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Der Israelit · 1908-12-31 · Heft 52 (31.12.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 52 (31.12.1908)
Date
1908-12-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Der Israeli:. 31. Dezember 1908 Sette 6. Nr. 5> einem warmen Appell schloß die zündende Rede, Reicher Beifall lohnte beide Redner. Es war ein Zug jugendlicher Tatkraft und Begeisterung, der durch die ganze Veranstaltung ging und sich auf die Teilnehmer merklich übertrug, die mit den frohsten Hornungen für die Zurunft des deutschen Judentums auseinandergingen. Die Herren Studenten mit ihren „Alten Herren" blieben bis lange nach Mitternacht in sicohem Beisammensein vereint, getreu dem. Grundsätze ihres Bundes, aus eifriger jüdischer Betätigung das Recht auf Frohsinn und Heiterkeit, aus den fröhlichen Stunden des Lebens die . Kraft zu ernster Lebensarbeit zu schöpfen. Bund gmtze$trcu«r iiidUdter Jugendvercine Im festlich mit Blattgrün geschmückten Saale des Vereins „Mekor Chajtm" hielt am vergangenen Sonntag der „Bund gesetzestreuer indischer Jugendvereine" seinen Bundestag ab. Dem im vorigen Jahre gegründeten Bund gehören einige 20 Vereine an und von diesen hatte die überwiegende Mehrzahl Delegierte entsandt. Zahlreiche Freunde und Gesinnungsgen offen hatten sich einaefunden, so daß bet Beginn der Sitzung als erster Redner, der Präses des hiesigen Vereins „Mekor Chajim" mit Recht der Freude Ausdruck geben durfte, so viele Freunde der Sache beisammen zu sehen.i Als Vorsitzender des Präsidialvereins des Bundes verlas der Delegierte des Hamburger Mekor Chajim-Vereins zunächst das Protokoll des vorjährigen Bundestages und berichtete, daß rm abgelaufenen ersten Bundesjahre die Bestrebungen des Bundes' noch nicht über die ersten Stadien seiner Entwicklung hinausgekommen feien und es daher heute gelte, auf dem Bundestag ein möglichst festumschriebenes Programm zu entwerfen. Diesem Programme, sowie der Festlegung der Statuten galt die nun die folgende nahezu sechsstündige Beratung, an der fast sämtliche Anwesenden sich lebhaft beteiligten. Allen lag der Wunsch am Herzen, zu bessern, zu helfen und zu leisten. Kr Kürze ist als Ergebnis der Beratungen das Folgende zu erwähnen. Durch Austausch ihrer Lehrpläne und Jahresberichte sollen die Vereine zunächst aufeinander anregend wirken. .In einem speziellen, den jüdischen Blättern als Beilage angefügten Zeitungsorgan, ebenso auch im „Sabbath" sollen veretnstechnische Dinge, namentlich aber die Momente besprochen werden, die eine Hebung und Ausdehnung des Tho'ralernens unter der Jugend dienen können. — Eine gemeinsame Bundeskasse, an welche die Vereine nach Zahl ihrer Mitglieder Beiträge zu leisten haben, soll es ermöglichen, den bedürftigen Vereiyen eine Beisteuer zur Anschaffung von d^sd zu leisten. Eine spezielle Bücherkommission soll auf Neuerscheinungen am Büchermärkte aufmerksam machen und eventuell den gemeinsamen und darum billigeren Ankauf derselben veranlassen. Eine Propagandakommission soll versuchen, in Fühlung mit der Kommission für ländliche Wohlfahrtspflege — einer Institution der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" — in ländlichen, kleinen Gemeinden, das Verlangen nach Thoralernen wachzurufen und dahin zu wirken, daß die gegebenen Anregungen nicht spurlos verwehen, sondern auch in Tat sich umsetzen. — Also Nicht nur Zusammenschluß und gegenseitige Stärkung bereits bestehender, sondern auch Neugründung von Thorah-Lernvereinigungen heißt oie Parole! Während des Bundestages schloffen sich noch der Lern-Berein in Schrimm, sowie die hiesige Bereinigung oem Bunde an. Die mannigfachen Aussprachen boten ein interessantes Bild der verschiedenartigen Bedürf-. niffe, denen es abzuhelfen gilt/ die Art der Betätigung in der Großstadt mit ortsreichem Hinterland ist eine andere als in den Gegenden mit dünngesäeter jüdischer Bevölkerung. Im Osten muß anders gearbeitet als im Süden, in der Provinz anders als in den Hauptstädten. Allen gemeinsam ist aber das Streben zu rüstiger Tat, zum Besten unserer numpn mm. Möge dieser Eifer wach bleiben und die fleißigen Stunden gemeinsamer Bundesberatung nachhaltig weiter wirken. Möge es namentlichdem von der Versammlung einstimmig neugewählten Präsidial-Verein, dem Verein in Posen und dessen energievoüem Vorsitzenden gelingen, alle angeschtossenen Vereine zu eifriger Mitarbeit anzuregen und möge recht Ersprießliches geleistet werden. Mit diesen Wünschen ging die Versammlung auseinander. ocheimmöscha«. Kauft nicht bei Sen Juden. Es ist nachgerade zur Regel geworden, daß alljährlich mit den Weihnachtsglocken der Ruf ins Land erschallt: „Kauft nicht bei den Juden!" Er ist dieses Jahr mit der zunehmenden Verschärfung der Gegensätze lauter und nachdrücklicher ertönt, als je zuvor. Denn die bislang unter guter Deckung bereit gehaltenen Reservetruppen der Antisemiten, die da sind: der „Deutschnationale Handlungsgehülfen - Verband", der „Agrarierbund", der „Deutsche Reformverein" usw., sind dieses Jahr zum Kampfe gegen die jüdischen Geschäfte mobil gemacht worden. Die erfteren, deren Logik und Gerechtigkeitssinn es lehren, daß die Juden zwangsweise antisemitische Angestellten halten (siehe den vor kurzem berichteten Fall aus Karlsruhe), würden es andererseits für recht und billig finden, wenn den Juden der Verkauf von Bedarfsartikeln für christliche Feste verboten werde. Die Herren Agrarier aber, die zur Entlastung des notleidenden Landmannes alle Steuern den „jüdischen" Warenhaus- Besitzern auferlegen möchten, haben sich dieses Jahr im Kampfe gegen die letzteren ganz besonders ausgezeichnet. So empfiehlt die offizielle Korrespondenz des „Bundes der Landwirte" ihren Lesern, die Weihnachtsmahnung der antisemitischen Presse zu beherzigen. Ein von dem „Deutschen Reformverein" in Leipzig verbreitetes Flugblatt an die deutschen Frauen spricht vom „jüdischen Schachervolke", das das Geschäft nicht aus „Menschenfreundlichkeit" mache. Das Blatt, das sonst nicht müde wird, gegen die jüdischen Schleudergeschäfte ins Feld zu ziehen, die den Mittelstand ruinierten, spricht jetzt plötzlich selbstvergessen davon, daß die jüdische großkapitalistische Volkswirtschaft-Politik alle Bedürfnisse verteuere usw. Zum Glück, und nicht allein fürdie jüdischen Geschäftsleute, kehren sich die Käufer nach all dem wüsten Geschimpfe sehr wenig. Weder die Bürger, noch die Bauern, noch die angerufenen deutschen Frauen lassen sich bislang irgenwie von der Gefahr des jüdischen Großkapitals überzeugen und machen ihre Einkäufe da, wo sie sie am besten und zweckmäßigsten zu machen glauben. Daß sie dabei der Weg zumeist allen Warnungen und Flugblättern ungeachtet in jüdische Geschäfte führt, kann gewiß nicht die Schuld der Juden sein. Es ist indes nicht unsere Absicht, festzustellen, inwieweit dieser unlautere Wettkampf gegen einen Teil der Bevölkerung schon Früchte gezeitigt hat, oder einmal noch zeitigen wird. Uns rnteressiert die Sache von einer ganz anderen Seite. „Jüdischer Schachergeist, Eigennutz, Gewinnsucht!" das sind die stabilen Anschuldigungen, der eiserne Bestandteil aller Hetzblätter dieser Art. Wie wenig treffen aber diese Anwürfe den Juden, den wahren Juden, der etwa durch strikte Sabbatheiligungden Beweis erbringen kann, daß sein Eigennutz und seine Gewinnsucht denn doch nicht stark genug sind, um ihn, selbst in der Hochsaison zur Entweihung seiner Heiligtümer zu veranlassen. Wie müßten da all die perfiden Behauptungen zurückprallen, das ganze schamlose Lügengewebe zerfallen, könnte man die Abwehr von diesem sicheren Verteidigungspunkte aus stets unternehmen. Der „Verband der Sabbatfreunde", der gerade in diesen Tagen seine Versammlungen abhielt, über seine Ziele und bereits errungenen Erfolge öffentlich Rechenschaft ablegte, hat wohl gezeigt, daß' auch jetzt trotz aller Ungunst der Verhältnisse für den wahren, opferfreudigen Juden es keineswegs eine Unmöglichkeit ist, den Sabbat zu halten. Die in den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen begründeten Einwendungen werden Lügen gestraft durch die nicht geringe Schar der Getreuen, die auch heute noch ohne Schaden zu nehmen, treu dem göttlichen Gesetze, .jüdisches Leben betätigen. Leider sind es gerade zumeist diejenigen, die die berüchtigten Flugblätter am meisten angehen, welche den Vabbat als Verteidiger gegen den Verdacht des Eigennutzes, der Gewinnsucht und des Schachergeistes nicht anführen können. Nur wenige von diesen „Großen"' sind es, die noch sich und ihren jüdischen Angestellten den Segen des jüdischen Sabbats zuteil werden lassen, viele aber, in deren Schaufenstern als Reklame der Weihnachtsbaum im Lichterglanz prangt. Die Antwort darauf lautet: „Kauft nicht bei den Juden!" Vielleicht werden sich doch diese Geschäftsinhaber beim Scheine des fremden Kerzenlichtes in ihren Schaufenstern nochmals die Flugblätter ansehen und — von ihren Feinden etwas für die Zukunft lernen. Finnland. Vor kurzem haben wir von der der finnischen Judenheit drohenden Gefahr eines Schächtverbotes berichtet. Heute wird uns direkt und über Berlin von neuen Verfolgungen und Ausweisungen berichtet, die zahlreiche jüdische Familien in Finnland jetzt mitten im Winter zur ziellosen Auswanderung zwingen. Die Judenverfolgung in Finnland ist in eine neue Phase getreten. Die Antisemiten, denen der Gang der Ausrottungs- Politik zu langsam erscheint, glauben nun, im freien Finnland, da wo man den Frauen das Stimmrecht eingeräumt hat, wo sich der Bauer seines freien Besitzes erfreut, in Finnland, das sich gern als Oase des Friedens, der Freiheit und Gerechtigkeit im Reiche des Absolutismus aufspielt, mit der Liebe, und sei es auch Tierliebe, noch etwas erreich n zu können, und sie sind keine schlechten Rechner, die konservativen Alt-Finnen, die jetzt mit einer Spekulation auf den Rechts- und Freiheitssinn des freien Finnen- Volkes gegen die Juden ins Feld ziehen. Ihr Plan ist fein gesponnen und es ist zu befürchten, daß ihre Rechnung, wenn sie nicht noch rechtzeitig von außen , durchkreuzt wird, auch stimmen könnte. Man muß die Vorgeschichte der.finnischen Judenverfolgungen und ihre Psychologie kennen, um sie ganz zu verstehen und zu würdigen. Finnland hat alte Judengesetze, die zum Teil vor Jahrhunderten in Helsin gfors und Stockholm ihre Geltung hatten. Die geographischen und kulturellen Verschiebungen der vielen Jahre haben an diesen Bestimmungen, soweit Finnland in Betracht kommt, nichts geändert. Im Gegenteil, es gehört zur Spezies, der finnischen Politiker, in den Archiven nach alten vergilbten Blättern, die Judenverordnungen enthalten, zn stöbern, um sie vom neuen zur Ehre und zur Geltung zu bringen. Wie mit vielen anderen nationalen Extravaganzen mußte Finnland unter B a b r i k o.w, der das russische Regiment in Finnland führte, auch mit dieser antisemitischen Tradition vorübergehend brechen. Sie kam aber wieder zu Ehren, und noch wett intensiver, sobald es dem Fürsten-. tume gelungen war, sich aus dem Joche der rufst-

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