Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-12-17 · Heft 50 (17.12.1908) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 50 (17.12.1908)
Date
1908-12-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449349--65121-2507744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

PPS Nr. Ä. 17. Dezember 1«08. Der Israelit. Sette IT Und als wieder die Glocken läuteten und die frommen Beter zum Feste der Auferstehung riefen, da hatte Alex bereits seine Jmatrikulationsurkunde in der Tasche und Boris ein höfliches Schreiben vom Rektorate, daß dieses Jahr kein Judenplatz auf der Universität mehr frei sei. ... Alex ging, den Kopf mit roter Studentenmütze stolz bedeckt, festlich gekleidet und gestimmt zur Kirche. Als er Boris begegnete, wandte er sein Gesicht wie beschämt ab und wollte ihm ausweichen. Boris aber trat chm lachend in den Weg. Es war ein bitteres Lachen, aus dem aber auch etwas wie Hohn und stolze Verachtung klang. Eine Weile sahen sich die Freunde schweigend ins Gesicht. Was lag nicht alles in dieser^ stummen Blicken? Anklage, Neid, Aerger und Mitleid, auch Stolz und tiefe Verachtung. Beide fühlten, -aß etwas Ungeheueres mit eherner Gewalt zwischen sie getreten war, um sie voneinander zu trennen, ihre Schicksale, die bisher aneinander gekettet waren, auseinander zu reißen. Ihre Wege aivgen weit auseinander, das wußten sie beide. Er, Alex hatte es nicht verschuldet, umso eher konnte er sich darin finden ... Und doch empfand er jetzt etwas wie Scham und hielt die scharfen, etwas höhnischen Blicke des Freundes nicht aus. Er fand es für nötig, ihm etwas zu sagen, wußte aber nickt was, so drückte er ihm still die Hand und brachte endlich nur die Worte heraus: „Ich weiß schon lieber Boris, weiß alles und bedaure aufrichtig! ich werde Dich sehr ungern vermissen!" „Du wirst mich nicht meyr brauchen!" sagte Boris bitter, erschrak aber dann selber über das harte Wort an seinem völlig unschuldigen Freund und sagte einlenkend: „Was wirst du studieren?" „Juri, um mich der Verwaltung zu widmen. Und — Alex stotterte etwas Verlegen — was — was gedenkst Du zu unternehmen?" Keine Antwort. Und wieder standen die Freunde still nebeneinander, aber ohne sich anzusehen. Und von allen Richtungen her ertönte Glockenklang, -der der schuldbelasteten, leiderfüllten Erde Liebe, Glück und Frieden verkünden ^te.... Da ergriff plötzlich Alex di- Hand seines Freundes und drückte sie diesesmal warm und aufrichtig, dann sagte er in trautem Flüstertöne und zitternd vor innerer Erregung: „Weißt Du noch, lieber Boris, wie Du damals am Weihnachtsabend mit mir in die Kirche gingst, so komme heute wieder mit, heute und immer .... wir gehen dann zusammen auf die Universität und bleiben Freunde. Nichts soll uns mehr trennen!" Boris sah ihn lange und scharf an. „Alex: — sagte er — an jenen Abend habe ich oft gedacht, er ist mir nicht mehr aus der Erinnerung geschwunden. Was damals mein Kindesherz nur ahnte, ist mir inzwischen klar zu Bewußtsein gekommen. Ich gehöre nicht in jenen Kreis vor dem Baume und Altar und werde mich chm nie anreihen. Unsere Freundschaft, die, wenigstens auf meiner Seite, bisher von den reinsten Motiven aeleitet war, soll nicht durch einen Treubruch und Durch eine Lüge weiter erhalten werden." Und sie gingen schweigend von einander — für immer. Jahrzehnte waren seitdem vergangen die alte Traumbilder verwischten und neue zaubervoll malten, Jahrzehnte die aus Jünglingen Männer machten und mit geheimnisvoller Hand neue Rosen und Dornen in ihr Leben flochten und woben die wir Freude und Schmerz, Hoffnung und Enttäuschung nennen. Nur da, wo im Hause und im Herzen des Juden das Lichttein warm und hell leuchtete, war es alles beim alten geblieben. Das Gottesflämmchen leuchtet durch alle Zetten unverändert, verbindet Jugend und Alter, Einst und jetzt. Es gibt dem Kinde den Ernst und die Festigkeit des Alters und zaubert dem Greise die längst versunkene Welt seiner Jugend, die lieblichen blühenden Gefilde seiner Kindheit wieder hervor. — Es war wieder das Weihefest, und Glockengeläuts erfüllte die Luft. Nur an einem Fenster in der von palastartigen Gebäuden und goldstrotzenden Kirchkuppeln erfüllten Straße blinkte das winzige Chanukalicht. Der Kaufmann Boris Schwarzenstein erzählte beim Scheine desselben seinen aufmerksam horchenden Kindern von der wunderwirkenden Kraft dieses Lichtes. „Einst — erzählte der Vater — stürmten sie in Hellen Scharen von außen heran. Es waren gerade keine Feinde im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Denn sie lockten und warben und riefen: „Kommt zu uns, mit uns!" Und viele waren es die diesem Lockrufe nicht widerstehen konnten. Im Dunklen aber glimmte das Gotteslichtlein und wuchs im Verborgenen zur mächtigen Flammen heran. Dann kamen die Helden und kämpften für dieses Licht und das Licht glimmt und flackert und lodert seit Jahrtausenden heute noch im jüdischen Hause, im jüdischen Herzen, das im Kampfe gestählt ist, und sich weder von dem Drohnoch vom Lockrufe von außen beugen Ehanukalampen. läßt ..." Hatten es die Kinder verstanden? Sie schauten sehr aufmerksam und neugierig abwechselnd ihn und das Licht an, als müßte sich die Wunderkrast aus diesem Lichte, von der der Vater so schön zu sprechen wußte, ergießen und sich ihnen sichtbar zeigen. Boris Schwarzensttu. hielt inne und schaute .nachdenklich ins Licht. Auch er hatte es damals nicht recht verstanden. Nur leise dämmerte damals die Ahnung in seinem kindlichen Herzen auf. Dann kam das Leben und löste das Rätsel, sagte und erklärte ihm alles. Werden auch sie erst vom Leben darüber aufgeklärt werden? Werden sie, die weit vom jüdischen Zentrum in der fremden Stadt der Kirchen und Glocken aufgezogen sind, auch die Kraft haben, den Kampf aufzunehmen, den Versuchungen, die ihnen hier nicht erspart bleiben können, zu widerstehen? Da ging geräuschvoll die Türe auf und ein Polizist trat herein, der ein versiegeltes Amtsschreiben überbrachte. Der Kaufmann las und sein Gesicht verfinsterte sich. „Nach der Senatsentscheiduna von . . . haben Juden, die kein akademisches Diplom be- * sitzen, kein Wohnrecht hier. Auf Grund deffen ' haben Sie binnen vierzehn Tagen mit ihrer Familie die Stadt zu verlassen, unterz. Alex Bagdanow Poltteiminister. Und draußen läuteten die Glocken, so stürmisch und dröhnend, daß das Lichttein erschauerte. ES bewegte sich zitternd hin und her, neigte sich wie hilfesuchend nach allen Seiten — und brannte weiter... — Der Traum vo» der Mutter. Bon Arthur Kahn. Es war in der Sabbatmitternacht, Als Ephraim jäh aus dem Schlaf erwacht. Ein Traumbild hatte ihn hochbeglückt Und doch zugleich ihn schwer bedrückt. Die. Mutter sah er im Garten stehn Und späh'nö nach ihm auf die Gaffe sehn — Wie ein ft, als er in jungen Jahren Die Woche über war fortgefahren, Und sie, die sich nach ihm gesehnt, Im Garten stand über'n Zaun gelehnt. Doch das war schon vor vielen Fahren. Und als man sie später hinausgefahren, Zum Bater drauß' auf den guten Ort Da zog er aus der Heimat fort. Und aufdes Lebens Wellen und Wogen War vieles auch mtt fortgezogen Was einst vom Vater sorglich gepflegt, Die Mutter als heiliger Brauch, gehegt. . Und als er's gebracht zu Wohlstand und Ehren, Und er sich mühte, den Reichtum zu mehren, Gedachte er nur in den Sterbetagen, Der Eltern, die einst ihn auf den Arme» getragen. Auch sonst zuweilen. Zur Feier der Toten Hielt er's - für kindliche Pflicht noch geboten Für kurze Zeit in den Tempel zu eilen. Für kurze Zeit bei den Toten zu weilen. Zuweilen auch noch in der Freitagnacht, Wenn er ans Elternhaus gedacht, Erzählt er den Kindern, wie schön es geklungen, Wenn er mit den Eltern Semiros gesungen ... Das kleine Zimmer von Lichtern erhellt, Verwandelt in trauliche Zauberwelt,' Der Bater so heiter, so Sorgen Befreit, Die Mutter so schön in dem festlichen Kleid. Doch längst fei'n vorüber die alten Zeiten Und heute müßte man's möglichst meiden, Zu pflegen noch solche altjüdischen Sitten 'Dazu sei die Zeit zu fortgeschritten. Und heut' in der Sabbatmitternacht. Als jäh er aus dem Schlaf erwacht, Da hatte ein Traumbild ihn'hochbeglückt Und doch zugleich ihn schwer bedrückt. Die Mutter sah er im Garten stehn Und spähend nach ihm auf die Gaffe sehn. „O, Mutter!" ruft er, komm, in mein Hausl Und breitet voll Sehnsucht die Arme auS. Doch ernst bleibt die Mmter und winkt mitder Hand Und steht vor dem Sohne wie festgebannt. „Ich soll dir folgen in jenes Haus? Es sieht doch garnicht jüdisch aus,- Du willst mich über die Schwelle führen, Und keine Mesusse ist an den Türen? Und heut', mein Sohn, ist doch Sabbatnacht Und doch hast du, seh ich, nicht Kiddusch gemacht. Die schreibenden Knaben gehören wohl dir, Vielleicht auch das Mädchen, dort am Klavier? Und das ist dein Weib, das eifrig hier näht? Und das ist die Saat, die du hast gesät? Vergessen wohl hast du schon längst, mein Sohn, Was du einst versprochen als Liebeslohn? Ein jüdisches Haus, im jüdischen Sinn Nicht feil und nicht käuflich für schnöden Gewinn. Und deine Kinder wolltest du lehren, Den Sabbat gleich ihren Eltern zu ehren, Und was einst geweiht hat unser Leben Hast du verworfen und aufgegeben. Wie könnt' ich mit dir dein Haus betreten? Wo sollte ich speisen und wo sollt' ich beten? Und würde ich nicht deiner Kinder Spott Wenn ich aufwärts blick zu unserem Gott? Kein' Raum mehr beut' das Judenhaus Sobald man nur trägt dir Eltern hinaus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.