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Der Israelit · 1908-12-24 · Heft 51 (24.12.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 51 (24.12.1908)
Date
1908-12-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Ctto4 24. Dezember 1906 Der Irraettt. Erscheinung trat, und zwischen beiden besteht ein kausaler Zusammenhang. Und gerade die Antisemiten und die ihnen nahestehenden Gesinnungsverwandten waren die eifrigsten Hetzer, die grimmigsten Hasser in Bezug auf England. Man erinnere sich an die Tage der Krankheit des unvergeßlichen Kaisers Friedrich, wo man bei der Hetze gegen dessen Leibarzt selbst die erhabene Person des hohen Patienten nicht schonte. Typisch ist hier die bekannte Aeußerung des weiland preußischen Hofhistoriographen Pros. Heinr. von Treitschke: „Wenn ich auf Juden und Engländer zu sprechen komme, dann werde ich nervös, dann ist mein Urteil nicht rnehr objektiv." Wir erinnern noch an die auch ln jüdischen Blättern hervorgehobene Tatsache, wie vor i> Jahren gerade die Antisemiten es waren, welche an die Derrtschland bereisenden Bnrengenerale sich heran drängten. Wir erinnern daran, daß man gerade von judenseindlicher Seite der deutschen Reichsregierung Knüppel zwischen die Füße warf bei ihrem streng neutralen Verhalten England gegenüber, in der Presse und im Parlamente den rüdesten Ton anschlug, unbekümmert um die- Verlegenheit, die man der Regierung damit bereitete. Gegen „Engländer und Jubelt" ist alles erlaucht. Antisemitismus und Anglophobie sind kein zufälliges chronologisches Zusammentreffen. Es besieht ein innerer psychologischer Konnex! Unbewußt wirkt die gleiche Triebfeder in beiden Verirrungen des menschlichen Geistes. Der Antisemitismus ist reaktionär bis aus die Knochen, ein Feind der Freiheit und ihrer gerechten Forderungen; er ist die häßliche Ausgeburt einer blöden nationalen Ueberhebung, des engherzigen und kurzsichtigen Chauvinismus, die ja oft beobachtete Begleiterscheinung des Aufschwungs staatlicher Kraft und Selbständigkeit. Kurz nach 1870 konnte anch der antisemitische Eigendünkel Wurzel fassen. Ihm kam freilich auch das freie England in die Quere! Dort hatte man für antisemitische Lügen und Allüren weder Verständnis noch Neigung. England blieb seinen großen Traditionell von der Freiheit und Gleichheit Atter unentwegt treu. In aller Form nnd uiizweideutig gab man dort zu verstehen, daß für mittelalteruchen Judenhaß, den man aus Deutschland zu importieren hoffte, Albion kein Boden sei. Die deutsche Modekrankheit konnte nicht über den Kanal dringen. Statt Bewunderung der oft als Muster hingestellten Entwicklung Englands in kommerzieller, merkantiler und industrieller Beziehung, statt Anerkennung seiner bislang angestaunten sozialen Organisationen, folgte Berkleinerungssncht, Nörgelei und Abneigung, die sich u offenem Haß steigerte. Es war ein merkwüriger Umschwung, den wir in den achtziger Jahren erste zarte Rot die Wangen, werden sie heimgeschickt, zurück in Trübsal und Not, um häufig schon nach einigen Monaten wieder in dein alten Zustand zurückgebracht zu werden. Was Wunder, wem» Lebelc weint, wenn er fort must, wenn das müde, kranke Kindergesichtchen lächelt, wenn der Junge wieder in sein altes sauberes Bettrhen gelegt wird, selbst wenn er noch so elend ist! Ruch der eine der beiden Jsolier-Pavillons mußte wegen Tiphteriefällen wieder geöffnet werden. Ich aber kann »rar das Gebet des Greises wiederholen: Ter Allmächtige möge dieses Haus segnen und weiter gedeihen lassen. (Judennot.) Wenn man von Arbeiter- oder Dienstbotennot spricht, so ist damit ein Mangel an den nötigen Arbeitskräften bezeichnet. Juden not herrscht aber in der Regel nicht da, wo zu wenig, sondern itm zu viel Juden sind. Indessen kann aber auch .'ine andere Judennot, eine Not, die sich ans Mangel an Inden ergibt, bestehen. Diese scheint jedenfalls der Urheber der in den letzten Tagen viel besprochenen Tnma-Jntcrpellation über das Wohnrecht der Inden, der Bauern-Abgcordnete Andreijtschnk ans dem Gouvernement Wolhynien, empfunden zu haben. Tiefer ließ einen Ausruf zirkulieren, in welchem er .ausführt, die Interpellation sei nicht ans nationalem Haß zu stände gekommen, sondern aus rein ökonomischen Ursachen. Andrejtschnk kam nun mit seinem 5tnfmf und mit der Bitte um Unterzeichnung der Interpellation «uch zu einem anderen Bauern-Abgcordneten namens Kropolow ons dem Gonvernement Wjatka (Nvrdost- Rnstland). Zwischen den beiden entspatm sich folgendes Gespräch: England gegenüber erlebten. Man haßte nicht nur die handeltreibenden Juden, man erachtete das „Krämervolk" jenseits des'Kanals ihnen ebenbürtig. Wie hätte man sonst dort auch den Juden in so skrupelloser Weise die höchsten Staatsstellen einräumen können, im krassen Gegensatz zur deutschen Stöckerei und Muckerei! Und als man dort gar in Meetings Stellung nahm gegen ben Antisemitismus, als man den verfolgten russischen Brüdern gastfreundlich und menschlich entgegen kam, da war es vollends aus! England galt als „verjndet". Das wurde bei der „gebildeten" deutschen Jugend gur fixen Idee. Die unter Stöckers und Trertschkes Aegioe heranreifende >,Blüte der Nation" verspeiste alltäglich zu ihrem Morgenkaffee ein Dutzend Juden und Engländer/ Freilich drehte sich die Erde deshalb ruhig weiter um ihre.Achse} in der Weltpolitik läßt sich mit antisemitischen Schlagwörtern und Flunkerei wenig erreichen, zumal einem machtvollen Staat wie England gegenüber. Deshalb kamen aus den besten Kreisen der deutschen Nation die Annäherungsversuche zwischen Deutschland und England, deshalb war unser erhabener Kaiser, dem das Wort „DV^" kein leerer Schall ist, einer der ersten, der ständig am Allsgleich und an der Verständigung arbeitete, die antisemitischerseits ihm wahrlich nicht erleichtert ward. Und nun sind wieder Antisemiten die ersten, die in ihrem blinden Eifer selbst die Kaiserwürde mißachten unb einen Ton anschlagen, der schlecht paßt zu der von ihnen stets hervorgehobenen Versicherullg, für „Kaiser und Reich" zu leben lmd zu sterben. So schrieb ein Antifcnitenblatt anläßlich der Veröffentlichung des Kaiser-Interviews : „Jede Hoffnung muß ein für allemal zu Grabe getragen werdell, wenll wir den allerllcuesten Geniestreich betrachten, der in der ganzen Welt das größte Aufsehen erregt. Alls deni Erstaunell wird man, wie gewöhnlich, bald zur Entrüstung' gelangen und schließlich zllr Verachtung, 'ohire daß wir moralisch berechtigt sind, uns dagegen zll wehren. Die Politik ist eine gefährliche Kunst, worin das Auftreten unbegabter Dilettanten gesetzlich verhindert werdell sollte. Wem das Talent zunl Tragöden fehlt, der sollte sich mit deni Posten im Souffleurkasten begnügen, wenn er durchaus im Theater mitsprelen lviü. Ein großes, tüchtiges Volk, das ruhig zusieht, wie es von einem untüchtigen Führer ins Unglück gestürzt wird, begeht eine Süilde wider bcu nationalen Geist, die ihm auch nach dem Untergang nicht vergeben werden wird " Und noch derber, ja anzüglicher drückt sich das delttsch-soziale Parteiorgan aus: p„Der Kaiser kann keine selbständige Natur neben sich ertragen. Und doch lvird eine Form „Worum handelt es sich bei der Interpellation?" fragte Kropotow. „Tie Juden sollen sich nicht außerhalb des Ansiedeinilgsrayoils niederlassen dürfen." - „Woher seid Ihr denn?" „Ans dein Gouvernement Wolhynien." „Ju Eurer Gegend dürfen doch aber jetzt die Inden wohnen?" „Jawohl." „Nun also, warnnl hennrithigt Ihr Euch?" fragte kropoioto »oeiter. „Wenn die Inden von Eych Weggehen nnd zn uns kommen, so müßt Ihr doch Gott danke»», wenn Ihr sie los werdet! Laßt sie also gehen nnd freut Euch! Ihr schreit imirrerfort, daß die Inden schlecht sind, und jetzt konrmt Ihr zn uns und bittet uns, »um» solle sie ja bei Euch lassen. Tragt Ihr vielleicht Sorge um unser Wohl? Tann seid, nur unbekümmert, denn wir haben unsere eigenen „russischen" Sorgen, die vielleicht viel schlimmer sind als Eure „jüdischen". Darans blieb das Wvlhynischc Bäuerlein die A»tlvort schuldig. (Bon der Jndcnmissiou- Es wird berichtet, daß die „Londoner Geseltschist zur Verbreitung des Chrislentnms unter Inden", die jetzt ans eine 100 jährige Tätigkeit zurückblickt, in dieser Zeit 60 Millionen Mart für ihre Zwecke verausgabte. Es wurde berechnet, daß ein Renegat die Gesellschaft 1000 Pfund Sterling oder 20.500 Mt. koste!! Wie viele von diesen teueren Kost lindern noch in» Schoße der alleinseligmachenden Kirche geblieben sind, wie viele aber, nachdem sie die Mission gehörig ausgebentet, wieder den Weg ins Freie gesucht haben, darüber fehlt es leider an statistischen Angaben. Wie es anderwärts darum bestellt ist, schildert irr drastischer Weise Walter Freiherr von Nr. 51 gesunden werden müssen, die die Seitensprünge des Kaisers, der zu nichts so wenig Talent hat, als zu einer ernsthaften Politik, einigermaßen paralysiert und den fremden Mächten das rechte Verständnis für die Sachlage beibringt. Uns, die wir den tieferen Zusammenhang der Dinge erkennen, überraschen all solche Erscheinungen nicht. Wir wissen, daß es so kommen mußte und wir sind auf noch Schlimmeres gefaßt. Wo die Vernunft nicht mehr zu Worte kommt, da muß unsägliche Verwirrung Platz greifen und ein Unheil ans dem anderen geboren werden. Wir sind ans Zustände gefaßt, denen gegenüber die Vorkommnisse der letzten Jahre nur bescheidene Vorspiele sind. Das eine Gute hat der schmerzliche Vorgang gehabt: er hat klärend gewirkt." Ja, er hat „klärend" gewirkt, für die antisemitische rohe Denk- und Gefühlsart, für die antisemitische Ausdrucksweise selbst der höchsten stelle gegenüber. Sie vergessen all jene von Antisemiten und deren Gesinnungsgenossen propagierten Geschehnisse, die unsere Politik in jener Richtung beeinflußten und direkt wie indirekt mitschuldig -sind an den Ereignissen der letzten Zeit. Der objektiv urteilende Historiker wird einst das Bild unseres Kaisers nicht so düster zeichnen, wie es in obigen Ausführungen die Antisemiten getan. Er wird die „mildernden Umstände" sinden, tvelche die Situation herbeigeführt und die Kreise bezeichnen, die in falscher Entrüstung jetzt so wichtig tun über die Schädigung des deutschen Ansehens und Namens, die sie doch selbst mit herbeiführen halfen. Vielleicht wird ihnen ein Bild des eigenen Ich s ein wenig vor die Seele treten, wenn sie den Radau beurteilen, den Bruder Tschech jetzt gegen ein Jahrhunderte altes Kulturwerk sich leistet und wozu er zweifellos ebenso „berechtigt" ist, wie Stöcker, Harmnerstein, Ahlwardt, Pückler und Konsorten bei ihren „nationalen" Leistungen. Es sollte uns Wunder nehmen, wenn beim bevorstehenden 50. Geburtstage des Kaisers dieselben Herren ihre Flöte völlig umstimmen. Uns jüdischen Staatsbürgern aber bleibt trotz alledem die erhabene Person des Herrschers eine geheiligte.. Die von Religions wegen allerzogene Ehrfurcht vor dem Träger der Krone lehrt uns auch bei gegensätzlicher Ansicht und Stellung respektvoll Maß halten in Worten und Taten. Von Kaiser Wilhelm H. tragen wir jüdische Staatsbürger das Bild in unsdaß er in den zwei Jahrzehnten seiner Herrschaft ein *ir gewesen, trotz Begeiferung unserer Gegner viele angesehene Juden seiner engeren Huld und Freundschaft würdigte — wir erinneren an Battin —, daß er, wie keiner vor ihm, das schwierige Problem der sozialen Frage ernstlich zu lösen suchte und um einen guten Schritt vorwärts brachte und daß er frühzeitig R u in c t in einem Artikel der „Münchener Neuesten Nachrichten. Er schreibt u. a.: „T.t famt es leicht p kommen, wie es in einer unserer asritanischen Kolonien gegangen ist: Dort hatten sich auch Missionare verschiedenster Bekenntnisse und Richtungen an demselben Srt angesiedelt ,»>»d alle suchten sie möglichst viele Seelen zu gewinnen. Die garuikht so unschlaueu Neger halfen ihnen dabei nach besten Kräflen. Am 1. Sonntag nach seiner Geburt lvnrde so ein kleiner Ncgersprößling zur katholischen Kirche getragen und dort feierlichst getauft. Am zweiten L-onntag ging es. tu keine zweite katholische Mission in der Nähe war, ebenso laut und feierlich in die evangelische Kirche, unb dann ebenso fromm irnd gläubig an 'jedem' nächsten Sonntag z» einer anderen neneu Mission, w lange noch eine da war. -- Und wäre auch tioch ein Rabbiner vorhanden gewejen, so wäre am sechsten Sonntag das hossmingsvotle, bereits vier oder fünf Konfessionen airgehörende Negerkindlein auch ihm präsentiert wordei». — Tie glücklichen Eltern aber waren von Stolz und Freude geschwellt, denn bei jeder Mission waren sie reichlich belvirtet nnd mit 'einem Korb voll Tauf¬ und Festgeschenten bedicht lvorden. Bekanntlich tritt jetzt auf Grund obiger Berechnung die englische Presse, auch die streng kirchlich gesinnte, dafür ein, daß die Judenmission ihre Tätigkeit als vollständig zwecknnd aussichtslos gänzlich phrfMf/* w “

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