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Der Israelit · 1908-12-03 · Heft 48 (3.12.1908) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 48 (3.12.1908)
Date
1908-12-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 48 Propaganda, unter dem auch anderwärts bekannten Motto : „Kauft nicht bei Juden!" mit dem Zweck, überall eigene, d. h. „echt-russische" Geschäfte zu gründen, und die Juden ihrer wirtschaftlichen Existenzmöglichkeit zu berauben. Trotz dieser lebhaften Bemühungen gelingt es den russischen Patrioten sehr oft nicht, ihren Plan durchzuführen und zwar aus einem überaus charakteristischen Grunde, wie folgende kleine Geschichte zeigt: Es existiert im Gouvernement Wolhynien ein altes Kloster Potschajew, das von den frommen Russen sehr zahlreich besucht wird. In der Nähe dieses Klosters befindet sich ein kleines Städtchen, hauptsächlich von Juden bewohnt, die größtenteils kleine Händler und Krämer sind. Das ganze Städtchen lebt naturgemäß im wesentlichen von den frommen Wallfahrern und von den Mönchen, die im Kloster leben bezw. dorthin kommen und in dem Städtchen ihre Einkäufe machen. Die echt-russischen Leute beschlossen nun, auch in diesem Städtchen ' ein eigenes Geschäft zu gründen. Nach großer Mühe hatte man sich endlich durch Vermittlung der Porschajewer Mönche und besonders des berüchtigten Paters Jliodor Kredit verschafft, hatte Waren gekauft, und alles vorbereitet um das Geschäft zu eröffnen. Nun aber zeigte sich eine merkwürdige große Schwierigkeit. Man konnte nämlich unter den so zahlreichen Verbändlern keinen einzigen finden, der soviel Vertrauen genoß, daß man ihm die Leitung des Geschäftes hätte übergeben mögen. In dieser großen Verlegenheit wandte man sich an den Hauptrat der Verbandes nach Petersburg, an Dr. Dubrowin mit dem Ersuchen, eine geeignete Persönlichkeit für diesen Posten nach Potschajew zu entsenden. Der große Dubrowin sandte seinen Vertrauensmann. Doch nun kommt das beste. Auch zu dem allmächtigen Herrn Dubrowin hatte man nicht das rechte Vertrauen. Herr Dubrowin ist nämlich immer noch die Abrechnung über gewiffe von ihm verwaltete Gelder schuldig geblieben und hat sich trotz aller recht deutlichen Aufforderungen bisher nicht dazu bequemen können, sie nachzuliefern. So muffen also die frommen Mönche von Potschajew sich noch immer von den jüdischen Händlern bedienen laffen. Wie umfaffend muß aber die korrumpierende Wirkung der Juden in Rußland sein, wenn sich sogar unter den Hunderttausenden voll Verbändlern kein einziger ehrlicher Mensch findet, dem man die Leitung eines Geschäftes anvertrauen möchte! Warschau, 30. Nov. Der polnische Chauvinismus treibt immer neue Blüten, und da er den Mächtigen gegenüber wenig Erfolg erziett, so wendet er sich gegen die Schwächeren, die Wehrlosen. Die beträchtliche Kluft zwischen den Juden und den Polen wird immer größer. Man hat sehr lange gesonderte Wohltättgkeitsvereine und -anstalten, gesonderte Krankenhäuser, in letzter Zeit — wie bekannt — gesonderte Schulen, und soweit wäre alles in verhältnismäßiger Ordnung. Aber die polnische Presse ist damit nicht zufrieden. Die gleichen Rechte für Polen und Juden erscheinen ihnen als ungerechte Bevorzugung der jüdischen Interessen gegenüber den polnischen. Eine verbreitete Tageszeitung, der „Goniec", brachte letzter Tage einen Arttkel, betitelt „Für polnisches Geld" in dem die Notwendigkeit jüdischer Spar- und Leihkaffen damit begründet wird, daß die Juden, im Gegensatz zu den Christen, ihre Ersparnisse nicht in die gemischten Leih- und Sparkassen anlegen, sondern sie weiter im Handel verwenden. Auf diese Weise genießen sie alle Vorteile des Kleinkredits auf Kosten des christlichen Geldes, häufig zu Ungunsten der christlichen Bevölkerung. Solche und ähnliche Artikel bekommen die polnischen Juden täglich aufgetischt, ja, man geht auch hier schon so weit und fordert von der polnischen Bevölkerung — als eine patriottsche Tat — den Boykott jüdischer Geschäfte. Weihnachten steht bor der Tüt, und so heißt es in Der Israelit. manchen Leitartikeln: „Lieber gar keine Geschenke für die Kinder, als solche aus jüdischen Geschäften!" Die gleichen Blätter werden aber nicht müde, vom unterjochten polnischen Volke zu sprechen, für welches sie die Sympathien der ganzen zivilisierten Welt glauben beanspruchen zu dürfen. England. London, 30. Nov. Im englischen Unterhause kam vorige Woche eine interessante Frage zur. Sprache. Abgeordneter Mr. Hunt richtete an den Präsidenten der Kommission für Lokalverwaltung die Anftage, ob es ihm bekannt sei, daß Tausende von importierten geschlachteten Tieren, die von den Behörden der jüdischen Gemeinde wegen verschiedener Krankheitssymptome für den Genuß verboten wurden, dennoch in Verkehr gebracht und an Christen verkauft werden. Der Interpellant fragt nun, ob die kompetenten Behörden die Absicht haben, dieser für die sanitären Zustände der Hauptstadt Englands wichtigen Frage ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden? In seiner Antwort gibt nun Mr. Burns zu, daß jüdische Fleischbeschauer (gemeint sind die Schächter, die nach Vorschrift die Lunge untersuchen) in zahlreichen Fällen importiertes Fleisch zurückgewiesen haben und daß dieses Fleisch dann tatsächlich zum Verkaufe gelangt ist. Die Zurückweisung durch den jüdischen Fleifchbeschauer meint Mr. Burns, ist noch kein Beweis dafür, daß das Fleisch sich nicht als Nahrung für Menschen eigne. Die jüdischen Fleifchbeschauer stellen eben an die Genießbarkeit des Fleisches viel strengere Bedingungen, als selbst die strengsten Hygieniker. Türkei. Konftantinopel, 10. Nov. Ueber die Ausschreitungen gegen die Juden in Bagdad treffen jetzt hier nähere Berichte ein. Am Samstag, den i'4. Oktober fand sich eine bunte Volksmenge von etwa 50 000 Köpfen am Stadttore ein, um einigen aus der Verbannung zurückkehrenden jungtürkischen Führern einen ehrenvollen Empfang zu bereiten. Darob geriet die reaktionäre Partei, die hier immer noch in den mnselmänischen Kreisen starke Anhänger hat, in große Erregung, der sie durch einen Demonftratronszug kräftigen Ausdruck verleihen wollte. Die Bolkswut, die im Grunde gegen die Christen gerichtet war, bekamen wie immer und überall zunächst die Juden zu spüren. Sofort trat große Panik im Judenviertel ein. Sämtliche Läden wurden geschlossen und die Häuser von innen verbarrikadiert, bettn das Gerücht verbreitete'sich, daß die Demonstranten eine Judenmetzelei beabsichtigten. Die Angst war nicht ganz unberechtigt. Viele ahnungslose Juden, die das Unglück hatten, mit dem Zuge zusammenzutreffenwurden grausam mißhandelt und beraubt. Ein Jude wurde getötet, etwa 40 verwundet. Als nachmittags 4' Uhr eine Militärtruppe auf der Straße erschien, da zerstreute sich die Bande sofort und stellte ihr Berwüstungswerk ein. Am Abend versammelten sich etwa 20000 Mohammedaner vor dem 'Palaste des Gouverneurs und verlangten die Abschaffung der Konstitution. Es gelang dem Gouverneur die aufgeregte Menge zu beruhigen. Die Vorsteher der jüdischen Gemeinde haben beim Großvezier Protest gegen die Ausschreitungen eingelegt und eine Deputatton aus der Gemeinde erhielt vom Gauverneur, bei dem sie vorstellig wurde, Versprechungen, die aber mit Rücksicht auf die Erregung, die unter den muselmanischen Reaktionären herrscht, kaum beruhigend wirkten. Zurzeit sorgt ein starkes Militäraufgebot für die Ruhe und Ordnung in der Stadt, sodaß für die nächste Zukunft eine Wiederholung dieser Ausschreitung nicht zu befürchten ist. Ktetäptitto. Rnfebis Ränke. Jerusalem, 22. Nov. Wie ich Ihnen bereits telegraphierte, ist Kaimakam Chacham-Baschi Panisel von Herrn Haim __ 3. Dezember 1908 Nahouin zur Niederlegung seines Amtes gufgefordert, und es ist der Chacham-Baschi von Aleppo zum Stellvertreter und damit, was das wichtigste ist, zur Leitung der Neuwahlen bestimmt worden. Das Jntriguenspiel, das zu diesem Ergebnis geführt hat, liegt jetzt ziemlich, klar zu Tage. In Konftantinopel beruft man sichwie hierher gerichtete Nachrichten melden, aus die Tatsache, daß der Gouverneur von Jerusalem, Herr Subhi Bey, kategorisch die Absetzung Panisels gefordert hat. Herr Nah oum selbst hat Herrn Rabbiner Panisel in diesem Sinne schon vor Wochen mitgeteilt, daß der Gouverneur von Jerusalem dem Justizminister in einem dringenden Telegramm erklärt habe, er könne nicht für die Folgen eintreten, wenn Panisel länger Chacham Baschi, ja sogar in Jerusalem wohnen bleibe. Der Gouverneur selb st leugnet nun entschieden, ein solches Telegramm an den Justizminister gerichtet zu haben, und hat Dr. Levy beauftragt, die unwahre Nachricht ausdrücklich in sei-, nem Namen zu dementieren. So sieht man sich zu der Annahme genötigt, daß hier wiederum eine Jntrigue des Herrn Antebi vortiegt, welch letzterer in den letzten Wochen die intimsten Beziehungen zum Gouverneur angeknüpft hat. Mehrstündige Besuche wurden gewechselt, und Herr Antebi war schließlich früher über die Absetzung Panisel's unterrichtet, als dieser selbst und — der Gouverneur. Die Post hatte das betreffende Telegramm irrtümlich (!!) zuerst Herrn Anrebi ausgehändigt. Gänzlich aus der Luft gegriffen sind natürlich auch die nach Konstantinopel gesandten gefälschten Berichte über angebliche Unruhen und Revolten in Jerusalem, und Herrn Antebi und seinen Helfershelfern gebührt der traurige Ruhm, daß sie unter dem neuen Regime zu den ersten gehören, die an die Stelle der Gerechtigkeit die alte, längst überwunden geglaubte Korruption setzen. Das sephardische Beth-Din hat eine detaillierte Darstellung der ganzen Treibereien an den Waad hagischmi nach Konstantinopel gerichtet und verspricht sich von dem Gerechtigkeitssinn dieser Körperschaft die Zurücknahme der aus Grund grober Täuschung entstandenen Absetzung Panisel's. In den weiteren Kreisen hat man leider weniger Zutrauen zum Konstantinopeler Konsistorium, das ja völlig unter dem Einfluß der Alliance Jsraelite steht. , Die Ernennung des Chacham-Baschi von Aleppo zum Stellvertreter und Wahlleiter ist ein neuer Willkürakt, der nur' auf die Inspiration Antebi's zurückgeführt werden kann. Gegen diese skandalöse Ernennung haben die Jerusalemer Rabbinen ein Protest-Telegramm an das Justiz- Ministerium gerichtet, in dem sie aussühren, daß der Ernannte erst vor wenigen Jahren Jerusalem verlassen hat, und daß er und seine ganze Familie zur Antebi-Partei gehören. Eine unparteiische Leitung der Wahl, sei von einem solchen Manne unmöglich zu erwarten. Die Aufregung, welche in den sefardischen Kreisen ob der Gewaltakte der letzten Tage herrscht, ist unbeschreiblich. Niemals wird, so lange die „Alliance Israelite" dem rachsüchtigen Herrn Antebi die Verfolgung seiner ehrgeizigen Pläne gestattet, in Jerusalem Frieden und R u h e e i n z i e h e n. Es ist uns unfaßbar, daß trotz der ernsten Warnungen des Central-Comitees in Paris, Antebi, der diese Warnungen einfach in den Wind geschlagen hat, weiter in seinem Amte bleibt und in Jerusalem die Parteien gegeneinander hetzt. Möchten sich unsere gerecht denkenden und einflußreichen Brüder im Auslande über uns erbarmen und uns endlich Ruhe verschaffen, damit nach Bornahme der Neuwahl eine friedliche Entwickelung der Gemeinde-Berhältnisse möglich ist! Wird, wie Chacham-Baschi Pahoum mit Schreiben vom 10. Cheschwan dieses Jahres ausdrücklich zugesagt hat.

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