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Der Israelit · 1908-12-17 · Heft 50 (17.12.1908) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 50 (17.12.1908)
Date
1908-12-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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«ett 18 Nr. 59. Der Israelit. 17. Dezember 1ÄÖ8. M zw lösen hatte, Autographen bedeutender jüdischer 8- Gelehrten, Archivalien aus Judengemeinden, unter || ihnen das kulturhistorisch überaus bedeutsame h. - Gha«i»kale«chte». Stegs che Archiv aus Marburg. Den, künstlerisch wertvollsten Teil dieser Urkundenabteilung bildet eine kleine Sammlung italienischer reichkolerierter Kesebaus auf Pergament. Y1 Zum ersten Male wurden charakteristische Stücke der Sammlung in der Galerie für alte und neue Kunst zu Berlin im November und Dezember 1907 als eine besondere Abteilung der Ausstellung jüdischer Künstler einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Kurz darauf, im Januar 1908, wurde eine wesentliche erweiterte Kollektion (177 Nummern) der hiesigen Sammlungsgegenstände i» 'e>- Jodisk Udstilling der Jndustrievereinigun - in Kopenhagen ausgestellt und fand in der gesamten Presse besondere Beachtung. Vas lüund :rliebt. Eine Chanukcch-Slizze aus Rußland. r-:. Langsam, fast unwillig nahm das Wachskerzlein an der Türe das ihm gereichte Licht auf. Mehrmals mußte es der Vater, nachdem er den Segen gesprochen hatte, anzünden. Es wollte nicht breni en, es wagte es nicht recht. Es war auch so winstg und verschwindend klein im großen Raum, durch den die dunklen Nachtschatten sich unheimlich hinzogen. Und draußen lauteten die Glocken, so dröhnend, so stürmisch feierlich, daß das schwache Lichtlein erschauerte und sich zitternd hin und her bewegte. Lange schaute Boris in das schwache zitternde Licht. Etwas wie Mitleid empfand er mit dem armselige * unsicher wackelnden Flammenköp'chen auf dem dünnen gelben Körper. Und draußen sang und klang es, tönte und brauste es Hellund laut und ries lockend und drohend zugleich: „Boris!" „Boris!" — rief es jetzt auch ganr deutlich am Fenster. Es war sein Freund und Klaffennachbar Alex. Al> x hatte fernen Sonntagsstaat an und war in feierlicher Stimmung. „Komm mit!" — sagte er, als er zu Boris ins Zimmer trat, seine Hand ergreifend. Alex war sein einziger Freund, in deffen Haus er auch verkehrte und von deffen Eltern er auch gern gesehen wurde. Die Liebe war nicht ganz selbstlos. Boris kannte ihren Grund; denn er, der Judenjunge, lernte und arbeitete mit seinem muskulösen, aber etwas gedankenfaulen christlichen Freund und half ihm durch alle Schwierigkeiten des Schullebens. Gleichviel tat diese Freundschaft Boris wohl. Er freute sich, einen Freund in dieser fremden, feindlichen Umgebung zu haben/ dem er, ohne etwas von ihm zu empfangen, geben, recht viel geben konnte. „So komme mit!" — drängte Alex ungeduldig. „Wohin?" „Sonderbare Frage, am heiligen Abend, wenn die Glocken läuten und die frommen Scharen zur Kirche wallen. Komm, wir wollen dem Rufe der Töne folgen und dem Lichte entgegengehen, das dort vom Kirchturm zur feierlichen Andacht ladet." „Ich bin Jude!" — sagte Boris einfach. „Jude?! — lachte Alex — bist keiner, — oder keiner wie die anderen", wollte er hinzufügen, verschluckte aber, da es ihm noch rechtzeitig einfiel, daß der Freund sich durch solche Wendungen stets verletzt fühlte, die letzten Worte und sagte dann! „Jude oder Christ. Die Pforten sind heute weit geöffnet und nehmen alle in Liebe auf." Das Lichtlein erschauerte und bewegte sich zitternd. Unheimliche Schatten huschten gespensterisch durch den Raum. „Nicht doch!" bat das Lichtlein leise und schwach, kaum hörbar. Boris hörte es nicht, obzwar ihm die matte Stimme tief ins Herz drang. Er wandte wie schuldbewußt sein Gesicht ab und ging mit dem Freunde. — Cha««kalampe. Immer Heller und dröhnender riefen die Glocken. Boris stand unter der festlich geputzten Menge vor b i beleuchteten Tore. Klopfenden Herzens, t> emnten und verlegen stand er bald, er wußte nicht wie, im Innern des Raumes. Ein gewaltiges Lichtmeer empfing ihn blendend und sinneverwirrend. Eine fremde, nie geahnte Welt. Ein Märchenschloß, das groß, schön und entzückend, ihm doch unaussägliche Angit eiustößte. Boris sah sich wie hilfesuchend nach seinem Freunde um. Doch dieser stand bereits mitten in einem Schülerkreise, der sich vor einem in unzähligen bunten Lichtern und Bändern schimmernden und funkelndem Tannenbaume gebildet hatte. Er, ^oris gehörte nicht in diesen Kre.s Vv.?» . Er fühlte es und drückte sich ve>ü"'tt und höchst eingeschüchtert in eine Ecke. Jetzt verstummten die Glocken plötzlich auf einmal. Die unvermittlelt eingetretene Todesftille hatte etwas Unheimliches und Beängstigendes für Boris. Es schien ihm als ob sich jetzt Aller Augen auf ihn richteten und aus tausend wilden Kehlen ihm zugerufen würde: „Hinaus mit dem frechen Eindringling!" Aber es geschah nichts derartiges. Es ertönten Orgelklängeerst leise, und feierlich behutsam, dann rauschend, brausend. Ein Gemeindechor erhob sich, und folgte den Orgeltönen. Alles sang, die Männer und die Frauen, die Kinder und die Greise und die Orgelpfeifen drangen immer stürmischer durch den Raum. Schau- und Lichtwellen berührten sich und vereinnigten sich zu einer Harmonie, die berauschend und verwirrend wirkte. Wie bezaubert von all dem Lichte und dem Gesänge stand Boris auf feinem Platze, von keinem beachtet. Auch seine Lippen bewegten sich. Ein sonderbares Gefühl der Beschämung und Bestürzung beschlich ihn. Sie waren nicht für ihn angeschlagen diese fremden Töne. Es dämmerte in dieser glanzerfüllten fremden Umgebung zum ersten Male bei ihm die volle Erkenntnis deffen auf, was er schon so oft gehört und gelernt, was ihm heute der Vater mit so einfachen Worten in Anknüpfung an die Segenssprüche erklärt hatte. Wie klein ist das Licht und wie groß und verlockend das Leben draußen. Wie winzig das Flämmchen und wie groß und glänzend die Außenwelt. Und dieses Kleine und Winzige bildet des Juden Welt, sein Glück, für das seine Väter gekämpft, für welches auch er heute noch zu kämpfen hat. .... Seine Augen füllten sich mit Tränen. Es war ihm sehr beklommen und enge ums Herz. Langsam schlich er sich durch die Menge, die ihn nicht beachtete. Draußen lief er, von den Orgeltönen verfolgt, so gut wie er konnte, dem Elternhause zu. Wie gewaltig drohend erschallten hinter ihm nochmals die Glocken als er ins Haus trat. Das Kerzlein war am Ausgehen und sein schwaches Lebensflämmchen hob und senkte sich im Todeskampfe. Boris breitete seine Hände über dasselbe aus als müßte er ihm Abbitte leisten. Das sterbende Chanukalicht flackerte noch einmal hell auf und sah ihn freundlich an. Es hatte ihm verziehen. Nun versank es wieder und ein dünnes aufsteigendes Rauchwölkchen zeigte an, daß es seine Seele ausgehaucht hatte. . . Einige Jahre waren ins Land gegangen. Boris hatte keine Kirche mehr betreten und Alex machte keinen Versuch, ihn dazu zu veranlaffen. aber sie blieben Freunde. Sie schloffen sich immer enger aneinander, je höher sie in der Schule aufrückten. Dieser Freundschaft hatte es Alex zu verdanken, daß er mit Boris gleichen Schritt hielt. Er fand sich aber sowenig seinem Freunde gegenüber zum Danke verpflichtet, wie etwa dieser je daran dachte, Dank zu beanspruchen. Denn fühlte sich Alex jetzt mehr als zuvor, auf seines Freundes Hilfe angewiesen, so empfand Boris immer mehr das Bedürfnis zu geben, zu geben da, wo er auf Gegenleistung nicht rechnen durfte, zu helfen und sich einer Freundschaft würdig zu zeigen in einer ftemden kalten Umgebeung, da ein Freund so kostbar, ein aufrichtig freundliches Wort so selten war. So kamen die Abgangsprüfungen. Alex hatte mit großen Anstrengungen, bei denen ihm der , Charrrrkalampe. Freund treu zur Sette stand, das Examen endlich, wenn auch mittelmäßig, bestanden. Boris absolvierte das Gymnasium mit goldener Medaille.

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