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Der Israelit · 1908-11-19 · Heft 46 (19.11.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 46 (19.11.1908)
Date
1908-11-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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1 9. November 1908 beruft sich dabei auf Abraham, den ersten Juden, der auf diese Weise in den Bund Gottes eingeführt wurde. Er weiß auch nicht, daß Moses, zu dessen Judentum er sich theoretisch bekennt, so geschmacklos war, uns mit den vielen anderen, auch dieses Gebot zu überliefern. Wie sollte er denn iruch noch wissen, daß Maimonides, einen ganzen Abschnitt über N^'v geschrieben hat, .und daß Juda Halevy, auf den er sich als auf. einen Äten Kollegen von der Feder beruft, in seinem Kusari 'wiederholt erklärt, daß wir nicht das geringste Gebot der Thora und der Ueberlieferung aufgeben dürfen? Daß ein solch wahnwitziges Treiben dem Judentum irgend welchen ernstlichen Schaden zufügen könnte, glauben wir keineswegs. Das Judentum hat schon ganz andere Anstürme von innen und außen überstanden. Ihr Gutes haben aber all diese offenen Worte hüben wie dÄben ohne Zweifel. Sie wirken ausklärend und zeigen, wessen wir uns von dieser Seite zu versehen haben. Daß Herr Asch in seiner Anschauungsweise nicht einzig dasteht, ist eine Tatsache, die durch den Umstand, daß die Jargonschriststeller jetzt einmÜttg über ihren unvorsichtigen Kollegen herfüllen nur bestätigt wird. Die Antwort der Gesetzestreuen auf solche Brüskierungen sollte nicht länge auf sich warten lassen — Die beste Antwort wäre aber die Gründung einer wahrhaft jüdischen Jargonzeitung. Nur eine solche könnte anstelle des „Fraind" der, nachdem er Jahre hindurch Unheil angerichtet, nun das Feld geräumt, erzieherisch, belehrend und aufklärend auf die wissensdurstigen jüdischen Bolksmassen wirken. Breslauer Gemeinde- Liberalismus. Man schreibt uns: Wenn man sich die Entwicklungsgeschichte der liberalen „Richtung" im Judentum ansieht, so könnte man fast zu der Ueberzeugung gelangen, daß der Kulminationspunkt dieser Bewegung, wenigstens, sowett sie Negattves zu leisten sich bemüht hat, bereits überschritten ist und daß die liberale Partei nunmehr Positives zu schaffen versuchen will. Sie muß sich wo bl oder übel hierzu bequemen, nachdem ihre Führer zu der Einsicht gelangt sind, daß der bisher versolgte Weg notwendigerweise zu einem Aust gehen des Judentums im Christentum .führte. Mit Schrecken gewahrten die Herren von der Neologie, daß ihre eigenen Reihen sich zu lichten begannen und daß ihre Kinder, anstatt an ^_ Der Israelit._ die Stelle ihrer Väter einzurücken, in einer andern Religion ihr Heil und Glück zu finden suchten. Und es wurde ihn^n plötzlich klar, daß die Negierung des Judentums nicht der richtige Pfad war, auf dem sie seine Erhaltung zu erstreben hofften und daß sie, wenn sie erhalten wollten, auch geben mußten. Hatten sie sich doch aber Jahrzehnte lang, wir dürfen wohl sagen fast ein Jahrhundert, bemüht, nur zu nehmen und jetzt erkannten sie, daß sie das Judentum bereits seines kostbarsten Schmuckes entkleidet hatten. Da stand es nackt und verödet vor ihnen, und stierte sie nur noch wie ein Gespenst aus einer ihnen völlig fremden Welt an. Diese Folge ihrer Zerstörungsarbeit hatten sie nicht vorausgesehen. Als einer der ersten Borkämpfer der Neologie, Israel Jakobsohn in Seesen am 17. Juli 1810 bte erste Orgel in den jüdischen Gottesdienst einführte, glaubte er, erne neue Epoche für das Judentum anbrechen zu sehen und mit dieser „positiven" Schöpfung, dachte er den Ersatz für viele „Zeremonien", „Sitten" und „Gebräuche" gesunden zu haben, die er für den FortbestanddesJudentums für entbehrlich hielt. Mit Stolz blickten seine Epygonen auf diesen Reformator und glaubten sich etwas darauf zu Gute tun zu dürfen, daß die nichtjüdischen Zeitgenossen Jakobsohns ihm bei seinen Reformen behilflich waren, ihn unterstützten und in seinen Bestrebungen bestärkten. Ja sogar christliche Prediger boten Jakobsohn die Hand zur Freundschaft, hierin ihrer Freude über sein Werk Ausdruck gebend. Jetzt war also die Achtung der nichtjüdischen Kreise vor dem Judentume mit einem Male erworben. Aber wie bitter enttäuscht standen die Neologen ein Jahrhundert später vor ihrem Lebenswerk und dem ihrer Väter und mußten sehen, daß ihre Söhne und Enkel trotz Orgelklang und trotz' Einführung der deutschen Sprache „ihrer Muttersprache, die doch zu Herzen gehen muß" fahnenflüchtig wurden und der mageren Kost, die ihnen als „Erbauung" gereicht wurde, keinen Geschmack abgewinnen konnten. Und sie besannen sich. Ein Aufruf ging durch die Lande, der allen, die es hören wollten, verkündigte, daß eine Morgensrische das Judentum durchwehe und nach einer Zett tiefer Erschöpfung zu neuem Leben erwecke. „Kein subjektives selbstgeschaffenes Gebilde", so verkündete der Auftuf, der zum Anschluß an sie neue Vereinigung für das Liberale Judentum aufforderte, „keine Phantasiereligion, keine nachgeäfften, auf den Geschmack der wechselnden Zeit zugeschnittenen Formen und Institutionen.' Lebendiges Judentum, nicht totes, ein Judentum, das in den Herzen und Kindern des gegen- . _._Seite 3 Ro. 46 wattigen Geschlechtes lebt — das ist lebendiges . Judentum." Fürwahr, schöne Worte! Man könnte fast glauben, daß eine Zeit angebbrochen sei, in der für das Judentum wieder posittve Arbeit geleistet werden sollte. Leute, die so etwas schreiben, die haben eingesehen, daß das tausendjähttge Leben des Judentums existiert, und daß es eine Bergewalttgung ist, es zu knebeln mit der rohen Kraft des Stärkeren niederzutreten und seinen Lebensodem ersticken zu wollen. Wie sich jene Vereinigung, die mit Stolz das Wort „liberal" auf die Fahne geschrieben hat, zu dem „lebendigen" Judentum, dessen Geist noch nicht überall erstorben ist und vielmehr feuriger als je auflebt, stellen wird, soll die Zukunft lehren. Vielleicht hat sie wirklich das Verständnis für die heilige Sache, der das überlieferte Judentum dient. / In Breslau hat das liberale Judentum seine Feuerprobe sehr schlecht bestanden. Wo ist die religiöse Duldung, von der sonst.in pathettscher Weise und mit schönen Worten so viel erzählt wird, geblieben, als in der letzten Repräsentanten-Versammlung vom 12. er. der Vorstand gemeinsam mit dem Repräsentantenkollegium eine Bergewalttgung der gesetzestreuen Gemeindemitglieder Vornahmen, ohne persönlich zum Mindesten an dieser Richtung beteiligt zu sein? Zum allgemeinen Verständnis der in dieser Repräsentanten - Versammlung v orgenommenen Aktton müssen wir etwas zurückgreifen und näher auf die in der Breslauer Synagogengemeinde bestehenden Verwaltungsorgane eingehen. Im Jahre 1843 waren in ttchttger Erwägung der unüberbrückbaren Gegensätze zwischen den Anhängern der beiden großen religiösen „Parteien" zwei Knltuskommissionen eingesetzt worden, die die religiösen Interessen jeder einzelnen zu wahren hatten. Es heißt in jener Denkschrift: „Es werden dann die Mitglieder unserer Gemeinde ausgefordert, nach ihren verschiedenen Kultusansichten sich in zwei Gesellschaften zu teilen; jede wählt den ihren Ansichten entsprechenden' Rabbiner als Präses und bildet aus ihren. Gliedern einen Kultusvorstand". Diese Kultuskommissionen bestehen noch heute in ihrer Wesenheit. Die §§ 92 bis 105 des derzeitigen Gemeinde-Statuts beschäftigen sich mit ihren Rechten. Aus dem In-. halt jener Verordnung von 1843 geht klar heyvor, daß es dem damaligen Borstande darum zu tun war, den Frieden der Gemeinde zu erhalten und eine Spaltung zu verhindern. Jener Vorstand dachte wahrhaft liberal. Er wollte auf die Anhänger der Neologie keinen Gewissenszwang ausüben, während er andererseits unbedingt für die Rechte der gesetzestreuen Majorität In AbrahamS Rethen herrschte nun die Ruhe und der Frieden der weiten Ebene, die harmonische Einheit des über fie gewölbten blauen HtmmelszetteS. Da erhöh sich der Patriarch und betete. Der erste Mensch der angesichts eines neu erwachten goldmen Morgens tetete: rmiTO fibon |pn D.TDK Und wie tief und innig muß der Patriarch gebetet haben. Wir inbrünstig' geheimnisvoll stüsterte es durch die weite lichtgefüllte Wüstenebme. „O, mögm doch alle schwülm Nebel, die etnstmS meinen Nachkommen Licht und Sonne rauben, wie der Tüu des heutigen Morgens vergehen nnd verschwinden. Die Schatten rasch und rastlos vorüberziehen, auf daß die von ihnen gettagme Wahrheit nie verhüllt, ihr Lebensglück nie getrübt werde, die wärmmden und leuchtenden Strahlen aber ihnm und auch allm, die mit ihnm in Berührung kommen, zum Heile gereichm. NINLVV 70 0*1221. Sch. Kleines Feuilleton. Iascbrsaas. Bon SuväuS. Ich stelle dieses hebräische Wort an die Spitze der folgenden schlichten Erzählung, weil ich kein deutsches kenne, welches die Geradheit, Schlichtheit, Redlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Aufmerksamkeit und noch eine ganze Sdrzaht sonstwer -Leiten und -keilen so i« sich vereinigt, -daß ich Hoppes Settgmann und seine Rechel mit dieser einzigen Bezeichnung vollständig charakterisieren kann. Kvppel Seligmann war im Geschäft, in der Gemeinde, im Hause und im Verkehr mit der Außenwelt der verkörperte Jaschronus. Er war Chef eines bedeutenden Mauusakturwarengeschäfts in einer größeren süddeutschen Stadt. Seine goldene Ehrlichkeit verschmähte alle Kniffe, die im geschäftlichen Leben sonst gang und gäbe sind und sogar als kaufnlümlische Tugenden geleiert werden. Tie peinliche Pünktlichkeit, mit der er allen seinen geschäftlichen Verpflichtungen nachkam, hatten dem von ihm geleiteten Geschäft einen ehrenvollen Ruf gesichert. Er hatte dieses Geschäft vor einigen und vierzig Jahren gegründet, als er nach dem Tode seiner Eltern sein Geburtsdorf Tiefenbrunn mit seinem jetzigen Aufenthalt vertauschte. Schon Jahre lang vorher hatte er sich mit der Absicht getragen, seinen Geburtsort zu verlassen und in Liie Stadt zu ziehen; aber die Eltern waren, dagegen. „Wenn du in's Mokem (die Stadt) ziehen willst", pflegte dann sein Vater zu sagen, „so haben wir nichts, dagegen; aber wir gehen nicht mit. Was willst du im Mokem? Unser Geschäft wirft hier auch so viel ab. daß wir jedes Jahr was zurücklegen können; daß wir Millionäre werden müssen, steht nirgends geschrieben. Ich glaube wohl, daß ein Geschäft in der Stadt viel mehr einbringt, aber man braucht auch mehr. Willst du eine Sroro (vornehme Persönlichkeit) werden? Tie rechten Sroros ziehen von Jahr zu Jahr mehr aus der Stadt aufs Land, und du bist schon da. Hier in der Khillv sind wir die ersten, im Mokem sind wir die letzten: meinst du nicht Mutter?" „Ob ich's mein?" ergätHte dann die Gefragte. „Ich wüßte im galten Mokem kein so gutes Plätzchen, wo man! nur sein Geschirr so tauweln (das rituelle Unter- ' tauchen) könnte, wie hier, wo der Bach mitten durchs Land fließt, gerade an unserem Haus vorbei. Und wie sie's bei den hohen Häusern, die kaum einen Streifen Himmel in ihre (wissen leuchten lassen, mit Kiddusch lewono (Gebet beim Anblick des Neumonds) machen, weiß ich auch nicht. Bekommt man die Lewono aber gar zu sehen, so kann einem erst recht der Appetit vergehen. Wie ein schwindsüchtiger Apfelschnitz sieht sie aus, so bleich wie alle Gesichter von den Morem- Leut, dagegen glänzt und funkelt die Tiesenbrunner Lewono wie ein Oelschalet." Koppel Seliamann wußte ganz gut, daß seine Mutter eine viel zu kluge Frau war, um diese ihre Einwände selber Ernst zu nehmen, daß es nur naive, vielleicht halb ironische Formen waren, in welche sich die mütterliche Pietät und Anhänglichkeit für das traute, ländliche Heim kleideten. Wenn er sie dann lächelnd ansah, um mit seinem Lächeln zu sagen, daß er diese Gründe denn doch nicht für so zwingend hielt, dann konnte die Mutter recht ernst werden. „Ihr Jungen wißt ja alles besser und doch kauf ich diese junge Chochmo (Weisheit) nicht für drei Batzen. Soviel kann ich dir aber sagen, wenn's im Mokem jeden Tag Gold regnen würde und man brauchte nur die Schürze anfzumachen, um es aufzufangen, und heimzutragen, so ging ich nicht hin. Und wenn von Tiefenbrunn nichts mehr als das gut' Ort (Friedhof) und von diesem nur noch die Gräber meiner Eltern übrig blieben, sie allein hätten die Kraft mich hier zu halten und keine zehn Rosse bekämen mich fort. Mer die Kinder von heute halten von den lebendigen Eltern nicht einmal so viel, wie man sonst von den verstorbenen gehalten hat." Tas ließ nun der Sohn nicht gelten. „Ich tverde. immer nur das tun, was Ihr wollt, auch wenn ich Eure Gründe picht verstehe. Deswegen sprechen Wir doch davon. So kann ich nicht verstehen, d<H>:r;:n

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