Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 46 (19.11.1908)
- Date
- 1908-11-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. H6 'euilleton 5am«el da Nagiä. Line jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. Erster Vaud. (Fortsetzung.) Samuel erschrack heftig. Er wußte, daß es ein Lieblingsgedanke des Königs war, ihn mit einer Araberin zu vermählen, der König hielt eine derartige Verbindung für einen politisch geschickten Schachzug/ wenn-fein Vezier Schwiegersohn einer der großen Araberfamilien wäre, so glaubte eh damit den Haß dieser Leute energisch zu dämuD. SamW erwiderte daher: „Du weißt, o Herr, daß ich alle Menschen, welchen Glaubens sie find, mit der gleichen heißen Liebe umfange, aber für die großen Araber unserer Stadt habe ich nicht viel übrig) so viele Vorzüge das arabische Volk besitzt, so befinden fich gerade unter ihren Großen viele, die statt fromm zu sein, ftömmeln, statt klug zu sein, verschlagen find, statt gelehrt zu sein, dem Sophismus huldigen und deren ganze Ideenwelt einzig darauf gerichtet ist, eine oberflächliche, überkommene, steife Wohlanständigkeit zu bewahren. Ich wiederhole, ich hasse niemanden auf der Wttt, selbst Meinen Feinden wünsche ich nichts übles — mögen sie sich in meine Freunde verwandeln — wen ich aber mit der Gewalt meiner Empfindung hasse, das find die Menschen, die sich selberbetrügen. Sie legen hundert Goldstücke in ihren Spind, aber schnell vorher nehmen sie zehn Goldstücke davon hinweg, denn ihre Gewohnheit läßt es nicht zu, daß sie etwas ganz und vollkommen tun- .Meine Begriffe von Sitte und Gesetz sind andere wie die ihren, deshalb o Herr, lasse ab von diesem Plane." „Deine lange Rede war ganz umsonst," lachte der König, der diese Charakterisierung seiner versteckten Feinde sehr treffend fand, ,-nicht mit einer Araberin, mit einer Jüdin will ich dich verheiraten. Joseph ibn Migas hat eine herrliche Tochter —" Nun erschrack Samuel noch heftiger, denn nun galt eS den König von seiner einzigen, ganzen und großen Liebe zu Fatima zu überzeugen und chm seine innersten Gedanken zu offenbaren. „Ich kann auch die von Dir in Vorschlag gebrachte Jüdin nicht ehelichen, denn ich muß meiner Verlobten die Treue bewahren." „Meine für dich Auserwähkte ist ein liebliches Mädchen, sie ist schön wie eine Sommernacht, niemand ist imstande die Weiße ihrer Hände zu befingen und selbst die Sonne ist eifersüchtig auf den Glanz ihres Halses." „Und trotz alledem kann ich mich nicht entschließen, deinem Rate zu folgen. Du mußt bedenken, daß die Leidenschaften bei dem reifen Manne eine andere Form annehmen, wie beim achtzehnjährigen Jünglinge. Wahre Sittlichkeit findet sich nur in der Ehe mit derjenigen, die uns nicht nur äußerlich, sondern auch geistig voll befriedigt, und das Glück des Lebens wird zerstört, sobald sich die Bande der Sittlichkeit lösen. Wenn nun ein Mensch, der wie ich, das Glück hat, ein Mädchen gefunden zu haben, mit dessen Seele die seine ineinander klingt, wo Natur und Sitte, Geist und Phantas«, auf beiden Seiten auf gleicher Höhe gestimmt find, hum ein solcher Mensch von seiner Erwählten lassen und einer anderen an gehören? Bei feurigen Jünglingen mag oft die Rücksicht auf die unbezähmbare Naturgewalt in ihrer Liebe ausschlaggebend sein, bei einem Manne in meinem Alter hingegen wird man fich nur zur Ehe entschließen, wenn auch die geistigen Fäden ein zartes Gewebe spinnen. Darum verläßt der Mann, wie es in unserer Schrift heißt, seinen Vater und seine Mutter, damit ist gemeint, so lehren unsere Weisen, er tue das Gute um des Guten selbst willen, nicht weil es seine. Eltern verlangen, er werde ein selbständiger Charakter, er hange an seinem ihm geistig und seelisch ebenbürtigen Weibe, dann erst werde er mit ihr zu einem Fleische." „Euch Juden," sprach der König, „macht doch Eure Schrift zu Menschen, die, wenn sie nach ihr leben, in jeder Beziehung vollendet werden müssen. Trotz alledem gebiete ich dir, Chabiba zu heiraten. Kommt dein Mädchen eines Tages zurück, so kannst du auch sie fteien, deine Religion verbietet dir nicht die Verheiratung mit zwei Weibern." „Wenn mir auch-mein Glaube die Heirat mehrerer Frauen nicht verbietet, so ist es doch seit langem.Sitte in Israel geworoen, nicht mehr wie eine Gattin zu freien. Ein berühmter Rabbi in Germanien, den man Maor ha-Golah, die Leuchte in der Verbannung nennt und dessen Größe auch wir in Andalusien anerkennen, hat wie ein Reifender aus Zarfat berichtete, gerade jetzt eine Verordnung erlassen, nach der uns die Vielweiberei untersagt ist." An Chabbus Stirn begann die Ader zu schwellen. So sehr er Samuel bewunderte, ja verehrte, so sehr er von seiner Unentbehrlichkeit für ihn überzeugt war, eben so sehr fürchtete er aber auch jede und wäre es nur die geringste Beeinträchtigung seiner Macht. Auch hier glaubte er keinen Widerspruch dulden zu dürfen. Auch fand er fich so auf die billigste Weise mit seinem Lebensretter ab. „Du hast die Wahl" schrie er, du nimmst entweder Chabiba oder du bist von heute ab nicht mehr mein Vezier." Für Samuel stand alles auf dem Spiele, er wüßte, daß der Barbar Wort hielt, hatte er erst seine Stelle verloren, dann waren Kopf und Kragen auch nicht mehr ficher, aus irgend einem geringen Anlaß würden ihm seine Feinde schon den Prozeß anhängen und ihn unschädlich zu machen suchen, er mußte, wenn ihm sein Leben lieb war, nachgeben. Chabbus war sofort wieder guter Laune und. beglückt über die Zusage seines Ministers. Er bestimmte, daß das Berlobungsfest mit besonderem Pompe gefeiert werde und zwar im königlichen Schlosse selbst in der al-Hambrah. Dreizehntes Kapitel. In der al-Hambrah ging es hoch her. Das Berlobungsfest des ersten Ministers des Landes des Veziers Samuel ha-Levi ben Joseph ibn Nagdela mit. der edlen Tochter des Joseph ibn Migas wurde auf das glänzendste gefeiert. Da nach damaliger Sitte die Hochzeiten meistens im stillen und unter geringer Beteiligung von Gästen abgehalten wurden, stattete man das Berlobungsfest um so herrlicher aus. Auch legte der König besonderen Wert auf eine glanzvolle Feier. Waren doch einige befreundete Fürsten aus der Nachbarschaft geiaden, vor denen die ganze Pracht des granadischen Hofes entfaltet und bei dieser Gelegenheit das neuerbaute Schloß gezeigt werden sollte. Auch im Hause der Braut wurden die sorgfältigsten Vorbereitungen für dieses Fest getroffen. Ihr Vater Joseph ibn Migas gehörte mit seinen beiden Freunden Isaak ben Leon und Nehemia Aschkofa zu den einflußreichsten und vornehmsten Juden der Gemeinde. Sie waren sehr reich und sehr gelehrt, demgemäß wollten auch fie fich auf dem Feste zur Geltung bringen. _T’j// Während des Festes sollte ihr Beschluß, eine neue Synagoge zu bauen, öffentlich verkündet werden. Die bereits fettigen Baupläne und das dazu erforderliche Geld wollten fie mttbttngen und bei dem Bräutigam deponieren, der bei dieser Gelegenheit zum Rabban von Granada ernannt werden sollte. Chabbus, der von dem Vorhaben der Juden erfuhr, wollte seinerseits nicht zurückstehen und bei dem Feste den Befehl zur Errichtung einer neuen Moschee, mit der eine Schule zu verbinden sei, geben. So erwattete man allseits, das Fest mit großer Spannung. Nur einer war verwundet bis ins Innerste, getroffen im ttefsten terzen, schier vergehend vor Leid und unsagbarem chmerze, und das war Samuel. Seit seiner Einwilligung in die Heirat mit Chabiba verbrachte er keine ruhige Minute mehr. Seine Nächte erfüllten die Seufzer und die Rufe nach Fatima und bei Tage war ihm jede Arbeit lästig. Er gab sich im Herzen unrecht, daß er nicht standhaft geblieben, selbst auf die Gefahr hin, seine Ehre, seinen Posten, ja selbst sein Leben einzubüßen. In schlaflosen Nächten schalt er fich der Untreue gegen seine Verlobte und hielt fich nicht mehr würdig ihr unter die Äugen zu trtten.. Das Einzige, was er zu seiner eigenen Entschuldigung vorzubringen wußte, war, daß er sich der Hoffnung hingab, daß sich die Laune des Tyrannen noch vor der Hochzett wende, und er dann von seiner Zusage befreit würde. Aber nun war der Tag der Verlobung bereits herangekommen und es war nicht die gettngste Aussicht, daß bis zur Hochzeit noch etwas eintreten könne, was ihn aus dieser peinlichen Lage zu lösen imstande wäre. Er überlegte, ob er nicht heute bei dem Feste selbst noch au seinen Mannesmut zusammennehmen und die Erklärung abgeben solle, daß ernie uyd nimmer in die Verbindung mit Chabiba einwilligen könne. Aber der andauernde Kummer hatte einen so hohen Grad von Energielosigkeit iü ihm erzeugt, daß er zu einer solchen Tat fich auszuraffen, kaum die Kräfte fand. Er war nicht mehr er selbst, sein einziger Gedanke war, o käme doch ein Blitz, der. mich tötete. Es wäre besser gewesen, ich hätte alles, selbst das schlimmste über mich ergehen lassen, als ein solches Leben weiter zu führen. Der sonst so aufrechte Mann, ein BUd edelster Männlichkeit, war in sich zusammen gefunken und nicht wieder zu erkennen. Das Fest wurde zunächst durch verschiedene Spiele eingeleitet. Im Hofe der al-Hambrah, dessen Springbrunnen heute wohlduftendes Wasser ergossen, fand zunächst ein Pfeilschießen oer Männer statt. Mit Silbermünzen auSgestopfte Tauben waren auf hohen Säulen befestigt und wer das Glück hatte, einen solchen Vogel in das Auge zu treffen, durfte den Jnhatt sein eigen nennen. Diesem Vergnügen folgte ein kunstvoll arrangiertes Ballspiel der Freundinnen der Braut, bei dessen Schluß Chabiba ein großer Ball, mit weißem Atlas überzogen, überreicht wurde. Auf ihm hatten die Freundinnen allerhand Sinnsprüche mtt Gold gestickt. Nunmehr traten von Amtswegen besoldete Spieler vor, die ein Damen- und Schachwettspiel veranstalteten, das Chabbus ebenso wie sein großer Vorgänger Harun al- Radschid besonders liebte. Den Gewinnern überreichte man goldene mtt Edelstein besetzte Gefäße, sowie kostbare Stoffe, während die Unterliegenden das Fest verlassen mußten. Jetzt mußten die verschiedenen Sklavinnen des Königs chre Künste zeigen als Tänzettnnen, Sängerinnen, Flöte- und. Lautespielerinnen, Märchenerzählettnnen und Dichterinnen, aus dem Stegreif entwickelnd. Auf einem Thronseffel gegenüber dem Brautpaare saß König Chabbus. Er war guter Laune, denn er versprach fich von der neuen Verbindung mancherlei Vorteile für das Land. Er wintte deshalb den Vater der Braut zu fich Hera» .unk begann mit ihm eine längere Untttrredvng.