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Der Israelit · 1908-12-10 · Heft 49 (10.12.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 49 (10.12.1908)
Date
1908-12-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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wsp W^MHMSWF!? ■w" ■y"*.’'*r''«sT*r" 10. Dez«nber 1908 Der JSraeltt. Seite 3 No. 49 -ocheurunöscha«. Vas neologe Parteiregiment in Baden. Der verbohrte Parteifanatismus der badischen Oberratsneologie läßt auch das Unmöglichste Ereignis werden. Was wir Ende Oktober als kaum glaublich bezeichnet, als eine schallende Ohrfeige ins Gesicht der badischen Juden signalisiert hatten — der badische Oberrat hat's in der Tat fertig gebracht: durch Ministerialentschließung vom 21. November ist neben dem gesetzestreuen Herrn Universitätsprosesior Dr. Löwy in Freiburg, zur Paralysieruna des orthodoxen Einstusies, der berühmte Rechtsanwalt Dr. Theodor Kaufmann in Heidelberg, ein neologer Heißsporn ersten Ranges, zum Mitglied des badischen Oberrats ernannt worden! Man bedenke, was das bedeuten will! Nahezu siebzig Prozent der badischen Wähler hatten bei den letzten Synodalwahlen den Stab über die unjüdischen und. assimilatorischen Tendenzen des oberrätlichen Regimes gebrochen.- Die von dieser Volksmehrheit Erwählten bauten — mit Recht oder Unrecht — dem Oberrat, in Würdigung seiner sozialen Verdienste, goldene Brücken, die ihm, ja selbst seinem politisch aufs schwerste kompromittierten Spiritus rvotor, gestatteten, einen ehrenvollen Rückzug anzutreten und damit auf der Höhe der Macht zu verharren. So blieb denn der Oberrat, auch nachdem e i n Mitglied, Geh. Rat Rosin, ausgeschieden, ein waschecht neologes Gremium, in dem die Mehrheit der badischen Wähler überhaupt unvertreten war. Man brauchte wahrlich kein allzugroßes Vertrauen in die Objektivität des Herrn Geheimrat Dr. Mayer zu setzen, um anzunehmen, daß er unter diesen Umständen die Zuwahl eines orthodoxen Mitgliedes, also die vrux eines Neuntels orthodoxer „Unbildung und Unverträglichkeit" im Oberrat, schon aus Dank für das Wohlwollen der Synodalmehrheit auch ohne „neologes Aequivalent" mit einem herzhaften Entschluß hinunterschlucken würde. Weit gefehlt! Schleunigst muß im Handumdrehen die Zahl der Oberratsmitglieder durch Ministerialentschließung aus zehn erhöht, und damit, die Gesetzestreuen nicht übermütig werden, zu den acht Neologen ein neunter, und zwar ein echter Partei radikal er, ernannt worden! Das ist die Antwort des badischen Oberrats auf das Bolksgericht vom fünfzehnten März. Das ist die Einlösung der offiziösen Versprechungen, mit denen man das Wohlwollen der Synodalmehrhyit in vertraulichenPourparlers zu erlangen und ihre Kritik abzustumpfen suchte. Das ist aber zugleich die vernichtendsteS elbstkritik des badischen Konsistorialsystems selbst, insofern jemand geglaubt haben sollte, daß die äußersten Uebertreibungen einer einseitigen Parteiherrschaft etwa durch die Aufsichtsorgane, durch Ministerialkommiffar oder Ministerium, eine Korrektur erfahren würden. Beide, Ministerialkommiffar und Ministerium, scheinen, trotz der Wahl vom März, den Oberrat noch immer als die unfehlbare und einzige Vertretung der badischen Judenheit anzusehen, ein Irrtum, zu dem das mehr als „loyale" Verhalten der Synode leider ein gerüttelt Maß beigetragen hat. Nimmermehr würde sich sonst die badische Regierung zu einem Akte von so krasser Partei- Engherzigkeit, wie ihn die Ernennung Dr. Kaufmanns im Augenblicke des erstmaligen Eintritts eines orthodoxen Mitgliedes bedeutet, hergegeben haben. Wenn die badischen Juden diese Ohrfeige hinnehmen, wenn sie ihre klar geäußerte Willensmeinung durch eine sich selbst ernennende Behörde in so eklatanter Weise verhöhnen und die Synode zum Gaudium des Oberrats ihren dreijährigen Dauerschlummer ruhig weiter führen lasten — dann haben sie die Behandlung, die ihnen der Oberrat angedeihen läßt, allerdings verdient. Wir glauben jedoch, daß dieser neueste Akt des neologen Uebermuts zur gegebenen Zeit aus der Mitte des badischen Volkes heraus einen lebhafteren Widerhall finden wird, als seinen Urhebern erwünscht ist. Mensa ficademica. „Kleine Ursachen große Wirkungen" sagte man sich bei Anlaß der Studentenkrawalle in Wien. Ein Ehrenhandel zwischen zwei akademischen Bürgern führte zu einem Nationalitätenkampfe, zu blutigen Zusammenstößen zwischen Deutschnationalen und „Jüdischnationalen". Diese Wirkung scheint indes den ersteren noch nicht groß genug. Sie sinnen auf Rache und nun haben sie, die zu allem Fähigen, zu einem terroristischen Mittel gegriffen, das, ihrer Berechnung nach, den satissaktionsunfähigen Juden auch jede sonstige akademische Existenzsähigkeit nehmen müßte, sie haben unter Androhung von Gewalttätigkeiten die Ausschließung der Juden aus der Mensa academica erzwungen. Die „Mensa academica" ist der yochklingende Name einer Speisewirtschaft für Studenten, in der ein gutes Mittag- und Abendessen zu billigen Preisen an Akademiker verabreicht wird. Man wäre versucht hell auszulacheen Ein guter Studentenwitz! Die Sperrung einer unter christlicher Leitung für Christen, besonders Slawen und Italiener gedachten Speisewirtschaft — wie sollte dies die Juden treffen, Juden die sich Nationale nennen und für die Ehre ihres Volkes zu kämpfen angeben? Aber es ist leider nicht zum Lachen. Die Sache ist im Gegenteil bitter ernst. Man wird von einem heftigen Schmerzgefühl gepackt, wenn man. in den Wiener Zeitungen, die heute die Sache mit der ernstesten Miene der Welt behandeln, liest, daß die Mensa, die, nebenbei bemerkt, zu 40 Przt. von Juden erhalten wird, nur zum geringen Teile von Deutschen, vornehmlich über von Juden etc. benutzt wird, sodaß durch die Sperrung dieser Anstalt 800 jüdischeStudenten hart betroffen werden. Im Vergleich zu dieser deprimierenden, allem jüdischen Fühlen hohnsprechenden Tatsache bedeuten die Exzesse der deutschnationalen Radaubrüder gegen Juden und Judentum wahrlich nicht viel. Die von blindem Parteihaß geleitete Denk- und Handlungsweise der letzteren verrät sogar einige Konsequenz. „Wer mein Tichgenosse ist muß auch mir gegenüber sattsfaktionssähig sein" würde ein Mensch mit normalem Verstände sagen; die auf den Kopf gestellte Logik der Deutschnattonalen lehrt aber: „Wer satisfaktionsunfähig ist, ist auch nicht fähig mein Tafelgenoffe zu sein, darum Juden raus." Wer aber gibt diesen Juden, die von der gemeinsamen Tafel erst gewaltsam entfernt werden müssen und diese Ausschließung als ein eminentes existenzvernichtendes Unglück empfinden, in aller Welt das Recht, als I u d e n aufzutreten, im Namen ihres Volkes zu kämpfen und mit der Gloria eines Martyriums umgeben, sich als jüdische Nationalhelden aufzuspielen? Brauchen sie sich über die Mißachtung ihrer christlichen Kollegen zu wundern und zu beklagen, wenn sie erst feige die Satzungen ihrer Religion verlassen, um ebenso feige sich an ftemde Tafeln heran zu schleichen und nun gar den traurigen Mut bekunden, für die „nationale Ehre" des von ihnen mit Füßen getretenen Judentums zu kämpfen? Es mag sein, daß die Gemeindeorgane in Wien, die nicht für ähnliche rituelle Berpflegungsanstalten sorgen, ein gut Teil der Schuld an der deS der Angn vor Esau, dem zweifelhaften Bruder der von außen verzieht, wird auch Hand in Hand die Befreiung von dem gehen, von dem bangen Gefühl qer Scham und des Schmerzes ob des Bruders, der ein Esau ist. teines Feuilleton. Iascdroaus. Bon JudäirS. (Fortsetzung.) Als eben Neb David seine Erzählung beendet batte, kam Jtzig Hochhausen mit seiner Frau. „Ihr habt einen schönen Zug versäumt, den uns unser Orach ((hast) soeben von seinem Lehrer erzählt hat," sagte der Wirt zu den Eintretenden. Mer er ist uns noch eine Erzählung aus dem Leben seiner Eltern schuldig. Neb David trinkt erst ein Mas Wein, Ihr habt Euch gewiß ganz trocken gesprochen, und erzählt uns etwas von dem Jaschronns Eurer Eltern, damit unser Freund Jtzig auch etwas von unserer Unterhaltung profitiert. Der Gast nahm einen Schluck Wein und begann: „Ich galt in meiner Jugend für einen Jllui lein besonders begabtes Kind). Als ich vielleicht neun Jahre alt war. sah ich, wie mein Vater sich ein Glas Zuckerwasser zurecht machte und dann die Stube verließ. Ich -trank das Glas aus und füllte cs wieder mit gewöhnlichen! Wasf«. Als es dann mein Vater trinken wollte, fragte er mich, wer das Wasser getrunken habe, was ach sofort bekannte. „Aber wie kommst du dazu mein Zuckerwasser auszutrinkeu?" „Wie konnte ich wissen, daß, es Zuckerwasser ist? Es hat wie gewöhnliches Wasser ausgesehen." „Hast du denn nicht geschmeckt, daß es süß war?" „Doch; aber wir haben ja in Mischte gelernt, daß gestohlenes Wasser süß schmeckt, so habe ich mich an den» süßen Geschmack nicht Zweiter gestoßen." Mein Vater — das Andenken des Gerechten sei zum Segen — mußte unwillkürlich über diesen Einsäll lächeln; aber der Zug von Unredlichkeit, der darin lag, mißfiel ihm; und er konnte ihn nicht vergessen. Als ich zehn Jahre alt war, hatten wir zu Purim eine gebratene Gans, mit der ich unglücklicherweiseinige Minuten allein im Zimmer war. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und aß, einen Fuß davon. Als dann die Gans mit ihrem einen Fuß aus den Tisch kam, wußten alle, wem der andere zum Opfer gefallen »var. „Wo ist der eine Fuß hingekommen?" fragte mich streng der Vater. „Sie hat nur einen gehabt," erwiderte ich keck. „Was sagst du da, eine Gans mit nur einem Fuß? Wo gibt es denn in der Welt Gänse mit einem Fuß?" „Ich habe schon oft solche gesehen," erwiderte ich dreist. „Gut," sagte der Vater; „ich lasse dir eine Woche Zeit, wenn idu mir bis dahin eine lebende Gans mit einem Fuße zeigst, so sollst du keine Strafe bekommen. im andern Falle aber trägt sie Zinsen." „Einige Tage später ging ich mit meinen Vater vor Lws Dorf und wir trafen aus einer Wiese einen Rudel Gänse, von welchen eine auf einem Beine stand. Siegesbewußt zeigte ick auf die Gans', die auch nur einen Fuß hatte. „Scytl" ries der Vater der Gans zu, da ließ sie den in die Höhe gezogenen zweiten Fuß aus die Erde finken und lief davon. „Siehst du, daß sie zwei Füße hat?" „Ja," erwiderte ick, „aber erst nachdem du Schi! gerufen hast. Hättest du das rn Purim auch so mit unserer Gans gemacht, so wäre der zweite Fuß gewiß auch zum Vorschein gekommen." Wieder lachte der Vater, aber eine Strafe setzte es dock ab, wenn sie auch infolge meiner Schlagfertigkeit milde ausfiel. — Etwa ein Jahr später schickte mich mein Vater uni Tee und Drbak zu holen und gab mir einen Rubel mit. Beim Wechseln irrte sich der Kaufmamr und gab mir zwei Kopeken zu viel. Ich hatte den Irrtum sofort bemerkt und steckte die zwei Kopeken in die Tasche. Mein Vater hatte aber vom Fenster aus die Veruntreuung gemerkt und nun kannte sein Untvillen keine Grenzen mehr. Es war das kurz vor Tischo be Ab. er sprach nichts 'mehr mit mir, er. verhörte mich auch nacht mehr, er ignorierte mich vollständig bis Eres Jom Kippur. Da redete er mir ins Gewissen mit solchem Ernst und unter so heißen Tränen, die er daber vergoß, daß sie jeden Zug von Unredlichkeit bei mir auslöschten und ich diese kindliche Unart für alle Zeit abgelegt hatte. Mein Vater sagte mir, daß Gott am Jom Kippur nicht verzeihe, wenn wir nicht auch unsererseits gegen unsere fehlenden Mitmenschen Verzeihung üben. Deshalb müsse er mir verzeihen, und er verzeihe mir auch von ganzen Herzen, aber vergessen könne er niemals was ich da getan habe. Und er. bat es nie vergessen. Ich habe mich sehr früh verlobt, ich war ftrum siebzehn Jahre alt. Reiche Leute, die von meiner g iftigen Begabung gehört hatten, wollten mich für ihre Töchter freien. Aber mein

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