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Der Israelit · 1908-12-24 · Heft 51 (24.12.1908) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 51 (24.12.1908)
Date
1908-12-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 31 des „Israelit". eu illeton. Samuel da llagm. -Eine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. Zweites K»ch> (Forts-tzung.) „Jn dem Garten Deiner Sommerwohnung in der Vorstadt Elvira fandest Du in dem vergangenen Jahre in einer Mauer Steine mit alten hebräischen Inschriften. Da daselbst die Ruinen der uralten keltiberischen Stadt Jlliberis sich befinden, so gabst Du Auftrag weitere Nach-?rabunaen daselbst zu unternehmen. Das Reultat oieser Bemühungen wird Dir in diesem Schreiben hier mitgeteilt. Man fand nichts als die Grabschrift eines jüdischen Kindes — nia Salomonula Judaea — sie dürfte heute siebenhundert Jahre alt sein." ' „Dieses Ergebnis befriedigt mich durchaus nicht. Es. müssen sich die Trümmer einer Synagoge bestimmt dort vorsinden. Wo heute mein Garten ausdehnt, war dereinst ein römischer Bau, dann eine Proseuche (die früher übliche Bezeichnung für Bet ha-Kneseth) und dann folgte ein byzantinischer Bau. Nach den Resten dieser Proseuche suche man weiter." „Der Statthalter von Granada fragt an, ob das Volksfest in diesem Jahre wieder auf der Birrambla oder wo denn stattfinden soll. Der Statthalter meint, die Birrambla sei der schönste Platz der Stadt und am besten hierfür geeignet." „Darüber muß ich mit dem Könige sprechen." „Ich bin für heute zu Ende" sagte der Khatib. Mit einer Handbewegung wurde er verabschiedet und er entfernte sich mit dem arabischen auch unter Juden damals üblichen Gruße: „Friede mit Euch o Herr. Möge hie Wange Eures Feindes stets unter Deiner Fußfohle sein." Nun wandte sich Samuel seinen Gästen zu, -je mit dem größten Interesse seither den Anordnungen des Ministers gelauscht hatten. „Friede mit Dir Nissim und Segen für Dich Salomon, mein teurer Sohn. Habe Dank für Dein Eintreten für mich auf dem Feste, es waren prophetische Worte, die Du sprachst. Nur ein erlauchter Dichter und erleuchteter Geist konnte so reden. Ich habe viel von Dir gehört. Du möchtest gerne wie der Engel bei Monoachs Gattin in den Flammen des Emporopfers die höchsten Höhen erklimmen, ich dagegen möchte yinuntersteigen in die tiefsten Abgründe Deiner Seele. - Ich erfuhr von Deinem traurigen Geschick, daß Dein hoher Gönner gefallen, Du selbst aus Saragoffa vertrieben. Bleibe hier. Während der warmen Jahreszeit kannst Du in meinem kühlen Pavillon in Elvira wohnen. Im Winter sind Gemächer in meinem Hause in der Stadt für Dich bereit. Aber ich bitte Dich, laste ab von Deinen philosophischen Träumereien. Strebe nach der Läuterung des Herzens und nach der Reinheit der Gesinnung bei allen Deinen Taten. Alles menschliche Wisten hat nur untergeordneten Wert. Nimm Dir Bachja zum Beispiel, ihm suche in Deinen Schriften zu gleichen. Du solltest ein Handwerk betreiben, die ausschließliche Beschäftigung mit Poesie und Wissenschaft bekommt so jungen Menschen nicht. Mache Schuhe bei Tag und schreibe Deine Gedichte bei Nacht, jo erlangt Deine Seele ihr Gleichgewicht wieder." Gabirol war von Samuel an seiner wundesten Stelle getroffen. Der vollendete Menschenforscher hatte ihn ganz erfaßt. Gabirol brach in einen Tränenstrom aus. Er wollte aus dem Geprache stürmen, aber Samuel hielt ihn gewaltsam zurück. „Laß mich gehen," sprach Gabirol schluchzend, „ich habe keine Sehnsucht weder nach Deinem Honig noch nach Deinem Stachel. Lebe wohl." Samuel gelang es nur mit der allergrößten Mühe, den so außergewöhnlich empfindsamen Dichter zu beruhigen. Er legte, wie man es einem Kinde zu machen pflegt, dessen Haupt an seine Brust und streichelte die langen braunen Locken des Jünglings. Gabirol wollte sich losmachen, verblieb aber doch, wenn auch widerwillig an Samuels Brust. „Laß mich gehen, Samuel," konnte Gabirol endlich (aber noch immer unter Tränen) hervorbringen. „Du bist so sehr Sklave des Nutzens geworden, daß Du keinen Schönheitswert oder Seelenwert, kein Natur- oder Kunstdenkmal mehr voll genießen kannst. Hier ist meines Bleibens nicht." Samuel lächelte nur überlegen, Er wußte von früher wie kurze Zeit solche Sttmmungen bei seinem jungen Freunde anhielten. Er wußte auch den Weg, ihn sofort wieder ganz auf seine Seite zu bringen. „Deine Gedichte, mein edler Knabe, zeugen davon, daß der Geist des Einzigen auf Dir ruht. Einige davon sind mir unauslöschlich ins Gedächtnis geprägt, da ich sie am Morgen und am Abend als Gebet mit heiliger Andacht rezitire" und Samuel begann : Am Morgen eil ich Dir, o Herr: entgegen, Dir tönt mein Morgen-, Dir mein Abendsegen. Bor Deiner Größe steh' ich scheu erschrocken Was kann, Dir unbemerkt, in mir sich regen? Was will mein Herz? Was kann die Zunge stammeln? Mein höchster Flug — vor Dir, o wie verwegen.° Doch Dir gefällt der Menschen Preis, drum dank ich, So lange nur Dein Hauch mich will bewegen. Gabirol lächelte beglückt, indem er seine naffen Wangen mit einem Tuche trocknete. „Du klarer Stern," sprach Samuel, „einsam und unverstanden, so leuchtest Du am Himmel Deiner Zeit, in Glanz und Not, stehst Du ein, stets unverändert ohne Wanken. Die Söhne JudaS werden Deine Weifen mit Entzücken Dir nachsingen. An jedem Abend bete ich in Deinen Versen: In mir ein Staunen, Fragen, Gähren: Wen suchst Du oben , in den Sphären? An Gott zu hangen, mein Verlangen — Daß Seel und Leib schon bei ihm wären: Er ist mir Wonne, Lebenssonne, Ich schmelze, denk ich sein, in Zähren: Was, bis ich seinen Preis gesungen, Kann Lust, kann Freude mir gewähren? *) Gabirol war vollkommen versöhnt. Samuel wagte deshalb sortzufahren. ,Hch werde von jetzt ab wieder Vater- und Lehrerpfltchten an Dir erfüllen und verspreche Dir dagegen wie ein Sohn für Dich zu sorgen." Gabirols Mißstimmung griff nach diesen Worten schon wieder Platz. Er kräuselte die Lippen. „Was sind Versprechungen eines Menschen? Mn Hauch, ein Wind". „Nun, so lange mein König lebt, genieße ich auch dessen Vertrauen und mein König ist noch nicht alt." „Vertrauet nicht auf Fürsten, auf den Menschensohn bei dem nicht Hilfe ist. Geht ihm der Odem aus, dann kehrt er zurück in seine Erde. An demselben Tage sind alle seine Pläne dahin". *) Die Uebersetzimgen dieser beiden Gedichte find entnommen den: Die echten heör. Melodien, von S. Heller, Trier. 180S. Ein Diener stürzte in großer Hast in das Gemach. „O Herr, Chabbus verlangt nach Dir, er liegt in den letzten Zügen." Samuel erbleichte. „Es ist eigen," sprach er zu sich selbst, „ich glaubte längst nicht mehr solch heftige Regung empfinden zu können. Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz. Ich muß wieder streben, fürchten, wahrscheinlich hassen. Denn man wird mir trotzen, sich kühn in meine Wege stellen. Doch mein Weg ist vorgeschrieben, mein Volk, mein Israel Dir gilt mein Tun." Laut fuhr er fort, die Zitate Gabirols fortsetzend : „Heil dem, zu dessen Beistand ist Jakobs Gott, dessen Hoffnung ist auf den Jmmerseienden, seinen Gott." Nissim aber sprach. „O ich Unalückicher muß ich denn alles Ueble vorher im Traume sehen, zeige mir o Herr doch bald Erfreuliches." Samuel aber eilte auf die Straße, schwang sich auf das bereitsiehende Saumroß um in raschestem Galoppe zu seinem sterbenden Fürsten hinaufzueilen. . . MFünftes Kapitel, Der freundliche Leser erinnert sich aus unserer Einleitung zum siebenten Kapitel des ersten Bandes dieser Erzählung des Zohairs von Almeira, des spanisch-stavischen Fürsten, mit dem der König Chabbus ein Bündnis geschloffen hatte und dem er öfters kriegerischen Beistand leistete. DaS Fürstentum Almeira grenzte im Norden und im Westen an das Königreich Granada und seine gleichnamige Hauptstadt an einer Bai des mittelländischen Meeres gelegen, am Fuße eines von einem maurischen Kastell gekrönten Bergrückens hatte zur Zeit unserer Erzählung ebenso wie Granada einen hohen Grad maurisch-arabischer Kultur erreicht. Im Altertum ein kleiner Hafen, bekannt unter dem Namen Portus Magnus besaß sie heute eine Einwohnerzahl von annähernd 150,000 Seelen. Der Vezier des Fürsten Zohair von Almeira, war Jbn-Abbas, ein nicht minder merkwürdiger Mann wie Samuel von Granada. Man sagte von ihm, daß er in vierfacher Hinsicht nicht seines Gleichen habe: in Hinsicht deS BrieMls, des Reichtums, des Geizes und der Eitelkeit. Sein Reichtum war in der Tat fabelhaft. Man schätzte sein Vermögen auf mehr als fünsmalhunderttausend Dukaten, eine Summe, die nach dem heuügen Wert des' Geldes einem Betrage von ungefähr vierzig Millionen Mark entsprechen mag. Sein Palast war mit fürstlicher Pracht avsgestattet und von Dienern überfülltes waren fünfhundert.Sängerinnen darin, alle von seltener Schönheitaber was man besonders bewunderte, war eine große Bibliothek, welche ungerechnet unzählige lose Hefte, Viermalhunderttausend Bände enthielt. Nichts schien dem Glück dieses Günstlings der ^Fortuna zu mangeln. Er war schön und noch jung: er zählte kaum dreißig Jahreseine Geburt war ruhmvoll, denn er gehörte zu dem alten Stamme der Verteidiger Mohammedser schwamm im Golde, und da er außerdem sehr unterrichtet war, das Talent der Rede besaß und sich mit großer Genauigkeit und Eleganz ausdrückte, genoß er des Rufes hoher Bildung. Doch auf der Höhe seines Glückes hatte sich eine Art Schwindel seiner bemächtigt: sein Eigendünkel kannte keine Grenzen und verschaffte ihm unzählige Feinde. Die Cordovaner besonders waren sehr ungehalten auf chn, denn als er einst mit Zohair in ihre Stadt gekommen war, hatte er die Männer, welche am meisten durch Geburt und Talente hervorragten, mit der größten Verachtung behandelt, und ihnen beim Abschiede gesagt: ' „Ich habe hier nur Samul Dschahi'ls (Bettler und Unwissende) gesehen". Ja, seine An< maßung, sein Dünkel und seine Hochmut grenzten beinahe an Tollheit. (Fortfttzw^ Mgt.) *

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