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Der Israelit · 1908-12-24 · Heft 51 (24.12.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 51 (24.12.1908)
Date
1908-12-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Lrzie^utKj and Lc^re öle kmanripalisnrbesttebuuge« der jüdischen ReilgiOHslebrer. i. Sobald ein Stand Selbstbewußtsein erlangt, sucht er stch drückender Fesseln zu entledigen und strebt nach Freiheit, oder vielmehr nach freier Betätigung der ihm gestellten Aufgaben. So kann es deshalb niemand wundernehmen, daß sich auch im jüdischen Lehrerftande Emanzipationsbestrebungen geltend machen und daß die kampflustige Stimmung immer weiter um sich greift. An und für sich haben diese Regungen und Bewegungen nicht nur nichts Bedrohliches an sich, sondern sie sind sogar geeignet, unserem Stand die Erfüllung seiner vielseitigen und schwierigen Aufgaben zu erleichtern. Je kräftiger und unabhängiger er dasteht, desto besser wird er den an ihn gestellten Anforderungen gerecht werden können. Jeder aufrichtige Freund des jüdischen Lehrerstandes wird ihn darum darin unterstützen Küssen, wenn er für sich nicht nur ein gesichertes Auskommen, eine seiner Bildung und seinem Berufe entsprechende soziale Stellung, sondern auch Ellenbogenfreiheit verlangt. Für unsere christlichen Kollegen ist der Kampf um ihre Selbständigkeit zwar auch noch lange nicht zu Ende, aber ihre Chancen stehen sehr günstig, -er endliche Sieg kann für sie gar nicht ausbleibey. Der jüdische Lehrer ist eben erst in den Kampf eingetreten und es wäre vermeffen, sich schon jetzt über seine Aussichten ein Urteil erlauben zu wollen, aber das eine kann man heute schon sagen: Die Waffen, die bisher gebraucht würden, waren stumpf, oder vielmehr, man hat den Kampf nach einer ganz verkehrten Richtung hingeführt und darum die ganze Sache in Mißkredit gebracht. Der Fehler lag darin, daß man ganz ohne Ueberlegung die Taktik unserer christlichen Kollegen nachahmte, den Feind da suchte, wo er gar nicht zu finden war und zuweilen loshieb auf diejenigen, die unsere treuesten Bundesgenossen sein müffen, wenn es gilt, uns Luft und Licht zu verschaffen, auf diejenigen, die, wenn sie in gehobener Stimmung sind, sich sehost, als Lehrer bezeichnen und deren Beruf tatsächlich nichts anderes ist, als ein erweitertes Ehramt, auf die Rabbiner. In den Gem.ei.stdestuben und in den dort herrschenden yMkehrjen und veralteten Ansichten und Anschauungen, in den veralteten und .einer NeupMiung dringend bedürftigen Verhältnissen, da sind unsere Feinde, ihnen muß der Ansturm geltem Der Rabbinerstand hat in den meisten deutschen Staaten unter ähnlichen Schäden zu lMen wie wir selbst und die Klagen, die man in Wem Laaer vernimmt, Haben verzweifelte Aehnlich- Mt mit. den unsrigen» Der. jüdische Geistliche Mg. weniger unter der Rot des zu leite» hüben, teil der Lehrer; bei ihm mag sich dar geldprotzige Gemeindegewaltige vielleicht etwas urbanerer Formen befleißigen, als „feinem" Lehrer gegenüber, aber er empfindet die Fesseln darum nicht minder, weil sie vergoldet sind und wenn er seinen wahren Vorteil versteht, wird er Schulter an Schulter mit uns kämpfen. Wie kommt es aber, daß unsere neologen Kollegen, bei denen doch das Unabhängigkeitsgefühl kaum ein geringeres ist als bei den Lehrern im gesetzestreuen Lager, wie kommt es, daß sie sich freiwillig unter die Aegide der D. I. G B. stellten, in dem doch naturgemäß die Gemeindevorstände, als die reichen Geldgeber, tonangebend sind und sich dadurch der Möglichkeit berauben, rückenfrei und durch äußere Umstände ungehindert für eine wahrhaft liberal gestaltete Neuordnung der Dingo zu plaidieren? Wie kommt es, daß durch eine verkehrte Kampfesweise nicht nur orthodoxe, sondern auch viele neologe Rabbiner sich verletzt abwandten, während den gebietenden Herren in den Gemeindestuben noch raum das Bewußtsein dämmert, daß sie ihren Untergebenen ein oft unerträgliches Joch auferlegten, das eine gedeihliche Entfaltung ihrer Kräfte hemmt und Rabbiner und Lehrer herabwürdigt? Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Weil für den christlichen Lehrer die Losung galt: Trenung von Kirche und Schule, so glaubte der jüdische Lehrer, er könne gar nichts Klügeres tun, als den Rabbinersland zu.brüskieren und ihm gegenüber dem.Unmut Ausdruck verleihen, den eine ungerechte Behandlung seitens der Gemeinde bei ihm wach gerufen. , Liegen denn aber die Verhältnisse für den Bolksschullehrer und den jüdischen Religio" slehrer wirklich gleich oder sind sie nur ähnlich? Ein Blick in die Geschichte jener Kämpfe belehrt uns vom Gegenteil. Ursprünglich war es den Lehrern nur darum zu tun, sich von allen niederen Nebenämtern, wie z.. B. dem Läuten der Glocken, dem Aufziehen und Stellen der Turmuhr, dem Reinigen der kirchlichen, Gefäße und. Geräte, der Kircheribänke und der Kirche selbst, Hann von den persönlichen Dienstleistungen gegen die Ortspfärrer, wie dem Nachtragen des Tatars und des Barets bei Hauskommunionen, kurz von allen Küsterdiensten zu befreien- Dem gegenüber können wir mit Genügtuung konstatieren, daß man von dem jüdischen Lehrer nirgends die Dienste eines vvtzr verlangt. , Ja, als man vor nicht langer Zeit in einer Großgemeinde einem ungeprüften Lehrer das Amt eines solchen übertrug, da verwandelte man ihn sofort in einen Synagygeninspektor. Daß die Ausübung der Schechitäh, da sie nicht nur manuelle Geschicklichkeit, sondern auch einen hohen Grad von Wissen und religiöser Vertrauenswürdigkeit zur Voraussetzung hat, mit diesem niederen Küsterdienste nicht verglichen werden kann, haben wir erst jüngst an dieser Stelle kl« gelegt. Ein weiterer Disserenzpunkt zwischen Lehrer und GeiMchen war die geradezu Polizeimäßige Beaufsichtigung die der Geistliche kraft seines Amtes als Ortsschulinspektor ausübte. Diese besteht heute noch für fast ganz Deutschland, der jüdische Lehrer hingegen famt sich selbst da*), wo Bezirksrabbinate bestehen, üb« eine allzustrenge Aufsicht seitens des RaboinoS wahrlich nicht beklagen und das gegenseitige Verhältnis ist deshalb, soweit unsere Kenntnis reicht, fast überall ein auf Achtung und Verträum Westerendes, das zuweilen zu einem innigen Freundschaftsverhältnis wird. Reibungen zwischen hem Geistlichen und dem Lehrer, wie sie bei andere» Konfessionen an der Tagesordnung sind, gehör« doch bei uns G. L. zu den Ausnahmen. . > ' Der Ruf nach Fachaufsicht war endlüch eine weitere und, wie wir sogleich hinzufügm wollen, durchaus berechtigte Forderung o«- Lehrer. Dem Geistlichen steht bekanntlich in noch' vielen deutschen Staaten die Ueberwachurrg, Leftung, Verwaltung und und Inspektion des g esamten Volksschul-Unterrichts zu. Dagegen wehren sich die Lehrer mit Rechtgerne ab« überlassen sie den geistlichen Behörden die In-' spektion des Religionsunterrichts. So ist nach dem bekanntlich sehr liberalen hesfischm Schul-, gesetz die Ueberwachung des Religionsunterrichts eine dreifache: durch den Ortsgeistlichen, fett Dekan und den Superintendenten. Wenn neylöge Lehrer die Forderung der Fachaufsicht auch auf den jüdischen Religionsunterricht übertraget, so gehen sie eigentlich weit über das hinaus, was christlicherseits verlangt wirb. Zur frage der $ystenati$äeft lleWotirsaterriebiz. Es sind schon mehr als 25 Jahre her, dich Schuldirektor Ludwig Stern 7"2tt auf ein« Konferenz in Kisfingen aus seiner reichen Erfahrung heraus das Sinnlose und Verkehrte des sogen, systematischen Religionsunterrichts, wie er in den Schulen Würtembergs auf Anordnung der israek^ Oberkirchenbehörde betrieben werden mutzbtz schonungslos geißelte. Er zeigte, wie man, anstatt religiöses Leben 'zu wecken, unverstandene Definitionen auswendig lernen ließ und wie fei Frage- und Antwortspiel des königlich-würtembergifchen Lehrbuchs der israelitischen Religio» eine Marter für Lehrer und Schüler wurde. In dieser Schärfe hatte sich bis dahin kaum ein namhafter, im Leben stehender Pädagoge gegen den systematischen Religionsunterricht & la Herxhelmer, Büdinger u. a. m. ausgesprochen. Stern fand^aber bei allen Konferenzteilnehmern begossterte Zustimmung zu seiner Kritik der üblich« Unmethode und ebenso für den positiven Telt^ seiner -Ausführungen, die darin gipfelten, daß . *) Wir folgen hier den Darstellungen Kail Richter-, Emanzipation der Schule von der Kirche. ■/%

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