Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 47 (26.11.1908)
- Date
- 1908-11-26
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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36. November 1908. nur ihr körperliches Teil von der Mutter. Sie sind auch Geist von ihrem Geist! Lieat -och bei den schwierigen-Lebensbedingungen, mehr wie je, heute die Leitung der Erziehung in der Mutter Hand. Ihre Geistesrichtung aber können wir an der Betätigung ihrer Brüder erkennen. Die Töchter des Hauses haben im allgemeinen nicht soviel Gelegenheit, ihre Gesinnung an deck Tag zu legen. Die Söhne bewegen sich im Leben und haben zumeist schon eine bestimmte Richtung, die jedermann klar vor Augen liegt, eingeschlagen, wenn die Schwester sich einem Gatten vermählen soll. Auf die Brüder der zu erwählenden Braut lehren uns die Weisen zu blicken, wenn wir beurteilen wollen, ob die Erziehung eines Hauses sich bewährt hat. Hat sich in der Selbständigkeit des jungen Geschlechts die der Thora zugewandte Gesinnung der Eltern erhalten, dann ist zumeist auch bei dem weiblichen Geschlecht der Wille vorhanden, ein jüdisches taus in abrahamitischen Geiste zu gründen. iit Recht sangen die jüdischen Jungfrauen darum am 10. Tischri und 15. Aw: „Richte, jüdischer Jüngling, dein Auge auf die Familie." Nur das Kapital, das die Gattin seit der Geschlechter langer Reihe in sich trägt, bleibt unveräußerlich. Nur dieses Kapital verzinst sich unbedingt gut. Nur „so fühlt sich gesegnet der Mann, der gottesfürchtig ist." Nicht umsonst wird in den Büchern der Könige und der Chronik stets dann der Name der Mutter erwähnt, wenn auf einen guten ein schlechter König und auf einen schlechten ein guter folgt. Solch auffallende Erscheinung wird durch den Geist, der bei der Erziehung herrschte, genügend aufgeklärt. Wenn wir schlechte Könige hatten, so wären zumeist Ausländerinnen, d. h. Heidinnen ihre Mütter. Aber auch Jüdinnen sind nicht stets geborene Königs - Mütter. Die Mutter des Königs Menascheh war eine Jüdin, sie war Gattin eines Chiskijah, deffen glänzende Regierung ein Ruhmesblatt in der jüdischen Geschichte bedeutet, der religiösen und der politischen. Und doch hinterließ er als Sohn und Nachfolger einen Landesfürsten, desien ersten Regierungsjahre zu vernichten suchten, was der Vater in langer mühevoller Arbeit hatte retten und erhalten wollen. Und woher? Nun gelten uns Namen in der Bibel nicht als Klänge, sondern sie haben zum Charakter ihrer Träger irgendwelche Beziehung, so dürfte uns der Name der Mutter Menaschehs ra s2£Sn den Schlüssel zum Rätsel geben. Das Wort p£n bedeutet immer ein Streben aus äußeren Gründen nach äußeren Zielen — im Gegensatz zu iftiTi das einen idealen Wunsch ausdrückt. Wie aus dem 5. B. M. 21, 14 hervorgeht, wird ysn daher auch Gefallen an körperlicher Schönheit be- Theaters an und wir setzten uns in ein Casö an einer der belebtesten Straßen. Es war ein sehr elegantes Lokal, in dem hauptsächlich Wein getrunken wurde, und wenn ich auch G. s. D. noch nicht so tief gesunken war „Nessechwein" zu trinken, so war mir doch die Empfindung für Recht und Unrecht soweit geschwunden, daß ich mich schämte, meinen fortgeschrittenen Gefährten diese „Rückständigkeit" einzugestehen und ich ließ gleichfalls ein Glas Wein auf meinen Platz stellen. Wir waren schon in der lebhaftesten Unterhaltung, die jungen Herren überboten sich im Etzählen von schlüpfrigen Geschichten, die übrigens, wie ich später hörte, glücklicherweise nicht aus ihrer Erfahrung stammten — da sehe ich plötzlich den Fabrikanten vorübergehen. Mich erkennen und das Lokal betreten, war eins und bevor ich mir noch überlegen konnte was tun, brannte schon auf meiner Backe eine wohlgezielte Ohrfeige. Meine Gefährten wollten Lärm machen, ein verächtlicher Blick des Prinzipals brachte fie zum Schweigen. Ich ließ mich halbbetäubt von ihm hinausführen, willenlos ging ich mit ihm zur Bahn. Und dort im Zuge — wir saßen allein im Abteil — ging das Donnerwetter los. «Gestehe, w.e weit Du heruntergekommen bist", schrie er mich an. „Bist Du überhaupt noch wert, mein reines Haus zu betreten?" .Ich fteRfc ichÄsch Rehe und Antwort Der JSraelit. zeichnen. So groß der König Chiskijah dasteht -bei der Wahl der Mutter eines Nachfolgers für den Davidsthron, scheint er sich durch die Schönheit eines Gesichtes haben bestimmen lassen. Er hatte sich in das Aeußere einer Frau verliebt, die innerlich, in religiös-sittlicher Veranlagung, ihm nicht ebenbürtig war. Bei Gründung der jüdischen Ehe soll aber der Grundsatz gelten: „Lüge ist Anmut und Tand ist Schönheit, eine Frau soll sich durch Gottesfurcht anpreisen." brubexr 8Iume«rtta«8. 1. B. M., Cap. 30, B. 14—20. Wie oft hat dieser Handel zwischen Lea und Rahel um die Liebesgabe Reubens bei „psychologischen Sezierungen" des jüdischen Geistes übelwollenden Kritikern zur Erklärung des „jüdischen Schachertums" herhalten müssen. Und doch dürfte keine Stelle durch ihre Entstellung mehr die Verständnislosigkeit der Massen für wahres jüdisches Geistesleben und edle Gesinnung beweisen, als diese. Weil wir aus anderen Annalen eifersüchtige Schwestern kennen, und der tötliche Haß zwischen Brunhilde und Krimhilde den Ausgangspunkt und Mittelpunkt der Heldengedichte und des Volksepos anderer Kreise bildet, darum braucht das literarische Volkskleinod des Judentums noch lange nicht auf gleich unsittlichen Momenten aufgebaut zu sein. Wir lassen uns und unser Schrifttum nicht durch die Kritik und ihr zuliebe unter den Scheffel stellen. Auch wir vergleichen. Doch unser Vergleich fällt anders aus. Nicht der Jnhaltlosigkeit anderer Werke zuliebe muß die Jnhaltlosigkeit auch des jüdischen Schriftheiligtums bewiesen werden. Es muß nicht von der Höhe darum erniedrigt werden, damit es nicht sichtbar anderes überrage. Der Nimbus der Torah ist ein natürlicher. Darum kann er ihr nicht genommen werden. Nur der Schein zerstießt. Das Sein überdauert. Lesen wir einmal die Stelle, die von diesem Handel der beiden Schwestern Lea nnd Rahel spricht. Es ist bemerkenswert, daß von einem zufälligen „Finden" die Rede ist. „Reuben ging in den Tagen der Weizenernte und er fand Dudoim". Er fand sie aber nicht 7NV2 (mit Schewah) auf einem Felde, d. h. dem Felde eines bestimmten Besitzers, sondern rPWS (mit Pathach) auf dem Gefilde". Wir finden diese Ausdrucksweise 1. B. M. Kap. 4 V. 8. „Als sie auf dem „Gefilde" waren". Von Privatbesitz, der gegen einen andern Privatbesitz abgegrenzt war, kann doch bei dem ersten Menschenpaar nicht gut die Rede fein; Es bemerkt wohl aus diesem Grunde der Midrasch Kap. 72, daß, welche Pflanze auch unter den Dudoim zu verstehen sei, alle betonen, daß Reuben „Schlimm genug für einen Mann, der andere erziehen will, so unreif zu sein, daß er das alberne Getue dummer Jungen nachmacht. Mit Rücksicht auf Ihre Mutter weise ich Sie nicht aus meinem Hause. Geben Sie Ihr Wort, daß Sie von jetzt an, sich als braver, ehrlicher Jehudi führen werden, damit ich kein Unrecht gegen meine Jungen tue, wenn ich Sie behalte!" Ich brach in Tränen aus. , „Können Sie meinem Wort noch glauben?" „Ihre Herkunft garantiert mir dafür,^ so schnell kann ein Kind braver jüdischer Eltern nicht verloren gehen. Nun gut, vor allem, es braucht niemand etwas davon zu wissen." Er hielt Wort, niemand merkte in seinem Verhalten gegen mich einen Unterschied; auch ich selbst nicht. So fand ich mich selbst wieder rasch zurecht,- an der graden Natur dieses Mannes richtete ich mich auf. Er nahm im öffentlichen Leben eine sehr geachtete Stellung ein, angesehene, christliche Geschäftsleute verkehrten bei ihm, aber niemals berührten seine Lippen einen Tropfen der fremden Weine, die er kredenzen ließ. Er fand auch noch täglich Zeit seinen Schiur zu lernen und an seiner Hand lernte ich die köstlichen Werte erst schätzen, die unsere Seforim bergen. Die echt väterliche Züchtigung hatte mir die Augen darüber geöffnet, welches wertvolle Kapital ich in Nachahmung anderer Aeußerlichkeiten fast verschleudert^ Ate. Sette 19. Nr. 47 sie nicht entwendet, sondern von herrenlosem Gut gebracht habe. Einige Sätze weiter macht der Midrasch noch folgende Bemerkung: Wie hoch muß dieser Handel von Gott bewertet worden sein, da in unmittelbarem Zusammenhang mit ihm die Geburt zwei bedeutender Stammväter Jissachar und Sebulun berichtet wird. Beide sind sie doch im Abschiedsse^en Moses dahin gekennzeichnet: „Freue dich Sebulun bei deinem Auszug und Jissachar in deinen Zelten". (5. B. M. 33,18) Jissachar blieb daheim und pflegte das Torathstudium und Sebulun zog übers Meer und brachte seine Errungenschaften dem treuen Bruderstamm Jissachar heim. So ward die Gelehrsamkeit gefördert und die Torah blühte und mehrte sich in Israel. „Das war der Duft, den die Dudoim bis in die fernsten Geschlechter verbreiteten" (H. L. 7, 14). Soweit der Midrasch. Wir haben hier nicht die Quellen des „Schacherjudentums" in den Müttern der Stämme, die um eine Blume miteinander feilschen — und die Blume als Kaufpreis für die Gattentiebe nehmen. Bielmchr werden wir zu ganz anderer Ansicht gelangen, wenn «ir, wie gesagt, bedenken, daß im engsten. Zusammenhang mit dieser Erzählung die Geburt der Söhne Jissachar und Sebulun berichtet ist, über deren Verhältnis zueinander und ihrer Bedeuttmg für die Nation wir nicht im Unklaren gelassen werden. Zwei „Schacherstämme", von denen der eine die E'APH ■’JHV’ die Gelehrten für sein Volk stellte, die O'NQVvNs'2 Tag und Nacht lernten und studierten und für ihre Bereicherung und Mehrung ihrer Habe gar nichts arbeiteten und der andere nichts Höheres kannte, nichts Idealeres als min pma zu sein, als sein Leben zu wagen auf den Wogen des Meeres im Kampf ums Dasein, um Brot zu verdienen/ nicht für sich in erster Linie, sondern den Brüdern es heimzubringen, von denen sie das Bewußtsein hatten, daß diese nicht von ihnen lebten, sondern sie von diesen. Weil Jissachar daheim sitzt und lernt und lehrt, darum macht Sebulun „gute Geschäfte". Nicht, weil es Sebulun „gut geht", dachten sie, darum kann Jissachar sich dem Studium hingeben. Und was Jissachar als min als Lebenslehre lehrt, das setzt Sebulun in praktische Realität um. Die Redlichkeit in Handel und Wandel gründet die Zelte der min von der aus die Lehre wieder zur prakttschen Erfüllung ins Leben geht. Solche Söhne sind empfangen worden unter dem Eindrücke des Dudo'im-Handels. Wenn der Moment der Zeugung den unverlierbaren Stempel des Charakters dem Menschen aufdrückt, dann dürfen wir aus dem Charakter dieses edlen Brüderpaares auf die Gedanken schließen, die dem Augenblick vorhergingen, dem sie ihr Leben verdanken. Ist doch auch das „Gott erhörte Lea" V. 17 ein hervorragendes Zeugnis für die Reinheit der Gesinnungen Leas. Wir glauben demnach den Zusammenhang folgendermaßen verstehen zu dürfen: Reuben, ein kleiner Knabe, kommt mit Blumen nach Hause und Lea, seine Mutter, ftagt „wo hast du sie her? weißt du nicht, daß du von anderer Leute Feld nichts pflücken darfst?" „Doch, Mutter, die habe ich auch nicht sondern 21V2, nicht von einem Feld, sondern vom Gefilde, von einem herrenlosen Platz. Aber ich habe sie ja gar nicht gepflückt KXö’T ich fand sie daliegen, sonst hätte ich sie ja nicht genommen". Das hört Rahel, wie ehrlich dieser Knabe im Geiste seines Urgroßvaters erzogen ward, der seine Tiere nicht ohne Maulkorb laufen ließ, damit sie die Habe anderer Leute nicht vernichten könnten, wie ihm die Rechtlichkeit schon in Fleisch und Blut übergegangen, und fie erkennt in Lea, der Schwester, eine vortreffliche Erzieherin der Jakobsöhne. Sie möchte von solchen Blumen, die so beredt vom Jakobsgeist der Kinder sprechen, eine haben. Wie gerne möchte sie auch mtt solchen Eigenschaften Jakob Kinder erziehen. Daraus Lea: Ich gönne es Dir von Herzen! Du hast ja meinen Mann! Darauf Rahel in ebenso schwesterlicher Liebe Du sollst ihn haben. Mögest ihm noch viel Kinder so herrlich erziehen. Und Lea geht Jakob entgegen: „Durch die Erziehung Deines Kindes habe ich Dich mir verdient!" — Und Jissachar und Sebulun find deS Mietpreises herrlicher Lohn