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Der Israelit · 1908-11-19 · Heft 46 (19.11.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 46 (19.11.1908)
Date
1908-11-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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tiz. 46. Der Israelit. 19. November. Seite 5 der derart unduldsam ist, eigner sich nicht als Lehrer unserer, der gegenseitigen Duldung zuneigenden Gemeinde". Was versteht denn der Herr Vertreter des Vorstandes unter der gegenseitigen Duldung? Etwa daß ein Lehrer, dessen religiöse Ueberzeugung ihm den Besuch der Orgelsynagoge verbietet, aus diesem Grunde in der gesetzestreuen Religionsanstalt I nicht angeftellt wird? Ist d a s Duldung? Oder ist das Fanatismus höchster Potenz, den die Herren gerade immer der gesetzestreuen Richtung vorwerfen zu müssen glauben? Wir fragen: „Welches Interesse hat der Vorstand an der gesetzestreuen Religionsunterrichtsanstalt? Mit welchem Rechte will er also einen Zwang aus die religiösen Ueberzeugungen ihrer Lehrer ausüben?" Wir fragen aber weiter: „Wie kommt der Vorstand dazu, in seiner angeblich liberalen Gesinnung, auf die er sich so viel zu Gute tut, alle Schüler zwingen zu wollen, daß sie an dem Jugendgottesdienst der Orgelsynagoge teilnehmen?" Ist das Duldung? Glaubt denn der Vorstand, daß die Eltern ihre Kinder nur zufällig in die Religionsunterrichtsanstalt schicken, deren Programm dem gesetzestreuen Judentum gerecht wird, und daß sie sie nur zufällig nicht jener Unterrichtsanstalt anvertrauen, in der sie dazu angehalten werden, ohne Kopfbedeckung zu beten? Das also ist biß gegenseitige Duldung: Die Kinder möglich st frühzeitig in einen Konflikt mit dem Eltern hause zu brina gen! Nein, verehrter Herr Landgerichtsrat, da denken wir liberaler! Wenn Sie es für richtig halten, Ihre Kinder der Orgelsynagoge und einem neologen Religionsunterrichte zuzusühren, so tun Sie, was Ihnen Ihre Ueberzeugung gebietet. Sie begehen aber ein Verbrechen und sprechen jeglicher liberalen Gesinnung .Hohn, wenn Sie die Kinder, die in unserem Sinne erzogen werden, zwingen wollen, an Ihrem Gottesdienste teilzunehmen. Und man höre weiter: Als dem Vorstand vor einigen Jahren bekannt wurde, daß die Kultuskommission einen Leher für die gesetzestreue Religionsanstalt zu präsentieren beabsichtige, der sich weigerte, seine Schüler in die Orgelsynagoge?u führen, da setzte er alle Hebel in Bewegung, um die Kultuskommission von diesem Vorhaben abzubringen, da er einen derartigen Herrn nicht wählen könne, und siehe da, die Kommission hatte sich einschüchtern lassen und ihren Kandidaten aufgegeben. Und welch schöne Worte wurden da gemacht: Der Frieden werde gestört, die Kommission beschwöre einen Konflikt heraus, dessen Tragweite sich nicht absehen lasse. Wir aber fragen: Wer stört hier den Frieden? Die neologe Partei, vertreten durch den Vorstand und durch die große Majorität der Repräsentantenversammlung, die die Gesetzestreuen zwingen will, Religionslehrer, deren Gesinnung nicht ihrer eigenen Ueberzeugung entspricht, anzustellen, oder die gesetzestreue, die da sagt: „wir nehmen für unsere Anstalten dasselbe Recht in Anspruch, das Ihr für Eure Anstalten behauptet. Die Lehrer, die in unseren Anstalten unterrichten, sollen nur solche Männer sein, die in unserem Sinne wirken, stellt Ihr in Euren Anstalten an, wer Euch gefällt". Mit Recht mahnte einer der neologen Führer — Herr Dr. Reich — den Vorstand zur Mäßigung und sprach seine schweren Bedenken gegen den neuen Entwurf aus. Wenn Lehrer und Leiter einer Religionsschule gewählt werden könnten, die der betreffenden Kultuskommission nicht passen, dann käme ein Zankapfel in die Gemeinde. Allein der Vorstand war taub gegen solche Worte. Umsonst führte Herr Professor Badt, der einzige Vertreter der geseßestreuen Richtung in ruhiger fachlicher Weise aus, daß durch derartige Maßnahmen des Vorstandes gerade die besten und geeignetsten Kräfte der gesetzestreuen Religionsunterrichtsanstalt I entzogen werden. Ja Mannhafter Weise verteidigte er als einziger Vertreter. seine unterdrückten Gesinnungsgenossen; aber es nützte nichts, daß er aushielt bis er nahezu erschöpft war. Kaum, daß ihm eine Entgegnung zuteil geworden wäre. Aber konnten denn die Herren etwas Sachliches gegen seine Einwände Vorbringen? Oder sollte es gar dem Vorstande darum zu tun sein, der gesetzestreuen Religionsunterrichtsanstalt auch wirklich die besten Kräfte vorzuenthalten? Warum verteidigte er sich sonst nicht gegen diese schweren Vorwürfe des Herrn Professor Badt? Keine Ant- . wort ist auch eine Antwort. In richtiger Erkenntnis der Lage har es der Vorsitzende des liberalen Vereins selbst ausgesprochen, daß dieser Zankapfel, der den Frieden aufs Schwerste gefährdet, von dem „liberalen" Vorstande in die Gemeinde geworfen worden sei. Es hieße wirklich die Kühnheit auf die Spitze treiben, wollte man jetzt noch sagen, daß die gesetzestreue Richtung den Frieden stört. Wir würden uns nicht wundern, wenn sich Männer in der Breslauer Synagogengemeinde trotz ihrer Liebe zum Frieden zusammenschlössen und einer Gemeinde den Rücken kehrten, die ihre heiligsten Güter mit Füßen tritt. 65 Jahre lang hat der Friede gewährt, aber man sieht jetzt, daß es nur ein Scheinfriede war, denn kaum zur unbeschränkten Macht gelangt, knebelt die neologe Partei ihre Gegner und zwingt sie zur Annahme von Statuten, die ihren eigenen Interessen zuwrderlaufen. Es ist etwas Schönes um den Frieden. .Wir haben wahrlich genug Feinde draußen, um uns nicht noch im JNnern befehden zu müssen. Aber was wollen wir tun? Zwingt man die Breslauer Gesetzestreuen nicht, ihrem Vorstände mit Mißtrauen zu begegnen und sich feiner Fesseln so schnell wie möglich zu entledigen, wenn man ihre heiligsten Güter schändet, und ihrer Ueberzeugung, die sie mit Aufbietung aller Kräfte und mit den größten Opfern zu verteidigen suchen, nicht das geringste Verständnis entgegenzubringen vermag? Wann wird den Breslauer Gesetzestreuen der Mann erstehen, der ihnen den richtigen Weg weist und endlich — noch ist's nicht zu spät — den Folgen eines sechzigjährigen Verkleisterns und Kompromisselns ein Ende bereitet? .'w nmu ’je? Bon Bar Menachem. (Schluß.) Wenn nun selbst die religiösen Freudentage dem Juden nicht absolut harmlos erscheinen für sein religiös-sittliches Streben, wenn er selbst seinen gesetzlich gebotenen Feiertagen glaubt Stunden der Selbstprüfung anfügen zu sollen, wie sehr kontrastirt eine solche Lebensanstcht mit der Alltagsweisheit, die Wahl- und sft:upellos allen Lebensfreuden das Wort redet! Das moderne Geschlecht nimmt unbesehen alle Genüsse oder vermeintlichen Genüsse hin, ohne Rücksicht auf die weisen und mütterlichen Mahnungen unserer Religion. Der mächtig dahinflutende Strom des Lebens läßt heute selbst im kleinen Dörfchen seinen Wellenschlag vernehmen. Auch im kleinen Kreise hat man seine Vereine, Klubs, Kränzchen und Verbände, hält Versammlungen, Zusammenkünfte, „Abende" ab, veranstaltet musikalische unb theatralische Aufführungen und verletzt dabei nicht gar so selten rot? und to"', setzt sich über die Speisegesetze und andere wichtige Religionsbestimmungen hinweg. Jung und Alt gehen dabei Hand in Hand, ohne auch nur im (Äitferntesten an die Lehre der „Scheni-Fasttage" zu denken: Haben wir nicht vielleicht in der Freude, der wir uns so ohne weiteres hingeben, ein sündhaftes Denken und Tun begünstigt und zu verantworten? Und doch wäre diese Frage so durch und durch vom Geiste des Judentums und der Wischen Lehre eingegeben! Daß in der Freude btt Mensch Gottes vergessen könnte, und daß gerade Israel hiezu besonders geneigt ist, das spricht äußeren Auftreten belagerten täglich die jüdischen Häuser, was gewiß nicht zu hlen Annehmlichkeiten des Lebens gehöre, und auch bei der nichtjüdischen 'Bevölkerung Anstoß erregen müsse. Anch-oen armen Leuten selbst sei nicht damit gedient, daß sie von Haus zu Haus gehen müssen, sie fänden ihre Rechnung viel besser, wenn sie an einer Zentralstelle abgefertig't würden und aus diese Weise bald wieder ihre Weiterreise antreten könnten, um aridere Gemeinden aufzusuchen. Man unterstütze bei dem hiäfyerigen Verfahren den gewohnheitsmäßigen Bettel. Erne Zentralstelle wäre leichter in der Lage, die Würdigkeit und Türstigkeit der Bettler sestzustellen. Wenn die Beteiligung, wie zu erwarten sei, eine allgemeine sei, so könne jedem Bittsteller fünf Mark verabreicht werden. ein Lohn, der wohl demjenigen gleichkommt, den auch der Bettel von Hrus zu Haus einbringt. Aber wenn er auch etwas geringer sei, so müsse man doch die Zeit in Anschlag bringen, welche die Armen auf diese Weise gewinnen und Zeit sei doch auch für die Armen Geld. Damit kein falsches Rachmonus die Verwirklichung dieser guten Absichten vereitle, müsse das Vereinsstatut oie Verabreichung von milden Gaben allen Mitgliedern strengstens untersagen. Tie Häuser der Mitglieder müssen als solche durch Anbringung eines besonderen Schildes bezeichnet werden, das würde die Mitglieder für die Folge von jeder Belästigung bewahren und die Armen von selbst an die Kasse weisen." Nach diesen Ausführungen ergriff Herr Seligmann das Wort. Bei seinem allgemein bekannten Wohltätigkeitssinn erwartete man eine warme Befürwortung des neuen Vereins und war daher nicht wenig erstaunt, als er den Ausführungen des Vorredners Punkt für Punkt mit aller Entschiedenheit entgegen trat. (Sr meinte, wenn der neue Verein heute gegründet werde, so dürfte man ihn nach den Darlegungen des Vorredners nicht Armenverein nennen, sondern er müsse dann Reichenverein heißen. Denn er werde nach den soeben vernommenen Ausführungen in erster Reihe nicht mit Rücksicht auf die Armen, sondern im Interesse der Reichen gegründet, damit dieses wandernde Elend von unseren Häusern fern gehalten werde. Ueber einen Reichenvereitt hätten allerdings ausschließlich die Reichen zu beschließen, aber bei Gründung eines Armenvereins hätten die Armen auch ein Recht, gehört zu werden und diese wären dagegen. Die Herren möchten nun einmal selber sich deshalb bei den Armen' erkundigen, wie er es wiederholt getan habe. Sie finden ihre Rechnung nicht dabei und die Zeit, die sie dabei gewinnen, ist bei ihnen kein Geld, sondern das Gegenteil. Ihr Unglück ist die viele Zeit, die sie haben, ohne Arbeit und Beschäftigung, sie auszusüllen. Dazu stimmt auch die ganze Rechnung nicht, was jeder von uns an den Fingern nachrechnen kann. Wir haben hier 145 steuerzahlende Gemeindemitglieder. Wenn jeder durchschnittlich nur 10 Pfennige einem hilfesuchenden Armen gibt, so sind das 14.50 Mk. Wie wolle man es verantworten, den Armen um 9.50 Mk. zu verkürzen und ihn mit 5 Mark „abfertigen" und dieser letzte, vom Vorredner gebrachte Ausdruck sage für ihn alles. Unsere Zeit mag in vielen Punkte,! die frühere überflügelt haben. Wenn ich Naturwissenschaft, Technik, Chirurgie und diese moderne Wissenszweige mir ancignen wollte, möchte ich lieber bei der Gegenwart als bei der Vergangenheit in die Schule gehen. Wie man aber mit Armen umgeht, damit unser bischen „Wohltun" nicht zum „Wehtun" wird, darin waren, glaube ich, unsere Altvorderen ihren Enkeln überlegen. Wenn sie bei ihrem regen Sinn für Zedokko 4 unb Gemillus Chch'ed nid)t aus den Gedanken kommen, einen solchen Verein zu gründen, so könnte mich das allein schon stutzig machen. Sie kommen aber nicht auf den Gedanken, weil sie eben die Armen nicht Abseitigen", sondern in ihr Haus ziehen wollten. Sie wußten, daß Gott zur rechten Seite jedes Armen steht, wie es im Tillim heißt, sie wüßten, daß mit jedem Armen die Sch^chinno, die Herrlichkeit Gottes mit jhrem Glück und ihrem Segen ins Haus und ins Komptorr tritt. Den Armen abfertigen, hieß, ihnen ihr Lebensglück abweisen und abfertigen, das wollten sie nicht. „Wem Gott einen Armen ins Haus schickt, dem.bat er ein Gnadengeschenk ins Haus geschickt", war die Anschauung unserer Väter und wir sollten einem Verein das Wort reden, dessen ganze Tendenz dahin geht, die Armen aus unserem Haus fern zu halten? Wenn Ihnen die abgetragene Kleidung der Armen widerwärtig ist und Sie wollen am Bahnhof ein Bureau etablieren, in dem jeder ankommende Arme in Frack und Glaceehandschuhe gesteckt wird, so könnte ich mich damit einverstanden erklären. Nimmermehr ließ ich mir aber verbieten. Arme in mein Haus eintreten zu lassen und sie durch eine Armenscheuche in Form eines an meinem Hause angebrachten Schildes von meiner Türe zu weisen. Bon Vater Abraham berichtet unsere Ueberlieferung, daß er vier Türen an seiner Wohnung hatte, um jedem Armen, von welcher Seite er auch kam, den Zutritt zu erleichtern. Wenn man an ifjn bie Zumutung gestellt hätte, er solle vorne Schildern anbringen lassen, um die Armen fern zu halten, ich glaube, er hätte die Herren mit einem solchen Ansinnen nach Sodom gewiesen, um sich diese Erfindung dort patentieren zu lassen." (Fortsetzung folgt.) (MoseS aus der Bühne.) Victor HahnS Tragödie „Moses" wurde am Sonnabend in Hamburg im dortigen Stadttheater zur Ausführung gebrach« und erzielte bei glänzender Darstellung einen geradezu

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