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Der Israelit · 1908-11-19 · Heft 46 (19.11.1908) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 46 (19.11.1908)
Date
1908-11-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Sette 8. Nr. 46. schiedenheit bei der Wahrung ihrer Rechte nicht fehlen laffen und wir dürfen ihnen zu ihrem Erfolge, über den man nach den Aeußerungen des Ministers wohl nicht mehr den geringsten Zweifel hegen kann, gratulieren. Die Redaktion.) Wien, 15. November. Die Zusammenstöße zwischen den Deutsch-nationalen und jüdischen zionistischen Studenten, über die die Tagesblätter verichteten, entstanden durch einen Ehrenhandel, in besten Verlause ein deutscher Student, der es ablehnte einem Juden Satisfaktion zu geben, vom letzteren geohrseigt wurde. Darauf sammelten sich am Montag die Deutschnationalen, durch Christlichsozialen verstärkt, zirka 1000 Mann stark, vor der Universität und überfielen einzelne aus den Vorlesungen kommende ahnungslose jüdische Hörer und mißhandelten sie in brutalster Weise. Auch zwei gänzlich unbeteiligte jüdische Studentinnen wurden von der Horde attackiert, geschlagen und gröblich beschimpft. Damit nicht zufrieden, verteilen sich die deutschen Studenten in den umliegenden Gaffen und griffen jüdische Pastanten, darunter alte Männer, an. 11m sich vor den Maffenangriffen zu schützen, besetzten am Dienstag die Jüdifchnationalen die universitätsrampe, von einer zehnfachen antisemitischen Uebermacht umlagert. Die Angreifer warfen Steine und Stinkbomben und spritzen mit Schwefelsäure. Aus Zureden und Versprechungen des Vertreters der akademischen Behörde, des Kanzleidirektors Blumauer, gaben sie endlich ihre Position auf und wollten abziehen. Den Augenblick nützten die Deutschnativnalen aus und stürmten die gelösten Reihen. Zum Unglücke brach das massive steinerne Rampengeländer und viele jüdischen Studenten sielen in die Tiefe, so daß der Platz bald mit Verletzten bedeckt war. Die Deutschnationalen und Christlichsozialen besetzten triumphierend den Kampfplatz und verkündeten, daß sie auch in Hinkunft den deutschen Boden der Alma mater vor fremdem Volke „schützen" werden! So hat sich der aufsehenerregende Vorfall abgespielt. (Siehe Wochenrundschau. Wien, 15. November. Nach langwierigen Beratungen des offiziellen Wahlkomitees ist nunmehr betreffs der Kandidatenfrage schon so iemlich Klarheit eingetreten. Im ganzen sind in er allgemeinen Kurie 9 Mandate zu besetzen. _ Die bisherigen Vorsteher Salo Cohn, Profeffor Ehrmann, Max Frank, Losrat Dr. Rappaport und kaiserl. Rat Leopold Sachs werden zur Wiederwahl empfohlen und für die übrigen Mandate werden die Namen Dr. Isidor Samuely. Carl Seligmann, Obmann des Tempelvereins im X. Bezirke, kaiserl. Rat Wilhelm Pollak, Dr. Jakob Engel, Obmann des Tempelvereines für den VI. und VII. Bezirk und das bisherige Vorstandsmitglied, Herr Samuel Steiner, genannt. Bon den bisherigen Vorstandsmitgliedern werden, wie bestimmt verlautet, die Herren Dr. Adolf Stein und» Dr. Hermann Löwi aus Gesundheitsrücksichten nicht mehr kandidieren. Die Wahl der Kultusvorsteher aus der allgemeinen Kurie findet am 22. November statt. Für die engeren Wahlen ist der 29. November in Aussicht genommen. Die Höherbesteuerten wählen überoies am 3. resp. am 7. Dezember, Wählerversammlungen, die zum Teile recht stürmisch verlaufen, finden jetzt fast jeden Tag statt. UrrMand. Petersburg, 12. Nov. Eine „Jüdische Literarische Gesellschaft" hat hier am 4. d. M. das Licht der Welt erblickt. An der Spitze dieser Gesellschaft steht wie immer und überall Schalom Asch. Ueber Ziel und.Zweck derselben läßt sich noch nicht viel sagen und die konstituierende Versammlung, in Wucher soviel geredet und disputiert wurde, konnte uns nicht den mindesten Auffchluß darüber geben. Als schöngeistige Einleitung war eine Vorlesung des Herrn Asch aus seinen neuesten Werken vorgesehen, die ein großes Publikum anlockte, das aber bitter enttäuscht bald wieder abzog. Herr Asch las _Der Israelit.__ Stellen aus seinem „Städtel", aber in einer hier völlig unverständlichen polnischen Aussprache, (ein neuer Beweis für die einigende Kraft der jargonischeu „Nationalsprache") zudem fand es das kunstsinnige Auditorium nicht für nötig, sich einiger Ruhe und Ordnung zu befleißigen, so daß auch die gemeinverständlichen Glanzstellen ungehört und eindruckslos verhallten. Nun begann der praktische Teil der Tagesordnung mit einem groß angelegten Referat des Herrn S. A. Rapoport über „die Gleichberechtigung der Sprachen in der jüdischen Literatnr." Der Redner klagt über den Niedergang der jüdischen Literatur, der nicht, wie allgemein angenommen, allein aus der materiellen Krisis resultieren könne, da das jüdische Volk in kritischeren Zeiten und unter weit schwereren Umständen sich als “ISDH oy, als ein Büchervolk bewährt habe, auch habe die Assimilation noch keineswegs so berheerend gewirkt, um den Rückgang des jüdischen Geistes zu erklären. (?) Schuld sei nach Ansicht des Redners einzig und allein die Zersplitterung der jüdischen Geisteskraft und ihre Verteilung auf verschiedene Sprachen, welche statt sich zu einem Kulturbau zu vereinigen sich gegenseitig befehden. Er sucht Kompromisse und protestiert entschieden gegen den Beschluß von Czernowitz, weil es feiner Ansicht nach durchaus absurd sei, eine der jüdischen Literatursprachen auf Kosten der andern zn bevorzugen. Herr Asch verteidigte nun, mehr poetisch als logisch, den Jargon und den Beschluß von Czernowitz und hielt besonders mit der jüdischen Presse aller Länder, die ihn und die Conferenz und den Jargon zu vernichten suchte, scharfe Abrechnung, wobei er vom übergroßen Reichtum des Jargons an Schimpfworten und eigenartigen Kraftausdrücken ausgiebigen Gebrauch machte. Da er aber nicbt unterlassen konnte, bei aller Vorsicht auch der hebräischen Sprache einen Hieb zu versetzen, so zog er den Zorn der anwesenden Hebraisten auf sich, in deren Namen ein Student mit großer, fast bedrohlicher Kampfeslust gegen Herrn Asch austrat. Indes kam es glücklicher Weise zu keinen Tätlichkeiten, aber auch zu keinerlei Beschlüssen. Mit der Polemik schloß die Versammlung. Vom Charakter und Wesen der neuen Gesellschaft, die sich bereits der staatlichen Konzession erfteut, erfuhr man vorerst nichts. Kiew, 15. Nov. Der Prozeß Brodski hielt hier die ganze Woche die Gemüter in Erregung und beschäftigte die öffentliche Meinung. Brodski, Sohn des bekannten Millionärs, zur Zeit als Freiwilliger im Militärdienste, verteidigte während des Oktoberpogroms sein von der Horde angegriffenes Elternhaus. Er machte, als alle andern Mittel versagten und besonders der Appell an die uebenanstehende Polizei erfolglos blieb, von seinem Revolver Gebrauch, mit dem er einen Holigan tötete und zwei der Bande verletzte. Brodski, vom Pöbel furchtbar mißhandelt, wurde damals verhaftet, aber bald gegen hohe Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt. Erft als er voriges Jahr seinen Militärdienst antrat, wurde er aus Betreiben der Echtruffen wieder in Haft nommen und befand sich seitdem trotz seiner großen Nervenzerrüttung im Mllttärgefängnis. Die Verbändler hatten alles aufgeboten, um eine Verurteilung des Angeklagten herbeizuführen und ließen es an Interventionen, selbst Drohungen nicht fehlen. Die Verhandlung, die den Tatbestand klar an den Tag brachte, war ihnen aber nicht günstig. Der Revier-Priftaw deponierte als Zeuge, daß wohl eine Militärabteilung vor dem Hause Brodski postiert war, die aber gegen die Plünderer nicht in Aktion trat, wodurch auch er, der Polizeibeamte, sich nicht zum Einschreiten veranlaßt fühlte. Baron Ginsburg, der als Zeuge vorgeladen ist, gibt an, den führenden Offizier um Hilfe ersucht zu haben. Als Antwort erhielt er einen Flintenschuß, der ihn am Fuße verletzte. Andere Zeugen nehmen ihre früheren bäastenden Aussagen zurück. Ein Bauer meint, als Mitglied des Russischen Ber- 19. November 1968. bandes nichts zu Gunsten des angeklagten Juden sagen zu dürfen. Nach längerer Beratung erklärte das Gericht die Handlung Brodskis als eine durch Notwehr berechtigte und sprach den Angeklagten frei. Warschau, 16. November. Am 14. November feierte man hier unter großer Beteiligung der intelligenten jüdischen Kreise und der Pädagogen aller Schattierungen die Eröffnung eines neuen Schulinstituts, und zwar einer achtklassigen jüdischen Handelsschule. Der Typus einer Handelsschule ist in Polen nicht neu. Das Neue daran ist, — und dies auch nur für Warschau —, die Tatsache, daß es eine jüdische Handelsschule ist, d. h. daß sie nur für jüdische Schüler bestimmt ist. Solche Schulen existieren bereits seit einiger Zeit in verschiedenen Städten Rußlands, wie in St. Petersburg, Odessa, Minsk, Kownosie verdanken ihr Entstehen den jahrelangen heißen Bemühungen der russischen Juden, einen Ausweg aus der für jüdische Schulkinder unhaltbaren Situation zu schaffen. Und da die russische Regierung die für jüdische Kinder bestehende Prozentnorm in absehbarer Zeit abzuschaffen nicht gewillt ist, so gewährt sie den Juden die Erlaubnis, aus privaten Mitteln jüdische Schulen zu errichten. Solche Handelsschulen oder ähnliche Gymnasien unterscheiden sich von den christlichen, was den Unterricht anbelaugt, dadurch, daß sie außer dem üblichen Program, noch die hebräische Sprache, jüdische Literatur und Geschichte obligaturisch einführen und daß sie statt Sonntag den Unterricht am Samstag aussetzen. Was unter jüdischer Literatur verstanden wird und wie dieser Unterrichtszweig gepflegt wird, hängt von der Gesinnung und vom guten Willen der Gründer und jeweiligen Leiter der Schulen ab. Die Schulen dieses Genres in den vorerwähnten Städten vermögen nach dieser Richtung den gesetzestreuen Juden kaum zu befriedigen. Hier lauten die Versprechungen günstiger. Ob und inwiefern sie eingelöst werden, wird die Zukunft zeigen. England. London, 10. November. Der jüngst erschienene Bericht des Einwanderungsdepartements an die kanadische Negierung enthält folgende Angaben über die Mischen Ansiedlungen in Kanada. „Indem ich Ihnen hiermit einen Generalbericht über die jüdischen Kolonien im Westen unterbreite, beehre ich mich mitzuteilen, daß in Manitoba, Saskatchewan und Alberta nur einige wenige jüdische Ansiedlungen bestehen. Die älteste jüdische Kolonie ist nördlich und südlich von Qu'Apelle- Distrikt gelegen. Diese Kolonie wurde vor 15 Jahren gegründet und macht glänzende Fortschritte. Einige Kolonisten besitzen und bearbeiten heute schon ganze Landstriche. Sie haben alle modernen Wirtschaftsgebäude und eine bedeutende Anzahl lebenden Viehs. Besonders eine Kolonie hat für ihre Produkte bereits zweimal Preise gewonnen. Die meisten schicken ihre Söhne in die landwirtschaftlichen Lehranstalten. Die Zweitälteste Kolonie ist als die „Hirsch and Oxbow"-Kolonie an der Estevanlinie der Kanadian-Pacisicbahn" bekannt. Auch diese Kolonie steht sehr gut und würde heute am besten stehen, wenn sie nicht unter der allgemeinen Mißernte des vergangenen Jahres zu leiden hätte. Eine einzige gute Ernte wird sie wieder ganz auf die Beine stellen. Dieser Kolonie steht noch eine große Zukunft bevor. Eine dritte Kolonie, bestehend aus 200Famllien hat sich nördlich von der Station Lipton der Peasant - Hill - Linie der Paeifiebahn angesiedelt. Diese Siedlung wurde vor 5—6 Jahren gegründet, viele von ihnen haben sich jedoch erst später angesiedelt. Ich kenne diese Leute aus eigener Erfahrung als fleißige strebsame Menschen, doch ihre vorjährige erste Ernte war eine Mißernte und da sie auch in diesem Jahre stark unter Frösten zu leiden hatten, so beiden

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