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Der Israelit · 1908-12-03 · Heft 48 (3.12.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 48 (3.12.1908)
Date
1908-12-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 3. Dezember. Seite 5 Zusammenarbeiten ist geboten im Interesse unserer Glaubensgenossen und im Interesse allgemein menschlicher Kultur. Mit ausgezeichneter Hochachtung gez. Dr7 Paul Nathan. Wir sind begierig, ob die „AÜiance Israel te" diesen Preßtreibereien, die jedem anständigen Juden die Schamröte ins Gesicht treiben, ebenso tatenlos und in stillschweigender Billigung Zusehen wird, wie in dem Intriguenspiel Antvbis in Jerusalem und dem Terrorismus ihrer Beamten in Konstantinopel. vom „liberalen Juaeninm". Wir haben, als im Zeichen des Mailüfterl das liberale Judentum „nach einer Zeit tiefer Erschöpfung zu neuer Morgenfrische" erwachte, diese Renaissance einer abgestorbenen Bewegung mit einem heit'ren, einem naffen Auge begrüßt. Müssen mit der bewußten Betonung des reformjüdischen Prinzips auch zahllose Schwierigkeiten für die praktische Gesetzestreue im Gemeindeleben entstehen, so ist doch der Gewinn, den der Ern st und die Wahrhaftigkeit des religiösen Bewußtseins durch die Herausarbeitung der Gegensätze erfährt, nach unsrer Meinung weit höher anzuschlagen als der Schaden, den 'die dadurch bedingten Kämpfe dem inneren Frieden zufügen. Freilich wär's ein Segen, wenn diese Gegensätze nicht beständensind sie aber einmal vorhanden, giebt es einmal zahlreiche Juden, die unter Benutzung jüdischer Formen, jüdischer Symbole und Namen jüdischer Einzelideen ein religionsphilosophisches System eigener Erfindung an die Stelle des alten Judentums setzen wollen, dann ist es besser, daß diese geistige Revolution in offenem, ehrlichen Kampfe und nicht auf dem Wege der Einschmuggelung geistiger Kontrebande unternommen wird. Nur auf dem Wege des Kampfes entfalten sich ja die Ideen zu ihren äußersten Konsequenzen, und wer es ehrlich meint mit dem alten überlieferten Judentum, der kann darum nur lebhaft wünschen, daß die liberalen Ideen sich so rasch wie möglich auswachsen. Dieses Wachstum bedeutetih reu Untergang, denn nur ein Mangel an Denkfähigkeit oder bewußte Heuchelei — beides Dinge, die nur vorübergehend herrschen können — vermögen die Wahrheit zu verschleiern, daß das sogenannte „liberale" Judentum die Negation des Judentums, also die Negation seines eigenen Begriffes bedeutet und an diesem inneren Widerspruch unweigerlich sterben muß. Inwieweit die literarischen Lebensäußerungen des neu galvanisierten Reformjudentums die Richtigkeit unserer Meinung erweisen, soll ein del im geschäftlichen Verkehr veizubringen, wie sie im Talmud und den anderen heiligen Büchern, besonders im dritten Band des Schulchan Aruch, im Choschen Hamischpot, niedergelegt sink So wie man den Knaben vor seiner Bar-MiOvo über'Tesillin und Zizis belehrt, so müßte man ihn über Hilchos Masso und Matton unterrichten; und wo das nicht geschehen ist, müßte es .überall schleunigst nachgeholt werden. Es wäre sehr gut, wenn,^ wie über Zizis und Tefillin, es auch darüber lehreyden Schriften gäbe, die alles, was der Talmud und die anderen heiligen Bücher an vielen Stellen zerstreut darüber enthalten, im hebräischen Text und in Uebersetzung unfern Geschäftsleuten bieten." — Das leuchtete Koppel Seligmann ein. Er fühlte auch hier wieder den nur leise angedeuteten aber doch zweifellos ausgesprochenen Vorwurf herausklingen, der nicht die Leute trifft, die auch am Schabbos vom Geschäft sprechen, sondern demjenigen gilt, die es nicht verstehen das Gespräch in das rechte Geleise zju ziehen. Aber seinem Hellen Blick und seiner leichten Auffassung genügte diese Andeutung, um sie sofort auszugreifen und praktisch zu verwerten. „Ich danke Euch für diese Anregung, Reb David, die ich mir merken will. .Sie. erinnert mich an eine geschäftliche Frage, die ich schon Jahre lang mit mir herum trage, die ich auch schon manchem vorgelegt habe, ohne eine rechte Antwort darauf zu bekommen. Erlaubt, daß ich sie Euch unterbreite." Reb David schob seinen Teller zurück und hörte dem Fragesteller aufmerksam zu. „Sie wissen so gut wie ich," hob dieser an, „daß wir in einer Welt leben, die nicht nur gern anvere täuscht, sondern die auch gern selber getäuscht sein will." D« Israelit. süchtiger Blick in die jetzt vorliegenden ersten drei Hefte der liberalen'Vereinszeitschrift zeigen. Sie heben mit einer auf Nietzsche gestimmten Wort-Fanfare des Frankfurter Propheten an, bringen den Bericht über die Berliner Mai- Versammluna und zeigen dann, wie sich Herr Dr. Freuoenthal den entwicklungsfrohen, „wissenschaftlichen" Religionsunterricht denkt. Der Kern seiner Ausführungen ist die Anerkennung der bibelkritischen „Ergebnisse" als Grundlage des Religionsunterrichts. Zwar soll der „Odem Gottes" im Inhalt des Pentateuchs wehen (im „Faust", den Veden, in Milton und Klopstock etwa nicht?), zwar soll eine „unerklärbare geistige Inspiration" das alte Wort „Offenbarung" festzuhalten gestatten — allein von der Göttlichkeit des jüdischen Gesetzes und der jüdischen Lehre im alten, historischen Sinne kann und darf, nach Freudenthal, keine Rede sein. Sabbath und Speisegesetze sollen den Kindern zwar zur Beobachtung ans Herz gelegt, aber ihre Verletzung beileibe nicht als religiöse Versündigung bezeichnet werden! Sie sind ja Pflichten zweiten Ranges, stehen — eben diese „Ceremonien" — als „Menschlich-Geschaffenes" den „offenbart-göttlichen" Sitten gesetzen gegenüber! Mit solchen Akrobatenkunstücken suchen sich die liberalen Geistlichen über die vernichtenden Konsequenzen hinwegzutäuschen, die sich aus ihrer innerhalb des Judentums völlig unmöglichen Stellungnahme zur min ergeben. Wenn man die Freudenthal'sche Leugnung des Judentums und sein Bekenntnis zu einem jüdisch verbrämten Theismus ins Auge faßt, dann erkennt man die Lächerlichkeit der Fußnote, welche die furchtsame Redaktion einem Aufsatze des Rektors G u t m a n n vom Berliner Lehrerseminar im dritten Heft anfügt. In dieser Fußnote erklärt die Redaktion „ein für allemal", daß weder sie noch die „liberale Vereinigung" die Verantwortung für jede Ansicht und jeden Vorschlag der Autoren übernehme. Warum Herr Dr. Seligmann gegenüber dem G u t m a n n' schen Aufsatze mit einem Male das Herz in die Schuhe gefallen ist, scheint nicht recht verständlich. Herr Dr. Gutmann sagt prinzipiell nichts anderes wie Herr Dr. Freudenthal. Er besitzt nur etwas weniger Pastorale Diplomatie und etwas mehr pädagogische Klarheit, und dieBerliner neologe Lehrerschaft steht hinter ihm. „Die Bibel ist n ich t Gottes Wort" —. sagt Herr Gutmann wörtlich, und in der Tat: das i st das Leitmotiv der Gutmann, Freudenthal und Genossen, ein durchaus eindeutiges Bekenntnis, mit dem sie allerdings dem historischen Judentum, ob sie wollen oder nicht, soweit an ihnen liegt, die Gemeinschaft aufgesagt haben. Wenn durch die nachhinkende Reb David nickte zustimmend, und sein gastlicher Wirt fuhr fort: „Es ist uns durch das Gesetz der Thora verboten, alte Waren mit frischem Ausputz versehen als neu zu verkaufen und fehlerhafte Ware durch Verschweigung und Verhüllung ihrer Mängel als fehlerlos anzubieten. Das weiß ich. Aber ist es gestattet, fehlerfreie, makellose Gegenstände als schadhaft zu erklären, um sie so besser an den Mann zu bringen?" - Reb David sah den Fragesteller erstaunt an und Koppel Seligmann fuhr fort: „Ihr meint, solche Narren gäbe es nicht und so etwas käme im praktischen Geschäftsleben gar nicht vor? Ihr könnt es aber fast täglich in den Zeitungen lesen, wie Geschäftsleute Waren ausschreiben, die durch Wasser schadhaft gBvorden sind, wie sie Vorhänge und Teppiche anbieten, die einen Fehler in der Stickerei oder im Weben an sich tragen und daher billiger abgegeben werden. In Wirklichkeit sind sie nie naß uiw nie falsch gearbeitet worden, sie sind vollkommen fehlerlos, aber weil das Pablikum glaubt in Folge dieser angeblichen Fehler die Ware billiger zu bekommen, stürzt sich alles darauf und zahlt die vermeintlich beschädigte Ware so teuer wie die normale und oft noch teuerer; ist das erlaubt?" Einen Augenblick schwieg der Gefragte, dann fragte er feinen Wirt: . . ■ * „Habt Ihr diesen Brauch in Euerem Geschäft auch eingeführt?" „Bis heute noch nicht; aber ich gestehe offen, daß ich es gern tun möchte, wenn es nach dem Gesetz der Thora erlaubt ist. Die Konkurrenz ist groß und sie kann einen schon nötigen, ein Auge zuzrdrücken. Ich habe bis jetzt der Versuchung widerstanden, aber warum sollte ich's fernerhin tun, wenn diese Handlungsweise zulässig ist?" gewundene Erklärung, die Bibel „enthalte" Gottes Wort, weil die „religiöse Gedankenwelt Israels" darin ihren Niederschlag gefunden habe, dennoch die religiöse Gemeinschaft mit den Bekennern des überlieferten Judentums notdürftig, wieder hergestellt werden soll, so ist das Selbsttäuschung. Aus einem angeblichen O-ualitätsvorzug der Bibel als Literaturwerk vor anderen Literaturwerken, als Produkt des Menschengeisles vor anderen Produkten der geschichtlichen Entwicklung eine wahrhaftige jüdische Religion konstruieren zu wollen, ist — das sieht jeder wiffenschaftlich Gebildete — ein wahngeborenes, aussichtsloses, ja sogar unwissenschaftliches Unterfangen. Denn der Respekt vor der „religiösen Gedankenwelt Israels" wird keinen vernünftigen Menschen hindern, konfessionslos oder vom Wasser der Taufe benetzt, auch vor der „religiösen Gedankenwelt", die auf Golgatha oder an des Ganges Ufern ihre Ausprägung fand, mit demselben ehrfürchtigem Erschauern bas Haupt zu neigen, wie vor Moses und den Propheten. Das fühlen, die Herren allesamt sehr wohl in ihrem Innern, und die Logik der Geschichte wird sie oder ihre Nachfahren zwingen, zu der dunklen Empfindung das Bekenntniszu fügen. Einstweilen leistet sich der Politiker der Neologie, Herr Dr. Blau, noch immer den oft gekennzeichneten Scherz, die oben dargestellte Ansicht von der Unvereinbarkeit der Neologie mit dem Judentum in Heft 2 der Zeitschrift als die Schrulle einiger „Separatisten" darzustellen. Aber selbst er ist doch wenigstens zu der Erkenntnis fortgeschritten, daß man unmöglich von „einem Judentum mit verschiedenen leicht zu nivellierenden Nüancen" sprechen könne, sondern daß vielmehr innerhalb der Gemeinden beide „Richtungen" ihre getrennten Institutionen haben müßten. Vielleicht dämmert eines Tages Herrn Dr. Blau auch die Erkenntnis noch auf, daß eine jüdische Gemeindeals solche — heute wenigstens noch — ein eminent religiöses Gebilde ist, daß die bösen „Separatisten" also — gerade nach der Logik des Herrn Dr. Blau — doch vielleicht nicht so Unrecht haben, wenn sie zu den Institutionen, die getrennt geführt werden müssen, dort wo es angeht, vor allem — die Gemeinde selbst rechnen. Eine besondere Betrachtung verdiente eigentlich ein langer Aufsatz von Dr. S. Samuel in Essen, der die Aufgabe der Neologie in dem Ersatz der „unterwürfigen Gesetzestreue durch freigewonnene Ueberzeugungstreue" erblickt, und der doch blind genug ist, zu übersehen, daß diese innere Freiheit — sofern sie nicht zur vollendeten Negatton jeder jüdischreligiösen Bindung führen soll — allein und „Mein Herr," enktgegnete der Gast mit feierlichem Ernste, „dankt Gott dafür, daß er Euch die Einsicht und die Kraft gegeben hat, dieser Versuchung zu widerstehen und bittet ihn auch für die Zukunft darum. Eine Täuschung, eine Wahrhertswidrigwit bleibt dieser Geschäftskniff, wenn er den Käufer auch nicht direkt schädigt. Wer so handelt, hat das Wort der Thora übertreten: „Bon dem Wort der Lüge halte dich ferne!" und er kann über hundert Jahre, üt der Stunde der Verantwortung auf jene erste Frage: Warst du redlich in Handel und Wandel? nicht mit Ja aMworten, wenn er in gewinnsüchtiger Absicht seiner Ware Fehler und Mängel angedicytet hat, die sie nfe befassen." > „Das ist meine Ansicht, die ich vertreten zu können glaube," fuhr Reb David nach kurzer Pause fort. „Vielleicht ist sie irrig und vielleicht könnte einer der mehr kundig in der Thora ist, auch Gründe für eine erleichternde Entscheidung finden. Ich kann es r. Ich habe bei meinen Ettern und Lehrexn zeitlebens ein so ungewöhnliches Jaschronus vor mir gesehen, daß eine Spur davon auch an mir haften geblieben ist. Das hat mich mit solchem Widerwillen gegen alle Kniffe und Pfiffe erfüllt, daß ich für sie leinen Hetter (erlaubte Seite) finden oder auch nur suchen kann. Wenn ich Euch von dem Jaschronus meines Lehrers und meiner Eltern erzählen wollte, Ihr würdet es vielleicht nicht einmal glauben." „Warum sollen wir Euch nicht glauben?" fiel die Wirtin dem Sprecher ins Wort. „Erzählt uns doch einmal etwas davon, wir werden es dankbar hinnehmen." „Habt Ihr vom Schechnower Rabbi, von Reb Mendel, schon -einmal gehört?" Äls die Anwesenden die Frage verneinten, meinte der Gas^ dann Wnne er ihnen keine Schilderung von dem großen Männe,

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