Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 46 (19.11.1908)
- Date
- 1908-11-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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- Tacitus 5× ep/1025676
- Homer 1× ep/1025156
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dje Wart Die Juden im Urteil der griechische« und römischen Schriftsteller. Aus dem literarischen Nachlasse von Golm Berlin. (Schluß.) Gestützt auf die Erfahrung einer glorreichen Vergangenheit, auf die Waffenerhebung des siegreichen Roms stand bei jedem römischen Bürger die Ueberzeuguna fest, daß Rom und die Römer ein absolutes Recht, einen Anspruch auf die Weltherrschaft besitzen, und daß eine Schwäche in der Durchführung dieses Rechts genüge, um die Sicherheit des ganzen Reiches zu gefährden. Gegen den Geist des heidnischen Roms hatte sich das jüdische Volk im Gegensätze und in Auflehnung von jeher befunden, mit dem Augenblicke aber, wo die Juden zu den Waffen griffen und ihre nationale Erhebung gegen das Römertum zur Ausführung brachten, stand jeder Römer auf dem Standpunkte Senecas, und dies um so unversöhnlicher, jemehr den leitenden Staatsmännern das bisherige Verhalten als ein politischer Fehler erschien. Deutlicher noch als in der Literatur spricht sich der Judenhaß in der beispiellosen Erbitterung -aus, oie das besiegte Judäa nach der Zerstörung Jerusalems getroffen hat, und Tacitus ist derjenige Schriftsteller, welcher diese allgemeine Stimmung des Haffes in seinen Werken zum Ausdruck brachte. Die unvergleichliche Größe dieses Schriftstellers, seine seltene Begabung ließen vergessen, wie schlecht es mit seiner Zuverlässigkeit und seinen Quellen bestellt sei. Obgleich er die lügenhaften Darstellungen der griechischen judenfeindlichen Literatur benutzt und sie stellenweise noch überbietet, ist man doch ob der künstlerischen Anlage seiner Werke über die Uebertreibungen, Unwahrscheinlichkeiten, ja selbst über die Widersprüche und Ungereimtheiten, die man in seiner Schilderung des Judentums antrifft, hinweggegangen ohne daran Anstoß zu nehmen. Seine Darstellung hat bis in die Neuzeit hinein von dem Endrucke des Judentums auf die griechisch-römische Welt falsche Vorstellungen erzeugt, und noch bis vor 50 Jahren hat kein Mensch an des Tacitus Wahrheitsliebe und Unparteilichkeit gezweifelt. Seit den 60er Jahren haben mehrere — auch christliche Gelehrte — festgestellt, daß auch da, wo es sich nicht um Juden handelt, die Quellenforschung des Tacitus erstaunlich tief steht. Die neueste Kritik hat sogar nachgewiesen, daß Tacitus Stellen des Josephus in seinen Werken benutzt hat, und somit muß die unwahre und verzerrte Darstellung, die er vom Judentume giebt, noch verwerflicher erscheinen. Anläßlich der Schilderung der letzten Tage der berühmten Stadt spricht er sich folgendermaßen aus: „Die Juden stammen aus Creta, wo sie in der Zeit, wo Jupiter über seinen Vater Saturn gesiegt, nach dem äußersten Rande Lybyens geflohen feien. Die Weisheit Anderer machtsie zu einem äthiopischem Volk, das von den Männern Hierosolymus und Juda geführt, in die benachbarten Länder Aegyptens gekommen sei. Gelegentlich wurden sie auch für Affyrer gehalten, die sich eines Teils von Aegypten und des später von ihnen bewohnten Landes bemächtigt hatten. Nach Anderen sind sie sogar die Solymer, von denen Homer singt, indeß, worin die meisten übereinstimmen, das ist natürlich der Bericht, nach welchem sie um des Aussatzes willen als götterverhaßtes Volk auf den Befehl der Götter vom Könige Bocchoris in die Einöde getrieben worden seien. Dort in Verzweiflung von Göttern und Menschen verlaffen, habe Moses, einer der Verbannten, sie ermahnt, ihm als einem ihnen vom Himmel gesandten Führer zu vertrauen. Beinahe wären sie dem Durste erlegen, wenn sie nicht durch eine Herde Esel, die zur Quelle liefen, gerettet worden wären. Daher lehrte sie Moses das Bild eines Esels in ihrem Heiligtume zu verehren, und um sich der Anhänglichkeit seines Volkes für die Zukunft zu versichern, gab er ihnen Gesetze, die anders sind als die der gesamten Menschheit Unheilig galt ihnen Alles, was uns heilig, dagegen ist ihnen alles gestattet, was uns unzüchtig erscheint. Ueber diese jüdischen Sitten weiß nun Tacitus noch genaueres als die Quellen selbst, aus denen er schöpftso unter anderen, daß sie sich des Schweinefleisches enthalten, eingedenk des Aussatzes, welchen der Genuß desselben hervorruft, daß ihre vielen Fasten eine Erinnerung an ihre Hungerzeit sei, die sie in ihrer Wanderung durchmachen mußten, daß der Sabbat darum geheiligt wurde, weil an diesem Tage die Leiden beendigt worden waren. (Sabbathous Anthropophagie). Diese Sitten, fährt er dann fort, sind durch ihr Alter gerechtfertigt. Ihre übrigen unheilvollen und schmählichen Institutionen konnten nur durch ihr Alter bestehen und Geltung gewinnen. Jeder schlechteste, der die Religion seiner Väter verachtete, leistete ihnen Beisteuer und Opfer, so wuchs der Anhang der Juden, die untereinander eine ausdauernde Treue und reges Mitgefühl an den Tag legen, gegen alle anderen Menschen aber unversönlichon Haß hegen. Sie meiden deren Gemeinschaft bei Gast mählern und in der Ehe, aber unter ihnen sei nichts unerlaubt. Die zu ihrer Religion Uebertretenden befolgen dieselben Gesetze, diesen werde vor Allem beigebracht, die Götter zu verachten, das Vaterland zu verleugnen, und Eltern, Kinder und Brüder zu vergesien. Dann folgt das Erstaunlichste von Allem, die Worte, welche Tacitus über die Gottesverehrung der Juden, spricht. Die Aegypter, sagt er, verchreu allerlei Tiere und selbftaeschaffene Bilder. Die Juden erkennen nur im Geiste eine einzige Gottheit. Gottlos seien Alle, die aus irdischen Stoffen sich von Göttern menschlichen Gestalten ähnliche Bilder Herstellen. Jenes höchste ewige Wesen sei weder darstellbar, noch vergänglich. Daher dulden sie keine Götterbilder in den Städten, geschweige denn in ihren Tempeln. Nicht Königen wird solche Schmeichelei, nicht Cäsaren solche Ehre. Weil aber ihre Priester Flöten und Paukenspiel erschallen lassen, sich mit Epheu bekränzen und man eine goldene Rebe im Tempel fand, haben einige gemeint, es werde Vater Bachus verehrt, des Morgenlands Bezwinger, womit doch keineswegs ihre Satzungen zusammen stimmen, Bachus hat ja festlichen, fröhlichen Brauck geordnet, der Judäer Weife ist abgefchwächt und niedrig." Wahrlich wenn man diese schreienden Widersprüche liest, so begreift man nicht, wie sie so lange unbeachtet bleiben konnten. Tacitus scheut sich nicht vor der Gottesverehrung der Juden im Geiste, und zugleich auch von ihrem Eselscult zu reden. Während er auf der einen Seite die geschichtliche Vergangenheit des jüdischen Volkes herabsetzt, weiß er die Frage, wieso denn diese Religion habe bestehen können, nur durch den Hinweis auf ihr hohes Alter zu beantworten. Gegenüber der wunderbaren Thatsache, daß gerade in dieser Zeit des höchsten Elends der jüdischen Natton, in den 50 Jahren nach der Tempelzerstörung) zahlreiche Uebertritte zum Judentum erfolgen und eine täglich sich steigernde Anhänglichkeit für das Judentum an den Tag gelegt wird, kann er die Frage nicht umgehen, wieso denn diese abgeschmackte und niedrige Religion sich eines solchen Erfolges erfreuen könnte. Während er aber zur Beantwortung dieser Frage die Einigkeit der Juden, ihre Familieninnigkeit, ihre Liebe zuihren Kindern nnd ihre tätige Menschenliebe als Ursache aufstellt, kann er unmittelbar darauf betonen, daß den zum Judentume Uebergettetenen die Verleugnung ihrer Eltern, Kinder und Geschwister zur Pflicht gemacht wurde. Wie er aber, wenn auch widerwillig, mit diesen Worten den großen Einfluß bezeugt, den das Judentmu durch die Tugenden seiner Bekenner gewonnen hat, so hören wir ihn nicht minder widerwillig die Reinheit des jüdischen Gottesbegriffs in feierlichen, wahrheitsgetreuen Worten anerkennen. — Die übrigen Schriftsteller des flavischen Zeitalters gewähren in nuancierter Weise ähnliche Eindrü^ und so schließen wir hier unsere Wanderung. Wir haben die Urteile der hervorragendsten Vertreter der griechischen und römischen Literatur gehört; wir haben gesehen, wie sie über Juden und Judentum gedacht, daß sie in ihrer Mehrzahl dem Judentum und seinen Brennern Anerkennung und Bewunderung gezollt haben - wo dies nicht der Fall ist, sind die unedlen Motive leicht erkennbar und für den objektiven Geschichtsforscher als Zeitstimmen gegen das Judentum zu verwerfen. Erst nach dem Judenaufstande unter Titus, der mit der Vernichtung des jüdischen Staates enden