Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 46 (19.11.1908)
- Date
- 1908-11-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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19. November 1908, Der JSrqeltt. Seite 9. No. 46 sie sich in recht mißlicher Lage. Diese Erfahrungen haben sie gelehrt, daß für sie das gemischte Farmsystem am entsprechendsten wäre, weshalb sie sich entschlossen haben, an die Baron Hirsch Gesellschaft UM Unterstützungen behufs Einrichtung von Viehzüchtereien zu wenden. Wird ihnen diese Unterstützung gewährt, so dürste sich ihre Zukunft sehr gut gestalten. Außerdem gibt es ganz junge jüdische Siedlungen in der Nähe von Prince Albert und eine im südlichen Manitoba. Die Kolonisten gehen auch hier zielbewußt vor und der Boden ist gut, so daß aller Grund vorhanden ist anzunehmen, daß ihr Unternehmen erfolgreich sein werde. Außer diesen jüdischen Kolonisten kam auch eine große Anzahl von Juden ins Land, die über Kapital verfügten. Diese kauften sich selbst Landstücke in der Nähe der Stadt Winnipeg, woselbst sie sich als Farmer betätigen, Gärtnerei und Obstzucht im Großen betreiben und durchwegs gute Erfolge erzielen. Rumänien. Bukarest, 6. November. Die Antisemiten führen seit längerer Zeit einen großen Kampf gegen die Richter der Stadt Jassy, die sie beschuldigen, von den Juden bestochen zu sein. Trotz der klar zutage liegenden Unsinnigkeit einer solchen Beschuldigung, die sich die Richter «ur deshalb zugezogen haben, weil sie nicht nach dem Willen der Antisemiten das Recht verdrehen wollten, setzte der Justizminister eine Kommission ous zwei Abteilungen des Kassationshofes ein, um die Sache zu untersuchen. Das Ergebnis war, wie man es nicht anders erwarten konnte, daß alle Beschuldigungen als absolut haltlose Verleumdungen erwiesen wurden. Die Antisemiten sind darüber natürlich sehr ergrimmt, und ihre Hauptführer, die Herren Universitätsprofesioren (!!) Jorga und Cuza, geben sich mit einer solchen Untersuchung natürlich nicht zufrieden und führen ihre Angriffe gegen die.Jaffyer Richter weiter. Zu einer besonders charakterischen Aeußerung hat sich der Herr Professor Cuza in seinem letzten Artikel im „Neamul Romanese" verstiegen. Dort erklärt Herr Cnza, Professor der Rechte an der juristischen Fakultät in Jassy, kurz und bündig: „Die Behörden und die Richter haben national zu sein und national zu handeln — man weiß, was Herr Cuza unter „national" versteht! Der Richter, sagt Professor Cuza weiter, soll nicht nur nach dem Gesetze urteilen, sondern auch die ganzen sozialen und nationalen Verhältnisse der klagenden Parteien in Betracht ziehen. Wenn er über Juden und Rumänen zu urteilen hat, so muß er immer den Juden verurteilen, auch wenn dieser durchaus im Rechte ist." — So spricht ein' Lehrer der Rechte an einer rumänischen Universität. Daß diese Angriffe einen großen Eindruck auf die Behörden und die Richter machen, steht außer allem Zweifel. Durch die in Rumänien zu einer dauernden Einrichtung gewordene Hetze gegen alles, was den Namen Jude trägt, sind die Richter zumeist ohnedies schon gegen die Juden stark voreingenommen. Und da die Antisemiten in den einflußreichsten Stellunaen sitzen, so wird sich selbst ein wirklich vorurteilsfreier Richter es in Zukunft zehnmal überlegen, ehe er ein für einen Juden günstiges Urteil abgibt. Amerika. New Uork, 1. November. Staatssekretär Eli hu R o ot, der auch dem Kabinett des neuerwählten Präsidenten der vereinigten Staaten, Taft/ angehören wird, hat sich vor einigen Tagen über die Paßfrage in Rußland wie folgt geäußert: „Unsere Regierung hat ihre Haltung bezüglich der Durchsetzung einer gleichmäßigen Behandlung aller unserer Bürger in Rußland nicht geändert. Unsere Administration hat die Austnerksamkeit der russischen Regierung auf diese Angelegenheit wiederholt gelenkt und die Errichtung eines neuen Vertrages, durch welchen die Frage geregelt werden soll, des Oefteren urgiert. Wir haben erst vor Kurzem wieder eine ungünstige Antwort erhalten und haben daraufhin der russischen Reieruug unfern Wunsch nach einer vollständigen 'evision und Amendierung des ganzen Vertrages vom Jahre 1832, durch welchen die gegenseitigen Wohnrechte der Bürger beider Staaten geregelt werden, wissen lassen." Es verlautet, daß die republikanische Partei, welche bekanntlich bei den letzten Präsidentschaftswahlen die größte Rolle gespielt hat, als Kandidaten für den freigewordenen Posten des Ministers des Innern Samuel Kinig ausgestellt hat. K. ist Jude und zwar nicht nur der Abstammung nach, in Ungarn geboren und ist jetzt 60 Jahre alt. Man kennt Kinig in der politischen Welt als einen der bedeutendsten Führer der republikanischen Partei. Er gehört zu den Freunden und Protegss Roosevelts, mit dem er in regem Verkehr steht. lklinircdier. Berlin, 10. Novbr. Die Allgemeine ElektrizttatS- Gefellfchafts war kürzlich in Verbindung gebracht worden mit einer Annonce in der Bakanzenliste des Bundes der technisch industriellen Beamten, in der es zum Schluß hieß, daß auf «.Ausländer, Juden und Katholiken nicht reflektiert würbe. Eine Reihe von bayerischen Zentrumsblättern hatte auf dieser irreführenden Annonce gegen die A.«. &. heftige Angriffe gerichtetes ist chnen daraufhin folgende Berichtigung seitens der Allgemeinen Eleklrizitats- Gefellschast zugegangen: „Die sämtlichen in dem Bericht „Ausländer, Juden und Katholiken" behaupteten, auf unsere Gesellschaft bezüglichen TatsaLen find unwahr. Weder unsere Fabrik Schlegelstraße, noch irgend eine unserer Organisationen hat eine Ausschreibung veranlaßt, nach welcher Ausländer, Juden und Katholtkm nicht angestellt werdenebenso unwahr ist, daß einem Bewerber, weil er katholisch ist, geantwortet sein soll, die Stelle sei anderweitig besetzt und man könne von seinem Angebote ketnen Gebrauch machen. Es handelt sich, wie eS scheint, um eine böswillige Irreführung der öffenüichen Meinung oder um geflissentliche Verleumdung der Allgemeinen ElektrizttätS- Gesellschast. Wir haben bereits Schritte getan, um den Urheber zu ermitteln." tz Berti«, 10. Rov. Mit einer erhebenden Feier wurde eine Anstaltsshnagoge im Strafgesängnis Plötzensee, deren Errichtung auf die Anregung des verstorbenen StrafanstoltsdirektorS Dr. Sauer zurückzuführen ist, etngewetht. Dem Weiheakt wohnten u. a. Staatsanwalt Hanschmann, Geh. Rat Prof. Post, Direktor von Mülverstedt, der Repräsentant der jüdisch« Gemeindevertretung, Justtzrat Timendorfer, Rechnungsrat Müller von der Seehandkung und der Leiter des Arbeitsnachweisebureaus des Vereins zur Besserung der Strafgefangenen, Reckes, bei. Breslau, 8. Rov. Im Monat Oktober hat sich die Zahl der durch die Stattonen Myslowttz und Rattbor von der preußischen Eisenbahn beförderten Auswanderer aus Rußland und Galizien nach Amerika gegenüber dem Vormonat fast verdoppelt. Im wesentlichen ist die Vermehrung auf die Masienauswanderung jüdischer Landleute aus dem Gouvernement Cherson des russischen Reiches nach Argentinien zurückzuführen. Die Rückwanderung aus Amerika nach Rußland und Galizim durch die genannten Eisenbahnstationen hat fich im Gegensatz verringert. — An Auswanderern wurden befördert von MySlowitz über Hamburg 1886, über Bremen 1772, über Antwerpen 677, über Rotterdam 113, von Rattbor 1746, zusammen 6194 Personen, gegenüber 3717 Personen tm Monat September. An Rückwanderern wurden befördert über MySlowitz von Hamburg 17Q£, von Antwerpen 354, von Rotterdam 263, von Bremen 111, über Rattbor 1495, zusammen 3937 Personen, gegenüber von 5784 Personen tm Monat September. Würzburg, 15. Nov. Zum erstenMale fand am Mittwoch vormittag 9 Uhr in der Synagoge eine Etdesbrlehrung an die neu eMgestellten jüdisch« Mannschaften statt. Nach Abfingung eines PsalmeS durch Herrn Cantor Lehmann hielt Herr DistrittS-RabbMer Bamberger eine längere Ansprache über die Bedeutung des EideS und schloß mit der Ermahnung zur Treue an König und Barerland. Odeffa, 1'?. Rov. In dem Prozeffe wegen der Judenhetze im Fleck« Festerowo, Kreis Odessa, sprach das hiesige Bezirksgericht alle 29 angekiagten Bauern frei Prag, 11. Nov. Die vor kurzem verstorbene Frau Charlotte Angel hat in ihrem Testamente den'Jsrael. NächstmlteSeveretn zum Erben eingesetzt und außer zahlreichen Legaten für Verwandte und verschiedene klemere Vereine nachstehende Legate bestimmt: der iSrael. Kultusgemeinde in Triesch 4000 Kr., dem iSrael. Frettifchveretne ein Legat von 4000 Kr., der iSrael. BeerdtgungSbrüderschaft in Prag ein Legat von 3000 Str* dem Verein zur AuSspetsung iSrael. Mädchen in Prag ein Legat von 2000 Kr., dem Israel. MSdchenwaisenhause in Kaa ein Legat von 1600 Kr., dem iSrael. MSdchenwaisenhause in Weinbergen ein Legat von 1000 Kr., der Srankenkaffa des iSrael. Lehrervereines in Prag ein Legat von 600 Kr., dem Penfionsfond des iSrael. Lehrervereines ein Legat von 600 Kr. QcreiNwtsett. Frankfurt«. M., 19. Nov. Bor einem aufmerksamen Publikum sprach am gestrigen Vortragsabend der Bereinigung zur Pflege jüdisch e rLe b enSanschauung '2L fprtf- Herr Professor Sulzbach über Pädagogik im Talmud. Aus zahlreichen Aussprüchen, Sentenzen und Beispielen aus der talmudischen Schulpraxis gelang es dem Redner ein vollständiges System aufzubauen und zu beweisen, baß die pädagogischen Anstauungen unserer Alten wohl den Vergleich mit den modernsten ErziehungSlehren aushalten Die Ausführungen des trefflichen Gelehrten und erfahrenen Schulmannes fanden den lebhaften Beifall der Zuhörer, in deren Namen der Vorsitzende, Herr Leopold Schwab, dem Referenten den Dank auSsprach. Die erschöpfende Weise, in welcher das Thema vom Vortragenden behandelt wurde, machte eine DiSkusfion überflüssig. Frankfurt«. M., 1®. Nov. Am 16. Nov. beendete Herr Dr. med. A. Feuchtwanger im jüd. FrauenvereM stinen Bortragscyklus „Einigeaus der Pihchologie und Pädagogik" an Hand der Broschüre von Kankelett „Unsere Lieblinge in Haus und Schule". Anschließend an die erste Borlesung, über die bereits berichtet worden, legte der Vortragende in den zwei letzen die Wichtigkeit der experimentellen Psychologie für die Erziehungskunst dar und behandelte die drei verschiedenen Borstellunstypen der Kinder, den visuellen, den akustischen und den motorischen Vorstellungstyp und ihre Anwendung und Ausnutzung beim Unterricht. An der Hand der Ktnüerpfhchologie schilderte er die Entwicklung der Gefühls- und Willensbtldung, und zeigte dm Zusammenhang zwischin Aufmerksamkeit und Willensbildung, die Entwicklung beider zu scharfer Beobachtung und Wahrhaftigkeit, lentte daS Augenmerk auf die Hemmungen, die Plötzlich bei einem Kinde durch unrichttge Behandlung oder schlechte Umgebung in HauS und Schule hervorgerufm werdm und sprach der Methode der Aufmunterung anstatt der 'Demütigung das Wort. Daran schlossm fich Betrachtungen über Jntelligmzprüstmgen und GedächMiSversuche, über Kombinattonsgabe und Anschauungsunterricht. Mtt einem Ueberblick über die experimentell« Pädagogik schloß der Redner seine auße. ordentlich interessanten Ausführungen. Frankfurt a. M., 15. Novbr. Der „Verein Lemaan Zion" kann über einm außerordenttich erfolgreiche Tätigkeit im abgelaufmm 3. Quartal (Juli-September) 1908 berichten. Die Augerckltnik wurde ganz enorm in Anspruch genommm und es zeigte fich, wie sehr dieselbe dazu beiträgt, dm leidenden Glaubensgenossen helfend zur Seite zu stehm. Zur Behandlung kämm 16541 Falle, 7 große und 49 kleine Operattonm wurdm ausgeführt. 20 Spttalbettm find fortwährend belegt gewesen, in dringenden Fällen mußten je zwei Kranke ein Bett teilm selbst auf dem Bobm wurdm Lager hergerichtet. Da infolge dieser großm Leistungen die Mittel des Vereins nahezu erschöpft find, richtet die Verwaltung an edle Mmschmsteunde die dringende Bitte, die Bestrebungen deS Vereins mehr wie je zu unterstützen und hat speziell für die Augenklinik eine Sammlung eröffnet. Auch die allgemeinm Leistungen deS Vereins find nach wie vor sehr segensreiche. Durch die Aerzte deS Vereins wurdm 4454 diverse Kranke behandelt. Die Apothck verabfolgte 5069 Rezepte. Für fünf Lehrlinge wurde Lehrgeld bewilligt, 243 kranke Perfonm erhielten erforderliche Utmstltm, 16 russische Emigrant« wurdm zur Arbett unterstützt und 4 Perfonm ArbeitSmvglichkett gegeben. Hamburg, 17. Nov. Mit Freude wirb in hiesigen thorakundigm Streifen die Wiedereinführung öffentlicher Lerndorträge im Beth-Hamidrasch der Wallich'schen Klaus hegrüßt. Die Verwaltung hat endlich die infolge deS Fortzuges so vieler Juden aus der inner« Stadt notwendig geworbene Verlegung des Lehrsaales vor das Dammtor bewerkstelligt, und befindet sich das Beth» Hamidrasch Ktelortallee in dm Räumm der OppercheimerS- Sttstuna. Sett /ö hält daselbst Sr. Ehrw. Herr Dr. Ltchttg regeunäßige Lernvorträge. Diese v'UF'V find erfreulicher Weist so gm besucht, daß der beschränkte Raum deS nicht ausreicht und die damtt in Verbindung stehende Synagoge der Oppenheimer'- Stiftung für die Borträge benutzt werden muß. Diewerben derart gründlich gelemt, daß sie in erster Reihe für mir) 'Z2 bestimmt find, doch bietm dieselbm durch die präeise und ausführliche Borttagsweise des Her« Ltchttg auch Anfängern im Lemen großm Nutzen. Es ist besonders hervorzuhevm, daß, dank der vorhandenen Institutionen und dem Wirk« der Herrm Ravbincn das Thoralemm in Hamburg nicht nur quantitativ zugmommm HM, sondern auch recht gründlich und eingehend behandelt wird. Der Verwaltung der Wallich'schen Klaus gebührt für die Einführung der außerordentlich schön« Lemvorttäge ganz besonderer Dank, Hamburg, 12. Novbr. Lom „Humanitären Frauenverein" ist der Gedanke ausgegangen, ein Heim für erwerbende, alleinstehende Mädchen zu gründen - am 10. November fand tm Gemeinschastsheim die konstituierende Versammlung des gleichnamigen Vereins statt. Die 1. Vorsitzende, Fräulein Stdonte Werner, richtete eme Ansprache an die Anwesenden und begründete mtt sehr beherzigenswerten Worten die Schaffung der neum Fürsorgestätte. Aus dm Bertchtm der verschiedenen Kommisstonm war sodann folgendes *u sehen: AuS Hamburg und von auswärts habm sich bereits viele Reflektanttnnen gemeldetfest angmommm find bislang neun Mädchm, oa die Zahl von zehn vorerst Mcht überschrtttm werden soll. Ein geeignetes HauS mtt etwa 14 tzimmern ist in der Bogenstraße gemietet wordm, und