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Der Israelit · 1908-12-24 · Heft 51 (24.12.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 51 (24.12.1908)
Date
1908-12-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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24. Dezember 1908 Der Israelit. Seite 3 No. öl i Gunsten der einen oder anderen .Nationalität und Partei aus ihrer einginommenen neutralen Stellung herausdrängen zu lassen. 3uöeneIenB In öalijien. Der jüngst erschienene Bericht des „Hilfsvereines für galizische Juden", enthält eine drastische Schilderung des schrecklichen Elends der gfllizischen Juden. Man zählt über 800000 Juden auf galizifchem Boden/ ein Zehntel der ganzen Bevölkerung sind Juden. „In Westeuropa, so heißt es im Berichte, verschwinden kleine Judenhäuffein in der kompakten Masse der Andersgläubigen. Die Wohlfahrts einrichtungen bewahren sie davor, der Gesamtheit zur Last zu füllendas schreckliche Elend berührt bei ihnen nicht so breite Masien wie bei uns. Der Stempel der Armut zeichnet sie nicht so bitter. Hier hungern ganze Proletariatsmassen, und auch gebildete Juden genießen keine genügende Toleranz seitens der Slawendie Assimilation hat hier wie überall nichts geholfen. Die Juden werden faktisch von den Slawen zurückgewiesen, nnd das Zurückdrängen einer so Breiten Masse, wie fie bie ftubert bilden, ist direkt tödlich. . Diese Unterscheidung offenbart sich in der ganzen Skala des ökonomischen Lebens und fast in jeder Richtung. Bon den 800000 Juden, welche Galizien bewohnen, verdienen ihren Unterhalt bloß 270 OM, also nur ein Drittelder Rest, das ist 530000 > wird von diesen faktisch Erwerbenden ausgehalten. In kleinen Ziffern ausgedrückt, stellt sich dieses Verhältnis so dar, daß jeder erwerbende Jude nicht nur sich, sondern noch zwei andere Personen ~ neben sich aushält. Diese Gegenüberstellung an und für sich würde nichts besonderes bedeutenwir müssen uns aber gleichzeitig in Erinnerung bringen, daß aus 67, Millionen Christen ' 3700000 erwerben, und nur 2800000 — also fast nur eine Million weniger — Personen von beti Erwerbenden ausgehalten werden - daß demnach jeder erwerbende Christ außer sich nur eine und . zwar, mathematisch genommen, nicht ganze Person aushalten muß. Aus beu eben angeführten Daten können wir uns von der in dieser Beziehung schwierigen Lage der galizischkn Judenheit überzeugen. Denn aus dieser Zusammenstellung ist ersichtlich, daß jeder erwerbstätige Jude fast zweimal so viel Personen den Unterhalt geben muß als ein Christ, daß er demnach zweimal soviel arbeiten muß, sich zweimal sa viel an strengen muß, um einen zweimal so großen Gewinn zu ernten, wenn er mit dem Christen Schritt halten will. Die Frage gestaltet sich für die Juden um so schlimmer, wenn wir bedenken, daß die Erwerbsverhaltniffe für sie schwieriger sind, und daß sie schon deshalb größere Ausgaben haben, weil sie meistenteils in Städten wohnen. Die Hauptursache dieses gewaltigen Unterschiedes betreffs der Aushaltungslast müssen wir des ferneren in dem Umstande suchen, daß, während auf 100 Juden nur 17 mit der Landwirtschaft sich beschäftigen, auf 100 Christen 86 diesem Berufe sich widmen, bei welchem alle Familienmitglieder fast seit ihrer Kindheit arbeiten, und nicht nnr die Kosten ihres sehr bescheidenen Unterhaltes tragen, sondern außerdem zur Aushaltung kleiner Kinder und arbeitsunfähiger Kreise beitragen. Bor Jahren war es den Juden verboten, Grund und Boden auf dem stachen Lande zu erwerbenzwar ist dieses Verbot ausgehoben, jedoch ist einerseits Land zu erwerben sehr schwierig, weil der Slawe zu sehr an der Scholle haftet, anderseits erscheint dem bis jetzt vom Ackerbau serngehaltenen Juden der Grundankauf in normalen Verhältnissen als ein viel zu wenig lukratives Geschäft. Alle diese Umstände trieben die Juden zum Handel. Auf 100 Christen beschäftigen sich nur 5 mit Handel und Industrie, während auf 100 Juden sich 55 diesen Berufen widmen. Mit anderen Worten: die Mehrheit der galizischen Juden arbeitet in Handel und Industrie. Es darf nicht außer Acht gelaffen werden, daß hier keine Rede sein kann von Großhandel und Großindustrie, denn die Juden sind mit belanglosen Ausnahmen — Trödler, Krämer und kleine Handwerker, welche alle zusammengenommen lediglich in engen Rahmen für den Lokalbedarf arbeitendenn weder die in kleinen Quantitäten angekaufte Ware noch die Erzeugnisse des Handwerks vertragen Transportkosten, welche übrigens für das winzige Betriebskapital unserer jüdischen Industriellen und Handelstreibendeu unerschwinglich sind. Infolgedessen wird in jeder Stadt eine schrankenlose Konkurrenz gezüchtet, bei welcher einer dem andern direkt den Bissen Brot vom Munde raubt, und welche mit Naturnotwendigkeit in ihren Mitteln immer weniger wählerisch ist." Das sind erschreckende Zahlen, die umso beredeter sprechen, als sie von denen ausgestellt sind, die es am besten wissen müssen, von den Galiziern selbst. Hoffentlich bleiben sie von den verschiedenen Hilfsorganisationen, die seit'Jahren die Hebung der wirtschaftlichen Lage der Juden in Galizien erstreben, nicht unbeachtet. „Polifiscft Eied Bon einem jüdischen Staatsbürger. In diesen Blättern ist zwar dem intern jüdischen Interesse vorzugsweise der Raum gewidmet. Das „garstige politische Lied" wird nur dann und nur insofern angestimmt, als es jene jüdischen Interessen berührt. Das ist nicht gar zu selten der Fall, wenn man auch nicht jedesmal von diesem soeben erwähnten guten Rechte Gebrauch macht. Der hohe Wogengang aber, den die Politik der jüngsten Wochen zu verzeichnen hatte, kann auch mitunter den friedlichen jüdischen Staatsbürger in einen „Politiker" umwandeln. Wir Juden haben zwar nicht immer machtvoll in das Rad der Zeit eingreifen können, doch die Macht unserer Ideen über Menschenliebe, Recht und Gerechtigkeit sahen wir sieghaft Vordringen und fortschreiten. Den Glauben an diesen Fortschritt ließen wir uns durch keine Ungunst der Zeiten raubener schlummerte auch im finstern Mittelalter in unserer Brust und erfüllte sie mit Hoffnungen, die sich einst zum Glücke -er Allmenschheit verwirklichen. Insofern ist der Jude der erste und beste Politiker der Welt. Bon der hohen Warte seiner idealen Weltanschauung steht er die Dinge werden und entstehen, blühen und vergehen,' nimmt warmherzigen Anteil an allem Wahren, Guten und Schönen, das in der großen Welt sich ans Tageslicht ringt, und empfindet Schmerz, wo die heiligsten Kulturgüter der Menschheit geschmälert, beeinträchtigt oder gar vernichtet werden. Man kann somit behaupten, daß das „politische Lied" von je zu den starken Regungen der jüdischen Volksseele gehörte, wenn es auch oft — von uns nur sehr leise gesungen werden durfte! Bon dem elementaren Recht, zu politisieren, darf mithin auch der jüdische Staatsbürger segensvollen Gebrauch machen. Nach der politischen „Hochsaison" der jüngsten Wochen ist der Blick auf das Schlachtfeld freier geworden, die Staub- und Rauchwolken sind mehr und mehr verzogen. Die Enthüllungen des „Daily Telegraph" haben plötzlich und lebhaft unser Jnteresie auf das Verhältnis Deutschlands zu einem der ersten Kulturstaaten der Welt gelenkt, zu England. Den erregten Preßfehden folgten noch erregtere parlamentarische Erörterungen, in deren Mittelpunkt die erhabene Persou unseres Kaisers stand. Haben wir als Staatsbürger schon hinreichend Grund gehabt, mit Interesse den Verlaus der Dinge zu verfolgen, so kommt als besonderes Moment noch hinzu, daß es sich um England handelte. Es ist nämlich erwiesen, daß mit dem Auftauchen des Antisemitismus gleichzeitig die Anglophobie in seines n iiden Herrn widerstehen läßt, eben dieser Jakobsgeist ist es, der die frommen Scharen in den Tagen Mattthjohns nach Jerusalem ziehen, den Verlockungen deS Hellenismus den Rücken kehren, eine Welt der Freude und des Genusses mit feuchten Höhlen und Klüften oder ga^ mit Scheiterhaufen vertauschen läßt. Der Jakobsgeist war es endlich, der dem gegangenen Sklaven zum Siege verhilft und ihn aus dem finstern Kerker heraus auf den Königsthron bringt, derseibe Jakobsgeist, der später bie kleine Sch.r au > Modin stegesgekrönt in den Tempel ihres Herrn etnztehen laßt . . . Wie kaum ein anderes Geschehen in unserer Geschichte lenkt der Makkabäerkampf des denkenden Juden Blick auf das heilige Buch seiner Thora, in dem die Geschichte seines Volkes, sein Leben und sein Leiden, sein Schicksal und seine Bestimmung für alle Zeiten mtt ehrernen Lettern verzeichnet tft j-q rfen N2 *]BTO m "sLN OTÖVT miß mz s'XL? 'Dl „Lies und suche darin, da fie alles enthält. — Es ist dir kein anderer — besserer — Maßstab gegeben." (Sprüche der Väter 5, 25.) Kleines Feuilleton. Mu$ der heiligen Stadt. Bon Sara Bondi. Ierusalem, 30. November, v „Sehet hier Die Bilder, die ich gemalt allerlei Krankheit, — „Fragst du, warum ich das tat? „Aus Freude an Not und am Irren? „Aus Erbarmen malte ich dies." (Frenssen.) Ein ehemaliger Patient des Shaare-Zedek-Hosvitales, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist, bat mich, folgendes, ursprünglich in Jargon Geschriebenes der Oefsentlichkeit zu übergeben. Ich habe es nach bestem Können übersetzt: „Gestern bin ich aus dem Shaare Zedek-Hospital als geheilt entlassen worden. Was das heißt, kann nur einer verstehen, der auch schon einmal eine so schwere Krankheit durchgemacht hat, der Wochen lana das Bett hat hüten müssen und nun weiß, daß er wieder gesund ist. Ich bin nur ein armer alter Mann! Gott hat mir „Sechije" gegeben, mich gesunden und am Leben zu lassen, sodaß ich versuchen kann, noch ein paar Mizwoh's zu tun, um mich noch etwas vorzubereiten, auf das „Aulom Habo". Und ist nicht eines der größten Mizwoh's die Dankbarkeit? Und so möchte ich denn rächst '"VN den Menschen danken, die mir in meiner Krankheit beigestanden haben. Ich bin nur arm und alt und schwach, was kann ich tun? Aber ich will's dem Aulom sagen, was ich mit meinen Augen gesehn und meinen Dhten gehört, und vielleicht, daß diese meine Worte einen fruchtbaren Boden finden und in Saat ausgehen. Es gibt viel Trauriges in unterer heiligen Stadt und viel Armut. Und als ich da in der Poliklinik des Shaare Zedek-Hospitals gewartet habe, mit gar so vielen, blassen, elenden Menschen, da Hab ich mir gedacht, was soll aus mir werden, wenn ich zurückgewiesen werde? Und haben alle die anderen nicht gerade jo viel Recht, wie ich? Aber ma» hat mich ausgenommen, gebadet und gekleidet, und nach langer Zeit lag ich zum ersten Mal wieder in einem sauberen Bett. Wochen vergingen, von denen ich, nach schwerer Operation so viel wie nichts mehr weiß, bis ich endlich allmählich wieder zu Kräften kam. Und nun in der Zeit meiner Rückkehr ins' Dasein' stellte ich Beobachtungen an über meine Umgebung. Da war gar mancher, der gleich mir, vor der Pforte eines anderen Lebens stand. Und ich sah die unermüdliche Aufopferung, mit der man stets versuchte das fliehende Leben zu erhalten, wie zu jeder täglichen und nächtlichen Stunde der Arzt und der Verwalter der Anstalt, sowie Schwester und Krankenwärter abwechselnd an seinem Bette weilten, wie sie es ja auch nur getan haben, in den Stunden größter Gefahr. Ich hatte das Glück, hier ausgenommen und - gerettet zu werden, aber wie viele müssen von der Schwelle des Krankenhauses zurückgewiesen werden, nicht weil es an Platz fehlte, nicht weil es am Willen fehlte, sondern weil die Mittel nicht vorhanden sind, die Unkosten der Verpflegung zu bestreiten, für eine größere Anzahl Kranke. Ter Allgütige möge dieses Haus segnen und es weiter gedeihen lassen." So weit die Worte des Alten. Ich habe mein Versprechen gehalten, djefe zu veröffentlichen, obgleich ich glaube, daß das segensreiche Wirken des Shaare Zedek- Hospitals hier in den weitesten Kreisen bekannt ist. Ich möchte noch hinzusügen, daß augenblicklich infolge einer Malaria- und Meningitis-Epidemie dieses Hospital sein alleräußerstes tut, soviel Kranken, wie nur irgend angeht, die Ausnahme zu ermöglich». Eben- - so ist der Kindersaal überfüllt. Gar häufig werdew Kleine gebracht, vom Fieber fast dahingeraM, vom , Fieber, das durch Hunger erzeugt ist. Ist Hann ■ der, oder die Kleine der Genesung nah<, Beberti i-as^

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