Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 45 (12.11.1908)
- Date
- 1908-11-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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WWW 12. fhftentöet 1908. Der Israelit. Nr. 48. Seite 7. Uralt ist die Frage: Ein Geschlecht von Helden, ein Volk am Stahl des Schwertes groß gewachsen, vilgerte einsam einst im Wüstensande. Den Herrn des Weltalls wollte es erkennen. Er zeigte sich ihm. Aber es vergaß ihn wieder und immer wieder. Mächte des Staubes, wilde, dämonische, finstere Wesen Nichten sich schrecklich, sAhllos und kalt. Sie konnten den Blick nicht von ihnen wenden und starben in Massen. In ihrer Angst kamen sie zu Moscheh. Der aber formte einen jener giftigen Seraphim im Bilde aus Erz und befestigte ihn hoch oben auf einer Säule. Und wie sie den Blick von der Erde wandten und nach dem Lichte kehrten, da warben sie ihres Gottes voll und genasen des giftigen Hauches. — Könnte man einem Herrn getroster folgen in Tod und Leben, als dem der Gesetze gab, die er vor allen ehrt!? nnr ffü pn »orrespondenzen und Nachrichten. DerrtsÄ»«» MeUh. Frankfurt a. M., 9. November. Die „Jüdische Rundschau" in Berlin bringt an der Spitze ihrer jüngsten Nummer einen fulminanten Leitartikel, in dem Herr Dr. Löwe auf Grund der „neuesten Abrechnung der jetzt reformierten Chaluka" gegen die- Verwaltung der deutsch-holländischen Chaluka zu Felde zieht, sie der absichtlichen Täuschung des Publikums beschuldigt -und die Ehre dieser in selbstloser Hingebung für WW 773 wirkenden, hochangesehenen jüdischen Männer in einer Weise in den Staub zieht, baß man eher ein antisemitsches als ein jüdisches Blatt vor Augen zu haben glaubt. Ein Blick in die Zeitschrift „Palästina", der Herr Lowe sein Material für seine Anklagen entnommen hat, zeigt, daß er sich geirrt hat. In seiner blinden und leidenschaftlichen Voreingenommenheit gegen die Chaluka hat er übersehen, daß jene Aufstellung aus dem Jahre 5666 stammt und auf Grund dieser — gelinde gesagt — groben Fahrlässigkeit wird nun gegen alle diejenigen mobil gemacht, die sich dem Reformwerk mit wahrlich nicht geringer Mühe seit langer Zeit widmen. Vielleicht schlimmer noch ist der Unfug, den Herr Dr. Lowe mit dem Worte „Familie" treibt. Er wirft alle Leute, die denselben Namen führen, mögen sie auch vier getrennte Familien mit zusammen zwanzig Kindern bilden, zu einer „Familie" zusammen und ruft dann aus: „Seht diese frommen Chalukajuden, geben einer Familie dreitausend Franken im Jahr!" Und damit die Sache sich noch schrecklicher macht, addiert er sogar zusammen, was die Leute in zwanzig Jahren beünnmen haben und redet dann von zwanzigtausend Francs »Rente"!! Eine solche Kampfesweise verdient die schärfste Verurteilung, auch wenn man, wie anscheinend Herr Dr. Löwe, der Meinung ist, es sei beffer, vierzigtausend Seelen, jeden mit ein paar Francs abznspeifen, als einer begrenzten Zahl von Famllien ein knappes, .aber^,menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Wie wir hören, haben'die angegriffenen Pekidim und Amarkalim der „Jüdischen Rundschau" fotzende preßgesetzliche Berichtigung zugehen lassen: In Nr. 45 der „Jüdischen Rundschau" befindet sich ein Artikel unter der Ueberfchrift „Abgestellte Mißständet, von Dr. Heinrich Löwe, der uns zu sol gender Berichtigung veranlaßt: L Es ist unwahr, daß der in der Zeitschrift „Palästina" veröffentlichte Auszug „der neuesten Abrechnung der nunmehr reformierten deutsch-holländischen Chaluka" entnommen sei. Mr der Spitze des betr. Auszugs, auf den sich Herr Dr. Löwe stützt, steht vielmehr in F e r r - oruck vermerkt, daß die mitgeteilten Angaben sich auf das Jahr 5666, also auf eine Zeit beziehen, in der dre Reforni noch nicht einmal beschlossen, geschweige denn ourchgeführt war. 2. Es ist unwahr, selbst für jene Zeit daß dre von Herrn Dr. Löwe angeführten Beträge von je Fs. 3000 und Fs. 2000 einzelnen Familien zafließen, sofern man unter Familie nach Sprachgebrauch die selbstständige Gemeinschaft von Eltern und Kindern und nicht etwa wer tere Berwandtschaftskreise gleichen Namens versteht. Wahr ist vielmehr, daß von den Angehörigen des Kollel Hud, der überhaupt nur aus etwa 200 Seelen besteht, keine — selbst kinderreiche — Familie mehr als etwa ss. 1000 (eine ca. fs. 1100) erhält, die meisten weit weniger. 3. E s i st u n w a h r, daß die angekündigte Refonn „Blendwerk und daß „unter dem Scheine geschehener Sanierung alles beim Alten gelassen" sei. Wahr ist vielmehr, daß wir durch Ankündigung tu den gelesensten Mischen Zeitungen unterm 9. April dieses Jahres der Oeffentlichkeit die bevor stehende Entsendung unsres Verantwortlichen Beamten nach Palästina mitgeteilt und dabei darauf hingewiesen haben, daß nun erst die Möglichkeit zu im einzelnett gründlicherer und zuverlässigerer Feststel lung der Erwerbs- und Besitzver hältnisfe der Benesiziaten.als Borbeoinzung rür jede Reform gegeben sei. Dabei find auch die Grundsätze, nach denen vorgegangen werden soll, klar und zweifelfrei präzisiert. , Amsterdam, 9. November 1908. Pekidim und Amarkalrm der Gemeinden des heiligen Landes. . Man darf wohl erwarten, daß Herr Dr. Löwe ehrenhaft genug denkt, um hiernach seine auf irrigen Voraussetzungen beruhenden Be fchuldigungen öffentlich zurückzunehmen und sich statt deffen lieber bereit erklärt, an dem im Zuge befindlichen Reformwerk zu seinem Teile mitzuarbeiten. Straß bürg, 31. Okt. In der letzten Sitzung des Gemeinderates entwickelte sich wieder eine kleine Judendebatte, die nun in der Presse ihre Fortsetzung findet. Herr Dr. Burguburu machte, als Herr Dr. Back zum Miglied des Kreisgesundheitsrates vorgeschlagen wurde, Bedenken gegen diesen Vorschlag geltend, nicht wegen der Person des Herrn Dr. Back, sondern wegen seiner auch an dieser Stelle erörterten Stellungnahme in der Frage des Schächtens. Diese Stellungnahme habe Beunruhigung in die Reihen der israelitischen Mitbürger getragen. Er halte es darum für beffer, von der Person des Herrn Dr. Back abzusehen und statt seiner Herrn Spitaldirektor Ortlieb vorzuschlagen. Darauf erwiderte Herr Fritz Mayer: „Die Zentrumspreffe, voran der „Elsäffer", enthielten geradezu ungehörige Angriffe gegen die Juden. Wenn es Herrn Burguburu wirklich so ernst sei um die Beunruhigung unter den Israeliten, möge er dafür sorgen, daß die Angriffe in der Parteipreffe unterblieben." Dagegen verwahrt sich nun das genannte Blatt in einem Arttkel vom 31 Oktober ganz entschieden und sucht nachzuweifen, daß gerade die Presse, der Mayer angehört, die linksliberale es an versteckten Angriffen aus die Juden nicht fehlen laffe. Der Beweis scheint uns nicht, so gar gelungen zu sein. Doch hält man in hiesigen jüdischen Kreisen das Eingreifen des Herrn Mayer, der Jude ist, zu Gunsten Backs gerade nicht für sehr taktvoll. Selsten. Die Schomre-Dafh~6emein9e. Brüssel, 10. Nov. (Bon innerem Korrespondenten.) In der vorgestrigen, von ungefähr 70 Wahllerechtigten besuchten General-Versammlung der siesigen gesetzestreuen Gemeinde wurde der bisherige Vorsitzende, Herr Polosinski, der sich statutengemäß einer Neuwahl unterziehen mußte, einstimmig wiedergewählt. Die Gemeinde-Mitglieder waren augenscheinlich über die Gelegenheit erfreut, ihrer Verehrung und Dankbarkeit für einen Mann Ausdruck geben zu können, der sich um die Gründung und den Bestand unserer Separat-Gemeinde unvergängliche Verdienste erworben hat, der mit einer Bewunderungswürdigen Umsicht und Klugheit seine immer wachsende Religionsgesellschaft leitenderen Berechtigung und Bedeutung selbst von dem anderen Teil der hiesigen Judenheit nicht mehr bestritten wird. So ist auch mit ziemlicher Sicherheit darauf zu rechnen, daß die Gemeinde Schomre-Dash als Separat-Gemeinde mit eigenen Jnstituttonen, die übrigens allen Anforderungen entsprechen, seitens der Regierung offiziell anerkannt werden wirdwir können infolgedessen aus staatliche Subsidien rechnen, welche es uns ermöglichen werden, die mit der hoffentlich immer wachsenden Mitgliederzahl sich steigernden Ausgaben zu bestreiten, ohne den meistens wenig bemittelten Mitgliedern neue Opfer auferlegen zu müssen. Indes war aus dem in der Sitzung verlesenen Rechenschaftsbericht mit Genugtuung zu entnehmen, daß sich auch die finanziellen Verhältnisse der Schomre-Das bedeutend verbessert haben und daS Budget für das nächste Jahr nur noch mit einem unbedeutenden Defizit abschließi. Man kann also dem Vorstände, insbesondere aber seinem Vorsitzenden den Dank aussprechen im Namen deS Gefamt-Judentums, das frohen Herzens hören wird, daß auch in Brüssel definittv eine Organisation geschaffen ist, in der unsere gesetzestreuen Brüder ihre religiösen Bedürfnisse, ohne Bedenken und Gewiffenszwang, befriedigen können. Oesterdeich. Wien, 1. Nov. In einem die Zwistigkeiten in der hiesigen Gemeinde behandelnden Arttkel in der Wochenruudschau Ihres geschätzten Blattes vom 8. Oktober geben Sie der Meinung Ausdruck, daß der christlich-soziale Bezirksvorsteher Müller gewiß nicht aus purer Liebe zu den Juden so energisch zu Gunsten des BethausvereinS Linath hazedek eingetreten sei. Ich bin nun in der — nicht gerade angenehmen — Lage, Ihre Vermutung durch einen der vielen, die Taktik der Christlich-sozialen bezeichnenden Fälle aus den letzten Landtagswahlen zu bestätigen. Am Tage der Wahl wurde unter die jüdischen Wähler in der Leopoldstadt ein Flugblatt folgenden Inhalts geworfen: „Glaubensgenossen! Wählet nicht den sozialdemokratischen Kandidaten Elboaen, sondern den christlich-sozialen Müller, der für uns so tapfer eingetreten ist." Unterzeichnet war der Auftuf vom Vorstände des Vereins Linath - hazedek. Viele von denen, die nicht alle werden, gingen auf den Leim, viele ärgerten sich auch über diese den Feinden erwiesene Liebesdienerei seitens eines jüdisch-religiösen Vereine- und sprachen von Mangel an Selbstachtung, vott Takt- und Prinzipienlosigkeit u. a. m. Nur einigen, die der Sache nicht recht trauten, fiel es ein, sich beim Vereine zu erkundigen. Dort erfuhren sie, daß der ganze Aufruf nichts als eine gemeine Fälschung vonseiten spekulativer Wahlagttatoren war, die aus den inneren Zerwürfnissen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft möglichst viel Kapital für sich zu schlagen suchten. Wie weit dieses spekulative Unternehmen zu ihrem Erfolge beigetragen hat, läßt sich ziffermäßig nicht feststellen. Von der Moral der christlich-sozialen Stützen von Thron und Altar in Oesterreich legt es aber beredtes Zeugnis ab. ^Lemberg, 1. Nov. Die letzte Sitzung deS Landtages brachte nach langer Zeit wieder eine anregende Judendebatte. Eröffnet wurde daS Feuer durch Abg. Dr. Landau, Krakau, der n eindrucksvoller Rede bittere Klage gegen den Landesausschuß führte, welcher durch seine stiefmütterliche Behandlung der Juden, durch deren Ausschluß aus allen öffentlichen Aemtern wohl die Frage entstehen laffe, ob denn die Juden in y? 1