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Der Israelit · 1908-12-17 · Heft 50 (17.12.1908) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 50 (17.12.1908)
Date
1908-12-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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fc: Ferner überreichte Dr. Gabel dem Ministerium fiir Kultus und Unterricht eine Interpellation über die systematische Ausschließung jüdischer Schüler aus den k. k. Lehrerseminare in Zaleszeyki. Das Palament bekommt also genügend zu tun, um all diese Interpellation zu beantworten und zu erledigen. Der Juden Schuld ist es gewiß nicht, wenn die Arbeit der Volksvertreter sich dadurch riesig vermehrt. Wien, 8. Dezember. Am Mittwoch hielt Reichsratsabgeordneter Dr. A. Mahler zur Budgetdebatte eine großzügige Rede, in welcher er die Stellung des Jüdischen Klubs zur gegenwärtigen Regierung präzisierte und die Wünsche und Beschwerden der Juden Oesterreichs vorbrachte. Abg. Mahler erklärte, der Jüdische Klub werde für die Dringlichkeit des Budgetprovisoriums stimmen, aus Vertrauen zum Bolksparlament. Das bisherige Regierungssystem habe systematisch und planmäßig das Rechtsbewußtsein der Juden zu ertöten versucht. Es wurde den Juden sogar als eine unerhörte Kühnheit ausgelegt, wenn sie einmal ihr Recht verlangten. Das Budget das für die Kulturbedürfniffe der Juden keine Borsorge trifft, beweist, daß die Juden nicht als gleichberechtigt behandelt werden. Die Juden, die seit Jahrhunderten auf diesem Boden ehrlich mitgearbeitet, verlangen einzig und alMir das Recht, hier leben und arbeiten zu dürfen. Das, was die Juden für die Kultur in Österreich getan haben, hätte ihnen, mehr als alle papierenen Dekrete, das Bürgerrecht in diesem Lande und in der europäischen Kultur verliehene Der Redner besprach auch die Vorgänge der Wiener Unversität und die Sperrung der Mensa akadewika. Die bittern Worte, die er in dieser le^nm Angelegenheit fallen ließ, mögen seinerseits sehr ehrlich gemeint sein. Im Ginne seiner galizischen Wähler waren sie sicherlich nicht. Ungarn. Budapest, 20. Nov. Im ungarischen Parlament ist in diesen Tagen der Wahlrechtsausschuß zur Borberatung der eingebrachten PluralwMrechtsvorlage gewählt worden. Während der Abstimmung weilten die meisten Abgeordneten in den Couloirs, wo es zu einem starken Wortwechsel zwischen dem Aba. Samuel Kelemen und dem Publizisten Baron Jvor Kaas kam. Dieser kritisierte das Pluralitätswahlrecht des Grafen Andraffy hauptsächlich unter Berufung daraus, daß alle Juden auf Grund dieser Vorlage drei Stimmen erhalten und so bei den Wahlen dominieren würden. Darauf erwiderte Abg. Kelemen erregt, daß die Juden ebenso gute Patrioten seien wie sonst irgend jemand, und daß sie sich Übrigens in viel zu geringer Zahl befänden, als daß sie wirklich dominieren könnten. In das Gespräch mischten sich auch andere Abgeordnete, darunter Professor Kmety, welcher meinte, daß die Juden wohl gute Patrioten feien, nur müffe man bezüglich der Zionisten eine Ausnahme machen. Graf Andraffy saß in unmittelbarer Nähe der Gruppe, hörte den Wortwechsel mit sichtbarem Interesse zu, ohne seine Meinung zu äußern. ituftlcmfr. Petersburg, 14. Dez. In Rußland werden jetzt die Aushebungen vorgenommen. In den meisten Gouvernements sind sie auch schon durchgeführt. In den von Juden bewohnten Teilen des Reiches wurden sie besonders streng gehandhabt und das Ergebnis dürfte, betrachtet man die Berichte aus den einzelnen Bezirken, wieder sein, daß viel mehr Juden eingereiht wurden, als nach den gesetzlichen Borschriften zulässig wäre. Die Ursache hierfür liegt vor allem in den unglaublichen Matrikelvechältniffen. Jüdische Knaben, die schon längst gestorben sind, werden in den Matrikeln no immer als lebend und demnach militärpflichtig geführt. - Es wurden auch viele Fälle konstatiert, in denen Mädchen blos deshalb den männlichen Personen zugezählt wurden, weil in der Matrikel aus dem Namen nicht deutlich ersichtlich ist, ob das neugeborene Kind männlichen oder weiblichen Geschlechtes sei. Dazu kommt noch, daß die Kommunal- und Staatsbehörden die Auswanderung der Juden, sowohl die legale als auch die illegale vollständig ignorieren. Die Folge all dieser Umstände ist nun, daß die von den Juden zu stellende Zahl von Soldaten nicht nach den tatsächlich vorhandenen Waffenpstichtigen, sondern nach den vollständig unzutreffenden Eoidenzdaten der Behörden bemessen wird. So mußten Heuer in den meisten Bezirken auch alle diejenigen Juden zur Assentierung herangezogen werden, die im Sinne des Gesetzes von der Militärpflicht befreit sind. Nichtsdestoweniger führt Purischkewitsch mit seiner Bande die Hetze behufs Ausschließung der Juden vom Militärdienst fort. Andererseits aber eimibt sich hier den Herren Kronrabbinern, als den Matrikelführern, noch ein weites Arbeidsfeld, das ihnen für andere Gelüste aus rabbinisch-theologischem Gebiete nicht viel Zeit übrig lassen dürfte. Die Abgeordneten der rechten Fraktionen brachten in der Duma eine Interpellation ein, in welcher, sie eine schärfere Handhabung der Judengesetze vom 3. Mai 1882 verlangen. (Siehe Wochenrundsckau.) Hi*' ' f*i : mmmmm Moskau, 1. Dezember. Die bereits bekannte Verordnung, welche den Juden sogar die Durchfahrt durch die hiesigen Stadt verbietet, hat. nun eine weitere Verschärfung erhalten, in dem Sinne, daß von nun an nicht nur die durchreisenden Juden mit einer großen Geldstrafe oder Gefängnishaft belegt werden, sondern auch diejenigen Personen, bet denen diese „Verbrecher" von der Polizei aufaefunden werden. Es muß also den Juden die Benutzung der Moskau berührenden Bahnlinien untersagt werden. Unter dieser neuen Verordnung werden auch die Moskauer Kausleute zu leiden haben, da ste, um einer schweren Strafe vorzubeugen, jeden sie besuchenden Juden fragen müssen, ob er berechtigt sei, Moskau zu betreten. Die neue Verordnung wird natürlich wieder zu neuen Mißbräuchen der Polizei führen. Bis jetzt hat es nur nächtliche Treibjagden auf die gesetzwidrig in Moskau lebenden Juden gegeben, jetzt mit der Einführung des. neuen Gesetzes, werden auch bei Tage Jagden auf die durchreisenden Juden stattfinden. An Jägern wird es in dieser Zeit nicht fehlen. In Her Praxis wird 'das neue Gesetz darauf hinauslaufen, daß den Juden neue Ausgaben erwachsen und der Moskauer Polizei neue Einnahmen! Die Juden hetzen arten hier in einen für die tetzer, Verhetzten und Gehetzten gleich bedenklichen erfolgungswahnsinn aus. Dies beweist ein offener Brief der „Rußkoje Snamja" in dem sie Dubrowin, dem Führer der Schwaben Hundert- Männer, mitteilt, daß die Juden ihn zu ihrem nächsten Opfer ausersehen haben und daß sie mit ihm ebenso verfahren wollen, wie mit Trepow und Plehwe. . Weiters raten die besorgten Hooligans Dubrowin, Schwarz und Kokowzew an, keine jüdischen Aerzte zu konsultieren, die Einladungen judenfreundlicher Personen abzulehnen, Beamten, welche mit den Juden sympathisieren, die Hand nicht zu reichen, da es alle diese Leute auf den Tod der drei Hooligansührer abgesehen hätten. Unter normalen Verhältnissen hätte man über einen solchen Brief, der seinem Schreiber das Reifezeugnis fürs Irrenhaus ausstellt und ihn endlich unschädlich machen würde, sich freuen können. Hier aber sind selbst aus solchen wahnsinnigen Hetzen Konsequenzen zu befürchten.^ Odessa, 10. Dezember. Im Gouvernement Jekaterinoslaw befindet sich bekanntlich eine Anzahl jüdischer Ackerbau-Kolonien, in denen die Juden seit vielen Jahren arbeiten und mit schwerer Not und Mühe ihr Leben fristen. Erst kürzlich wurde über diese Kolonisten berichtet, daß ihnen nämlich die Regierung in Jer noslaw ein Gesuch abgelehnt habe, in Welchem sie um Steuernachlaß und Kredit-Gewährung ^um Ankauf weiteren Bodeus, wie allen anderen Bauern bewilligt wird, gebeten hatten. Die Petersburger Zentralregierung schien aber mehr Einsehen zu haben und beauftragte die Behörden des Gouvernements abermals, ihr ein Gutachten über die Lage der Dinge zu erstatten. Der Bericht des mit der Untersuchung der Verhältnisse beauftragten Beamten war für die Juden sehr günstig. Die jüdischen Kolonisten, so hieß es in dem Bericht, bearbäten den Boden sehr fieißig und wirtschaften auch im allgemeinen gut. In den siebzehn Kolonien gibt es insgesamt 3244 Pferde, 5087 Stück anderes Vieh, 766 Schneide- und Sämaschinen usw. Mit größter Anerkennung spricht der Bericht sodann von der jungen Generation der Kolonisten, die geradezu ein Musterbeispiel für Ackerbauer abgeben könnten. Den Gouvernements-Behörden paßte dieses Gutachten ihres Beamten natürlich wenig und so — ignorierten sie es einfach und erstatteten an das Ministerium einen ganz anderen Bericht, in dem es u. a. hieß: „Trotz der materiellen Unterstützung der Regierung ist die .landwirtschaftliche Entwicklung und der materielle Wohlstand der Kolonien höchst ungünstig: es ist auch keine Hoffnung vorhanden, daß diese Lage sich in Zukunft bessert." Nach biesem so verfälschten Bericht wird jetzt selbstverständlich den Kolonisten kein Kredit für den Ankauf des Bodens gewährt werden, und bei der großen Not, die hauptsächlich infolge Mangels an Boden in den Kolonien herrscht, werden die Kolonisten gezwungen sein, auszuwandern. Türkei. Konstantin opel, 5. Dezember. Wie verlautet, hat ein aus französischen und türkffchen Kapitalisten bestehendes Konsortium einen Antrag auf Konzesfionierung einer Eisenbahnlinie von Jaffa nach Port Said (Aegypten) bei der Regierung emgereicht. Es ist kaum daran zu zweifeln, datz die Konzession erteilt wird. — Mit dem Bau dieser Strecke wäre ein überaus wichttges Glied im palästinischen Eisenbahnverkehr geschaffen, das seine volle Bedeutung natürlich erst dann gewinnen würde, wenn auch Haifa und' Jaffa entweder direkt oder über Jerusalem durch eine Bahn verbunden sein werden. Die neue Bahnlinie würde ca. 300 Kilometer lang sein und über Gaza und El-Arisch gehen müssen. Die Linie Haifa—Jerusalem soll schon in allernächster Zeit — als Zweiglinie der türkischen Hedschasbahn — ausgebaut werden. Trrnts. Tunis, 10. Nov. Auch in die Judenheit von Tunis kommt allmählich neues Leben. Am 5. November erschien hier die erste Nummer einer jüdischen Wochenschrift „Le Dessnseur", die das Organ der Juden in Tunis sein will. Man muß nun unter den Juden von Tunis zwei Kategorien unterscheiden, erstens: die eigentlichen tunesischen Juden, die Untertanen des Bey sind, und die entschieden in einer weit' schlechteren Lage als die übrigen tunesischen Bürger leben, zweitens die europäischen Juden, die gleichviel, oo sie in Tunis geboren oder erst später eingewandert sind, offiziell den verschiedenen europäischen Nationalitäten, Franzosen, Italienern, Engländern zugerechnet werden, und die alle Rechte genießen, die den anderen Bürgern der betreffenden Nationalttät zukommen. Die neue Wochenschrift „Le. Däfenseur" will ihrem Programme nach sowohl das Organ der tunesischen wie der in Tunis lebenden europäischen Juden sein. Für die tunesischen Juden wird „Le Dsfenseur" das Kampforgan zur Erlangung ihrer Bürgerrechte sein und für die europäischen Juden ein Blatt zur Verteidigung des Judentums gegen die üblichen Angriffe, an denen es bekanntlich auch in Tunis nicht fehlt. — Die vorliegende erste Nummer enthält scharfe Angriffe gegen die ungerechte „Rechtspflege" des

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