Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 47 (26.11.1908)
- Date
- 1908-11-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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26 November 1908. Der JSraeltt. Seite S. No. 47 Riga, 15. Nov. Der Kurländische Generalgouverneur Meller-Sommelsky, der berüchtigte Führer der Straf-Expeditionen in den Ostsee- Provinzen, hat jetzt eine Verordnung erlassen, laut welcher jeder Jude, der nach Kurland kommt und sich dort niederläßt, ohne das Wohnrecht in Kurland zuhaben, mit 500 Rubel Geldstrafe belegt oder mit drei Monaten Gefängnis bestraft werben soll. — Das ist das Echo der Petersburger und Moskauer Verfügungen, die nun also in Rußland Schule zu machen scheinen. Bedenkt, man, daß Riga seit Menschengedenken als Handelszentrum für Litauen, Polen und die Ostseeprovinzen gilt, so begreift man die Schwere dieser drakonischen Verfügung für die hunderttausende jüd. Geschäftsleute dieser Provinzen. Auch die gesamte christliche Handelswelt wird nicht wenig darunter zu leiden haben. Türkei. Naim nahoum Trumpf! (Bon unserem Korrespondenten.) Konstantinopel, 20. November. Die Witterwochen der Konstitution sind vorüber. Auf die schönen Tage der allgemeinen Verbrüderung, die alle Welt zur Bewunderung hingerissen, folgen böse Wochen der Feindseligkeit und heftiger Fehden zwischen den einzelnen Volksstämmen, sodaß gegenwärtig selbst diejenigen, welche die Dinge optimistisch zu beurteilen pflecjett, der Zukunft in trüber Stimmung entgegen- Die Geschäftslage ist über alle Maßen schlecht, und die öffentliche Sicherheit läßt viel zu wünschen übrig. Man lebt allgemein in großer Furcht, und jede Kleinigkeit kann eine Panik Hervorrufen. In dieser trüben Zeit verstehen es nun die Hintermänner Harm Nahoum's ausgezeichnet, in den armen verzweifelten Juden in den Ghetto- Stadtteilen Haskay und Balat die Illusion zu erwecken, hinter Haim Nahoum ständen die Jca, Rothschild, die Alliance mit ihren Millionen, und sei Harm Nahoum erst zum Großrabbiner erwählt, so werde es vorbei sein mit Hunger und Not, und aus den Höhen des von den Alliance- Millionen genährten Großrabbinats werde ein Goldregen in die dumpfen Stuben des jüdischen Proletariats hineinströmen. Dieser Stimmungsmache wird durch einen furchtbaren Terrorismus der Alliancekreise gegenüber allen Opponenten nachgeholfen. Wer eine eigene Meinung in der Chacham-Baschi-Frage zu äußern wagt, hat es mit den von der Alliance aufgewiegelten Massen zu tun, die sich bald zu Hunderten sammeln und auf Kommando die unwürdigsten Demonstrationen veranstalten. So hat eines der würdigsten Mitglieder des Waad ruchani, ein Talmrd Chochom im vollsten Sinne des Wortes, der sich große Verdienste um die Verbreitung von Thorawissen in den unteren Volksschichten erworben hat, sein Amt niedergelegt mit der ausdrücklichen Begründung, daß er nur auf diese Weise den feindlichen Demonstrationen wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber Nahoum entgehen rönne. Andere fügen sich zähneknirschend in der Furcht, ihr Brot zu verlieren. Ein ernst zu nehmender Kandidat steht Herrn Nahoum nicht gegenüber; denn obgleich sein Schwiegervater, Da non, von Mrianopel aus unterstützt wird, ist doch nicht gut denkbar, daß er ernstlich mit Nahoum in Konkurrenz tritt, beide sind ja Angestellte der Alliance und dürfen nicht wider den Stachel löken. Uebrigens wäre Herr Danon zwar als Gelehrter des Chacham- Baschi-Amtes etwas würdiger als Nahoum, in religiöser Hinsicht wäre jedoch kaum ein Unterschied. ~ Auch Herr Bigart, der eigentliche Leiter der Alliance israslite in Paris meint, in einem an Herrn Danon gerichteten Schreiben, das die hiesigen Zeitungen veröffentlichen, es sei eigentlich einerlei, wer von beiden zum Großi rlwbiner gewählt werde, da ja beide Herren Garantie für die Förderung des liberalen Judentums in der Türkei böten! Die sichre Aussicht auf die Wahl zum Chacham-Baschi hat übrigens auch eine bedauerliche Wendung in den Jerusalemer Angelegen heiten hervorgebracht; denn es ist ja nur zu natürlich, daß Herr Haim Nahoum keine Ursache mehr hat, Toleranz walten zu lassen in dem Augenblicke, in dem er seiner definitiven Wahl sicher zu sein glaubt. So ist denn aufs neue ein den Jerusalemer Chacham-Baschi kurzerhand absetzendes Dekret telegraphisch ergangen, lieber die Vorgeschichte herrscht Unklarheit. Noch vor wenigen Wochen hatte Herr Haim Nahoum aus drücklich nach Jerusalem geschrieben, daß er sich in friedlicher Weise mit der dortigen Gemeinde verständigen wolle. Während nun hier erklärt wird, der Gouverneur von Jerusalem habe die Absetzung Panisels aus Gründen der »öffentlichen Sicherheit" gefordert, ließ der Goüver neurdurchDr. LevidiefeNach Vicht im „Tiempo" ausdrücklich de m e n t i e r e n. Der „Tiempo" hält trotz dieses Dementis die Behauptung aufrecht, sodaß man nicht weiß, wem man glauben soll, dem Gouverneur oder den Freunden des Herrn Nahoum. Wie dem aber auch sei — fest steht jedenfalls so viel, daß die Absetzung des Jerusalemer Chacham Baschi durch positive Unwahrheiten erzwungen worden ist. Der „Tiempo" läßt sich aus Jerusalem die Schauermär lelegraphieren, es herrsche dort allgemeine Panik und wenn Herr Rabbiner Panisel nicht schleunigst durch die Rabbinen von Aleppo oder Smyrna abgelöst werde, ,, s o könne Blut fließen."!! Diese offenbare Unwahrheit zeigt deutlich, mit welchen Mitteln man die Regierung zu beeinflussen sucht. Leider sind die wenigen Gesetzestreuen in unabhängiger Stellung untätig und verschüchtert, während die Bolksmasie ganz unter der Herrschaft der Alliance steht. potemkln'lltie Dörfer. (Von unserem Korrespondenten.) Konstantinopel, 22. Nov. Tie Allianceschulen erwarten Besuch. Man nimmt an, daß die von Paris entsandte Inspektions-Kommission, welche bereits in Alexandrien war und von dort aus Lobeshymneu über die Vortresflichkeit der Allianceschulen in die Welt hat senden lassen, in der nächsten Zeit nach Konstantinopel kommen wird. Das hat nun die merkwürdige Wirkung, daß man in den hiesigen Allianceschulen plötzlich krampfhaft anfängt, H ebräisch zu lernen. Den Kindern werden große Gebete aus Französisch diktiert mit der Aufforderung, diese Litaneien so rasch wie möglich einzuüben. Auch sucht, man deuffche Lehrer für die Konstantinopeler Allianceschulen. Diese Zurüstungen würden erheiternd wirken, wenn sie nicht ein trauriges Symptom wären für den völligen Mangel an Ernst, mit dem man in den Kreisen der Alliance — hier wenigstens — den Fragen der Erziehung gegenübersteht. Noch vor kurzer Zeit hat ein türkischer Staatsmann erklärt, daß die von' der Alliance in Konftantinopel herangebildeten Generationen für das Judentum verloren seien. Nun ist eine Kommission von Männern in Sicht, von denen gewiß nichts anderes als äußerstes Wohlwollen für die ganze bisherige Tätigkeit der Alliance zu erwarten steht, denn selbst der der Kommission angehörige deutsche Resormrabbiner wird gewiß keinen Stein auf die ganz im Geiste des Reformjudentums gleitete Alliance-Erziehung werfen. Trotzdem erforderte es doch wenigstens der Respekt vor der Kommission selbst, ihr einen klaren Einblick in das, was ist, zu gewähren, statt die Situation durch die oben angedeuteten Manöver zu verschleiern. — Jedenfalls hat vie Oeffentlichkeit die Pflicht, von den oben mitgeteilten Tatsachen Notiz zu nehmen. (Privattelegramm des „Israelit"".) Jerusalem, 22. November. Haim Nahoum hat Herrn Kaimakam Chacham Baschi Panisel im Auf-? trage der Regierung aufs neue feines Amtes entsetzt und zum Stellvertreter den Chacham Baschi von Aleppo, Sabbatai Levy, ernannt. Jerusalem, 10. Nov. Bon der wahren Gesinnung unserer sogenannten Kulturhüter im heiligen Lande und von ihrer Liebe zu ihrem Volke, mit der sie sich so gern brüsten, zeugt der folgende Fall, der es nicht verfehlte, die Gemüter in begreifliche Aufregung zu versetzen: In der Nr. 23 des unter Leitung des bekannten Herrn Ben Jehuda hier erscheinenden „Hazwi" war die sensationelle Nachricht zu lesen, daß die Thörajünger der hiesigen aschkenasischen Jeschiboth auf dem Grabe Rahel's für Abschaffung der allgemeinen Militärpflicht gebetet hätten. Bedenkt man, daß die hebräischen Zeitungen hier auch von vielen Arabern gelesen werden und von der Regierung sogar zur Veröffentlichung ihrer offiziellen Kundgebungen benutzt werden, so begreift man die Aufregung der hiesigen jüdischen Kreise ob einer solchen, das ganze palästinenfiche Judentum entehrenden Mittellung, die zudem jeder Spur von Wahrheit entbehrt. Eine von den Rabbinern sofort eingeleitete Untersuchung ergab, daß es sich um einige harmlose Gebete handelte, die nach altem Brauche auch dieses Jahr am 11. Marcheschwan auf dem Grabe Rahel's in üblicher Weise verrichtet wurden. Selbstredend wurde sofort der genannten Zeitung eine tatsächliche Berichtigung zugestellt, die sie aber mit folgender hämischer Bemerkung versehen, veröffentlichte: „Es freut uns, zu sehen, daß der Mut in unserem Volke noch nicht ganz gesunken ist und daß ein Teil der heutigen jüdischen Jugend die Feigheit ihrer Väter ablegt." Daß durch diese Berichtigung der angerichtete Schaden nicht wettgemacht, sondern weit vergrößert wurde, wiw von allen, auch von den Parteigängern Ben Jehuda's, eingesehen. Es ist leider nicht das erste Mal, daß wir das alte Bibelwort hier zu fühlen bekommen: Imst -j'vv -pynrtai T’pnna vermircdter. Berlin» 23. November. Die Dubletten aus der Bibliothek des verstorbenen Sanitätsrat Dr. Salomon Neumann in Berlin sind in den Besitz der Buchhandlung I. Maufsmann in Frankfurt a. M. übergegangen. Ein Katalog, der die Neuerwerbungen enthalten soll, befindet sich in Vorbereitung. Berlin» 20. November. Hier hat sich ein Tomitö gebildet, das die Einberufung eines allgemeinen Kongresses aller derjenigen vorbereitet, die ernstlich gewillt sind, für die Neubelebung der hebräischen Sprache und Literatur das notwendige Fundament zu schaffen- Das Programm des Kongresses soll alle Gebiete des geistigen Lebens berücksichtigen. Das ist, wie man zu sagen pflegt, ein weites Feld. Berlin, 20. November. Nach einer Statistik der kirchlichen Steuern und Abgaben für das Deutsche Reich beliefen sich die Erträge der direkten Kultussteuern der jüdischen Einwohner der Städte und Landgemeinden im Rechnungsjahr 1905 im ganzen Reich auf 5,963,529 Mk. In Preußen kamen an jüdischen Kultussteuern 4,490,451 Mk. auf. Berlin, 20. November. In Berlin erscheint seit kurzem unter dem Titel „Der jüdische Handwerker" ein Monatsblatt, das als Organ des „Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens", der seit etwa 15 Jahren besteht und den Zweck hat, das Handwerk unter den Juden zu fördern» herausgegeben wird. Benthe«, 20. November. Der Verband der Synagogen-Gemernden des Regierungsbezirks Oppeln hielt vor kurzem seine 20. Generalversammlung ab. ES waren auf derselben fast alle Gemeinden Oberschlesiens durch Vorsteher oder Repräsentanten vertreten, sowie sämtliche oberschlesische Rabbiner, die Vorsteher große«! Vereine und andere Herren erschienen. Herr Kommen zienrat G r ü n f e l d-Beuthen begrüßte die Erschienenen namens der Synagogen-Gemeinde Benthen und wünscht den Beratungen den besten Erfolg. Herr Justizrat Berger-- Lönigshütte übernahm als BerbanospraseS die Leitung der Versammlung. Er brachte zur Kenntnis, daß jetzt sämtliche Gemerade» Oberfchlesiens den* Verbände angehören, daß 30 Gemeinden ingesamt 114,206.41 Mk. für Wohltätigkeitszwecke ausgewendet