Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 47 (26.11.1908)
- Date
- 1908-11-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. 47. Bilder aus dem dunkelsten Bayern. n. Zunächst eine erfreuliche Meldung. Herr Rabbiner Dr. Eckstein-Bamberg teilt uns berichtigend mit, es entspreche nicht den Tatsachen, daß ein Schuhmacher von dem zuständigen Rabbinate empfohlen worden sei. Wahrheit sei nur „daß ein Zunftgenoffe Hans Sachs, für den Posten eines Chasans und Schochets, nicht auch des Religionslehrers, als Einziger zur Besetzung vorgeschlagen war. Alles Andere ist Phantasiebild. Der Schuster bleibt bei seinem Leisten." Wir begrüßen diese Nachricht mit großer Freude, da sie eine geradezu ideale Lösung einer herrschenden Kalamität darstellt. Auch eine kleine Gemeinde braucht einen eigenen Chasan und Schochet, während ein Lehrer mit Leichtigkeit in 3 bis 4 Orten Religionsunterricht erteilen kann. Wenn nun alle unsere jüdischen Handwerker, soweit sie 'sich dafür eignen, sich auch als Chasan nnd Schochet ausbilden lasten, so wäre beiden Teilen, — den kleinen Gemeinden und den Handwerkern — geholfen. Bei dieser Gelegenheit hat sich also wieder einmal gezeigt, daß unsere kleinen Gemeinden zricht nur opferwilliger sind, sondern auch mehr 'Gefühl für ihre Würde haben, als manche mittlere Gemeinde. Und wir hoffen, daß sich unter» anderem die Gemeinde Hammelburg ein Beispiel an der kleinen oberfränkischen Gemeinde nimmt. Mit ihr beschäftigen sich nämlich mehrere an uns gerichtete Zuschriften. Zunächst wird entschieden bestritten, daß es jüdische Lehrer waren, die die Berichte über die., jüdischen Lehrtzr- und Schulverhältniffe in christliche refp. anttsemitische .Zeitungen lanzierten. Jene Vorgänge spielten ,ffch in aller OeIenrlichkeit absie wurden an allen Biertischen mit größter Ausführlichkeit behandelt und erregten besonders den Unwillen der christlichen Lehrer von Hammelburg und Umgegend, sodaßes wahrlich nicht der jüdischen Lehrer bedurfte, um jene immerhin beklagenswerten Veröffentlichungen zu bewirken. Aber die Kultusverwaltung von Hammelburg scheint noch immer nicht gewitzigt zu sein, sonst hätte sitz sich nicht das ganz unglaubliche Stückleitt geleistet, die Verwesung der Schulstelle einem Manne zu übertragen, der den Religionslehrer, der er früher war, so gründlich ausgezogen hat, daß er jahrein jahraus in christlichen Gasthäusern speist und der Synagoge nur an den hoben Feiertagen eine Jutge Visite abstattet. So darf man sich nicht wundern, daß der betreffende Herr während des .Religionsunterrichtes im Oktober ekr Mailied singen ließ, dessen zweite Strophe christianisierende Tendenz zeigt. Das war selbst den Kindern zuviel, und sie brachen in Lachen und Lärmen aus, fodaß der Unterricht abgebrochen werden mußte. Wir wünschen der Gemeinde H., doch sie endlich einmal zur Ruhe kommen und einen Lehrer flir dauernd erhallen möge, der in Äie Fußtapfen des Herrn Kollegen Gegner tritt. gehört allerdings, daß sie ein wenig mehr VWMtmis für die Bedeutung und Würde des RelWonslehrers bekommt, und daß sie sich zur Anschauung bekehrt, daß die Willfährigkeit eines Lehrers ihren Wünschen gegenüber doch nicht den richttgen Maßstab für seine Fähigketten abgM. Auszug aus dem Protokoll «brr die m. Konferenz des Vereins der jüdischen Lehrerin den Rabbinatsbezirken emden-Oldenbnrg-Bremen. Die Konferenz fand am 2. September 1908 in Nordherms Hotel zu Emden statt. Sie wurde eröffnet durch eine Lehrprobe des Herrn Kollegen Levy-Bentheim Wer „Samuels Geburt und Woche" und fht Anschluß daran ,Has Gebet". Die Lehrprobe wurde allgemein als ge- __Der Israelit_ jungen bezeichnet, und in der Besprechung fand die schöne Gliederung sowie der warme Ton bei der Darbietung der Geschichte lobende Anerkennung. ' Hierauf erfolgte bte Begrüßung der Versammlung durch den stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Wolff-Aurich. Er wies zunächst darauf hin, daß er die Ehre gehabt, den Verein sowie den „Bund g. j. L." auf dem Bereinstage der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", der Ende Dezember v. I. in Berlin behufs Zusammenschlusses aller gesetzestreuen Kreise tagte, zu vertreten und schilderte den wahrhaft erhebenden Eindruck, den diese Versammlung auf ihn gemacht habe. Er machte ferner darauf aufmerksarn, daß die neue Besoldungsvorlage demnächst zur Beratung stehe und hofft, daß die gerechten Forderungen der Bolksschullehrer vollständig erfüllt Werden. Er schließt mit einem Hoch auf den Lyndesherrn, in bas die Versammlung begeistert einstimmte. Den dritten Punkt der Tagesordnung bildete der Vortrag des Herrn Kollegen Meyb e r g - Oldenburg: „Das Wirken des gesetzestreuen Lehrers in neologen Gemeinden". Das Referat machte auf alle Zuhörer einen überwälttgenden Eindruck; insbesondere geffelen die Form, der Aufbau und die Darbietung des Stoffes. Die Worte des Dankes, die der Vorsitzende nach Schluß des Referats dem Vortragenden im Namen der Konferenz übermittelte, waren allen aus den Herzen gesprochen. Der Bortrag enthielt eine'so große Menge anregender Gedanken, daß es schwer ist, diese auch, nur im Auszug zu skizzieren. Dem Vorschlag aus der Mitte der Versammlung, den Vortrag drucken zu lassen, um ihn so einem weiteren Kreise zugängig zu machen, wurde denn auch von allen Seiten zugestimmt. Der Arbeit lagen folgende Leitsätze zu Grunde: 1. Die Kinder müssen das Mittel bilden, durch welches der religiöse Geist von der Schule ins Elternhaus verpflanzt wird. 2. Es sind mit der Schule besondere liturgische Einrichtungen zu verbinden, welche für das im Elternhause Fehlende Ersatz bieten. 3. Der Lehrer in neologen Gemeinden hat doppelt die Pflicht, seine persönlichen Beziehungen zu den Familien einflußreich zu gestalten. 4. Gerade in neologen Gemeinden muß der Lehrer bei den schulentlassenen Schülern ein persönliches Freundschaftsverhältnis zu erstreben und Einfluß auf ihren zukünftigen Lebensweg zu gewinnen suchen. Hervorgehoben mag noch' werden, daß sich im Anschluß an den Bortrag eine sehr anregende Besprechung über den Jugendgottesdienst in den verschiedenen Gemeinden entwickelte, deren Einrichtung von maßgebender Seite warm empfohlen wurde. Inzwischen war auch der erste Borsitzende, Kollege Löwen st ein-Jever eingetroffen, der nun den Kasten-- und Jahresbericht erstattete. Die Jahresrechnung schloß mit einem Ueberschuß von 16,10 Mk. ab. Dem Rechnungssührer wurde Entlastung erteilt. Der Geschäftsbericht über das abgelaufene Jahr verbreitet sich über die Jubiläen der Vereinsmttglieder Dr. Lob und Selig-Emden und Oberschützki-Osnabrück und erörtert des weiteren die Angelegenheit der Petttion, die in Verbindungmit )em Hannoverschen Verein an den Herrn Minister und an den Landtag gerichtet werden soll, um auch für die jüdischen Lehrerstellen eine organische Verbindung des Synagogenamtes mll dem Schulamte.herberzuführen. Ferner macht er besonders die jüngeren, neueingettetenen Vereinsmitglieder aus die Porteile der Bundes-Pensions-Kaste aufmerksam, die schon heute, trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens, in Anbetracht des geringen Beitrags mehr leiste, als alle bestehenden älteren Kassen. Im Anschluß hieran sprechen Dr. Löb und Kollege Selig der Versammlung ihren Dank für die Ehrungen gelegentlich ihrer Silberhochzeit aus. Die nun fol- 26. November 1908. gende Vorstandswahl ergibt die Wiederwahl des bisherigen Vorstandes. Die nächstjährige Versammlung soll, da es die sünfundzwanzigste seit Bestehen des Vereins sein wird, den Charakter einer Fest- und Jubiläumsversammlung tragen. Als Hauptthema für diese Konferenz wird bestimmt: „Die Entwicklung unseres Vereins in den ersten 25 Jahren seines Bestehens". Zur Ausarbeitung des Themas wird eine Kommission ernannt, welche aus den dem Verein am längsten angehörenden Mitgliedern: Levyq Norden, Wolfs-Aurich, Selig und Apt- Emden besteht. Daneben übernimmt Strauß-Papenburg die Arbeit: Naturwissenschaft und Religionsunterricht. Zur Lesebuchsrage bemerkt Selig- Emden, als Mitglied der Lesebuchkommission, daß die Antwort aus dem Ministerium noch ausstehe; es sei aber begründete Hoffnung vorhanden, daß das neue Lesebuch bis Ostern 190$ eingeführt werden könne. Die Firma F. Kaufmann-Frankfurt a. M. hatte mehrere ihrer Verlagswerke zur Verteilung an die Konferenzteilnehmer eingesandt; ebenso die Firma S, LehrbergerL Co. mehrere Werke ihres Kommissionsverlags zur Kenntnisnahme der Vereins- Mitglieder. Damit war die Tagesordnung erschöpft. Mit einem Ueberblick über die heutigen Arbeiten und dem Wunsche tO"mD wurde die Versammlung geschlossen. G^D £orre$pondenzen u. ßacbricbteu. Graudenz. Zn den etwa 30 jüdischen Gemeinden Norddeutschlands, welche die Anstellungs- und Bersorgungsverhältniffe ihrer Beamten geregelt haben, ist jetzt die Gemeinde Graudenz hinzugetreten. Durch einstimmigen Beschluß des Vorstandes und der Repräsentanten sind sämtliche Beamten der Gemeinde lebenslänglsch angestellt worden, und zwar die Herren Rabbiner Dr. Loewy, der Lehrer und Gemeindesekretär D. Mannheim, der erste Kantor I. Bernstein und der zwette Kantor G. Rosemann. Gleichzeitig sind die Pensions- Verhältnisse geregelt worden. Das Ruhegehalt beträgt: nach 10 Dienstjahren.'/«- (auswärtige Dienstjahre zählen nicht mit) nach 15 Dienstjahren.Vs „ 20 „ ...... 0 25 „ ...... V. n „ .V» des zuletzt bezogenen Jahresgehalts. Diese Bestimmung wurde als eine Norm angenommen, mit der Maßgabe, daß sämtliche Gemeinbebeamte, die 10 Jahre im Dienste der Gemeinde stehen, ohne weiteres als lebenslänglich angestellt gelten. Wenn die Pensionsverhältniste auch nicht gerade als glänzend bezeichnet werden können und die Reliktenversorgung noch der Regelung harrt, so muß doch anerkannt werden, daß der Beschluß der Gemeindeverwaltung in Graudenz immerhin einen Kulurfortschritt bedeutet und als solcher wohl geeignet ist, größere und mittler? Gemeinden, die sich noch nicht so wett aufgeschwungen haben, zur Nachahmung zu bewegen. Bei dem überaus freundlichen Verhältnis zwischen Gemeinde und Beamten in Graudenz ist zu erwarten, daß sich im Laufe der Zeit die Versorgungverhältniffe der letzteren noch weiter bis zur gesetzlichen Regelung bei Staats- und Kommunalbeamten entwickeln werden.