Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 46 (19.11.1908)
- Date
- 1908-11-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449345--65042-2507661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2-' D-' £v i'j'V' SHtr 1 IS. RovMver 1S0S_ cuitretcn mußte; und aus diesem Zwiespalt heraus, war ihm die Einrichtung der beiden KultuLkonrnnssionen als das einzig mögliche Organ, durch dessen Schaffung er den Streit beilegen zu können glaubte, erschienen. Ob diese Idee eine glückliche war, wollen wir hier nicht uu* versuchen. Dem gesetzestreuen Judentum wäre vielleicht damals mehr gedient worden, wenn sich die Spaltung vollständig vollzogen hätte. Damit wäre ein für alle Male die Möglichkeit beseitigt gewesen, der religiösen Betätigung Fesseln anzulegen und auf die Anhänger des überlieferten Judentums einen Gewissenszwang auszuüben. Allein der Frieden war durch die Einsetzung der Kultuskommission vorerst jedenfalls gesichert. Damit scheint es nun im Zeitalter der „Liberalen Vereinigung" definitiv vorbei zu sein. Heute hält der Vorstand die Zeit für gekommen, dem Zeugen eines ehrlichen Liberalismus, den Kultuskommissionen, das Lebenslicht aus zu blasen. .Hatten sich die Kultuskommissionen und insbesondere die Kultuskommission I, die der gesetzestreuen Richtung Rechnung zu tragen bestimmt war, mehr als ein hrlbes Jahrhundert bemüht, ihren Pflichten gerecht zu werden und ihre Rechte, die ihnen yic §§ 92—105 des Gemeindestatuts sicherten, wLtzhxzunehmen, so ist es nunmehr offenbar, daß Hr Ständlein geschlagen, und daß die Zeit gekommen fei, in der sie höchstens noch ein Scheindasein fristen dürfen. Denn gerade diese Rechte, die ihnen seinerzeit gegeben wurden, um beiden Parteien Rechnung zu tragen, werden ihnen nunmehr geraubt. Weiß doch der Vorstand, daß sich die neologe Partei zu einem Machtfaktor in der /Gemeinde gestaltet hat und daß sie, die im Jahre 1843 nur ein kleines Häuflein von Gemeindemitgliedern ^vertrat, dem jedoch von der gesetzestreuen Seite die Gleichberechtigung zugebilligt wurde, heute die Macht in Händen hat, um dem unbequemen Gegner und Diktator von damals kühn und machtvoll entgegenzutreten, ohne apch nur den Schein wahren zu wollen, daß dieser Gegner dieselbe liberale Behandlung erfahre, die er der Minorität von 1643 zuteil werden ließ. Heute ist ja die neologe Richtung in den Gemeindekörperschaften derart stark vertretm, daß sie keine Unterdrückung zu fürchten hat. Sie braucht daher keinen Wert auf die Beibehaltung ihrer Kultuskommiffion zu legen. Wozu also noch Verstecktspiel treiben und sich den Anschein geben, als ob die „Gleichberechtigung" von großer Bedeutung wäre? Da es aber andererseits nicht angängig ist, daß man nur die Kultuskommission I, well fit unbequem ist, ihrer Rechte beraubt, so heißt es: fort mit den Rechten beider Kultuskommisionen! Hiermit ist der Gegner entwaffnet und die Neologie selbst ist dätz Leben Und das Geschäft, das di? Mittel zum Leben bringt, uns in die Swdt ziehen, daß wir dann ‘ wegen der toten Gräber hier bleiben sollen, bei aller Anhänglichkeit und Verehrung für die teueren Hinterbliebenen, deren irdische Hülle darin verborgen liegt." „Das verstehst du nicht!" Pflegte dann der Vater einxuoreisen. „Das verstehst du nicht, weil du nicht jüdisch denkst und fühlst. Wir verstehen es aber dafür um so besser. Wenn es sein muß, ergreift der Jude den Wanderstab, verläßt Haus und Hof und sucht sich in der fernsten Fremde ein Plätzchen, um sein neues .Heim auszubauen. Das haben wir aus dem ersten Gottcswort gelernt, das unserem ersten Stammvater wurde und aus der Art und Weife, wie er tfim folgt. Aber ohne diese Notwendigkeit verläßt der Jude nur schwer daS Vaterhaus und das Geburtsland, die Stätten, in welchen er seine Jugend verlebte, und in welchen seine Toten ruhen. Das haben wir nicht etwa erträumt, sondern es auch von den Vätern ererbt. „Wenn wir noch wenigstens die Eisenbahn bekommen hätten und nicht volle zwei Wegstunden bis zur nächsten Bahnstation gehen mußten, dann", meinte der Sohn, „würde es oie Leute weniger in die Stadt ziehen. Aber so ist man von der Welt und ihrem Verkehr hier ganz abgeschnitten." „Das ist auch eine von den vielen Ansichten, die grundfalsch sind, obwohl sie in allen Leitungen stehen und von Groß und Klein geglaubt werden", entgegnete der Vater. „Die Welt ist unzufrieden mit dem was sie hat. Im heißen Sommer wollen sie's kalt haben und sie klettern deshalb um diese Jahreszeit auf die Schneeberge der Alpen. Im Winter wollen sie es heiß haben, und ziehen deshalb in hellen taufen nach dem Buben. Tie Städter wollen aufs and und die Landsleute wollen in dir Stadt. Die Eisenbahn mit ihrem Dampf und ihrer keuchenden Der KsmEt. ja ausreichend in den andern Körperschaften vertreten. Ist das liberal? Der ß 102 bildete den Stein des Anstoßes; mit ihm sollte der Anfang gemacht werden. Sein Wortlaut nach dem Frieden von 1843 war ettdetm Jahre 1856 festgelegt worden und e bis heute: „Die Lehrer der Religionsanstalten, einschließlich der Direktoren, denen außer der Erteilung des Unterrichtes, die technische Leitung der Anstalten obliegt, werden von den auffichtführenden Kultuskommissionen präsentiert und von dem Gemeindevorftande nach Anhörung der Rrepräsentanten über die Personen, gewählt. Dieselben sind Gemeindebeamten". Der Sinn ergibt sich mit zwingender Klarheit, er geht auch schon aus der Ueberschrift des Titel 8 des Statuts der da lautet: „Bon dem Kultus- und Religions-Unterrichtswesen", hervor. Der Religionsunterricht ist von dem Kultus nicht zu trennen. Es dürften kaum Eltern, die auf gesetzestreuem Standpunkt stehen und eine Synagoge mit gesetzestreuem Kultus besuchen, gewillt sein, ihre Kinoer einem von neologen Lehrern erteilten Unterrichte anzuvertrauen. Aus dem Bestehen der Kultuskommission ergibt sich also notwendig die Tatsache, daß die eine Richtung unmöglich für die Bedürfnisse der andern sorgen kann, vielmehr jede Richtung ihren eigenen Bedürfnissen entsprechend ihre Ueberzeugungen zu versorgen hat, will man ernste Differenzen vermeiden. Aber der „liberale" Gemeindevorstand denkt anders. Er muß ja ebenso gut den Befähigungsnachweis eines gesetzestreuen Religionslehrers, wie die künstlerische Ausschmückung des Friedhofes oder den Wohllaut der Orgelchöre zu prüfen verstehen, dafür ist er ja der Vorstand. Wie kann man nur denken, daß die Kultuskommiffion etwas besser wissen solle, als er, wie dies so naiv bei der beantragten Abänderung des Rabbin-rwahl-Paragraphen durch einen Herrn der „liberalen" Richtung ausgesprochen wurde: „Wir sind hier 15 Repräsentanten und 7 Mitglieder des Vorstandes und von dem Vertrauen der Gemeindemitglieder auf unfern Posten berufen, und sollen es „6" Herren überlassen, einen Rabbiner zu bestimmen, der von einem großen Teil der Gemeinde bestellt werden soll?" Der selbstbewußte Herr hat nur übersehen, daß es bei der Wahl von Rabbinen oder Religionslehrern nicht auf die Quantitäten der Wähler ankommt, sondern auf ihre Befähigung, vermöge deren sie die Qualität der zu wählenden Herren prüfen können. Und was sagte der Vorstand? Er zog seinen Rabbinerwahl betrefferrden Antrag zurück, erneute ihn aber, als es sich um die Wahl der Relegionslehrer handelte. Hier wünschte er, daß die Kultuskommission in Zukunft die Religionslehrer nicht "sfsm Hast macht die Stadtlente nervös, deshalb entfliehen sie ihr und die Landleute möchten sie gerne haben. Sie bereden sich, daß die StadtIucht der Landleute aushören würde, wenn man die «tadt mit. der Eisenbahn rascher erreichen känn. Wie einer, der sein bischen Sechel (Verstand) beisammen hat und so was glauben und weiterreden kann.' Je leichter die Torfleute in die Stadt kommen können, desto mehr werden sie dorthin fahren und dort hängen bleiben, desto mehr nimmt die Bedeutung der Keinen Orte ab. Das bischen Leben und Verkehr auf dem Lande nimmt die Bahn mit fort. Tie Reisenden und Geschäftsleute, die bis setzt dort logiert, verkehrt und übernachtet haben, erledigen jetzt zwischen einem und dem anderen Zug ihre Geschälte und kehren dann zur Stadt zurück. Sieh' dir doch die Keinen Orte an, die in den jüngsten Jahren die Eisenbahn bekommen haben, sind sie nicht noch mehr entvölkert worden als die bahnlosen Orte?" Am tiefsten saßen aber bei dem alten Seligmann die religiösen Bedenken, die ihn gegen eine Niederlassung in der Stadt bestimmten. Darin hatte er leider schon eine trübe Erfahrung gemacht, die wie ein schwerer, schwarzer Schatten sein Lebensglück trübte. Tie zwei ältesten Söhne hatten sich trotz der elterlichen Abneigung in N. niedergelassen und betrieben dort eine große Guttaperchafabrik. Sie war zuerst am Schabbos streng geschlossen, aber als der Betrieb durch die Sabbatruhe geschädigt wurde, entschlossen sich die Brüder, den Sabbath preiszugeben. Sie behaupteten zwar den Betrieb und die ganze Einrichtung nach den Angaben eines bekannten, angesehenen Rabbiners derart geregelt zu haben, daß. die Fabrik ohne Verletzung des Sabbath geöffnet sein Wune. Aber der Bater ließ sich durch derartige „Kunststücke", wie er 4$ nannte, nicht beeinflussen, «nd brach mit den Söhpräsentieren, sondern höchstens Vorschlägen dürfe. Dem Vorstand bleibe es überlassen, den in Vorschlag gebrachten oder einen anbetn Qetten zu wählen. Und derartig wichtige, einschneidende Veränderungen in der Breslauer Gemeinde-Politik müssen natürlich möglichst ruhig und ohne viel Staub aufzuwirbeln, vorgenommen werden. So beantragte man denn nur, in dem oben genannten § 102 die Worte: „werden von den aufsichtführenden Kommissionen präsentiert" durch die Worte: „nachdem die betreffende Kultuskommission Vorschläge gemacht hat" zu ersetzen. Das klingt sehr ungefährlich und könnte doch kaum einen Protest erwecken. Wer aber näher zusieht, der merkt sofort, daß die Kultuskommission, die bisher die' führende Rolle bei der Lehrerwahl inne hatte, ihr Recht an den Vorstand abtrat, um selbst bei diesem wichtigen Wahlakt so gut wie ausgeschaltet zu werden. Denn was bedeutete denn die Präsentation anders, als daß sie die betreffenden Lehrer zu bestimmen hatte? Der Vorstand durfte höchstens eine Auswahl unter den von der Kultuskommission als geeignet bestimmten Kandidaten treffen. Jetzt aber schlägt die Kultuskommission vor, und der Vorstand wäUt, unabhängig von diesem Vorschlag. Es steht dem Vorstande also frei, zu wählen, wer ihm beliebt, ohne im Mindesten auf die Vorschläge der Kultuskommiffion Rücksicht nehmen zu müssen. Wir fragen: Wie darf sich der Vorstands der in seiner Zusammensetzung ausschließlich die herrschende neologe Partei repräsentiert und den religiösen Bedürfnissen der gesetzestreuen Partei fremd gegenübersteht, erkühnen, die Qualifikation eines gesetzestreuen Religionslehrers prüfen zu wollen? Hat sich schon jemals die Kiltutskormniffion I, das Recht genommen, für die Bedürfnisse der neoloaen Richtung zu sorgen? Was bedeutet die Statutenänderung anders, als daß in Zukunft das Umgekehrte der Fall sein wird? — denn die religiöse Gesinnung der KultuskomMission II deckt sich ja mit der des'Vorstandes. Und damit die gesetzestreue Richtung weiß, wessen Jt£ sich in Zukunft von Seiten des Vorstandes zu versehen hat, ließ sich es dieser angelegen sein, bereits in der letzten ReprMentantenversammlung jeden Zweifel über seine Gesinnung zu beseitigen. Wie sagte doch Herr Landgerichtsrat Wöllstein, der Vertreter des Vorstandes, als er auf seine wahrhaft liberale Gesinnung und Duldsamkeit hinwies, sich stolz in die Brust werfend: „Sämtliche Schüler unserer Religionunterrichjtsanstalten müssen an beiden Gottesdiensten teilnebmen. Ein Lehrer, der sich weigert, seine Schüler zum Gottesdienst in eine Orgelsynagoge zu führen, ist hier nicht am Platze. Ein solcher Mensch, neu jeden Verkehr ab. Als er einige Jahre später lebensgefährlich erkrankte und die Söhne zum Besuch ihres kranken Vaters nach Hanse geeilt waren, ließ er sie nicht vor sein Krankenbett kommen. Er starb bald daraus, ohne sie wieder gesehen zu haben, und seine Frau folgte bald dem Gatten in die Ewigkeit nach. Koppel Seligmann, welcher wußte, daß er alle diese Bedeuten für seine Person nicht zu fürchten brauchte, war, wie bereits erwähnt, bald nach dem Tode der Eltern in die Stadt gezogen. hatte mit dem Geschäft der Eltern auch 'ihre Denk- und Lebensweise übernommen :u nd war ihnen in ben vierzig Jahren seines Aufenthaltes in der Stadt treu ge- Mtcbcit. Er hatte in diesem Sinne seine Kinder erzogen und verheiratet und war in seinem ganzen Auftreten ein vollendeter Städter ohne die jüdische Eigenart aufzngebeu, die er aus dem Elternhaufe seines Heimatdorfes mitgebracht hatte. Das Vertrauen der jüdischen Gemeinde hatte ihn an ihre Spitze gestellt, und er rechtfertigte dieses Vertrauen durch seine selbstlose Hingebung, mit der er alles Gute und Edle auch dann zu fördern suchte, wenn die Ansichten und Absichten seiner Umgebung nicht in allen Punkten mit den Neigungen seines guten Herzens und den Anforderungen seines hellen, weitsichtigen Verstandes übereinstimmten. So wurde vor einigen Jahren der Gedanke zur Gründung eines Armen-Bereins gegen Bettelei angeregt. In einer zu diesem Zweck veranstalteten Versammlung en wickelten die Anreger di ses Panes ihre Gründe und Ziele. Durch die Verfolgungen und Ausweisungen unserer Brüder im Osten habe die Zahl der durchreisenden Armen eitlen Umfang angenommen, den man früher nicht gekannt habe. Die Armen mit ihren zerrissenen Kleidern und ehrem unshmpgthHchen '7,5, i,ys>-