Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 52 (31.12.1908)
- Date
- 1908-12-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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cfjeWarl liierans Die IDedizin im Calinud. Bon Dr. med. A. Stern, Arzt, Frankfurt a. M. *) Es war zu allen Zeiten ein beliebtes Unternehmen, den Talmud an der jeweiligen Wissenschaft zu messen und sozusagen auf seine wissenschaftliche Stichhaltigkeit zu prüfen. Man hat dabei übersehen, daß man etwas logisch Unmögliches versucht hat, da man den Maßstab immer wieder wechseln mußte, entsprechend dem jewelligen Stande der wissenschaftlichen Anschauungen. Er sollte der Betrachtung standhalten zur Zeit des Faustrechts und in der sozialpolitischen Aera, sein naturwissenschaftlicher und medizinischer Inhalt sollte den spekulativen Naturphilosophen wie den modernen Naturwissenschaftler befriedigen. Eine übelwollende Kritik war schnell bei der Hand, Gegensätze zu instruieren und den ganzen Talmud als veraltet darzustellen und für unfähig zu erklären, die Grundlage und Richtschnur, des Lebens moderner Menschen bieten zu können. Auf der anderen Seite gehen Uebereifrige gerne so weit, unser ganzes modernes Wissen im Talmud niedergelegt zu suchen. Gerecht ist aber nur ein Vorgehen, nämlich die historische Würdigung des Talmud, seine Betrachtung im Zusammenhalt mit der Kulturseiner über viele Jahrhunderte sich hinziehende Entstehungszeit. Gleichzeitig aber müssen wir uns gegenwärtig halten, daß unsere wissenschaftlichen Feststellungen weit davon entfernt sind, absolute Unfehlbarkeit zu garantieren. Haben wir alle es doch miterlebt, wie'bisher als unerschütterlich geltende Theorieen und sogar Gesetze der Physik und Chemie, wie das Gesetz von der Erhaltung der Kraft durch Kenntnis der Radiumstrahlen, die Atomlehre durch die Lehre von den Jonen und die Lehre von den chemischen Elementen durch die mit . Hülfe des Radiums erzeugte Transmutation, welche Sir William Ramsay und dem Belgrader Jovitschitsch geglückt ist, ins Wanken geraten und wie anderseits längst totgeglaubte Anschauungen wieder aufleben. Ich erinnere daran, wie die alte Fieberlehre des Hippocrates wieder zur Geltung kommt und die alte Humoralpathologie (Lehre von der Entstehung der Krankheiten durch krankhafte Säfte) in der Serümforschung und der Lehre von der inneren Secretton der Organe (Schilddrüse, Eierstöcke, Bauchspeicheldrüse) eine Art Auferstehung feiert. Es ist daher wohl angebracht, wenn wir zuvörderst uns . historisch orientieren. Während die Anfänge der form»- l i e r te n Mischna in die Zeit des R. Simon Hazadik, des Zeitgenossen Alexander des Großen (4. Jahrhundert v. u. Z.) **) fallen, fällt ihre definitive Re- *) Herrn Jacob Posen hier, der mich bei dieser Arbeit nift seinen freundlichen Ratichlägen unterstützt hat, gestatte ich mir an dies« Stelle hdrzlichst zu danken. *7) Die Zeitangaben beziehen sich in Folgendem stets wif ttttfete Zeitrechnung. daktion ins 2. Jahrhundert v. u. Z) (R. Jehuda Hanafi). Die Redaktion der Gemoroh zieht sich über die Zeit vom Anfang des 3. Jahrhunderts v. u. Z. bis ins 6. Jahrhundert hin. Unter Talmud versteht man oft Mischna und babylonische Gemoroh zusammen. Der Talmud, diese Riesenencyclopaedie menschlichen Wissens, ist (nach Hecht) gleichsam ,,das Protokoll alles dessen, was die Rabbinen im Kreise ihrer Bekannten und Freunde gesagt und geübt und dessen, was sie in der Hochschule gelehrt und getan haben." Ein medizinisch-jüdisches Werk aus talmudischer Zeit existiert nicht. Wir sind also darauf angewiesen, alle die zersprengten medizinischen Ausführungen und Andeutungen aus dem Talmud zusammenzulesen, um ein System daraus zu konstruieren. Die Schwierigkeit ist aber deßhalb groß, well medizinische Dinge selten um ihrer selbst willen, sondern fast inimer nur behufs Klärung und Begründung eines religiösen, kultischen oder juristischen Gesetzes besprochen werden oder sich ganz gelegentlich in einen Disput einfügen, welcher sich an und für sich auf ganz anderem Boden bewegen kann. Die meisten scheinbar hygienischen Gesetze, wie z. B. Reinheits- und Speisegesetze haben in erster Linie eine kultische, rituelle Bedeutung und dienen vorwiegend ethischen oder erzieherischen Zwecken, sie lassen aber auch fast alle nebenbei eine hygienische Bewertung zu. Diese hygienische und sanitäre Wirkung der Gesetze ist über in einzelnen Fällen ausdrücklich gewollt und bezweckt, wie das ja bekanntlich schon mehrfach in der Bibel ausdrücklich hervorgehoben ist. So handelt die Mischna (CHulin III) darüber, ob ein Tier, welches ein totbringendes Gift zu sich genommen hat, oder welches von einer Schlange gebissen worden, genießbar fei, und sie verbietet es, wie sie ausdrücklich anfüyrt, nicht auf Grnnd des Trephogefetzes, sondern wegen der mit dem Genüsse solchen Fleisches verbundenen Lebensgefahr. Ueber die Bedeutung der Medizin als Wissenschaft kann man eine Vorstellung gewinnen, wenn man untersucht, welche Stellung ihre Träger, d i e Aerzte, eingenommen haben. Diese genossen im Judentum zu allen Zeiten, schon in biblischen Zeiten eine hohe Schätzung und Verehrung; ebenso wie bei Aegyptern und Griechen, während bei den Römern der Arzt lange Zeit verachtet und sein Beruf als eines freien Mannes unwürdig angesehen war. Sagt doch Gott selbst: „Denn ich der Ewige bin Dein Arzt." Auf die Meinung der Aerzte, die man gutachtlich hört, berief man sich in religionsgesetzlichen Fragen' (Nidda 22b: D'öum D'önrA iVkp). Aerzte wurden auch als forensische Gutachter bestellt, zur Beurteilung des Grades der Lebensgefahr bei Verletzungen (Sanhedrin 78», Gitin 12b, Sanhedrin 33a, Makkos 22a und b). Wenn auch dort nicht direkt von Aerzten gesprochen wird, so können die dort erforderlichen Krankheits- Prognosen nur durch Aerzte gestellt werden. Aus einer Stelle in Nasir 52a hat man den Schluß ziehen wollen, daß „in der Hochschule von Jabne Medicin doziert worden sei (Katzenelson). Es wird dort nämlich berichtet, daß man eines Tages einen Korb voll einzelner Menschenknochen „ins Bersammlungshaus der Kupferschmiede" brachte. Da ging der Arzt Theodos hinein und alle Aerzte mit ihm (tay o'ttsiin K£*nn oivnn 0222) und Theodos erklärte bestimmtest, daß unter den vielen Knochen weder eine vollständige Wirbelsäule noch ein Schädel eines Menschen sich finde. Dieser Vorgang hat sich in Lud abgespielt (Talmud Jeruschalmi) und ist für die Behauptung Katzenelsons nicht ohne Weiteres beweisend. Doch verrät sie eine außerordentliche Kenntnis der Anatomie des Menschen. Die Quellen, aus welchen die Talmudisten schöpften, waren chre alten Traditionen,, sowie die wissenschaftlichen Leistungen ihrer Zeitgenossen, welche kennen gelernt und in origineller Weise,verarbeitet wurden. Die den Talmudgelehrten aber eigenste Methodeder medizinischen Forschung war rationaltstischempirisch, es war die Methode nüchterner Betrachtung der durch eigene Beobachtung und Erfahrung gewonnenen tatsächlichen Feststellungen,", die sich von Spekulation möglichst frei zu hatten l'sucht. Für wie wichtig diese Erfahrung erachtet wurde, erhellt aus folgenden Vorgängen: Rabbi Tarphon (1. Jhdt. u. Z.) §teL eine Kuh ohne Gebärmutter für trepho und warc sie den Hunden vor. Auf Grund des Trepho. gesetzes ist nämlich das Fleisch eines Tieres un* genießbar, wenn es bei Lebzeiten eine den To/ nach einer bestimmten Zeit mit Wahrscheinlichkeit bedingende Organerkrankung hatte. Doch fce* Arzt Theodos, KSnn DlTin (70—121 u. Z.)* der in Alexandrien Medizin studiert hatte, erklärte, daß man in Alexandrien regelmäßig diefiir den, Export bestimmten Kühe und Schweine durch Entfernung der Gebärmutter kastrierte. Dies geschah in der Absicht, die Züchtung der guten ägypttschen Viehraffen im Ausland zu unterbinden (Bachoroth 28a, Sanhedrin 33a u. 93a). Hieraus ging hervor, daß der Verlust der Gebärmutter nicht lebensgefährlich war. Diesen Tatsachen gegenüber ließ R. Tarphon seine Ansicht fallen. (Sanhedrin 33a, Bekoroth 28a) Rabbi Simon ben Chalasta mit dem Spitznamen Askon bedworim, (der perimentenmacher" pflegte sich über Theorien durch Experimente Gewißheit zu verschaffen. 'So widerlegte er den R. Jehuda, der die Ansicht vertrat, daß ein Vogel, dem sein Gefieder vollständig fehle, trepho sei, weil das Tier ohne Gefieder zu Grunde gehen müsse, indem er sich einen Vogel vollständig rupfte und gut warm hielt, sodaß sogar das Gefieder wieder neu wuchs (Chulin 57 b). Daß die Talmudisten Sektionen*) v 0 n, *) Näheres bei Hamburger, Realenehclopaedte beS Judentums. . 4}