Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 47 (26.11.1908)
- Date
- 1908-11-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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26. November 1908 Der Israelit. Seite 3 No. 47 völlig unbeabsichtigte Polemik über die Alliance überhaupt auszulösen und dadurch die richtige Distanz zu der jetzt brennenden Frage zu verlieren. Sei es also darum : die Herren hatten, wiewohl sie wußten oder wissen mußten, daß die erhobenen Beschwerden, zu deren Untersuchung die Kommission ausaesandt wurde, zum sehr großen Teile aus dem Gebiete der Religion liegen, nicht in Betracht gezogen, daß die Verschiedenheit der religiösen Auffassung und Betätigung, welche Orthodoxie und Neologie trennt, es erforderlich erscheinen ließ, schon aus Gründen der Parität, beide Seiten gleichmäßig zu berücksichttgen. Mußten sie es nicht dankbar begrüßen, daß sie auf dieses Versehen hingewiesen wurden, und mit um so größerer Bereitwilligkeit auf die Wünsche der Unterzeichner eingehen, als sie selbst deren .Berechtigung zu bestreiten nicht im Stande sind? Sind die Gründe, welche das C. C. findet, ausreichend, den Afsront, den es mit seiner Absage seinen orthodoxen Mitgliedern antat, zu rechtfertigen? Oder gelangten diese Wünsche, wie man nach einer Auslassung in dem deutschen offiziellen Organ der Alliance und dem weiter unten noch zu behandelnden Schreiben des deutschen Bureaus annehmen muß, wirklich erst so spät an das C.C., daß es bereits zu spät war, sie noch zu berücksichtigen? Auf diese Frage soll unser nächster Artikel die Antwort erteilen. (Schluß folgt.) ochewMöscha«. Me Kultusroahlen in Men. Die Würfel sind gefallen und zwar zu Gunsten des bisherigen Kultusvorstandes und seiner Partei. 80 Prozent der abgegebenen Stimmen lauteten auf den alten Vorstand. Vollkommen wie der Erfolg der Vorstandspartei, war die Niederlage der Oppositton, die trotz verzweifelter Mühe und Anstrengung das Vertrauen der Massen nicht für sich zu gewinnen vermochte. Die Gesetzestreuen 'aus der Sch if f s ch u le, die ihrem Prinzipe getreu keinen offiziellen Kandidaten aufstellten, sicherten ihrem Mitgliede Herrn Bernhard Hofbauer, der auf eigene Verantwortung kandidierte,einen Achtungserfolg von 600Stimmen.Das genügte natürlich nicht, und sie bleiben im Kultus- Vorstände, dem sie nach dem Landesgesetze in prekärer Weise unterstellt sind, nach wie vor unvertreten. Aber der Kultusvorstand ist voller Liebe und Toleranz gegen alle, die meinem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm stehen. Er hat es selber gesagt } alle seine Mitglieder überboten sich beiden letzten Wähler-Versammlungen mit ihren Beteurungen und Versprechungen und wurden nicht müde, ihren Gerechtigkeitssinn in allen Tonatten zu Preisen. Selbftlob, zumal am Vorabend der Wahlen, bedeutet schon an sich nicht viel. Im Lichte der jüngsten Ereignisse, die so recht das „tolerante" Verhalten des Vorstandes gegenüber den Bethausvereineu zeigten, hörte sich jene selbstgefällige, großmütige Sprache vollends wie ein Hohn an. Nun kann der siegesgekrönte Kultusvorstand, als Herrscher absolut,ohne von einer Rücksichtnahme irgendwelcher Art sich fortan noch beengt und gestört zu fühlen, seine Tätigkeiten beginnen. Die große Masse der Wähler schaft hat ihm ein Vertrauensvotum erteilt und kundgetan, daß sie mit seinem Regime vollauf zufrieden ist. Und zu diesem Erfolge hat unstreitig die Opposition nicht zum geringsten Teil beigetragen. Abgesehen davon, daß es diese nicht immer verstand, auch ihre berechtigten Klagen und Wünsche in durchaus einwandsfreier und. taktvoller Weise vörzubringen, fehlte es ihr auch an der leitenden Idee, an der Idee, die begeisternd, überzeugend und werbend hätte wirken können. Mit Schlagworten allein ist keine Politik zu machen. Sie, die Herren der Oppositton, kämpften gegen den Vorstand, dessen Tun und Fühlen sie als u n j ü d i s ch bezeichneten. Wo und wie ist euer Judentum? fragten die im Grunde ziemlich indifferenten Wähler. Wahrhaft jüdische Gesinnung, soviel wissen auch die Abgefallenen und abseits Stehenden, kann nur da sein, wo auch jüdisches Leben blüht und die Gesetze der jüdischen Religion betätigtwerden. Von einem neuen rein nationalen Judentum wollen aber diejenigen, die sich vom alten abgewendet, am wenigsten wissen. Und sie gingen zur Urne, zahlreicher als sonst je der Fall war, damit alles beim Alten bleibe. Für die kleine Schar der Gesetzestreuen in Wien bedeutet, wie vorerwähnt, der Erfolg des Kultusvorstandes leider keinen Gewinn. Sie hat aber andererseits, wie der Verlauf der Wahlkampagne deutlich gezeigt, mit der Niederlage der Opposition auch keinen Verlust erlitten. — Denn war es den Herren Opponenten ernst um den Kampf für wahres Judentum, warum ließen sie, nachdem sie doch ihre Sache verloren wußten, ihre Unterstützung nicht dem einzigen Mitgliede der Gesetzestreuen angedeihen? „Weil diese auch uns nicht unterstützten!" lautet die Antwort. Allein sie ist nicht stichhaltig. Die Gesetzestreuen haben den Zionismus nicht als Parole gewählt und hatten auch keine moralische Verpflichtungen ihm gegenüber. Die Zionisten aber kämpften gegen den „unjüdischen Vorstand" und appelierten an das jüdische, auch an das religiöse Empfinden. Sie hatten somit auch die Pflicht auf sich genommen, ihr jüdisches Empfinden durch Unterstützung des einzigen gut jüdischen Kandidaten zu bekunden. Sie taten es nicht und Beider Schicksal war besiegelt. Die Nationalen wie die Gesetzestreuen mußten der Uebermacht der Vorstandspartei weichen. Die Schiffsschutgemeinde weiß aber nun, woran sie ist und wird sich darnach einzurichten haben. Sie hat es an Hand eines krassen Beispiels erfahren, wie wenig sie von Außen zu erwarten hat. Dieses Bewußtsein der Isolierung sollte kein beklemmendes Gefühl aufkommen lassen, sondern vielmehr die kleine Schar der Getreuen mit frischem Mut und Tatkraft erfüllen, sie anfpornen, das zu erstreben, was die Orthodoxie anderer Länder längst erreicht hat und was ihr Lebenselement bildet: vollständige, gesetzlich anerkannte Selbständigkeit. Die Vorgänge Im Orient Die im Nachrichtenteil veröffentlichten Berichte aus Konst antinopel und Jerusalem lassen leider erkennen, daß die Wühlarbeit Antöbis in der heiligen Stadt im Verein mit der rührigen Werbetätigkeit seines als Chacham-Baschi fungierenden Kollegen in Konstantinopel die Aussichten auf eine Wiederkehr friedlicher Verhältnisse recht trübe erscheinen lassen. Wir haben von vornherein nicht geglaubt, daß ein Mann wie Antsbi sich die Jnstrukttonen seiner Vorgesetzten Behörde besonders ernst zu Herzen nehmen würde: Paris ist weit von Jerusalem, und wer so lange Jahre ungestraft auf eigene Faust Politik machen durfte, der hat genügendes Selbstgefühl erlangt, um aller Mahnungen vom grünen Tisch zu spotten — selbst wenn er glaubt, daß sie ernst gemeint seien. Noch ist die Vorgeschichte der neuerlichen Absetzung des Chacham- Baschi Panifel nicht ganz geklärt. Positiv dementieren können wir nur die in einigen jüdischen Blättern sich findende Notiz, daß eine Untersuchungskommist'ion nach Jerusalem entsandt worden sei, die irgendwelche Amtsvergehen des Chacham- Baschi konstatiert habe. Diese ganze Nachricht ist aus der Luft gegriffen. Vielmehr hat man — wie sich aus unserer Konstautiiwpeler Meldung ergibt — genau wie vor drei Monaten der Augen. Aber mttJsaks Namen sich verbindet schonzu dessen Lebzeiten die Herrlichkeit seines Nomens NN" prüf' bV/ weil schon zu Lebzeiten irdische Triebe von ihm gewichen waren. Andere Patriarchengestalten mögen mächtiger und ergreifender die L hre Gottes verbreitet haben, aber niemand hat mehr ein Betspi l dafür gegeben/ wie man den Himmel schon auf Erden leben könne. Fehlerfrei war unser Vater Jsak, doch nicht unfehlbar, sondern nur ein Mensch, der denkt, während Gott renkt. Das sagt der dritte Grund, den unsre Weisen für die erlöschende Sehkraft Jsaks anführen. N2 71X 3pJT» Jsaks Auge war deshalb schwach geworden, damit sein Sohn Jakob den Segen empfing. Jsak ward alt, damit sein Sohn den egen erhielte, und daS Auge des Greifes wurde schwach, damit gerade Jakob dieses Segens lellhasiig wurde. Auch Jsak war nur ein Mensch. Und weil er glaubte durch seinen Väterlichen Segen die wilde rohe Kraft Esaus mit den herrlichen Tugenden eines Jakob für die Zukunft harmonisch vereinigen zu können, darum erlosch das menschliche Auge in ihm, und daS Auge der Vorsehung wachte darüber, daß Jsak daS Werkzeug ihrer weisen Bestimmung blieb und — Jakob den Segen gab. Man glaube nicht, daß Jsak im gewöhnlichen Sinne ein für seinen Lieblingssohn voreingenommener Vater war. Jsaks Liebe ist nicht die parteiische Liebe eines alltäglichen Menschen, der äußere Eigenschaften edlen Tugenden vorzieht, sondern' Jfaks Liebe zu Esau ist die unsagbare edle Güte eines gottbegnadeten Menschen, der mit dem Glanze und der Reinheit seiner Persönlichkeit da« Uebermenfchliche erreichen will, einen Chara'.ter wie Esau durch Segnungen, und Ermahnun en, durch herz- U$e PMerÜche Zärtlichkeit zum Guten zurückführen will. Doch er wird hierbei von der Vorsehung auf den Pfad ihres unergründlichen Willens zurückgelenkt. Daß Jsak dieser unsterbliche lautere Gottesmann ist, dafür bürgt uns am besten die Art, wie er Jakob den Segen erteilt. Er beginnt seinen Segen mit den Worten: *1^ sn'1 Und es gebe Dir Gott usw." Was bedeutet dieses „Und" am Anfang eines neuen Gedankens? Es bedeutet die Weisheit Jsaks, der seinem Sohne alle Herrlichkeiten der Natur und all' ihre Machtfülle auf d.n Schwingen seines Segens zutragen will, der aber wohl weiß, daß selbst der Segen eines sterbenden Vaters ohnmächtig tst, wenn nicht der Sohn zuvor sich würdig gezeigt hat — des göttlichen Segens. Gott gebe Dir seinen himmlischen Segen und wenn Dein Leben und Cyarakter dieses Segens würdig find, dann wird Gott Dir auch den Segen erfüllen den treue Eltern auf dein Haupt herabwünschen. Kleines Feuilleton. Zascdwnus. Bon JuvSnS. (Fortsetzung.) Ter Verein wurde trotzdem gegründet und Koppel Seligmann wurde eines seiner ersten Mitglieder, aber mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß sein Haus nach wie vor den Armen geöffnet bleibe. Als einige Jahre später ein ähnlicher Verein ins. Leben gerufen wurde, der den Zweck hatte, durchreisende Arme am Schabbos und Jomtof nicht wie bisher in einzelnen Familien unterzubringen, sondern sie in einem Gasthaus zu speisen, machte er öiefclben pviu&ipiettcn Siebenten gegen diese Bestrebungen geltend. Aber hier erklärte er sich trotzdem mit dieser Neuerung einverstanden, weil die religionsgesetzliche Führung vieler Haushaltungen es unmöglich mache. Arme dort beruhigt speisen zu lassen. Er wurde sogar Vorsitzender dieses Vereins, aber er ließ es sich nicht nehmen, jeden Schabbos und Jomtof eine Anzahl armer Leute von der Synagoge mit nach Hause au seinen Tisch zu nehmen. Die Pflege dieser jüdischen Kardinaltugend der Gastlichkeit war ihm niemals teuerer, als, seitdem er sie von seiner Umgebung vernachlässigt sah. Einem Sabbathtisch ohne armen Tischgenossen hätte der schönsten Tafelmusik gefehlt. Au dem Freitag Abend, an dem unsere Erzählung uns in die Familie von Koppel Scligmann einführt, war es dem trefflichen Wirt nur gelungen, einen einzigen Gast von der Synagoge mit nach Hause zu bringen, lieber das Gesicht der wackeren Wirtin, die wie jeden Freitag Abend auch heute am Fenster fast und ihrem Mann rind feinen Sabbathgästen entgegensah, um vor ihren: Eintritt den Tisch mit den nötigen Gedecken zu versehen, huschte ein leiser Schatten. Zwei Gäste waren es wenigstens, die sonst ihr Mann.mitbrachte, um für das gemeinsame Tischgebet die gewünschte Treizahl zu haben und heute war es nur ein einziger Gast. An dieser Treizahl fehlte es zwar auch heute nicht, denn hinter den beiden folgten der Sohn des Hauses, der einige Stunden zuvor von seiner Geschäftsreise nach Hause gekommen tvar und ein Kommis, der im Hause Kost und Logis hatte. Ta es aber hie und da vorkam, daß beide über Schabbos von ihren Geschäftsreisen nicht nach Hause kamen, so waren zwei