Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 45 (12.11.1908)
- Date
- 1908-11-12
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. des „Fsraeut". euilleton Samuel da Nagra. Sine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. Erster Band. (Fortsetzung.) Elfte- Kapitel. Als der Emir von der Verlobung Fatimas erfuhr und von ihrem heißen Wunsch mit ihrem Geliebten vereinigt zu sein, tat er sofort Schritte, um das Verlangen des Mädchens zur Ausführung zu bringen. Keiner schien ihm geeigneter, dies Unternehmen in die Wege zu leiten, als der durch Fatimas mutvolles Auftreten soeben wieder befreite Gaon Hai. Wie unsere Leser bereits wissen, war Samuel dem Gaon kein Unbekannter. Schon als jener noch seine Apotheke in Malaga hatte, erhielt er durch reisende Kaufleute die ersten Briefe des ibn Nagdela. Seitdem hatte er aber lange Zeit keine direkten Nachrichten von ihm erhalten, er wußte aber, daß sein Freund Rabbi Niffim ben Jakob ben Niffim ibn Shahim in Kairuwan, der berühmte Talmuderklärer und Lehrer jüdischer Sitte mit Samuel in Briefwechsel stand. Rabbi Niffim spielte seit langem den Vermittler zwischen dem Gaon und dem Andalusier, indem er des Ersteren halachische Entscheidungen an Samuel weitersandte. Auch verbanden Niffim und Samuel gleichartige Studien, denn auch Samuel hatte eine Einleitung zum babylonischen Talmud verfaßt, bie bereits die größte Anerkennung aller seiner Zeitgenoffen fand, in ihr wurde der Unterschied zwischen Halacha und Agadah zum ersten Male haarscharf präzisiert, und Niffim ergänzte und erläuterte diese für alle Zeiten gültigen Feststellungen. Diesen bedeutenden Mann hatte der Gaon ausersehen, dem gelehrten Bräutigam die heißersehnte Verlobte zuzuführen. Der weise Leiter der Hochschule verband mit. diesem Aufträge noch zwei weitere Zwecke. Niffim sollte seine hohen talmudischen Kenntnisse nach Sphard verpflanzen, dann, sollte er, der kurz vorher sein gesamtes bedeutendes Vermögen zur Auslösung jüdischer Gefangener verwendet hatte und nun blutarm war, nach Granada übersiedeln, damit ihn Samuel dort unterstütze und erhalte. Deshalb sandte der Gaon zwei Sendboten aus, den einen an den Emir, dem er in einem Schreiben mitteilte, daß er den Verlobten Fatimas gut kenne, daß er die höchste Stelle am Hofe Granadas bekleide und daß er den Kairuwaner Hochschullehrer Niffim auserwählt habe, Fatima hinüberzubringen. Man möge das Mädchen einstweilen vorbereiten, und ihr nur allmählig von dem hohen Range ihres Geliebten Kenntnis geben. Einen zweiten Boten schickte der Gaon an Rabbi Niffim, durch den erihm sein Vorhaben mitteilte, und bei ihm an fragen ließ, ob er bereit sei, mit Weib und Kind, — er hatte nur ein kleines Töchterchen im Alter von drei Monaten — nach Granada überzu-. siedeln. Die Antwort des Rabbi traf bald ein. er erklärte sich mit Freude bereit, den Wunsch des Gaon zur Ausführung zu bringen. Der Emir ließ nach Empfang des Schreibens Fatima rufen. „DU hast mir den Wünsch geäußert," sprach er zu ihr, „mit deinem Verlobten recht bald wieder vereinigt zu sein. Mün hat ihn durch meine Bemühungen jetzt ausfindig gemacht, er ist Steinhauer in den Gebirgen vor Granada, er ernährt sich auf die kümmerlichste Weise, er hat kaum das nötige Brot, von dem einen Tage zu dem anderen, aus diesem Grunde, wird er wohl kaum an eine baldige Ehe denken können." „O das schadet nichts," jubelte Fatima, in dem Gedanken an ihren Freund, „ernährt er sich nur ehrlich und durch den Ertrag seiner Hände dann heil ihm und wohl ihm, heil ihm in dieser Welt und wohl ihm in der künftigen. Biele unserer großen Männer lebten von ihrer Hände Arbeit, ich selbst werde ihm kein Hindernis sein, ich werde Tag und Nacht arbeiten, um ihm das Leben zu erleichtern. Nur soll er mich noch lieben, wie in den Tagen, da wir in den Pinienhainen meines elterlichen Gartens lustwandelten.. „O Jugend, wie leicht nimmst du doch das Leben," zitterte der Emir einen persischen Dichter, „ich muß dir aber noch eine andere Mitteilung machen, die du vielleicht nickt so leichten Herzens aufnehmen wirst. Samuel hat dem Glauben seiner Väter den Rücken gekehrt, seit einem Jahre bekennt er sich zu der Lehre des Propheten, des Gesandten unseres Gottes." Fattma wurde leichenblaß, ein Beben durchflog ihren ganzen Körper, kaum vermochte sie sich auf den Füßen zu halten. Schluchzend sprach sie: „Es ist nicht wahr, mein Samuel hat seinen Glauben niemals verleugnet, ich fühle es im ttefsten Herzen." Dem Emir tat es leid, daß er sich einen solchen Scherz erlaubt hatte, er hatte die Tragweite seiner Worte nicht bedacht. Erst jetzt erkannte er, wie ttef der Gott Israels in dem Herzen des Mädchens eine Stätte gefunden. „Verzeihe mir Kind, daß ich dich betrübte, es war töricht von mir, meinen Spaß in dieser Weise mit dir zu treiben." „Dein Samuel ist kein Steinklopfer, noch ist er vom Judentume abgefallen, er hat die höchste Ehrenstelle, die zu erreichen in unserer Zeit ein Bekenner der Lehre Musah fähig ist. Er ist Groß-Vezier des siegreichen König Chabbus, an dessen Hofe Künste und Wissenschaften erblühen. Deinem Freunde hat der Kalif die Herrschaft überfein Land übertragen. Lies diesen Brief des von dir befreiten Leiters der Hochschule. Du wirst alles darin finden, was Dein Herz erfreut." Fatima las. Aber statt des vom Emir erwarteten Ausbruchs der Freude, schüttelte sie nur traurig das Haupt. „Ich hätte meinen Verlobten in einfacherer Stellung gewünscht. Welchen Versuchen, welchen Kämpfen und welchen Gefahren ist er h-er ausgefetzt. Wenn nur seine Seele nicht Schaden leidet. Doch eilen wir so rasch wie möglich zu ihm, ich möchte ihm die schwere Bürde tragen helfen." Der Emir meldete dem Gaon, daß Fattma zur Abfahrt bereit sei. Bald kam die Nachricht von Rabbi Niffim, daß bei Hille ein Schiff auf dem El Fara (Euphrat) zur Abfahrt bereit liege. Man fuhr bis an die Stelle, wo der Strom sich bis auf wenige Meilen dem Meere näherte. Durch das große Binnenmeer gelangte man nach dem Hafen von Malaga und an einem herrlichen Abende des Monates Siwan kamen Rabbi Niffim mit Weib und Kind sowie der Braut Samuels in Granada an. Zwölftes Kapitel. Der König Chabbus machte am frühen Morgen einen Spazierritt. Er liebte es, ganz allein dieses Vergnügen zu kosten. Mußten auch zu seiner Sicherheit der Ssahib-esch-schorta, der Befehlshaber der Schaarwache, vorausreiten und zwei bewaffnete Schaarwächter in gemessener Entfernung ihm folgen,' an seiner Seite litt er Niemanden. Heute wandelte ihn besondere Lust an, einen recht großen Ausflug zu unternehmen und er hatte sich schön ziemlich weit von der Stadt entfernt. Wie so viele Beherrscher der Kalifate, neigte auch er dazu, mit seinem Volke möglichst unerkannt in Beziehung zu treten. Die Straße führte den Herrscher bergauf, bergab, durch enge Schluchten und üppige Täler. So kahl und dürr die felsigen Gebirge ihre Blöße zeigen, so üppig und grün lachen die Täler, in denen die Bäche plätschern, die Vögel singen und fröhliche Menschen die Felder und Gärten ihrer Vorfahren bebauen. Biele dieser Dörfer liegen an steilen Abhängen, wo ein Haus auf dem anderen zu stehen scheint und alle überragt die Atalaja, der gewöhnlich viereckige Bergfried, der das Land hütet und von dessen Höhe der Wächter den herannahenden Feind erspäht. Den König gelüstet es, einen der Abhänge zu erklimmen, denn er erinnert sich mit Behagen der seltsamen Geschichten und der lehrreichen Mitteilungen, die ihm Bewohner dieser Dörfer bei früheren ähnlichen Gelegenheiten gegeben. Fest treibt er seine Sporen dem feurigen Rosse, das ihm nicht schnell genug die Höhe nimmt, in den Leib — da — ein Sprung des Pferdes und der König fliegt in weitem Bogen in die Arme eines am Wege stehenden granadinifchen Juden, der von seinem Garten aus das Unglück im Entstehen bemerkend, sich so postierte, daß der König vor einem hinter dem Juden befindlichen spitzen Felsen geschützt wurde. Langsam erholte sich Chabbus. „Du hast mir das Leben gerettet, Jude, daß du es aber gleich weißt, diesen Vorgang soll kein Mensch, auf Erden erfahren, du nimmst ihn mit ins Grab. Dagegen sollst du fürstlich belohnt werden. Hast du irgend einen Wunsch und wie heißest Du?" „Ich bin Joseph ben Migas, Vorsteher der Gemeinde deiner Hauptstadt. Gewiß habe ich eine Bitte an dich, o Herr, die, wenn du sie mir erfüllest, mir mehr wert ist, .als alle Schätze Indiens und Arabiens. Ich habe eine einzige Tochter, ein herrliches Mädchen von hoher Bildung. Sie besitzt gelehrte Kenntnis in der Grammatik und in der Poesie, in der Arithmettk und in anderen Wissenschaften. Ihre Handschrift ist eben so schön als ihr schriftlicher Ausdruck und ich bediene mich ihrer als Geheimschreiberin in wichttgen Angelegenheiten. Sie singt mit der lieblichsten Stimme ihre selbst gedichteten Lieder und besitzt eine kostbare Sammlung von Werken über Künste und Wissenschaften. Veranlasse o Herr, deinen Vezier Samuel, daß er diese meine Tochter sich zur Gatttn erwähle." Er schwieg absichtlich von der Schönheit des Mädchens, denn er wußte, daß der König sie kannte. Von weitem sah man den Befehlshaber der Schaarwache und seine beiden Untergebenen herbeisprengen, die bereits wegen des Ausbleibens, ihres Herrn besorgt waren. Rasch bestieg Chabbus das inzwischen ruhig gewordene Roß und rief dem Juden während des Besteigens zu: „Ich werde deine Bitte befürworten, du aber schweige und entferne dich von diesem Orte bevor meine Leute kommen." Chabbus voller Dankbarkeit für den Juden wollte sein Versprechen sofort erfüllen. Er ritt deshalb direkt vor die Wohnung seines Veziers. Seiner Gnade hatte Samuel ein herrliches Haus zu verdanken. Dem Sinne Samuels entsprechend, von außen höchst unscheinbar und klein, war es im Inneren desto herrlicher ausgestattet. Die Zimmer und Gemächer waren so eingerichtet, daß kein Widerhall der Töne entstand und das Licht fiel so ein, daß fast jede Aussicht verschlossen war und der Blick von selbst auf das Innere sich richtete. Mit Wohlgefallen verweilte das Auge des Fürsten auf dem reich verzierten Taselwerk. Das Zimmer, in dem Samuel sich befand, war, da es noch früh im Jahre, durch starke Röhren von gebrannter Erde geheizt. Samuel lag auf dem Divan, vor ihm ausgebre:-