kamps mit Bosheit und Errg Herzigkeit, soweit es sich nicht um Abwehr gefährlicher Angriffe handelt, ebenso müßig wie nutzlos und keineswegs des Schweißes der Edlen wert sei. Ans innere Kräftigung,und Feftigirng ist heute des denkenden Juden Stirn überall gerichtet, auf eine Erstarkung des jüdi scheu Geistes, der uns allein eine Welt des Glücks . in uns eröffnet und uns für des Lebens rrrarrnigsache Widerwärtigkeiten vollauf entschädigt. Es ist auch in diesem Jahre so rrrarrcheS irr dieser Beziehung geschehen, das uns berechtigt, t't- /. was mutiger irr die Zukunft zu blicken. Die Grnndiing der Liberalen Vereinig ring, die schon im Interesse reiner Scheidung und einer. 3m Namen Gottes. Zum Wochenabschnitte. Tin Leben, reich an Leiden, Prüfungen und Erfahrungen steht vor seinem Abschlüsse. Mit offenem Getstesauge schaut, der Patriarch in die Zukunft, die er auch seinen Söhnen so gerne enthüllen möchte. Aber es stockt die Rede, das Wort erstirbt auf der Lippe, denn über ihm erstrahlt die Herrlichkeit GotteS, die ihm Schweigen gebietet. Nicht durfte der sterbende Bater den Schleier von der Zukunft lüften, allein er sprach doch von Vergangenheit und Gegenwart: galtet treu und fest zu Ihm, vor dem meine Väter Abraham und Jsak gewandelt sind, der auch mich weidete von meinem Dasein biS auf den heutigen Tag!" Verständnisvoll stimmen die Söhne das „Schma Jtsroel" an und bekennen laut und ergriffen: »Der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!" Da leuchtete des Sterbenden Antlitz hell umr fetter und seine blaffen Lippen bewegten fich noch einmal flüsternd. „Gesegnet sei der Name und die Ehre seines Reiches immer und ewig!" (Midrasch rabba und Tanchuma zur Stelle). Den Namen Gottes segnen, ihn zu Ehren bringen. Mit diesen knappen, leisen Worten war bas Zukunftsprrgramm der Stämme Jakobs gegeben, ihr Lebensweg vorgezeichnet. Wie viel sind es der Namen, der leeren, hochklingenden Namen, die man für die Götzen aller Zeiten, um sie dem schwachen, vom Scheine geblendeten Menschen näher zu bringen, erfunden. Einst hießen diese Namen Baal, Ästarta, Dagon. Später waren sie, die mythischen Götternamen, der Sternenwelt entliehen, um den Menscben Furcht vor Naturkräften einzuflößen, die man nicht als Einzelteile der Gotteseinheit erfaßte, sondern fich als unheimliche, den Erdbewohnern feindlich gesinnte Wesen dachte. Roch andere Namen erfand eine krankhaft ausschweifende Phantafie des Menschen für die Götter, die er je nach Zeit und Mode anbetete. Heute lauten sie, um die geläufigsten herauszugreifen, Materialismus, Naturalismus, Monismus u. v. m. Der eine schwört auf die Macht des Gefühls, der andere spricht von der Reinen Vernunft, während wieder ein anderer fich nur zur mechanischen Kausalität bekennt. Was sollen all diese hochtönenden, ^nichtssagenden Namen dem Juden, der eine Geschichte und Tradition hat, dem Juden, der als heiliges Vermächtnis vom sterbenden Bater die Mahnung erhalten hat, nur einen Namen und zwar den Namen GotteS zu loben und zu ehren? Als Abra! am der Götzenwelt Urkasdims den Rücken gekehrt, um daS Gottesreich in fremdem Lande zu errichten, da „baute er einm Altar und rief im Namen GotteS"'n LV2 ITH1! röTÖ p’l- Und die Pflicht seiner Nachkommen ist es, überall und unbekümmert um die Kämpfe, die fie umtoben, um die ftemden Namen und Töne die ihr Ohr umrauschen, an einem Namm festzuhalten, nur ihn zur Richtschnur, zum Maßstabe für ihr Leben und Streben, ihren Handel und Wandel anzuwenben, alles zu tun, was ein QBftf KHTp/ eine Heiligung des göttlichen Namens darstellt, alles aber ängstlich zu vermeiden, was zu ei»em zu einer Entweihung des göttlichen Namens führen köntitk. Uttd darum harte auch der Name des Juden seit altersher etwas Göttliches und Heiliges an fich, der ihn stets an sein erinnerte, an den hehren Gottesnamen, dem in idealem Streben sich zu nähern Zweck und Ausgabe des Lebens seien. Abraham war von Gott als „Vater der wogenden Menge t er Völker" bestimmt. Izchakbesagte, daß ein Gotteswort, und klinge es noch so m wahrscheinlich, nicht belächelt, sondern vom Menschen vertrauensvoll beherzigt werden muß. Jakob aber hat fich als Israel, als Gotteskämpfer bewährt. Und involvieren nicht die Namen der Stämme durchwegs Dank- und Bittgebete? „Gott hat mein Elend gesehen — er hat mich abermals erhört" sagte Lea und nannte ihre Söhne Reuben, Schimon usw. Die gut jüdischen Namen haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten, im Westen Eurcpas-leider nur in den Synagogen. Hat aber der Jude im Leben tun jüdischen Namen, seiner Bedeutung nach, in Ehren getragen, so hat er damit zugleich auch den Namen seines Gottes geehrt und geheiligt. Der Grund, warum, nach dem Berichte des Wochenabschnittes, Jakob seine Enkel die Söhne Josephs, nicht , auf de» ersten Blick erkannte, lag, nach einer vielleicht mehr geistreich witzigen als exegetisch stichhalttgen Erklärung eines bekannten Kommentators darin, daß fie dem Großvater nicht als Ephrastn und Menascheh, sondern unter fremden, ägyptischen Namen, vielleicht auch in Sprache, Kleidung und äußerlicher Lebensart als junge Aegypter vorgeführt wurden. n^8 ’Ö „Wer find diese?", fragte erstaunt und betreffen der Patriarch. Joseph aber sagte entschuldigend und erklärend: Qft HT2 Op1?« 'h jn3 "W8- ,,E« find meine Kinder —