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Der Israelit · 1909-01-07 · Heft 1 (7.1.1909) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 1 (7.1.1909)
Date
1909-01-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ein Centralorgan lör Jas orthodoxe Jatentem i Begründet non Or. Lehmann in lllainr ksäsba~a \\ l / 50. Jahrgang, Sranhfurf a. m, den a T°meth Sä&T. Essa M 1 Abonnement pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, Heflausgabo Kunstdruck > Mk. 8. . Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Xr„ Runland l Rub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 H. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungesowie direkt bei dem Verlag. Heftausgabe nur direkt. Der Israelit erscheint irden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile: Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haas enstein u. Bögler A.-G.. Frankfurt a. M., und deren Filia en. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: v< onto bei dem Postscheck-Amt Frankfurt a. M. Ro. L44. lssonto bei der K. ft. Postsparkasse Wien Ro. 7S««». <5onto bei dem ft. Postsparkasseuamt Budapest Ro. 18424. <5onto bei der Rigaer Commerzbank in Riga und deren Filialen. Der Flachdruck der Flrtihel und Correfpondenjen des „Israelit*1 iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fleh um gröbere flufläbe handelt, nur nach vorheriger öenehmigung gestattet Zur Jahreswende. Es ist nicht des Juden Jahreswende, die in reudentaumel und Jubelrausch, durch lärmende ufe und Böllerschüsse zur Mitternachtstunde angekündigt wurde, wir haben bereits den JahresweMssl in stiller Stunde der Einkehr und des ernftett Nachdenkens gefeiert. Allein des Lebens rastlosDahinflutender Strom hat seine eigenen Bahnen und nimmt seinen Lauf oft allen astronomischen und kalendarischen Zeichen und Zahlen zum Trotze. Dem hat auch der Jude von jeher Rechnung getragen. So kam es, daß selbst zur Zeit der. großen jüdischen Einheit, da noch Religion, Politik und Volkswirtschaft eins bedeuteten im jüdischen Staate und alles jüdische Leben von dem einzigen und einigenden Gottesgedanken befruchtet war, daß damals schon der „heilige Tag der Erinnerung" nicht als Jahresbeginn für alle Gebiete des politischen und sozialen Lebens gelten konnte. Zählten doch die Könige ihre Regierungsjahre von „Nissan" an, während das neue Jahr für die Baumkulturen mit „Schewat" begann usw (Siehe Mischna l. Roschhaschono). Unser Kalender, der heute noch das trefflichste Religionsbuch des Juden ist, der auf jeder Seite durch die Fülle von Memorien und Merkzeichen die Ereignisse seiner großen Geschichte in seinem Gedächtnis festhält, und ihn auf den Weg jüdischen Pflichtlebens weist, dieser jüdische.Kalender nimmt vom „Tischri" seinen Ausgang. Als Menschen, als Bürger aber haben wir ooch auch teil an dem Kalender, der die Grenzen im flutenden Leben unserer Umwelt, unserer Umgebung, mit der wir sozial und wirtschaftlich eng verbunden sind, angibt. Und die jüdische Presse, die jahresüber von der Warte der Zeit alle Vorgänge im jüdischen Lager und um dasselbe gewissenhaft verfolgt, hat die Pflicht beim bürgerlichen Jahresabschluß auch ihrerseits rück- und ausschauend sich und ihre Leser über den Stand der Dinge innerhalb und außerhalb der MMchen Gemeinschaft zu orientieren. Mtt^iner schrecklichen Zahl schließt Heuer die Jahresrechnung der Völker. Das entsetzliche und grauenvolle Erdbebenunglück, das noch in den letzten Tagen des verflossenen Jahres ein blühendes Land heimgesucht und hunderttausende Menschenopfer verschlungen hat, trifft uns zunächst als Menschen, als Mitbewohner dieser von unheimlichen und unberechenbaren Gewalten beherrschten Erde, ttef erschütternd. Unermeßlich ist der Uug des menschlichen Geistes, und nichts ist was seinen Lauf zu hemmen vermag. Wenn aber die Erde bebt und das Festeste und Zuverlässigste, was wir kennen, der Boden, auf dem wir stehen, zu wanken beginnt, sich spaltet und alles verschlingt, dann nürd der Mensch von jähem Schrecken erfaßt und ohnmächtig kann er das Unglück nur bejammern und beklagen. Nie aber werden wir so sehr des Psalmwortes inne, als angesichts einer solchen elementarischen Katastrophe: .IJÜre D’TI 12X2 rn '2 „Nur eine Weile seines Zornes — und wir sehen, wie alles Leben seinem Willen unterstellt ist". Ist es doch, als rufe da die Natur selbst dem Menschen und besonders ihrem blinden Anbeter zu: „Ich bin nicht Herrin, die nach Belieben waltet, auch ich bin einer höheren Macht unterworfen, von der unser Beider Schicksal gestaltet und geleitet wird!" In der Erkenntnis unserer Schwachheit und völligen Hilfslosigkeit den geheimnisvollen Gewalten gegenüber, tröstet uns zunächst der Gedanke, daß Er, der Allgewaltige, es ist, der Natur und Menschen weise Gesetze des Lebens gegeben hat, dem wir vertrauen. Dann aber mag uns auch als schwacher Trost das Gefühl der Zusannnengehörigkeit der Menschen dienen, welches angesichts solcher elementarer Unglücke wunderbar wächst und in gewaltigen Hilfsaktionen seinen Ausdruck findet. Die Juden bleiben bekanntlich bei solchen Anlässen mit ihren Scherflcin nicht zurück, und mit großer Genugtuung lesen wir auch dieses mal die unzähligen jüdischen Namen auf den verschiedenen Sammellisten. Wohl ist der Not und Drangsal im Inneren der Judenheit noch genug, die der Bruderhand Gelegenheit bietet, helfend einzugrcifen. Die ungewöhnliche Größe des Unglückes rechtfertigt es aber, daß auch hier unsere Glaubensgenossen sich mit offenem Herzen und mit offener Hand am Hilfswerk beteiligen. Umsomehr als es sich um Italien handelt, das Land, das von jeher, unbekümmert um die antisemitischen Strömungen, die durch Europa ziehen, und sich überall geltend machen, den Juden volle Bürgerfreiheit und ungeschmälertes Menschenrecht angedeihen ließ. Ob und wieviele unserer Glaubensbrüder vom Unglücke mit betroffen wurden, läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Soviel man weiß, hatte bis^vor kurzem Süditalien sogut wie gar keine Juden aufzuweisen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwünge Italiens in den letzten Jahren und, unter günstigen politischen Verhältnissen haben sich auch mehrere Juden in Sizilien und Calabarien ansässig gemacht, die nun vermutlich das harte Schicksal ihrer Mitbürger teilen mußten. Auch an politischen Umwälzungen hat es im Jahre 1908 nicht gefehlt, die, wenn sie auch bislang unblutig verlaufen sind, sich in ihren Folgen noch nicht absehen lassen. Ungewißheit und Zweifel sprechen aus den Betrachtungen, die die politischen Blätter bei der Jahreswende mit Hinblick auf die Ereigniffe im nahen Orient anstellen. Nicht nur die beteiligten Mächte, sondern die ganze Politik ist zur Zeit von der Balkan-Frage beherrscht, die trotz eifriger Bemühungen friedensliebender Völker ihrer Lösung noch um keinen Schritt näher gekommen ist. Noch weiß nian nicht, ob eine Konferenz der Mächte zustande kommt und welche Resultat sie zeitigen würde. Uns Juden aber hat diese geplante Konferenz bereits insofern eine bittere Enttäuschung gebracht, als die Hoffnung, die wir auf sie hinsichtlich der Lage unserer Brüder in Rumänien zu setzen uns berechtigt fühlten, nun gänzlich zerstört sind. Es ist bekannt, daß dem „Hilfsverein der Deutschen Juden" auf eine diesbezügliche Eingabe vom Auswärtigen Amte eine Antwort zuging, die keinen Zweifel darüber zuläßt, daß in dieser Beziehung nichts mehr zu erwarten sei. Während aber die Juden in Rumänien in ihrem Kampfe gegen Entrechtung und unmenschliche Behandlung einen kleinen Erfolg durch die Abschaffung des entehrenden Eides more judaieo zu verzeichnen hatten, so gestaltet sich die Lage der Juden im großen Lande derklassischen Judennot, in Rußland, immer untröstlicher und aussichtsloser, wenn man nicht den Umstand, daß blutige Programme ihnen dieses Jahr erspart geblieben sind, schon als Glück verzeichnen will. Erinnert wurde man indes an die Maffenmorde auch dieses Jahr oft genug durch die zahllosen Begnadigungen der vom Gerichte verurteilten Mordbrenner durch den Kaiser. Der echt-russische Verband beherrscht und vergewaltigt nach wie vor dje öffentliche Meinung, und vor seiner Schreckensherrschaft zittern nicht nur die Juden, sondern beugen sich auch die höchsten Hof- und Regierungskreise. So ist denn auch gerade jetzt in der dritten Dnma^wieder die Judenfrage aufgerollt worden, nicht durch Eingreifen der liberalen, für Recht und Freiheit kämpfenden Parteien, sondern durch eine Interpellation der schwarzen Rechten, der die Regierung inbezug auf Behandlung der Juden zu milde erscheint und die die Ausrottungspolittk intensiver geführt wiffen will. Noch gibt man sich in optimistischen Kreisen der Hoffnung hin, daß die liberalen Parteien

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