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Der Israelit · 1908-11-26 · Heft 47 (26.11.1908) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 47 (26.11.1908)
Date
1908-11-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Nr. 47 Der JSraeltt. 26. November 1^68. Partei gestimmt, ein Fünftel für die Opposition. Das Markanteste an dieses Wahlkampagne ist der Umstand, daß es der Vorstandspartei gelungen ist, den Jndifferentismus zu besiegen, und nahezu 50 pCt. der Wähler zur Urne zu bringen während noch vor zwei Jahren nur 26 pCt. wählten. Die Schiffschul vertritt seit Jahren das Prinzip, kein Mandat zu erstreben, nachdem aber Herr Bernhard Hofbauer, einer der hervorragendsten Vertreter der Orthodoxie, auf eigene taust kandidierte, mußte ihn der Kreis der ichiffschul unterstützen. Derselbe erreichte 5 bis 600 Stimmen, die (von wenigen persönlichen Freunden abgesehen, die für ihn stimmten, trotzdem er orthodox ist) der Schiffschul angehören. Es wird intereffant sein, zu sehen, ob der neue- Vorstand, in den Männer Eingang gegefunden haben, die siner reformsüchttgen Richtung angehören, auch den nötigen Liberalismus aufbringen wird, den Orthodoxen das Leben nicht noch mehr zu erschweren. Wien, 15. November. Nachdem, wie bereits berichtet, die Vertreter der Sephardim von Bosnien und der Herzegowina vom Kaiser huldvoll empfangen worden sind, ist nun am Freitag, den 13. November, um 1 Uhr nachmittags auch eine Huldigungsdeputation der bosnischen und herzegowinischen israelitischen Kultusgemeinden vor dem Kaiser erschienen. Es waren 27 Kultusvorsteher und zwar als Repräsentanten der Gemeinden von Sarajewo, Banjaluka, Tusla, Brieka und Bihac. Aus Sarajewo waren unter anderem die Herren Dr. Rothkops, Bernardo Klein und Rabbiner Dr. Bessel erschienen. Als Sprecher der Deputation fungierten die Herren Rabbiner Dr. Beffel und Dr. Rothkops. Als der Kaiser in den Audienzsaal getreten war, bedeckten die Deputationsmitglieder das Haupt, worauf Rabbiner Dr. Beffel die Segensformel im hebräischen Urtext mit lauter Stimme sprachin das „Amen" stimmten dann zum Schluffe sämtliche Deputationsmitglieder ein. Nun ergriff Dr. Rothkops das Wort zu einer Ansprache an den Kaiser, in der er der Loyalität, der Liebe und Verehrung der Judenschaft Bosniens und der Herzegowina für Kaiser Franz Joseph I. gedachte und für alle Beweise des Wohlwollens, die seine Glaubensbrüder vom Kaiser während der sechs Dezennien seiner Regierung empfangen haben, dankte Dr. Rothkops schloß mit einem Hoch auf den Kaiser, in das die Versammelten laut einstimmten. Der Kaiser dankte in herzlichen Worten für die ihm dargebrachte Huldigung der israelitischen Kultusgemeinden und gab der Hoffnung Ausdruck, daß Oesterreich in den neugewonnenen Ländern seine Kulturmifsion auch weiterhin ersprießlich erfüllen werde. Rabbiner Dr. Beffel stellte sodann die einzelnen Mitglieder der Deputation vor und der Monarch zeichnete jedes einzelne Mitglied durch eine Ansprache aus und erkundigte sich über die Verhältnisse in den' Judengemeinden. Den Rabbiner Dr. Beffel fragte der Monarch über die Verhältnisse der Kultusgemeinde von Sarajewo und ob die Gemeinde einen Tempel errichtet habe. Dr. Beffel antwortete, daß die neue Synagoge der Stadt zur Zierde gereiche und daß in dieser Synagoge schon anläßlich des 50jährigen -Regierungsjubiläums des Kaisers ein großer Festgottesdienst stattgefunden habe, an dem auch Vertreter aller Behörden teilgenommen haben. Auch Erzherzog Friedrich habe einmal dieses Gotteshaus besucht. Aehnliche Fragen richtete der Kaiser auch an den Rabbiner von Banjaluke P. Keller. Die Deputation weilte über 20 Minuten in der Hofburg. Donnerstag mittag erschien die Deputatton im Präsidium der Wiener Kultusgemeinde. Der Führer der Abordnung, Prädsident der Kulltusgemeinde Sarajewo, Rothkops, hielt an den Präsidenten Dr. Alfred Stern eine Ansprache, worauf der Präsident Dr. Alfred Stern in einer längeren Rede die Deputatton der Sympathien der Wiener Kultusgemeinde versicherte. Mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser fand die Versammlung ihren Abschluß. Ungarn. Konfefflonelle Schulen. (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 14. November. Die von dem neologen Wochenblatte efliffentlich ausgesprengte Behauptung, als hätte er orthodoxe Kanzleipräses in einer Unterredung mit einem Journalisten gegen die jüdisch-konfessionellen Schulen Stellung genommen, hat gewiß in manchem leichtgläubigen Gemüte eine gewisse Befremdung hervorgerufen. Doch ist diese Behauptung auch schon in der vorletzten Nummer dieses Blattes dementiert worden. Denn es ist eine echte Szab olcsi-g emäße Annahme, als hätte der orthodoxe Landespräses Frankl gegen die konfessionellen Schulen Stellung genommen. Derselbe äußerte sich nur dahin, daß in vielen Kreisen der Orthodoxie eine gewisse Aversion gegen die heutigen konfessionellen Schulen besteht. Und der Herr Präses hat durchaus das Richtige gesagt! Ich z. B. bin ein glühender Anhänger der echtjüdischen konfessionellen Schulen. Denn ich habe haupffächlich in Deutschland die Beobachtung machen können, welchen Segen eine echtjüdische Schule stiften kann. Auch bin ich schon mehr als einmal öffentlich für die unentbehrliche Vorbedingung einer echtjüdischen Schule: die Errichtung einer separaten Präparand i e eingetreten. Aber ein Anhänger der heutigen, von Zöglingen der Pester Assimilationsanstalt No. 2, der sogenannten „israelitischen" Lehrerpräparandie, deren Leiter seine Tochter an einen getauften Juden verheiratete, deren langjähriger Religionslehrer Dr. Kraus, wie ich an anderen Stellen unwiderlegbar nachgewiesen, die heiligsten Fundamentalprinzipien des Judentums leugnet, und unter anderen den iw» - Glauben und rrPTi ipap als einfältige Ammenmärchen travestiert, — ein Anhänger der von Zöglingen*) einer solchen Anstalt geleiteten sogenannter jüdischen Volksschulen bin auch ich nicht! Weil ich eben echte, rechte, von echten und rechten Jehudim geleitete Schulen, wie die der gesetzestreuen Gemeinden in Deutschland, haben möchte! Und das mögen sich all diejenigen gut merken, die es angeht, daß auch die verbohrtesten „Streimel"-Juden einzig und allein deswegen Feinde der jüdischen Volksschule waren und sind, weil sie bei ihr die trübe Erfahrung machen mußten, daß die von orthodox - jüdischem Gelde besoldeten Lehrer — Ehre den rühmlichen Ausnahmen, vor denen niemand größeren Respekt haben kann, als Schreiber dieser Zeilen — versteckte oder offene Pioniere des radikalsten, unjüdischen Assimilantentums sind. Und darum — sagen diese unsere chaffidischen Brüder — ist es vom jüdisch-religiösen Gesichtspunkte aus viel besser, so man die Kinder in die Simultanschule schickt, den jüdischen Unterricht aber von einfachen, rechtftommen Melamdim erteilen läßt. Ich bin kein „Streimel"-Jude, aber ich bekenne es ganz offen, daß diese Behauptung der Chassidim vielleicht nicht ganz unbegründet ist. Aat-aut! Entweder eine echtjüdische Volksschule mit echtjüdischen Lehrern, oder Simultanfchule mit besonderen D'Hö?»! Zwischen jüdischen Schulen mit unjüdifchen Lehrern, für diez.B. Mikwoh-Gesetz, das Rasierverbot, das Verbot des Tragens am Sabbath etc. etc. einfach nicht zu existieren scheinen, und einer Simultanschule mit besonders angestellten wnv?v, scheint mir letzteres *) Ich betone hier ausdrücklich, Saß ich bei all meinen kezüglichen Angriffen Sie Majorität dieser Zöglinge nicht ab» die lobenswerten frommen Ausnahmen vor Augen habe. das kleinere Uebel zu sein! Aber doch immerhin ein Uebel, auf dessen Analysierungich jetzt, nicht näher eingehen kann. Dieses Uebel aber kann keineswegs durch Lmfqche Angriffe auf die Chassidim und auf den Präses Frankl, sondern einzig und allein durch Errichtung einer echt-orthodoxen Präparandie aus der Welt geschafft werden. Gebet uns Lehrer, die vor allem Jehudim sind, Jehudim im strengsten Sinne des Wortes, wie sie die Lehrerseminarien in Würzburg und Köln heranbilden. Dann werden auch die Chassidim für die jüdischen Volkschulen kämpfen und wird auch das neologe Bikesch-lakaur-hakaul-Blatt nicht in hie Lage kommen dem Präses Frankl unwahre Behauptungen in den Mund legen zu können! — — — RrrMan!». Pet ersburg, 20. Nov. Die anläßlich der verschiedenen Pogromprozeffe von den Anwälten der Juden gehaltenen Reden sind gesammelt worden und in Buchform erschienen. T)as Buch ist sehr umfangreich und umfaßt zwei Teile. Es stellt eine furchtbare Anklage gegen die russische Verwaltung und Gesellschaft, wie sie lauter und eindrucksvoller noch nicht erhoben wurde und enthält auch ein bedeutendes Verteidigungsmaterial. Der jetzt erschienene zweite Teil ist auch mit einer geistvollen Einleitung aus der Feder des berühmten Schriftstellers Wladimir Korolenko versehen. Leider hat die Zensur manches aus dem wertvollen Buche, besonders aus den Reden HillersohnsundSkarjatinsim Bialystocker Prozeß gestrichen. Die Reden dieser beiden Anwälte, wegen deren ihnen jetzt der Prozeß gemacht wird, bilden indessen auch noch in ihrer verkürzten Form den interessantesten Teil des Sammelwerkes. Odessa, 20. Nov. Generalgouverneur Tollmatzof, der unbeschränkte Herr und Gebieter in unserer Stadt und Provinz, gehört, wie schon wiederholt hier berichtet, zu den problematischen Naturen, deren Liebe und Haß die Juden abwechselnd über sich ergehen lassen müssen. Herr Tollmatzof hat bekanntlich in väterlicher Fürsorge sich der inneren Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde angenommen und sein Grundsatz ist: „Willst Du nicht willig, so brauche ich Gewalt!" Es ist nicht zu leugnen, daß sich in manchen seiner Verordnungen etwas wie Wohlwollen und Verständnis kundgibt. Besonders anerkannt wird sein Eintreten gegen die Fleischfteuer, die die jüdische Bevölkerung seit undenklichen Zeiten furchtbar drückt, ohne ihr den geringsten Vorteil zu bieten. Es fehlt aber andererseits auch nicht an bitteren Anklagen gegen den General, der bei verschiedenen anderen Gelegenheiten es mit den echten Russen gemeinsame Sache gemacht haben sollte. So ist noch in Aller Erinnerung der von ihm genehmigte Vertrag mit der Belgischen Gesellschaft, die den Bau der Straßenbahn unternommen hatte, nach welchem jüdische Arbeiter und Lieferanten von der Beteiligung am Bau ausgeschlossen wurden. Die russische Zeitung „Retsch" brachte dieser Tage auf Grund dieser Tatsachen einen geharnischten Artikel gegen Tollmatzof, in dem sie sich ganz besonders gegen seine unbefugte und unheilvolle Einmischung in die internen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Odessa wendete. Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde erklärte aber diesen Angriff als durchaus ungerecht und richtete am 10. ds. eine Adresse an den Generalgouverneur, in der sie seine Verdienste für die Rühe und Ordnung in der Stadt und für die Befestigung der Gemeinde-Organifatton vollauf anerkannte und ihm die dankbaren Gefühle der Mischen Bevölkerung zum Ausdruck brachte. Die Deputation, welche chm die Adresse überreichte, wutt)e vom General huldvollst empfangen. Er machte ihr die weitgehendsten Versprechungen und brachte bei dieser Gelegenheit wiederum eimge Gemeindeangelegenheiten zur Sprache, deren zweckmäßige Erledigung er sich angelegen sein lassen wollte.

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