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Der Israelit · 1908-12-17 · Heft 50 (17.12.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 50 (17.12.1908)
Date
1908-12-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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MliWLd«U Wo sind diese Männer, die ohne politische Not für den offensichtlich antisemitischen Judentäufting eintreten, in der Gemeinde tätig? Wo find diese Männer in großen jüdischen Korporationen tätig? Wir haben hier in Berlin unter sehr vielen mehr oder minder wichtigen Korporationen beispielsweise die „Alliance israelite", wir haben hier den „Hilfsverein der deutschen Juden", wir haben hier den „Esra", ferner haben wi.r hier in Berlin drei jüdische Logen und hier befindet sich auch der Sitz der Größloge für den Orden Bnei Beriß. Alle genanten Korporationen beziehen aus ganz Deutschland und nicht nur von Berlin allein große Summen und ihnen ist auch rumeist die Führung und Vertretung für ganz Deutschland anvertraut. So gut wir Berliner Juden ein sehr starkes Interesse daran nehmen, daß die Parteigänger des Stadtverordneten Mugdan von jüdischer Mitbürger Gnaden, soweit sie Ehren- und Vertrauensämter innerhalb der Gemeinde annehen so schleunig wie möglich ihre Stellen freiwillig niederleg-en und nicht erst die Consequenzen eines unangebrachten Beharrungsvermögens abwarten, wird man auch außerhalb Berlins wissen wollen, wer die Herren in den großen Corporationen sind, die für den sattsam genannten Mugdan, sowohl persönlich mittels des Stimmzettels, als auch durch persönlicheBefürwortung für diesen eingetreten sind. Es könnte sonst sehr leicht passieren, daß man außerhalb Berlins, bevor man sich weiter der hiesigen Leitung anvettraut und Gelder bezahlt, nachdrückliche Garantieen verlangt, daß Männer, die sich zur Schmach der Judenheit für Mugdan engagiert haben, ihre Aemrer und sonstige Bertrauensstellen sofort niederlegen. Man kann dies umso sicherer erwarten, als doch Ehrenämter auch nur Ehrenmännern anvertraut zu werden Pflegen. Man mag einwenden, daß die Wahl einer politischen Person Privatfache sei. Gaur richtig. Hier aber liegen denn doch die Verhältnisse ganz anders, als bei „gewöhnlichen" Wahlen. Hier haben sich jüdische (?) Männer für einen für uns Juden nicht ungefährlichen Apostaten engagiert, wo im allermindeften Falle Passivität,. strikteste Passivität geboten war. Umso entschiedener, als sie denn doch, als Träger eines wie immer gearteten Ehrenamtes, innerhalb eines von den Parteigängern Mugdans stets hart angefeindeten Kreises sind, und schon deshalb keinerlei Comvromisse eingehen durften. Schließlich gibt es denn doch genug Dinge, Standpunkte und Stellungen, die von der Person nicht zu trennen sink Wir, ob Mitglieder dieses oder jenes Vereins, oder dieser oder jener Korporation, und als Mitglieder der Gemeinde, wir erwartende st immt, daß alle jene Herren, die Mugdan gewählt und für seine Wahl agitirt haben, so schnell als möglich ihre Ehrenämter in der'Gemeinde, oder in der Alliance, oder im Hilfsverein, oder in den Logen oder der Großloge der Bnei Beriß niederlegen. Wir erwarten dieses von ihnen als Ehrenmänner und als Iud en, umsomehr als man sich diesmal nicht dabei beruhigen wird. Schon um zu zeigen, daß es denn doch auch bei den Juden eine Grenze gibt, über die hinaus Niemand, und stehe er gesellschaftlich noch so hoch, unsere Ehre preisgeben darf. Je weniger jüdisches Ehrgefühl von den beteiligen Personen bei der erwähnten Wahl an den Tag gelegt worden ist, umsomehr wollen und werden wir dahin arbeiten, daß man wenigstens mit derGesamte hre der deutschen Judenheit nichtein freventliches Spiel treiben darf. Wir werden auf der Wacht sein. Der Anteil der ruesiscben Juden an Gewerbe und Industrie. Die I. C. A. hat einen zweiten Band Statistik herausgegeben, welche die russischen Juden behandelt. Der neue Band von ungefähr 500 Seiten Umfang ist von bedeutendem Interesse für diejenigen, welche die Wichtigkeit des Hauptproblems gegenüber den politischen Strömungen im Zarenreiche zu schätzen wissen. Da cs hierzu vor allem notwendig ist, die Elemente des Problems zu verstehen, hat die Jca keinen geringen Dienst geleistet, wenn sie uns die bestehenden Verhältnisse klargelegt. Die in diesem Bande gegebene Statistik stammt aus zwei Quellen. Der erste Teil handelt von den Daten des Departements für Handel und Gewerbe aus dem Jahre 1897; der zweite Teil, bezieht sich auf Daten, die durch Korrespondenten der Jca selbst feftgestellt wurden. Drei wichtige Gesichtspunkte aus dem russischen jüdischen Leven find hier beleuchtet: i. Der Anteil der Juden am Gewerbe in dem Ansiedelungsrayon, 2. Die Armut der Juden nnd die philantropischen Veranstaltungen zu deren Bekämpfung und 3. Das Erziehungsproblem. Die Juden in Westeuropa glauben vielfach, daß ihre Glaubensbrüder in Rußland hoffnungslos auf den Leisten und die Nadel angewiesen sind — daß sie entweder Schneider oder Schuhmacher oder gar nichts seien. Die Ziffern in diesem Buche zeigen jedoch, wie falsch diese Äüffassmitz ist. Es .ist überraschend in dieser Beziehung daß gerade -die jüdische Tätigkeit in großem Umfange dieElemente eines vollendeten industriellen Kosmos darstellt. Tie Verarbeitung des Tabaks zum Beispiel und der Handel mit demselben war lange Zeit in den Händen der Juden. Von 110 Fabriken, die im Jahre 1897 indem Ansiedelungsrayon aufg^zähtt wurden, gehörten 83 Juden an. Im nordwestlichen Teil des Ansicdelungsrayons gehörten 68 Fabriken Juden, wo Mineralwasser hergestellt wurde, im südwestlichen Teil 58 (von insgesamt 60). In den im nordwestlichen Bezirk gelegenen sind 176 Arbeiter, worunter 145 Juden. — Im Gouvernement Beßarabr'en hat sich der Weinbau sehr gut entwickelt, und der Weinhandel ruht hauptsächlich in Händen der Inden. Die amtliche Statistik erwähnt 4 Weinkeltereien, die alle Juden gehören. In Gonciatin, im Distrikt und Gouvernement Podolien, wurden 3 Eier-Großhändler verzeichnet. Sie beschäftigten 66 Leute, lauter Juden. Im Jahre 1897 wurden im Gouvernement tourten und Bessarabien 61 Fabriken aufgezählt, die sich der Metallverarbeitung wednieten. Ihre Produktion wurde mit 2,936,000 Rnb. geschätzt und sie beschäftigten 2489 Arbeiter. 13 Fabriken mit einem Umsatz von 869,000 Rub. und 579 Arbeitern waren jüdisches Eigentum. In der Seifen- Fabrikation treten die Juden besonders hervor. Nach amtlicher Statistik bestanden in dem Ansiedelungsrayon 139 Seifenfabriken, wovon nicht weniger als 122 jüdischen Besitzern gehörten. In Odessa waren 5 jüdische Teitenfabriken mit einem jährlichen Erlös von 167,500 Rubeln. Nach den Ziffern des Departements für Handel und Gewerbe bestanden im nordwestlichen Teil im Jahre 1897 12 Schwefelhölzer-Fabriken, wovon 11 Juden angehörten. Nach dem Korrespondenten der Jca waren es 13; aber man weiß, daß eine weitere Fabrik in demselben Jahre errichtet wurde, die wahrscheinlich zu per Zeit, aus welche sich die Ziffern des Departements für Handel und Gewerbe beziehen, noch nicht offiziell bekannt war. Nach amtlichen Feststellungen wurden in all diese»! Schwefelhölzer-Fabriken 3031 Arbeiter beschäftigt, und nach den Informationen des Korrespondenten der Jca 3500. Von dieser Gesamtzahl sollen 2986 Juden gewesen sein. Aber diese Ziffern, von beite»» die Rede ist, sind zweifellos nicht ganz genau, da viele Arbeiter in diesem Gewerbe Hausarbeit verrichten. Nehmen wir weitere Beispiele: Die H o l z i n d u st r i e ruht im Nordwesten hauptsächlich in jüdischen Händen, und die Sagemühlen mit Maschinenbetrieb gehören auch zunk größten Teile den Juden. Die Zahl der Arbeiter, die in den Sagemühlen jüdischer Besitzer angestellt sind, beträgt 70,2 o/o von der Gesamtzahl der Angestellten in dieser Industrie, und die Produktion dieser Mühlen beträgt: Im Gouvernement Mohilefs 93,4 o/o, des Gesamtproduktes, im Gouvernement Minsk 82,3 o/0/ im Gouvernement Wilna 84,9o/o, im Gouvernement Grodno 49,9 o/o. Bon den 5 Gouvernements im Südwesten des Ansiedelungsrayons die Juden in 4 derselben an Sagemühlen mit Maschinenbetrieb 61,5 %. Die Möbelindustrie ist in dem Gouvernement Kieto besonders stark vertreten. 4 Möbelfabriken gehören Juden. Ihre Produktion betrug 244,000 Rubel und sie beschäftigten 768 Leute. Eiu Korrespondent der Jca besuchte eine dieser Fabriken nnd fand 165 .Arbeiter vor, wovon 100 Juden waren. Die Inden besitze»: im Gouvernement Wilna zwei Papierfabriken mit eil»em Erlös von 525,400 Rub^l. - - Im Nordwesten gehören durchschnittlich die Hälfte Enlssaaung reichlich belohnt worden. Tie Frau, die Euch dadurch versagt blieb, kann nicht edler und ihres Gatten würdiger gewesen sein, als unsere Wittin, der.'n Geist in diesem Hause waltet. Möge sich dieser Geist auf Kinder und Kindeskinder vererben, mögen sie das Berbienst Ihrer Heimgegangenen Eltern durch das eigene in der bisherigen Weise mehren, möge sich an Euch allen das Tillimwort in seiner schönsten Weise vernnrklichen: „Erweise Gutes, o Gott den Guten, denen, öie redlichen Sinnes sind." (Die Jude« Prags.) Man schreibt uns: Wohl keine Stadt Europas hat fo viele GlaubenSmärlyrer a's Prag aufzuweisen. Mit blutigen Lettern ist die Geschichte der ganzen Judengemeinde geschrieben und noch etliche Wahrzeichen aus jener Zeit find auch heute vorhanden, um deretwillen Prag von vielen Fremden ausgesucht wird. Bon dem alten jüdischen Viertel sind aber nur noch geringe Reste vorhanden und diese werben auch bald verschwunden sein. Die Hauptsehens würdig ketten, der alte Judenfriedhof und die altersgraue Schule find auf einen Keinen Winkel zusammengedrückt. Man merkt wenig, daß man fich in einer Stadt mit ca. 3000V Juden befindet. Bon dem ehemaligen so überaus regen Gemeindeleben ist nur sehr wenig noch wahrzunehmen. Besonders cmffällig tritt dies am Sabbath in die Erscheinung. Die schönen großen Synagogen mit Chorgesang und Orgeltla g weise« eine gähnende Leere auf. Höchst selten trist man auf ein geschloffenes Geschäft, selbst we Flesschgeschäfte »nachen darin keine Ausnahme und befinden sich im vollen regen Bettiebe. T ä darf man fich nicht wundern, wenn die junge Generation bei den jüngsten Vorgängen an der Universität solche falsche Wege einschlagen konnte. Jetzt find über die Prager Juden wieder Zetten der Unruhe gekommen, die aber ein schwaches Geschlecht treffen. Vielleicht erweisen fich diese unruhigen Zeiten als Menetekel für diejenigen, welche noch etwas von jüdischem Geiste besitzen. Diesen dürften vielleicht die neuesten Ereignisse die Augen öffnen für das was ihnen fehlt und ihnen nottut, diese werden dann dann erkennen, daß sie als selbstbewußte. Juden stolz auf ihre Geschichte und Bergangangenheit bei voller Würdigung des Judentums nur in demselben das Heil und den Frieden finden werden, den ste bet ihrer christlichen Umgebung, sei solche tschechisch oder deutsch, vergeblich suchten. I. N. in P. (Eine jüdische Enzyklopädie in russischer Sprache) beginnt in St. Petersburg zu erscheinen, herausgegeben von der Gesellschaft für ivtffenschaftliche jüdische Publikationen und von der Verlagsbuchhandlung Brockhaus-Eftvn, wobei die letztere den Druck und Vertrieb des Werkes besorgt. Nach einem ebenfalls in russtscher Sprache erschienenen Prospekt gründet fich das Werk auf die kürzlich in englischer Sprache erschienene zwölfbändtge „Jüdische Enzyklopädie" („Jewish Encyclopaedia“. New-Aork 1901 bis 1906) und soll, alles bieten, was zur Kenntnis der Bibel, des Talmud und der jüdischen Geschichte für Juoen und Nichtjuden erforderlich ist. Die arabisch-spanische Periode, in die die Blütezeit des jüdischen Denkens und L.ebens fällt, sowie die schwere Periode des Mittelalters, die fich für die Juden im allgememeinen fast bis zum Ende des 18 Jahrhunderts, für die Juden in Rußland aber bis in unsere Tage binzieht, werdm ebenfalls in zahlreichen Biographien, in der Geschichte der europäischen Länder und Städte, in Abhandlungen unter speziellen Stichwörtern vorgeführt werben. Die Geschichte, wie auch dem Leben und der Tätigkeit der Juden in Litauen und Polen während dieser Periode wirb der gebührende Platz eingerffumt werdm, und eS werdm in dieser Beziehung die Lücken' und Mängel der englischen Enzyklopädie am gründlichsten auszufüllen fein. Dm Abschluß oeS ganzen Gebäudes der „Jüdischen Enzyklopädie" wird die Geschichte der Juden im 19. Jahrhunderts bilden. Die „Jüdische Enzyklopädie" wird auS 16 Bändm bestehen, jeder zu 30 Druckbogen (der Bogen zu 90 000 Buchäaven) und wird im Laufe von vier Jahren erscheinen. (Antisemitischer ZvealismusJ Tie „Deutsche Tageszeitung" philosophiert in einem Feuilleton über „Judentlno Christentum" und jammert über den Mangel an Jdeal'smns bei oen ^uden, der seine verderbende Wirkung fljtt mt das Christentum ausübe. Sie schreibt: „Nein, der Jude kennt kein Jenseits und hat es niemals gekannt. Wodurch man ans der Welt ist, kümmert ihn ebenso wenig wie das, was nach oem Tode kommt; oie momentaiic Existenz, obwohl ersichtlich nur eine kurze Minute lang, gilt ihm als Selbstzweck und die Erde als ein Etablissement, worin jeder bestrebt sein müsse, sich nach /Möglichkeit zu amüsieren — damit basta! (?) Demnach ist der Jude der krosseste Materialist, der überhaupt gedacht werden tuni, und die Feuerbach, Büchner, Häckel, tote überhaupt alle ütiaterüiliften, sind so recht nach seinem Herzen. Daher schwärmt er auch für die „Wissenschaft", weil er von ihr den Sturz des ihm verhaßten Glaubens erhofft; daher ist er „Chemiker", „Mediziner", „Biviiektor", stets, bei jeder neuen , Entd ckung" ironisch in die Welt rufend, die „Seele" hatte sich noch nicht gefunden! Wer Augen hat, zn sehen, wird nicht ohne eine gewisse Befriedigung bemerken, mit welchem Enthusiasmus die Juden jeden neuen Materialisten als Genie ausposaunen, ebenso wie sie umgekehrt jeden e mportaüchenden Idealisten sofort in allseitiger Eintracht mit Kot bewerfen usw." Soweit die „Tageszeitung". Aber auch dre ihr geistesverwandte „Kreuz-Zeitung" weiß ein Lied von Idealismus und Materialismus KU singen. Sie be-

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