Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 46 (19.11.1908)
- Date
- 1908-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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18. RoV«nb«MSö Der Israelit. Seite K. Rr. 46. schon' die alte Thora aus! VV2'1 (TW sv^'l, Jeschurun (Israel) wurde feist, da schlug es aus!. Und ähnlich meint der Talmud: «nfiS? tt' vrm K'DlDb Kp&D rrn-,12 bltW'b, der gedrückte Stand Neider Israel so wohl wie die schöne Rose ein weißes Roß. Seitdem aber auf Morijas Höhen unser Nationalheiligtum in Asche und Trümmer fiel, nachdem wir nach allen Richtungen der Windrose unter die Völker zerstreut wordeu, seit dieser Zeit ward uns von den Weisen s. A. der wohlmeinende Rat an's Herz gelegt, nie und nimmer dieses geschichtliche Verhältnis Israels außer Erwägung zu lassen, besonders aber bei frohen und freudigen Anlässen dessen eingedenk zu bleiben. Sie nennen das *“07/ die Erinnerung an die Tempelzerstörung. Beim Hausbau, bei Verlobungen, bei Hochzeitsfeierlichkeiren und sonstigen Gelegenheiten froher Natur fehle nicht das Erinnerungszeichen für den Temp'eluntergang. Auch wird uns der Rat erteilt, Musik und Gesang Ln jüdischen täusern zu beschränken. Stets zeichne sich der ude in den Ländern seines Exils durch ein füll bescheidenes Wesen aus. (Sch. A. 559) Ist die hier ausgegebene Lehre nicht auch das, was „Scheni-chamischi-w'scheni" uns lehren möchte? Sie warnt nur noch umso eindringlicher, sie soll weit umfassender verstanden werden, da hierbei unser profanes Leben, wie es während des ganzen Jahres sich abspielt, ins Auge gefaßt wird. Wenn die kritische Betrachtung der Lebensfreuden und Lebensgenüsse in diesem Sinne Platz griff, so würde manche trübe Erscheinung unserer Tage schwinden. Oder ist es nicht wahr, daß Blasiertheit und Nervosität, Nervenschwäche und Geisteskrankheiten gerade in irischen Kreisen so unheimlich oft vertreten sind? Welchen Anteil mag daran die Tatsache und der Umstand haben, daß man skrupellos sich jedwedem „Genüsse" und Vergnügen hingiebt? In den schlichten Häusern unserer Ahnen wohnte eine natürlichere, herrlichere Freude als in den blendenden Salons moderner Krösusse! Man aiebt sich zahllosen Freuden hin, um schließlich keine derselben recht zu genießen. Und wie oft sind zerrüttete, ungesunde soziale Berhältniffe damit yeraufbeschworen worden, die für manchen den physischen und moralischen Ruin im Gefolge Latten! Erst die jüngst erschienene Statistik der Juden berührt diesen wunden Punkt bei dem traurigen Kapitel des Selbstmords, an dem leider unsere Brüder auffallend hoch partizipieren. Die weise Beschränkung, die heilsame Reserve, die der gesetzestreue Jude sich selbst und freiwillig allüberall auferlegt, wird im privaten wie im gesellschaftlichen Leben zur Segensquelle für ihn. Er empfindet es nicht als schwere Bürde, im Bewußtsein seines Judentums, in Anbetracht unserer unveräußerlichen Pflichten und Aufgaben in so manchem zurückzustehen, wenngleich der blendende Schein reizt und lockt. Gerade jetzt, wo mit des Winters Einzug sich das Leben mehr und mehr in den häuslichen Kreis zurückzieht, besonders in den Tagen, wo die geselligen und gesellschaftlichen Freuden wieder zu ihrem Rechte gelangen möchten, da sollten wir der „Schenichamischi-w'scheni-Lehre" eingedenk bleiben. Wer nach jüdischer Art Freuden aussucht und sie in jüdischem Sinne zu genießen sich bestrebt, der wird weder physischen noch moralischen Schaden davon nehmen, sie werden im Gegenteil eine Quelle frisch sprudelnder Lebenskraft, sie befähigen uns, im harten Kampf des täglichen Lebens auszuharren und mutig fortzuschreiten. Und diese segensvolle Seite der sich uns bietenden Genüsse und Freuden wollen die 'Wi W* Tage hervorkehren, sie sind der schöne Nachhall des Laubhüttenfestes, dessen Lehre sie wiederspiegeln, sie sind die goldene Brücke, über die wir hinschreiten zum Winter, dessen Tage und Wochen wir im Aufblick zum Allvater, dem Spender aller Freuhen und Genüsse, verleben sollen. LPr<*. orrespondenzen und Nachrichten. Deutsche« MeUH. berliner Sriek. (von unserem Korrespondenten.) E. B. 8.. November. Kaum drei Wochen sine seit der Jomim Tauwim-Zeit verstrichen und doch meint matt, daß schon Monate seitdem vergangen sind. Nicht als ob die Ereignisse auch im Gemeindeleben sich wie in der Politik inzwischen überstürzt hätten. Gerade das Gegenteil ist der Fall: schleppend und träge wie selten setzt in diesem Jahre die Wintersaison ein. Sondern in dem Sinne, daß die gehobene Stimmung, welche die Tischri- Festestage in das jüdische Leben hineintragen. bereits so völlig verrauscht und entschwunden, von den Anregungen und Vorsätzen, die sie erzeugen, so wenig im Alllagstreiben noch zu spüren ist, daß man's gern nicht wahr haben möchte, es genüge eine so kurze Spanne Zeit, im Menschensinn und Menschenherzen so große Umwälzungen zu setzen. Die Ungunst der geschäftlichere Lage wirft lähmend auf die Betätigung im öffentlichen, jüdischen Leben. Die umgekehrte Wirkung aus den schlechten Zeiten konnte man dagegen in diesem Jahre auf einem anderen Gebiete konstatieren. Die Privatgottesdienste an den Jomim hanauroim in allen möglichen und unmöglichen Lokalen, die früher geradezu ein Schandfleck in dem hiesigen Gemeindewesen bildeten, waren im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr zusammengeschmolzen, und die Ankündigung solcher Veranstaltungen mit allerlei anlockenden Versprechungen von auserlesenen Genüssen, die früher in den tochsom nermonaten .die Jnseratenspalten der agesblätter nicht eben zur Erhöhung der Ehre des Judentums füllten, waren fast ganz daraus verschwunden. Das machte: die guten geschäftlichen Zeiten ließen den Herren von der baute ftnance, von der Großindustrie und den großen Gewerben nicht Zeit, ihre Geschäfte zu schließen und in eigener Person, wie mit ihrem Personal die Festgottesdienste aufzusuchen. Heuer gehen die Geschäfte so schlecht, daß ein Paar Tage Betriebsschluß keinen Ausfall, sondern eher noch einen Gewinn ergeben. Da konnte man sich gut und gern die Zeit abmüßigen, dem Gotteshause einen Besuch abzustatten, und die deprimirte Stimmung trug wohl auch das ihrige dazu bei, die Gemüter etwas zur Einkehr zu bestimmen. Aus der Adaß Jisraes habe ich Ihnen zuerst leider von einem schweren Verlust zu berichten, der die Gemeinde betroffen hat. Herr Siegmund Haarburger 55, der fast 25 Jahre Mitglied des Repräsentantenkollegiums war und die Gemeinderendantur leitete, ist nach kurzem Krankenlager am 4. ds. Mts. dahingeschieden. Er hat nicht oft das Wort in der Repräsentantensitzung ergriffen; aber wenn es geschah, so fand seine Rede wohlverdiente Beachtung, denn es war die Sttmme der Wahrheit und Gerechttgkeit, der Liebe zur Gemeinde, in der er seine Ideale verwirklicht zu sehen wünschte, die Stimme des erfahrenen und besonnenen Beraters, die aus ihm zu uns sprach. Er wird nicht leicht zu ersetzen sein. Möge in seinen Kindern, die unter seiner und seiner gleichgesinnten Gattin Leitung und Erziehung zu überzeugten Jehudim herangebildet wurden, ihm die würdigen Nachfolger erstehen, die uns den Verlust des wackeren Mitstreiters ersetzen sollen In ihrer letzten Sitzung hat die Repräsentantenversammlung der Adaß-Jisrael einen wichttgen stürmischen Erfolg. lieber das Stück schreiben die Hamburger Matter unter anderem folgendes: „Auch sie Poesie erfordert Energie und diese hat den Matadoren auf dem Gebiete der dramatischen Literatur gefehlt, sobald sie an Moses dachten. Tie überließen sich einem mit Ehrfurcht gepaarten Gesühlsschauer, wenn sie vor dem Moses des Michelangelo standen, aber wagten nicht, den Geist des genialen Bildners zu zitteren, damit er ihnen helfend zur Seite stehe. Lyriker! und Epiker haben hin und wieder diesen Heros des jüdischen Volkes verherrlicht und unvergessen ist die Wiedergabe des biblischen Ausspruches durch Herder bei Darstellung vom Tode des gewaltigen Mannes: „Moses starb am Munde Gottes und Gott begrub chn selber und niemand weiß die Stätte seines Grabes." Die Dramatiker blieben, wie gesagt, bei Seite, und von einzelnen, in der Literaturgeschichte nicht zur Sprache gebrachten unbedeutenden Versuchen abgesehen, blieb es den Dichtern unserer Tage Vorbehalten, sich des grandiosen Stoffes zu bemächtigen. Bor zwei Jahren erschien die Bühnen - Dichtung „Moses" von Mrl Hauptmann, und bald daraus folgte die Tragödie Victor Hahns.... Victor Hahn will in seiner Tragödie die Entwickelung des Charakters des Helden zeigen, der nach ihm vollständig unter dem Einfluß der ägyptischen Kultur gestanden hat, als Adoptivsohn der Tochter Pharaos erzogen wurde, und von seiner hebräischen Abmnft anfänglich keine Ahnung hat. Ansgerüstet mit voller Kenntnis der von den ägyptischen Priestern gepflegten Mysterien, benutzt Moses diese, um das Volk durch Wunder zu dem Glauben an den einigen Gott zu führen. Auf diese Weise hat der Autor den Stoff theatralisch wirksam geformt. Es fehlt nicht an wirklich bochdramatischen Dialogen, wie in der ergreifenden Szene des ersten Aktes, in der Mojes vo« der Mutter seine hebräische Abstammung utld seine wunderbare Errettung durch die Königstochter, erfährt. Ter Autor hat, wie das 'schon bei den „Byzantinern" wahrzunehmen war, dramatischen Schwung, und der betätigt sich in einer, von echt künstlerischem Geist beseelten Weise. TaS muß anerkannt werden, wenn auch die Figur des Helden der Tragödie Züge aufweist, die an dem biblischen Moses nicht zu finden siird. Dem modernen Empfinden entsprechend ist aus dem Uebermenschen ein Mensch geworden, der von menschlichen Leidenschaften bewegt wird, ohne daß diese seine göttliche Sendung beeinflussen können." Gegen die Darstellung Moses als Menschen wird sich nichts einwenden lassen. Sagt doch auch die Thora deutlich genug NVY tT’Kn'!- Was aber der Dichter vom. ägyptischen Einfluß auf Moses zu fabulieren weiß, zeugt doch nur vorn gewaltigen Einfluß Schillers, unter dem er, H a h ,t, sein Werk geschrieben hat. Damit ist eigentlich der Wert des Dramas für vns, für die jüdische Tradition und Anschauung genügend gekennzeichnet. Wir behalten uns jedoch eine eingehende Würdigung des Werkes für die Literarische Warte einer der nächsten Nummern vor. (Abwarten.) Die Gesellschaft zur Unterstützung armer und kranker Juden in Riga wandte sich s. Zt. an die Stadtverwaltung' mit dem Ersuchen um eine materielle Beihülse zur Herausgabe einer in jüdischer Sprache abgefaßten Broschüre „Die Cholera und ihre Bekämpfung." Die Bitte wurde damit motiviert, daß die jüdische Bevölkerung in Riga ungefähr 40,000 Seelen betrage, von denen ein sehr großer Teil nur die jüdische Sprache versteht. Erst nach fünf Wochen (!!), als in Riga die Cholera bereits längst erloschen war, erfolgte eine Antwort ß>er hohen Behörde, und zwar natürlich eine ablehnende Diese Entscheidung spricht Bände. Man sieht, selbst die Cholera, die. doch gewiß keine konfessionellen Unterschiebe macht, wird rm Zarenreiche echtrusfisch. . Die Juden können warten! Mer die'Epidemie wartete nicht und ging von selber, ohne von jüdischer Seite bekämpft worden M sein, was sie besonders dem russischen Beamtentum zu verdanken hat. (Die Bergjuden in Kaukasier».) Ein jüdischer Reisender erzählt interessante Einzelheiten von dem Leben und den Sitten der auch von uns in letzter Zeit oft genannten Bergjuden in Derbent am Kaspischen Meere: Die Juden wohnen in einem besonderen Viertel der Stadt, einem alten Ghetto, in kleinen, niedrigen Häuschen, die.zumeist nur ein einziges Zimmer enthalten, das natürlich als Schlaf-, Wohn-, Speise- und Kinderzimmer für die ganze Familie dient. Irgendwelche Möbel sind meistens nicht vorhanden, und der Fußboden, utld zwar ein sehr primitiver, ersetzt meistens auch gleichzeitig den Tisch. Tie Gassen im Ghetto sind nngepflastert, eng und schmal und in der Regenzeit natürlich gänzlich unpassierbar. Die Kleidung der In-, den ist dieselbe wie die her Perser, und nur an den schwarzen, brennenden Augen und den langen Bärten erkermt man den jüdischen Typus. Die meisten dieser Juden beschäftigen sich nnt Gärtnerei, eine große Anzahl auch mit Teppichweberei. Vereinzelt gibt es auch Krämer und Händler unter ihnen, und auch beim Fischtransport werden vielfach Juden beschäftigt. In der letzten Zeit haben sie es aber auch mit anderen Gewerben Versuchs, aber sie können nur schwer mit den Persern konkurrieren, weil diese noch viel bedürfnisböser sind und desahlb immer noch billiger arbeiten können. ,