Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 50 (17.12.1908)
- Date
- 1908-12-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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' v. .«v - S eA V . i Mtte S Ro^ r.V an Sympathie und Wirkungskraft -verlieren, wenn fie in taktloser Form und gür tm krassen Gegensätze zum Empfinden Anderer zum Ausdrucke gäangen. ' Die lflugdanlade in €l)arlomnburg. Man schreibt uns aus Berlin: Nachdem die Würfel gefallen und der Reichstagsabgeordnete und ehemalige Jude Mugdan, dank der eifrigen Agitation von ehemaligen Stammesgenoffen zur Würde eines Stadtverordneten avanciert ist, hat sich öin Froschmäusekrieg entwickelt, der in verschiedenen Kampfreden zum AÜstrag kam. In einer Versammlung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" ist die merkwürdige Haltung einiger führenden Geister dieses Vereins, wie. auch nicht weniger Mitglieder dieser Vereinigung, besprochen, gegeißelt, aber doch nicht genügerd klar gestellt worden. Man weiß immer noch nicht, wie der , Vorstand dieses Vereins mit Herrn Lövinsohn abrechnen wird. Und diese Abrechnung darf . unter keinen Umständen verschleppt werden. So wohltuend es nun auch berühren kann, daß ein Mann, der mit an der Spitze des Zentralvereins deutscher Staatsbürger steht, nämlich'Herr Justizrat Bernhard Breslauer, mit seinem Tadel gegen die charakterlosen jüdischen Wähler nicht' hinter dem Berge hält und von dieser Sorte Juden etwas mehr Würde fordert, so, sehr muß man es bedauern, daß Herr Justizrat Breslauer seine Stinime nicht viel früher gegen die Selbsterniedrigung erhoben hat. Warum hat Herr Breslauer, in dessen Macht es doch lag, eine vor der Wahl stattfindende Versammlung einzuberufen, es so weit kommen lassen, daß die Wahl so ausfiel, wie sie nun einmal ausgefallen ist? Herr Breslauer genießt ein so großes Ansehen in der jüdischen Gemeinde, daß, wenn er eine Versammlung einberufen hätte, diese Maßnahme sicher n cht ohne Einstuß auf das Endergebnis gewesen und der Judentäusting Mugdan nicht in das Stadthaus eingezogen wäre. Es war sicherlich nur ein taktischer oder Dersäumnisfehler des Herrn Breslauer in dieser für die Charlottenburger Juden gerade nichtsehr rühmlichen Angelegenheit, nicht schon vor Wochen, als bereits die ganze Berliner Presse die. Mug- ' daniade besprach, dagegen Stellung genommen zu haben. Aber.Männer, die an der Spitze eines so großen Vereins stehen, dessen ganze Tendenz eipzig auf die Reinhalung unserer Ehre und unseres Ansehens gerichtet ist, müssen den Ereignissen Vorbeugen und nicht nachhinken. Auch wir, die wir prinzipielle Gegner der Herren Breslauer und HorwK sind und aus einem ganz anderen religiösen Boden stehen als diese Herren, aber nichtsdestoweniger sie als Ehrenmänner im sozialen Leben würdigen, geben gerne zu, daß man bei gewissen Gelegenheiten einmal den richtigen Zeitpunkt verpaffen kann. Aber nachdem schon wochenlang vorher die Gemüter über oas dreiste Benehmen des etwas verdächtig frommen Mugdan und verschiedenen Machinationen seiner „jüdischen Freunds die öffentliche Meinung mit Unwillen erfüllt hatte, hätten die leitenden Geister des Zentralvereins Zeit genug gehabt, die nicht gerade sehr gedankenreichen Wähler des Judentäustings Mugdan zeitig zu belehren. Wenn jetzt der' Mann mit dem neulackierten Christenglauben Versuche macht, die Antisemiten — vielleicht aus Dankbarkeit gegen seine jüdischen Wähler — von seinen Rockschößen zu schütteln, um etwas Oel auf die Wogen der Erregung zu gießen, so wiffen wir, was wir von den Versicherungen eines. Menschen zu halten haben, der mit politischen, wie mit religiösen Anschauungen umspringt, wie es dieser Herr tat. Es bleibt nun Sache der Mitglieder des Zentralvereins eine unzweideutige Darlegung von seiten der Herren, die seither im Verein leitende Stellungen eingenommen haben, zu verlangen. Wir haben dazu als Mitglieder das unbestreitbare Recht, auf dem wir beharren werden, bis völlige Klarheit der wirklichen Vorgänge gegeben worden ist. Bis dahin wollen wir abwarten, hoffen aber dafür umso bestimmter, daß in einer baldigst einzuberufenden öffentlichen Versammlung auch Rechenschaft abgelegt wird, und schon zuvor die Schuldigen aus ihren Aemtern entfernt sind. Hoffentlich sagt ihnen ihr eigener Verstand, daß sie das Vertrauen der Mitglieder nicht mehr besitzen können und andere Männer an ihre Stelle zu treten haben. Sonst aber würden sie nur den Verein gefährden, was von keiner Seite gewünscht wird. Haben wir uns so weit mit dem Verein beschäftigt und seinen offiziellen Vertretern, so erübrigt uns, uns jetzt noch kurz mit einem Artikel des Herrn Justizrat Brest a ue r, in der Mg. Ztg. d. Indent. vom 11. Dez. zu befassen. „Mehr Würde!" fordert Herr Breslauer, in Hinblick aus die hier besprochenen Vorkommnisse, von den Juden. Es freut uns, mit Herrn Breslauer denselben Wunsch zu haben. Wir sehen und erleben tagtäglich mit wie wenig Selbstwttrde, und mit wie noch weniger Charakter die Juden, besonders in den großen Städten, sich erniedrigen, um die Gunst der Andersgläubigen zu erhaschen. Wir erleben, besonders hier in Berlin, tagtäglich, wie die jüngere Generation sich schamlos für kleine Gunftbezeugungen verkauft, wie „Auchjuden" mit getauften Subjekten verkehren, sich zu ihrer Gesellschaft drängen, fie zu ihren Gesellschaften, in ihre Familie hereinziehen, als sei dieses Preisgeben seines Glaubens und seines Volkes gar keine ehrlose, im Gegenteil sogar bewundernswerte Tat. So weit sind wir mit Herrn Breslauer eines Sinnes. Jedoch trennen sich unsere Wege von denen des Herrn Breslauer in dem Augenblick, in dem er es doch für möglich hält, ober für opportun, wenn die Umstände es erheischen sollten, einem Renegaten vor einem andern Bewerber beim Wahlakte den Vorzug zu geben. Nein, das raten wir nie und nimmer Wir machen um unserer Konftssion Willen keine Konzession, auch nicht um möglicher politischer Vorteile Willen. Lieber verzichten wir auf die Vorteile, die uns ein Renegat bringen könnte, als uns zu einer, wenn auch nur allergeringsten Preisgabe unserer jüdischen Ehre und Denkart zu entschließen. Doch wir wollen hier keinen Meinungsstreit über unsere Anschauungen über daS Renegatentum ausftchten. Der mit dem Titel „Mehr Würde" überschriebene Artikel deS Herrn Breslauer enthält jedoch einen Passus, der uns viel wichtiger dünkt, als der Streit um eines Renegaten Qualität oder Stellung zum Judentum. Der betreffende Passus lautet: „Schlimmer wurde die Aufregung, als bte Lcherlertung für den getauften Kandidaten von einem Juden übernommen wurde und als eine Anzahl in der jüdischen Gemeindeverwaltung tätiger, zum Ter» hervorragender Persönlichkeiten und mehrere in großen jüdischen Korporationen tätige Männer für den Getauften eintraten. Die einen warfen den anderen Trcubruch vor, die eine Partei behauptete, daß, die Juden für den, .Getauften sich nicht interessieren dürften, die andere Partei wollte bei einer Stadtverordnetenwahk hiervon nichts wissen und nahm für sich das Recht ttt Anspruch, denjenigen Kandidaten zu »vahlen, ber oem sie eine größere Befähigung und Eignung für in? Stadtverwaltung erwarteten. Nun kann es allerdings kein Dogma fern, daß ein Jude niemals einen getauften Kandidaten wählen darf. Es können Zeiten und Verhältnisse eintreten, in denen die Frage, ob der Kandidat ein Getaufter ist oder nicht, für die Stimmenabgabe nicht entscheidend zu sein braucht." Da wir wohl wiffen, daß Herr Breslauer in lübifyen Gemeindeangelegenhelten sehr gut unterrichtet und als Ehrenmann ernst zu nehmen ist, so muß es uns stutzig machen, daß er auch von - Leuten spricht, die (was noch wichtiger ist, als wenn von führenden Mitgliedern des Centralvereins für Mugdan eingetreten ward) in der jüdischen Gemeindeverwaltung, zum Teil hervorragende Persönlichkeiten und mehrere in großen jüdischen Korporationen tätige Männer, für Mugdan eintraten. Das ist für uns von mehr als vorübergehendem oder gar nur persönlichem Interesse.: Da saßen wir einmal des Nachmittags — es war am zweiten Pesachtage — Zusammen und sprachen über dieses und jenes. Mein Barer meinte, morgen und die andern Tage Chol Hamwd werden wieder die Schadchonrm kommen. Er ginge ihnen am liebsten aus dem Weg und besuchte einmal seinen Freund Götz Hochhausen in Oberzell. Als das der Vater sagte, schlug sich die Mutter vor die Stirn und rief: „Wie geht man doch so oft über das einfachste, das uns am nächsten liegt, weg. Der Götz hat doch eine heiratsfähige Tochter, die Ettel, und sucht für sie einen Mann und wir suchen für unfern Koppel eine Frau, einen schöneren und passenderen Schiddich hat die Welt doch noch nicht gesehen. Und da brauchen wir nicht einmal einen Schadchen, die Partie kannst du selber antragen, was meinst du dazu?" „Was ich dazu meine? Ich meine, daß Schlonke Hamelech aus dich oas Wort gesagt hat: Tie Chochmo der Frauen baut das Haus! Daß wir nicht früher auf diesen Gedanken gekommen sind! Morgen früh geh ich nach Oberzell und mache die Sache fertig. Willst Tu mit, Koppel?" „Die Ettel war mir schon recht als Frau," entgeanete ich, „aber mitgehen möchte ich doch nicht. Wer weiß, ob ich ihr gefalle und ob ich ihren Eltern recht bin. Aber wenn Ihr die Suche fertig macht, [o will ich pald .Nachkommen,- doch morgen, denke ich, g,ehst Tu besser allein." Akeni Vater steckte sich am andern Morgen dir Taschen'voll Mazzos und. Pökelfleisch und kam gegen Mittag in Oberzell an. War das ein Jubel! Als die erste Begeisterung vorüber war, sagte Dein Vater zu dem meinen: „DU kommst wie ein Maloch (Engel) vom Himmel, denn morgen wollte ich nach Tiesenbrunn und Dich besuchen, ich sollte in einer wichtigen Sache Deine Ansicht hören. Aber jetzt, da Du hier bist, hast Du mir den Weg gespart." „Und was hattest Du mit mir zu sprechen?" fragte mein Vater. „Denke Dir, der reichste Mann von Tiefenbrunn, der Meier Bender, hat mir durch einen Schadcvm kurz vor Pesach seinen einzigen Sohn für meine Ettel antragen lassen, da wollte ich einmal Deine Meinung darüber hören. Tie Familie ist aus dem Elsaß nach Tiesenbrunn gezogen, als ich schon lange von dort fort war. Naher kenne ich die Familie nicht, ich chu.be immer nur Gutes von ihr gehört, aber ich wollte doch einmal hören, wie Du darüber denkst. Daß er ein Iehudi ist, wie wir auch, daß er redlich im Handel und Wandel gegen Juden und Nichtjuden ist, das habe ich von allen Seiten gehört und darüber bin ich nicht im Zweifel. Mer ob er wirklich der reiche Mann ist, für den er allgemein gilt, das wollte ich von Dir wissen. Er handelt mit Gütern. Der Äüterhandel ist ein Geschäft, bei dem schwere Brocken verdient, aber auch verloren werden. Man kann da nie recht hineinsehen. Was hältst Du davon?" „Ich sage Dir, daß Du weit und breit keine« besseren Schioduh tun kannst, als den mit Meier Bender. Wenn er wirklich will, jo rate ich Dir, Dich keinen Augenblick zu besinnen und beherzt zuzugreisen. Das einzige Bedenken, das ich habe ist, daß man sich aus die Schadchonim nicht verlassen kann. .Es ist vielleicht nur der Gedanke von dem Schadchen, ohne daß der angebliche Auftraggeber etwas davon weiß. Aber wir werden der Sache bald auf den Grund ümmen. Wenn ich heute Nachmittag nach Hause komme, oLhe ich direkt zu Meier Bender, und werde dann schon lLhen, was an der Sache ist. Hat alles seine Richtigkeit, so mache ich den Schioduch in Euerem Name« fertig. Einverstanden?" Tie Freunde, besiegelten ihr Einverständnis durck» einen warmen Händedruck. Am Nachmittag zu Minche war mein Vater wieder zurück. Er ging direkt in Schul und traf dort Meier Bender, nahm. ihn. auf die Seite uud fand bald, daß alles seine Richtigkeit hatte. Wenige Tage darauf wurde dre Verlobung, und ein halbes Jrhr später die Hochzeit gefeiert. Daß wir auch dabei waren, ist selbstverständlich. Ick mochte damals ein Glas Wein über den Durst getrunken haben und durch ein unbedacht^ Wort von mir har Götz Hochhausen bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal erfahren, was für einen Zweck der Besuch meines Vaters damals in Oberzell hatte. Als dann Götz Hochhausen meinem Vater seine Zugeknöpftheit vorhielt und ihm darüber Borwürfe Niachte, daß er mit keinem Sterbenswörtchen etwas über die eigentliche Ursache seines Besuchs gejagt hätte, erwiderte meiu Vater: „Ich hätte mich gerne verwandtschaftlich durch unsere Kinder mtt Deiner Familie verbunden, aber der Schidduch ist besser für Dich, soweit Mensche«?- sehen und urteilen können. Wann ich Dir. gsssagt hätte, daß ich Dir gern meinen Koppel für Deine Ettel geben möchte, so hättest Du bei unserer Freundschuft mir zu Liebe von dieser besseren Verbindung abgestanden. Das hatte ich nicht verantworten könne»." „Was sagt Ihr, Rab David, zu diesem Jaschrouns?" Der Angeredete schwieg einen Augenblick. Dann antwortete er mit bedächtigen Worten: „Die edlen Züge, die. ich hier von Euren Eltern gehört habe, reihen sich ebenbürtig denjenigen au, ie .ich Euch aus meiner Heimrt erzählen tonnte. Das Aischronus ist an kein Land und keinen Erdstrich gebunden, es findet sich überall, wo der Geist der Thora Me Herzen durchleuchtet und verklärt. Aber Ihr Bater, Herr Seligmann, ist für seine heldenhafte