Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 46 (19.11.1908)
- Date
- 1908-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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IN. November 1908: Der Israelit. Nr. 4«. Sette 7. Antrag des Vorstandes gutgeheißen, der einer Gemeindeinstitution, die bisher unter mancherlei schweren Mißständen zu leiden hatte, eine bessere Grundlage zu geben bestimmt ist. Einstimmig wurde der Beschluß gefaßt, in den Kellereien des der Gemeinde gehörenden Hauses, Grenadier- . straße 37, eine Mazzotbackanstalt herzurichten, damit die Schwierigkeiten, welche der Auffindung geeigneter Lokalitäten von Jahr zu Jahr mehr entgegentreten, ein für allemal beseitigt werden. Die Baupläne sind bereits genehmig, die Anschläge liegen bereits vor und so konnten dann Mk. 3500 für die sofort in Angriff zu nehmenden Einrichtungs-Arbeiten gefordert und bewilligt werden. — In derselben Sitzung wurde auch der Rechnungsabschluß für das Geschäftsjahr 1907/08 vorgelegt und der Revisionskommission überwiesen. Einige Zahlen seien aus demselben hervorgehoben: die Mitgliederbeiträge erreichten die Höhe von M. 13,193.50; das Mietserträgnis der Gemeindehäuser betrug M. 23,596.92; die Synagoge erbrachte M. 15,538.40. Unter den Ausgaben steht die Schechitah mit M. 24,073.39 obenan, dann folgen Gehälter mit M. 21,460.36: Religionsschule mit M. 8831.35 u. s.w. Auch aus diesen Zahlen erhellt der GsD. stetige, ruhige Fortentwickelungsgang unserer Adaß Jisroel. Die jüdische Gemeinde hielt ebenfalls eine Repräsentantensitzung. Außer Annahme zahlreicher Legate und Erledigung einiger unwesentlichen Vorlagen faßte sie einen Beschluß, der sie ganz auf der Höhe der Zeiterfordernisse erweist. In der neuen Synagoge wird fortan die Keduschah währendder Wallfahrtsfeste deutsch gesungen werden. Wenn dieser Beschluß das Berliner Judentum nicht rettet, dann ist ihm entschieden nicht zu helfen. In der Johannisstraße wird, wie ich höre, die Keduschah hebräisch gesungen! Berlin, 16. November. Der Präsident des Zentral-Kommitees der „Alliance Jsravlite Universelle, Herr Narciffe Leven, hatte am 16. Oktober durch Vermittlung des Herrn Josue Corous, dem Vorsitzenden der Israelitischen Gemeinde von Harrakesch, dem angesehendsten Israeliten im Süden Marokkos, einen Brief an den Großwesir des Sultans Muley Hafid gerichtet, um die Unterstützung dieses Würdenträgers bei der neuerlichen Eröffnung der Allianeeschulen in Marrakesch zu erlangen, die infolge der jüngsten Wirren hatten geschloffen werden müssen, und um ferner die Absthaffung von veratorischen Verfügungen zu erreichen, die neuerdings gegen die israelitische Bevölkerung in Geltung gesetzt worden waren. Darauf ist an den Präsidenten Leven vom Großwefir nachstehende Antwort gelangt: Marrakefch, 26. Oktober 1908. Sr Medani Elmezuar El Glaui, Großwesir Seiner Scherifischen Majestät Mulay Hasid, Sultans von Marokko, an Herrn Mareiße Leven, Präsidenten der Mliance Jsraälite Universelle in Paris. Ich habe die Ehre, den Empfang Ihres Schreibens vom 16. d. Mts. zu bestätigen, das Sie mir durch Vermittlung unseres treuen Freundes Herrn Josuä Corcos geschickt haben. Ich habe von allem Kenntnis genommen, was Sie mir geschrieben haben, und mache mir ein großes Vergnügen daraus. Ihnen zu sagen, daß ich durchaus nicht der Fanatiker bin, als den die europäische Presse mich hinftellt. Ich bin im Gegenteil dafür, tatsächliche nnd gesetzliche Gleichberechtigung allen Wohlgesinnten zu gewähren, ohne Rücksicht aus Rasse und Bekenntnis. Sie haben ohne Zweifel mittlerweile erfahren, daß ich sofort nach meiner Rückkehr hierher alle notwendigen Maßnahmen, getroffen Howe, um die vexatorischen Verfügungen zu beseitigen, die in jüngster Zeit gegen die Israeliten verhängt worden waren. Das ist mir auch, Gott sei Dank, vollständig gelungen. Die Israeliten leben in vollkommener Ruhe und sind in der Medina (Araberviertel) ebenso sicher und wohlgelitten, wie im eigenen Mellah. Es ist ihnen nicht ferner verwehrt, im Araberviertel wie im Mellah ihre Babu schert (Schlappschuhe) zu tragen nnd zu Pferde zu steigen. Kurz, alles was ihnen vordem verboten war, dürfen sie heute in voller Freiheit tun. Wir hoffen, daß sie immer zufrieden sein werden, und bitten den allmälMgen Gott, daß er uns helfe, zum Vesten Aller. - Was die Wiedereröffnung Ihrer Schulen hier betrifft, so dürfen Sie sicher fein, daß ich den Lehrern, die Sie schicken werden, alle Unterstützung gewahren werde, um die Wiedereröffnung zu erleichtern. Die Lehrer, die Sie schicken werden, sollen willkommen sein. Ich mutz Ihnen sagen, daß, ich auch über das Vorhandensein Ihrer Schulen in unserem Reich sehr glücklich bin und daß ich den den israelitischen Kindern erteilten Unterricht immer bewundert habe. .Es ist mir bekannt, daß Ihre Schulen einzig die intellektuelle und sittliche Hebung aller Ihrer Zöglinge zum Zweck haben und große Achtung vor allen Religionen lehren. Herr Corcos wird Ihnen sagen, daß ich sofort nach Kenntnisnahme von Ihrem Schreiben die beiden Stcchtpaschas und den Pascha aus der Umgegend von Marrakesch — wo es viele Israeliten gibt — habe Kommen lassen, um ihnen in GegcrNvart des Herrn Corcos eindringlich zu empfehlen, sie sollten tun, was irgend in Ihrer Macht steht, daß die Juden nicht ferner mißhandelt würden und daß nichts zu ihrem Nachteil geschehe. Auch habe ich den Paschas die Schulen, ihre Lehrer und ihre Zöglinge empfohlen. Zum Schluß wiederhole ich: Ich bin ein Freund der Wahrheit und der Gleichberechtigung Aller. Wir sind voller Ergebenheit für alle Europäer, ganz besonders für unsere lieben Nachbarn, die Franzosen. Ich muß Ihnen noch sagen, daß Seine Majestät unser erhabener Sultan Abdul Hafid voll gütiger Gesinnung ist für alle Welt, daß er das LÄhl Alter von Herzen wünscht, nnd daß Alles, was dre Zeitungen in anderer Richtung .über ihn erzählt haben, von Grund aus falsch ist. Genehmrgeu Sie, hochverehrter Herr Präsident, die Versicherung meiner Hochachtung. Si Madani Elmezuar El Glani Großwesir." Straß bürg, 10. November. Der Vorstand des Straßburger Tierschutzvereins hat in seiner Sitzung vom 7. November beschlossen, Herrn Dr. Back wegen seiner Stellungnahme zur Schächtfrage seine volle Sympathie auszusprechen. Herr Dr. Back, der durchaus beteuerte, nur aus reiner Tierliebe und nicht aus Judenhaß seinen Antrag gestellt zu haben und auch nicht gegen das Schächten im allgemeinen eingetreten zu sein, wird nun von den antisemitischen Tierschützlern als der ihrige proklamiert, wogegen Herr B. nichts einzuwenden hat. Und doch aibt es noch Inden, die im Gemeinderate für Dr. B. Stellung nehmen. Gesterveirh. vle Deputation berbosnifdien Spaniolen beim Kaiser Sran? Joseph. Wi en. 13. November. Mittwoch, den 11. d. M., 11 Uhr vormittags, wurde die in Wien erschienene 31gliedrige Huldigungsdeputation der fephardifcheir Juden in Bosnien und der Herzegowina von Sr. Majestät dem Kaiser in besonderer Audienz empfangen. Führer der Deputation war der 78jährige Präsident der sephardischen Kultusgemetnde von Sarajewo, Gemeinderat Salomon Efendi Salom, der nebst einem zweiten jüdischen Deputierten auch zwei Tage vorher an der Auvienz des Gemeinderats von Sarajewo teilgenommen hatte, und als Sprecher fungierte der Bankier Josua D. Salom. Bei dem Em- 0 waren sämtliche sephardischen Kultusgeen von Bosnien und der Herzegowina vertreten. Die Mitglieder der Deputation waren teils in Salonrock und mit Fes, teils in bosnischen Nationalkostümen und traten vor den Kaiser bedeckten Hauptes. Als der Kaiser erschien, brachten die Anwesenden ein „Zivio!" auf den Monarchen aus. Hierauf hielt Herr Josua D Salom eine Ansprache, in der er dem Kaiser die Ergebenheit und Verehrung seiner spaniolischen Untertanen ausdrückte, die stets ruhige und friedliche Bürger gewesen seien, immer in bestem Einvernehmen mit den übrigen Nationalitäten und Konfessionen gelebt und nach Kräften für die Kultur und den Fortschritt des Landes gearbeitet haben, worauf der Kaiser folgendes erwiderte : „Ihr Erscheinen und der Ausdruck ihrer loyalen Gesinnungen gewährt mir aufrichtige Befriedigung, da es Mir wohl bekannt ist, daß Ihre Glaubensgenossen stets ein Element der Ordnung in Ihrer Heimat gewesen 'sind. Durch die fortgesetzte Betätigung der bürgerlichen Tugenden in brüderlicher Eintracht mit dem gesamten Volke Bosniens und der Herzegowina werden Sie auch in Hinkunst ein wertvoller Faktor des kulturellen und. wirtschaftlichen öffentlichen Lebens bleiben. Meines landesväterlichen Wohlwollens mögen Sie bei Ihren patriotischen Bestrebungen versichert sein." Sektionsches Baron Lazzarini wiederholte dann die Antwort des Kaisers in serbischer und kroatischer Sprache. Hieraus ließ sich der Kaiser sämtliche Mitglieder der Deputation vorstellen und sprach mit jedem einzeln in deutscher und italienischer Sprache. Besonders mit dem Gemeinderat Salomon Efendi Salom, der lanae Jahre unter türkischer Oberherrschaft verlebt und dem ersten türkischen Parlament auf Grund der Berfaffung vom Jahre 1876 als bosnischer Abgeordneter angehört hat, unterhielt sich der Kaiser längere Zeit in lebhafter Weise. Bej dem Mitgliede des Rabbinatskollegiums der Knltusgemeinde Sarajewo, Herrn Salom, erkundigte sich der Kaiser über die Anzahl der Synagogen in der bosnischen Haupstadt; Rabbinatskandidat Dr. Löwy, der gegenwärtig in in Sarajewo angestellt ist, wurde vom Monarchen über seinen Studiengang beftagt und Advokat Dr. Alkaly in Sarajewo, der durch seine stramme militärische Haltung auffiel, über sein Militärdienstverhältnis.' Für jeden der 3( Mitglieder der Deputation halte der Kaiser ein huldvolles Wort. Nach etwa halbstündiger Dauer der Audienz zog sich der Monarch zurück, von dreimaligen, begeistertem Zivio begrüßt. Die Deputation fuhr dann in die Stadt zurück, und sieben Delegierten begaben sich zum gemeinsamen Finanzminister Freiherrn v. Burian, um ihm ein Memorandum betreffend die Wahlen in den künftigen bosnisch-herzegowinischen Landtag vorzuleaen. Der Sprecher der Deputation wies in seiner Ansprache darauf hin, daß die Juden Bosniens während der türkischen Herrschaft und auch während der Okkupationszeit die vollste Gleichberechtigung mit den übrigen Konfessionen genossen haben, der Minister jedoch bei seinen Mitteilungen vor der Delegation in Budapest nur von den drei Kurien der mohammedanischen der griechisch-orthodoxen und der katholischen Konfession gesprochen habe, woraus die Befürchtung abeleitet werden könnte, daß den Bosniern jüdischer Konfession kein passives Wahlrecht in den Landtag zugedacht sei. Baron Burian erwiderte, daß die Juden in Bosnien diesbezüglich vollkommen beruhigt sein können. Sie werden in allem den anderen Konfessionen gleichgestellt werden und es bestehe keinerlei Absicht bei der Regierung, die die Juden Bosniens und der Herzegowina als ein fleißiges, Kultur, und Wissenschaft förderndes Element kennen gelernt hat, die Rechte derselben bei der geplanten konfessionellen Vertretung im bosnischen Landtage zu verkürzen. Die Deputation, die bereis am Montag, den 9. d. M. nach ihrem Eintreffen in Wien im Sitzungssaale der Wiener Kultusgemeinde vom Präsidenten Dr. Stern und dem I. Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn namens der Wiener Kultusgemeinde begrüßt worden war, sprach Mittwoch 5 Uhr nachmittags abermals beim Präsidium^vor, um über den Verlauf der Audienz bei Sr. Majestät und der Vorstellung bei Reichsfinanzminister Freiherrn v. Burian Bericht zu erstatten. Noch den Berichten der Herren Josua D. Salom, Dr. Löwy und Dr. Alkaly verwies Präsident Dr. Stern auf die große Bedeutung der der Deputation an allerhöchster Stelle, sowie seitens des Ministers gegebenen Zusicherungen und schloß seine Ausführungen mit einem dreimaligen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, in das die Versammlung einstimmte. (Wir freuen uns aufrichtig, unsere in der Wochenrundschau der letzten Nummer, ausgedrückte "offnung nun erfüllt zu sehen. Die Juden osniens haben in richtiger Kenntnis und Würdigung der Dinge, es an Takt und En^