Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 49 (10.12.1908)
- Date
- 1908-12-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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10 Dezember 1908. . Der Israelit. 9bc. 49. Seite 7. dem Art. 14 des St.-Gr.-G. v. 21. Dez. 1867, R.-G.-Bl. Nr. 142 als auch mit den Bestimmungen der Gewerbeordnung, wonach Jedermann berechtigt ist, die Märkte mit allen im Verkehre gestatteten Waren zu begehen, im Widerspruche steht und gegen denselben Beschwerde erhoben wird.. Die Antwort des Ministeriums steht noch aus. Ungarn. Her 5ionlsmus im ungarischen Parlament. (Von unserem Korrespondenten.) Budapest, 4. Dez. Der Haß ist erfinderisch. Die Wahrheit dieses Satzes beweist das Vorgehen eines Mitgliedes der antisemitisch gesinnten Volkspartei. In einer der letzten Sitzungen des Parlaments nämlich suchte ein Mitglied dieser Partei die Tatsache, daß der Zionismus auch in Ungarn einige Hundert Anhänger hat, gegen den Patriotismus der ungarischen Judenheit auszubeuten. Daß die zionistische Gesinnung mit der äußersten patriotischen Gesinnung in keiner Weise kollidiert, weiß jeder, der sich nur einmal die Mühe gemacht hat, zionistische Programmschristen zu lesen. Je ferner wir selbst und mit uns 99% der ungarischen Judenheit dem Zionismus stehen, desto lauter müssen wir gegen die Verläumduug protestieren, als sei das zionistische Bekenntnis Ausdruck einer unpatriotischen Gesinnung. Daß der'Zionismus überdies in Ungarn äußerst wenige Anhänger hat, daß sowohl die Orthodoxen wie aut) die Neologen ihm -abhold sind, hindert die Volkspartei nicht daran, die ungarische Judenheit des Vaterlandsverrats zu bezichtigen. Die Hauptfrage ist und bleibt, ob.man auch das ungarische Parlament auf das geistige Niveau des österreichischen Neichsrates herunterzerren will, wo eine Judendebatte zum guten Ton und zum täglichen Amüsement gehört. Leider sind viele Anzeichen dafür vorhanden, daß das ungarische Parlament gar bald ein würdiges Seitenstück zum Wiener Reichsrat abgeben wiro. Rußland. Petersburg, 30. Nov. Am 22. Nov. hat der Stadthauptmann, Generalmajor Dratschewski, die Pristaws der einzelnen Stadtteile aufgefordert, ungesäumt Maßnahmen zu ergreifen, daß 1. die Bücher über die Juden genau geführt werden und in jedem Falle angegeben wird, auf Grund welcher Bestimmungen der betreffende Jude das Aufenthaltsrecht in Petersburg genießt- 2. daß streng darauf geachtet werde, daß Juden, denen voriibergehend der Aufenthalt in der Residenz gestattet worden ist, nicht über den festgesetzten Termin hinaus in der Residenz verbleiben; 3. daß sofort dem Handwerkeramte über diejenigen Juden Bericht erstattet werde, die hier als Handwerker verzeichnet find, aber kein Handwerk ausüben, damit diese Juden aus dem Verzeichnis der Handwerker gestrichen werden und 4. strengstens darauf zu achten, daß Juden unangemeldet nicht in Petersburg leben. Diese Verfügungen bedeuten natürlich wieder für eine ganze Anzahl von Juden die Ausweisung, da es kein Geheimnis ist, daß Juden, die als Techniker usw. praktisch gearbeitet haben, und nun in Petersburg eine Hochschule zu ihrer weiteren Ausbildung besuchen, und ähnliche, als Handwerker anaemeldet sind, weit sie sonst kein Wohnrecht in Petersburg hätten. Auch alle diejenigen, die in halb handwerksmäßigen, halb kaufmännischen Berufen tätig find, dürften jetzt der Ausweisung verfallen. Die Regierung beabsichtigt anscheinend, überhaupt ihre bisher den Juden gegenüber geübte „Milde" fallen zu lassen und.ein strenges Regiment einzuführen. Der jüdische Dumaabgeordnete Niffelowitsch, der es bei verschiedenen Gelegenheiten wagte, bei der Regierung zugunsten der Juden vorstellig zu. werden, hat jetzt vom Ministerium des Inneren eine, sehr unzweideutige Mitteilung erhalten, daß er nämlich fernerhin sich nur in solchen Angelegenheiten an das Ministerium wenden möge, die einen prinzipiellen Charakter haben, daß er es aber unterlassen solle, mit Angelegenheiten, die einzelne Personen betreffen, das Ministerium zu bemühen. Warschau, 1. Dezember. Die aus Petersburg eingetroffene Nachricht, daß die Frage der Einführung der städifchen Selbstverwaltung im Königreiche Polen von der Regierung ausgearbeitet und der Duma vorgelegt werden soll, hat wiet er die Frage der Beteiligung der Juden an den Selbstverwaltungsorganen auf die Tagesordnung gestellt und wird von verschiedenen politischen Gruppen auf verschiedene Art gelöst. Nach dem von Rechtsanwalt Suligowski im Jahre 1905 ausgearbeiteten Projekte der städischen Selbstverwaltung im Königreiche Polen haben alle Einwohner, welche Polnisch lesen und schreiben, das Recht, sich an den Wahlen in die städtischen Selbstverwaltung zu beteiligen Nach diesem Projekte besitzen also fremde Juden wie auch solche polnische Juden, die Polnisch weder lesen noch schre ben, kein Wahlrecht Dieses Projekt wird gegenwärtig von allen konservativen Parteien 'stark bestritten, es ist ihnen zu fortschrittlich und^ in seiner Behandlung der Judenfrage u radikal. Die gegenwärtige Stimmung aller onseroativen Parteien geht dahin, daß man Juden von der Selbstverwaltung vollständig ausschließeu soll. Die extrem klerikale Partei verlangt, daß man den Juden ganz einfach kein Stimmrecht verleihen soll, daß aber die höheren lokalen Behörden das Recht haben sollen, nach ihrem Gutdünken einige Juden in die Stadtduma mit beratender Stimme einzuladeu. Die weniger klerikale und politisch reifere „Partei der realen Politik" hat einen anderen Ausweg gefunden, der aber zu demselben Ziel führt. Sie schlägt vor, daß die Wahlen nicht nach Revieren, sondern nach Wahlkreisen stattfinden soll. Auf diese Weise wird man die Möglichkeit haben, immer eine christliche Majorität zu besitzen. Die Nationaldemokraten und andere Parteien haben sich über diese Frage noch nicht ausgesprochen. (Siehe Wochenrundschau). Helsingfors, 1. Dez. Seit kurzem erscheint in Viborg eine sinnländische Zeitung „Suomen Juntalainen" (Die finnischen Juden), welche die Forderungen der noch vielfach rechtlosen Juden in Finnland verfechten will. — Nach dem Programm wird die Zeitung Beiträge von hervorragenden jüdischen Wissenschaftlern und Schriftstellern enthalten und durch Uebersetzungen aus der jüdischen Literatur ihre Leser mit den geistigen Strömungen im jüdischen Volke bekannt machen. — Die Hauptaufgabe sehen die Herausgeber darin', die Vorurteile zu bekämpfen und zu zerstreuen, die dazu beigetragen haben, daß man den finnländischen Juden noch nicht dieselben Rechte eingeräumt hat, wie Andersgläubigen. Die angesehene, in schwedischer Sprache erscheinende „Helsingforstidning" begrüßt das neue Unternehmen mit großer Sympathie. Ob sich übrigens auf diesem Wege bei den hier obwaltenden Umständen noch etwas ausrichten läßt, ist doch sehr fraglich. Soeben kommt die Schreckenskunde, daß der Senat beschlossen hat, um die Aufhebung des unter Bobrikow erlassenen Verordnung, laut welcher das Schlachten noch jüdischem Ritus gestattet wurde, nachzusuchen. (Siehe Wochenrundschau). England. Londoner Brief. London, 6. Dezember. Das Scheitern der Unterrichtsbill hat in jüdischen Kreisen lebhafte Befriedigung hervorgerufen, da das Gesetz die jüdischen Religionsschulen ernstlich bedroht hätte und man nur mit schwerer Mühe eine Anzahl Amendements zur Abwendung der äußersten Konsequenzen durchgesetzt haben würde. Weniger befriedigend ist die Antwort des Unterstaatssekretärs für answärttge Angelegenheiten auf eine Interpellation, die der Abgeordnete Stuart Samuel vorige Woche in Betreff der Rumänischen Juden im Unterhaufe einbrachte. Mr. Samuel batte gefragt, ob im Falle einer europäischen Konferenz über die Balkan- Frage die Regierung geneigt sein würde, das Schicksal der Rumänischen Juden und die Verletzung des Berliner Vertrages durch Rumänien zur Sprache zu bringen. Der Unterstaatssekretär antwortete recht kühl, der Gegenstalld liege außerhalb des Zweckes der Konferenz. Das wiÄ vielleicht richtig sein, ist aber ein schwacher Trost für unsere unglücklichen Brüder in Rumänien, deren Lage sich durch die im abgelousenen Jahre in Kraft getretenen Agrar-Gesetzgebung wesentlich verschlimmert hat. Der Bericht der „Analo Jewish Association", der gerade jetzt erscheint, enthält in dieser Beziehung sehr bestimmte Angaben. Es sei unmöglich, so heißt es dort, die lange Reihe von Willkürakten gegen die Juden aufzuzählen, die darauf hinausgehen, diesen jede Möglichkeit eines anständigen Lebensunterhaltes abzufchneiden. Während der letzten Session des Rumänischen Parlaments fei kein einziger Jude naturalisiert worden und der einzige dahin gehende Antrag, der kurz vor Schluß der Sommer-Session in der Kammer eiugebracht wurde, ward von dieser unter Hohn und Gelächter verworfen. Der Jahresbericht des „Board of Deputies" beschäftigt sich ebenfalls mir den rumänischen Juden und enthält auch eine Reihe anderer interessanter. Mitteilungen. Große Schwierigkeiten bereiten dem Board die verschiedenen polnischen Rabbinen mit ihren improvisierten Ehescheidungen im East-End. Doch wird es dem Board allmählich gelingen, im Verein mit der Justiz-Behörde den Mißständen auf diesem Gebiete Einhalt zu tun. Der Board hat sich weiter mit der Verteidigung der Schechita, der Milderung der durch die Alien-Bill entstehenden Schwierigkeiten für die Einwandererer und mit der Bekämpfun g des internationalen Mädchenhandels befaßt. Qaxvemavk. Kopenhagen, 20. Nov. Im Verlaufe der letzten Jahre hat sich eine verhältnismäßig große Zahl russischer Flüchtlinge in Kopenhagen niedergelassen und daselbst ein neues Ghetto geschaffen. Woche um Woche kamen die russischen Juden zu Hunderten in das Land, die meisten besetzten die ärmsten Teile der Hauptstadt. Die Behörden sind allezeit wohlwollend und tolerant gegen die Einwanderer, doch sind ihnen die hiesigen Lebensverhältniffe nichts weniger als günstig, für die Emigranten, sodaß sie in den meisten Fällen weiter wandern müssen. Die Ueberfüllung dieses neuen Ghettos, welches von mehreren Tausend Juden bewohnt wird, hat bereits die öffentliche Aufmerkamkeit aus sich gelenkt, sodaß die Stadtbehörden den vielen stürmischen Protesten nachgeben mußten und nun den Beschluß faßten, das Ghettoviertel vollständig zu demolieren und an dessen Stelle neue moderne Straßen anzulegen. Nur wenige der Einwanderer werden die neuen Straßen übernehmen, die meisten sehen sich jetzt schon aus Mangel an Erwerbsmöglichkeiten gezwungen wieder zum Wanderstab zu greifen und ein neues Ghetto zu suchen. Rumänien. Her £iö more juöaico. Bukarest, 30. Nov. Endlich fjdbm aud) die rumänischen Juden einmal einen Sieg errungen! Der barbarische Eidschwur more judaico („nach jüdischer Sitte" genannt, weil er mir jüdischer Sitte nichts zu tun hat!) wurde am 24. November durch Spruch des Hohen Kaffationshofes abgeschafft. Rabbiner Dr. I. Niemirower in Jassy weigerte sich zuerst, einen solchen Schwur more