Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 49 (10.12.1908)
- Date
- 1908-12-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«rite 4 10. Dezember 1908 Der J-raellt Nr.' 49 Sache tragen, die eine ernste Auseinandersetzung erheischt. Allein das Urteil über die Handlungsweise der jüdischen „Helden" kann dadurch nicht im mindesten beeinflußt und gemildert werden. Unsere Nationalhelden, auf die sich die jungen Herren so gerne berufen, haben für das Judentum gekämpft, weil sie zur jüdischen Fahne geschworen und keinen Treubruch an der jüdischen Lehre begehen wollten. Die Makkabäer haben zur Waffe gegriffen — nicht weil man sie aus der gemeinsamen Garküche hinaus wies, sondern als man sie zur reich gedeckten griechischen Tafel, als man sic zum Genuß verboten er Speisen zwingen wollte! Wenn die „ausgesperrten" modernen Makkabäer sich nun, durch die Ereignisse eines besseren belehrt, im Geiste des alten Makkabäertums auf die jüdische Lebensheiligüng besinne», wenn sie sich zur Errichtung eines jüdischakademischen Speisehauses zusammenscharen wollten — dann sollten wir den Deutsch-Nationalen für diese Sektion eine aufrichtig gemeinte Dankadresse widmen. Neue Gefahren in Rußland Dem Juden gebietet sein Gesetz, dem Fremden, der in seinem Land Zuflucht sucht, ja dem entlaufenen fremden Knechte, volles Recht zu gewähren. Solange aber diese göttliche Forderung noch nicht Gemeingut aller Menschen ist, muß es gerade der Jude immer und immer wieder erleben, daß selbst unterjochte Völker, die das Schicksal der Juden unter einem fremden, unduldsamen Regime zu teilen hatten oder noch haben, weit davon entfernt sind, die errungenen spärlichen Rechte auch den milleidenden Juden in ihrer Mitte zu gönnen. Die Polen in Rußland sollen nun nach harten Kämpfen, an denen sich natürlich die „Polen mosaischer Konfession" wacker beteiligt hatten, eine Selbstverwaltung erhalten. Noch ist das Gesetz in seinen Einzelbestin.mungen nicht festgelegt und soll erst Gegenstand einer eingehenden Beratung in der Duma sein. Aber schon stehr es fest, daß die Juden, die 1b °iu der Bevölkerung ausmachen, sowohl aus der städtischen, wie aus der ländlichen Selbstverwaltung gänzlich ausgeschlossen sein werden. Dafür haben die edlen Polen im Einvernehmen mit den „liberalen" Oktobristen, wie aus einem offenen Schreiben des Führers der letztgenannten Partei, Gutschkow, in der „Novoie Wrenja" hervorgeht, bereits gesorgt. Noch weit schlimmer fleht aber die Sache in Finnland, das, seitdem es von den Fesseln der absoluten Russenherrschaft sich befreit fühlt, das einzige Streben hat, mit seinen Wünschen, Vorschlägen und Gesetzen das Mutterland inbezug auf die Judenverfolgung in den Schatten zu stellen. Die Juden Finnlands, die auf die Befreiung ihres Heimatlandes die rosigsten Hoffnungen gesetzt hatten, haben allen Grund, sich nach den Zeiten Bobrikows, dieses vielverschrieenen russischen Tyrannen, des Schreckens der Finnen, zurückzusehnen. Die treueste Tat des Senates des „freien" Finnenvolkes war, wie die letzten Berichte aus Helsingfors melden, eine Eingabe an die Zentralregierung in Petersburg, das von Bobrikow am 13. Aug. 1903 erlassene Gesetz, welches das Schächterverfahren der Juden als eine von der Religion vorgeschriebene und 'darum unanfechtbare Handlung bezeichnet, aufzuheben und ein gänzliches Schächtverbot für ganz Finnland einzuführen. Es ist nicht einzusehen, warunr man in Petersburg, wo man täglich Judenschlächter begnadigt, nicht dem Gesuche stattgeben und sich nicht auch einmal des lieben Viehs auf Kosten der Juden gnadenvoll annehmen soll. Damit ist aber auch schon angedeutet, welche Gefahren dieser Antrag, falls er zum Gesetze wird, für die Juden des ganzen Zarenreiches in sich birgt! Man darf daher hoffen, daß die leitenden jüdischen Kreise in Rußland die Angelegenheit zu der ihrigen machen und sich mit aller Energie zllr Wehr setzen. Die weitgehendste Unterstützung aller Glaubensgenossen in der ganzen Diaspora, denen die Sache gewiß auch nicht gleichgiltig sein kann, und speziell in Deutschland und England, wo man sich leider bereits eine kleine Routine in diesem unseligen Kampfe erworben hat, durfte ihnen sicher sein. vie ».äogmatirche kinbeit" 4er «ngarirche« I«4e«heit. Bon Rabbiner Ph. Fischer in Devavsnja. (Schluß). Im Jahre 1855 veröffentlichte Leopold Löw, der Stolz der ungarischen Neologie, sein Buch nnLvn Praktische Einleitung in die h. Schrift re. In diesem Buche § 33 wird die mrn min einfach zu einem Schriftwerke Mosis degradiert (vgl. Jeschurun II, S. 326 u. f.). In § 121, wie auch an anderen Stellen, wird die Göttlichkeit der Tradition geleugnet. (Vgl. w. o. — Siehe hierüber auch Jeschurun V, 160—164.) -- Im Jahre 1869 verkündete der heutige neologe „Oberrabbiner" in Budapest, Dr. S. Kohn, seiner andächtigen Zuhörerschaft im neologen Haupttempel in Pest: „Nicht versteinerte Gewohnheiten und nicht erstarrte alte Aeußerlichkeiten bilden die Religion Israels re." — „Jhtr die Grundideen, seine alten Wahrheiten hat es (das Judentum) bis zum heutigen Tage mit unerschütterlicher Treue bewahrt." — „Unsere Religion ist 2c. die Religion des ewigen Fortschrittes und damit zugleich die der fortwährenden Umgestaltungen." (Dr. S. Kohn, Synagogale Reden, I., 1875 S. 4 u. 5.) — Im Jahre 1876 gibt Dr., Ignatz Goldzieher ein Buch „Der Mythos bei den Hebräern" heraus. Dieses Buch ist eine Perle der der sogenannten Astral-Mythe huldigenden bibelkritifchen Richtung. Gemäß diesem Buche bestehen die Erzählungen der heiligen Schrift teils aus ganzen und teils aus halben Mythen ec. re. Der jüdische Gottesbegriff stammt aus Phönizien und hat eine ganze große Evolution durchzumachen gehabt, bis er sich zum reinen Gottesbegriff der Propheten abklärte. Die „Sagen" der Weltschöpsung und der Sintflut sind babylonischen Ursprunges. Die Thora wurde großenteils im oder nach dem babylonischen Exile, jedenfalls aber unter babylon schem Einfluß geschrieben. Und diesen Mann hat die sich „israelittsch" > ennende neologe Gemeinde in Pest, die größte des Landes, mit der Abhaltung von religiösmoralischen Vorlesungen für die jüdischen Universitätshörer beauftragt. Und dieser Mann hat auch in seinen in den amtlichen Lokalitäten und im Aufträge der Pester neologen Gemeinde abgehattenen Vorlesungen voll und ganzseine in „Der Mythos bei den Hebräern" ausgesprochenen Anschauungen vertreten. Und keine Stimme hatte sich in neologen Kreisen gegen dieses Vorgehen Goldziehers und der Pester neologen Gemeindeverwaltung erhoben. Ja, noch mehr. Diese Vorlesungen, in deren Rahmen solche Anschauungen über die Entstehung der heiligen Schrift und die Religion Israels entwickelt wurden, wurdeü in dem, von einem Seminarprofessor Dr. Blau herausgegebenen offiziellen Monatsblatte des Pester „Rabbiner"- seminars, im „Magyar Zsidö Szemle" wörtlich abgedruckt, ohne daß die Redaktion sich veranlaßt gesehen hätte, diesen Ausführungen irgendeine Vorbemerkung anzufügen. (Vgl. Jakob Gabel, Die Gewissensfreiheit und die Organisation der ungarländischen Juden, S. 27.) Und dieser Mann, dieser fanatische Bekenner der von Weühauseu gestifteten Religion Israels, doziert schon seit langen Jahren Religionsphilosophie, nicht etwa in einem Geistlichenseminar für — freireligiöse Gemeinden, sondern in der sogenannten Radbinerschule in Pest. Damit aber die waghalsige Rabulistik der Herren von der neologen Landeskanzlei nicht die Vater hielt sich verpflichtet, jedem zu sagen, daß ich einmal als elftähritzer Knabe zwei Kopeken gestohlen hätte, damit sie mit ihrem künftigen Schwiegersohn nicht getäuscht würden! Das ist ein Zug aus dem Jaschronus meines Vaters." Mit aufmerksamer Spannung hatten alle dieser Erzählung gelauscht-; bis. der Wirt nach einigen Minuten das schweigen brach und meinte, eine solche selbstlose Redlichkeit dürfte wohl einzig dastehen und sich kaum bei uns zum zweiten male finden. Diese Züge seltener Ehrlichkeit in Wort und Tat seien eine anmittelbare Folge des hingehenden Thorästndinms, das im Osten eifriger gepflegt werde, als bei uns in Deutschland. .Es sei beim bestell Willen nicht möglich redlich und ehrlich zu handeln, wenn man die gesetzliche Anfordkktzngen nicht kenne, die unsere Thora für unser Reden und Handeln vorschreibt. Nur Thora führt zur Achtsamkeit wie Rabbi-Pinchas ben Jan im.Talmud lehrt; und das fehlt uns. Itzig Hochhausen töollte es nicht .uneingeschränkt gellen lassen. Gewiß, sei die Thora der Quell, aus welchem allein die goldlauteren Charaktereigenschaften fließen. Aber er glaube, daß diese peinliche Gewissenhaftigkeit auch in Rußland und Polen nur vereiryelt dastehe. Und solche vereinzelte Fälle von Jaschronus seien auch bei uns in Deutschland Veranden. Ich will nicht von unserem Parnas sprechet!, enn er weiß nichts von seiner Biederkeit und Rechtlichkeit. Er würde mich für einen Schmeichler und Aufschneider erklären, wenn ich ihn als leuchtendes Vorbild des höchsten Jaschronus hinstellen wollte. Sieh' inich nur nicht so fnchswilo an, Koppel, ich werde ja nicht von dir sprechen. Wer von deinen Eltern einen ähnlichen Zug zu erzählen, das kannst du mir nicht verwehren. Für dich kannst du bescheiden sein. aber nicht für deinen Vater und Deine Mutter, der Friede ruhe über ihnen. „Ter Koppel und ich," fuhr, er gegen den sreinden Gast gewandt fort, „sind nicht miteinander verwandt. Aber beinahe wären wir es einmal geworden und wieso sich das zerschlagen hat,, das muß ick Euch einmal erzählen. 'Ick stamine ans demselben Ort, aus Tiesenvrunn, wie unser Parnas. Unsere Pät-r waren Kippa-Chawerim (Geschästs-Compognons-, mehr als 2ö Jahre lang. Das Verhältnis, das zwischen beiden Assocres gewaltet hat, oas mutet einem heutzutage wie ein Märchen aus uralten Jetten an. Jever von ihnen war ans das Interesse des andern so bedacht wie auf das eigene. Brüder können nicht aufrichtiger, selbstloser und hingebender niit einander verkehren als es unsere Väter taten. Wenn sie alljährlich kurz vor Schluß des bürgerlichen Jahres an den christlichen Feiertagen, an welchen das Geschäft ruhte, Abrechnung hielten, waren, alle Differenzen derart, daß der eine' behauptete, ein strittiger Posten gehöre dem andern. Konnten sie sich nicht einigen, so setzten sie den Betrag aus ihr gemeinsames Maßer-Könto und er siel den Armen zu. Das hielt sie aber nicht ab, vor Schluß des jüdischen Jahres, an jedem Eref Rosch Haschono sich gegenseitig um Verzeihung zu bitten, wenn einer den andern im Lause des Jahres verkürzt haben oder chm sonst zu nahe getreten sein sollte. Jst's nicht wahr, Koppel?" „Mehr als wahr," bestätigte dieser. „Ich erinnere mich da eines Falles, der dir vielleicht selber nicht bekannt ist. Es ist schon lange her, ich war noch nicht Bar-Mizwo, da verließ mein Vater an Eres Rosch Haschono nach dem Schachris-Gebet seinen Ständer, ging zu deinem Vater hin und bat ihn, er möge ihm alles mauchel sein, was er chm im scheidenden Jahre Unrechtes getan Hab. Tein Vater, der immer voller Schnurren und Spässe war, die ibn selbst an Eres Rosch Haschono nicht verließen, setzte seine ernsteste Miene auf, sah meinein Vater einige Sekunden lang in die Augen und sagte ganz feierlich: ° „Diesmal ist es unnröglich, was du mir dieses Jahr getan hast, kann ich dir nicht mauchel kein, nicht in dieser und in der andern Welt." Mein Vater wurde kreidebleich vor Schreck. „Morgen ist Rosch Haschono und du kannst mir nicht mauchel sein? Was ist das? Willst du mir nicht wenigstens sagen, was ich dir getan habe? Vielleicht kann ich's lvieder gut machen." . „Sagen kann ich> dir's auch nicht," erwiderte dein Vater, „es ist am besten, wir schweigen dazu und lassen Gras darüber wachsen." (Schluß folgt.) (Irren ist menschlich^ Im „Deutschen Volksblatt ' vom 27. November war folgendes zu lesen: „Unverschämte Judenbuben. Aus der Mariahrlferstraße gab es gestern abends eine szene, die die Wahrheit des Wortes: „Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen" dokumentierte. Zwei katholische Geistliche, die mit der bosnischen Deputation nach Wien gekommen waren, um dem Kaiser zu huldigen, gingen in der Abendstunde durch die genannte Straße, um sich die in den dortigen Auslagen befindlichen Kostbarkeiten zu besehen. Tie fremdartigen Kleider urrd die Bärte der Priester mußten zwei Bube» im Alter von ungefähr 12 Jahren mit. ausgesprochen semitischen Gesichtern gereizt haöen. Sie schlichen den Geistlichen nach und zerrissen größere Papierbogen in ganz kleine Fetzen, die sie zusammenbrllten. In der Nähe des Geschäftes der Firma Herzmansky warfen die unverschämten Bengels plötzlich von rückwärts