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Der Israelit · 1908-11-12 · Heft 45 (12.11.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 45 (12.11.1908)
Date
1908-11-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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©eite 6. Nr. 45. Der Israelit. 12. November 1906 Glauben und Wirren. Bon Dr. med. Raphael Levi in München. (Schluß.) Der 1V. Vortrag behandelt die Entwicklungsgeschichte der Erde. Die Geschichte der Geologie ist eine Geschichte des Kampfes gegen den Unglauben. Heute nach etwa 100 Jahren find die Stürme der Meinungen über das steinerne Meer der Erdkruste ruhiger geworden. Umso interessanter ist ein Rückblick : „Von einem Widerspruche der Geologie gegen positive Religion und Gottesidee kann ebensowenig die Rede sein wie im Bereiche der Astronomie, weil eben jede Wissenschaft auf eine Intelligenz zurückweist. Wir finden unter den Geologen nicht minder frommgläubige Männer wie unter den Astronomen, ja manche gingen früher so weit,.die Geologie als Magd in den Dienst theologischer Exegese zu stellen. Von George Cuvier stammt der Ausspruch: „Moses habe uns eine Cosmogenie hinterlaffen, deren Genauigkeit mit jedem Tage sich in bewundernswerter Weise bestätigt." Lyell bemerkt: „In welcher Richtung wir immer unsere Nachforschungen anstellen mögen, überall entdecken wir die klarsten Beweise einer schöpferischen Intelligenz ihrer Vorsehung, Macht und Weisheit." Im Großen und Ganzen wird jeder gebildete Forscher der Erdgeschichte den Satz Bacons unterschreiben, „d'aß nur eine flüchtige oberflächliche Kenntnis der Natur uns von Gott abzuführen vermag, eine tiefere und gründlichere dagegen uns zu ihm zurückführt." Im elften Vortrag über das Problem des organischen Lebens heißt es am Schluffe, mag also die Entelechie des Aristoteles, oder die forma substanttalis der Scholastik, oder mögen „Seelen", von denen Fechner und Lotze reden, das Wesen der Vielstrebigkeit im Organismus ausmachen, stets bedürfen wir einer teleologischen Macht, ohne welche diese Entwicklungsstufe der Materie nicht da wäre, und diese Macht wird uns zwar nicht in adäquater, aber in analoger Weise zum Verständnis gebracht, wenn wir sie als die immaterielle lebenspendende Kraft Gottes auffassen." Der zwölfte Bortrag spricht über die Entstehung der Arten. „Darwin ist in einem wichtigen Punkte (das regulirende teleologische Prinzip) nicht weniger als konsequent verfahren. Er nimmt in der Entstehung der Arten einen Schöpfer an, er spricht von den der Materie vom Schöpfer eingeprägten Gesetzen u. s. w. .Zu dem Resultate (8e. die Evolution ist keine prinzipiell selbständige, sie ist einer höhern Macht untergeordnet) sind übereinstimmend alle jene Männer älterer und jüngerer Generation gelangt, die als Verbefferer der Selektionstheorie zu bezeichnen sind ...... Hier ein Wort über iroV' Wenn G. meint, daß nach dem Laute dieses Wortes anscheinend „das nalurhiftorische Artkriterium als ein konstantes vorausgesetzt würde, so ist dagegen zu erinnern, daß für oder gegen metaphysische Probleme, also beispielsweise die Evolutionstheorie, der Wortlaut der Bibel niemals eine bestimmte Aussage machen will. Es ist, allen menschlichen Geisteswerken gegenüber, eines ihrer göttlichsten Kennzeichen, daß sie in jedem ihrer Worte durchaus menschlich denkt und spricht min mm Vitt Spekulative Gedanken liegen chr ebenso ferne wie der Ausblick hinter das Ende der Welt oder vor die Schöpfung. iroV kann daher ebensowenig für als gegen den Entwicklungsgedanken geltend gemacht werden. Es ist das naturgeschichtliche Kennzeichen, nachdem die Art für alle Zetten gegen das übrige Leben abge- Ö ist. Und gibt es in der Tat eine un- , dinglichere Mauer als diese Scheidewand Zwischen verschiedenen Artindividuen! Selbst den- Entwicklungsgedanken zugegeben, ist das Bakterium vom Mollusk, der Tintenfischvom Seestern nicht ebenso verschieden wie Darwins Urformen voneinander? Ist je ein Fall vorgekommen, daß ein Typhusbakteriwn sich in einen! Diphteriebazillus, oder ein Eholeravibrio in einen Recurrensspirillus sich verwandelt hätte, obwohl sie entwicklungsgeschichtlich die allernächsten Verwandten sind? Ist der Wolf ausgestorben, nachdem er sich in den Hund verwandelt hatte, sind die niedrigen Gramineen verschwunden, seitdem sich die Erde mit Getreide schmückte? Sind, nicht alle Arten des Lebens auf ewig unverwischbar und unvertilgbar so eingestellt, wie ihnen die Schöpfung Siegel und Segen gab!? Der nächste Bortrag ist betitelt: der Mensch. Die Feststellung seines Platzes im Reiche der organischen Natur sollte der Lorbeer werden für die heißen Geisteskämpfe um die Fundierung der Abstammungslehre So wenig sich die Bibel über die Abstammung und Errtwicklung von Tier und Pflanze ausspricht, beim Menschen wird sie deutlich: Er ist direkt aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, ohne Mithilfe eines noch so hoch organisierten Mittelwesens. Hören wir, zu welchen Ergebnissen der Autor von „Glauben und Wissen" kommt! „Hiermit stehn wir am Ende der empirischen Betrachtungsweise, es erübrigt noch, hervorzuheben, daß man nach dem ausdrücklichen Zugeständnisse Darwins, täckels, Huxleys ü. a. über die vormenschliche tammform ke'ne Auskunft geben kann. Die Ansichren der Spezialforscher lassen sich zur Zeit dahin zusammenfassen, daß die beiden Gattungen Gorilla und Mensch von je einer unbekannten Zwifchenform abstammen, die in einem dritten gleichfalls hypothetischen Stammvater zusammenkommen.Im allgemeinen vermag die Paläontologie wie das die kompetenten Fachgelehrten auch anerkennen, über das Binde ssied zwischen Mensch und Tier noch keine Auskunft zu geben.Möchte auch eine sehr enge anatomische Beziehung zwischen Mensch und Antropoiden bestehen, so würde die gegliederte Laut- oder Zeichensprache als Ausdruck unseres Denkens, Würde sittliche Wahlfreiheit verbunden mit dem Gefühle der Verantwortlichkeit und dem Gedanken an ein Fortleben des Geistes nach dem Tode, Kriterien der menschlichen Gattung bilden, welche sich bis jetzt bei keinem tterischen Wesen keimartig Nachweisen ließen.Der Affe der Gegenwart ist derselbe wie zur Pliocen oder Miocenzeit, nämlich A ff e, der Mensch allein hat durch das Nachdenken über sich selbst und seine Mitmenschen eine Geschichte, eine Kultur und Zivilisatton ermöglicht. Schlagen wir Darwins „Abstammung des Menschen nach, so finden wir in dem Kapitel über Vergleichung der Geisteskräfte des Menjchen mit denen der Tiere das Zugeständnis, daß die Untersuchung, in «welcher Weise sich diese Fähigkeiten zuerst entwickelt haben, ebenso hoffnungslos sei als jene, wie das Leben zuerst entstand. (!) . In den „Welträtseln" ist Häckel über gezwungene griechische Wortbildungen nicht hinausgekommen .Gegen den Satz, daß Gehirn und seelisches Leben in kausaler Proportion stehen, spricht aber schon das Tierreich.Resultat bleibt, daß eine tatsächliche Basis, welche zu so weittragenden Schlüffen wie jener führt: Hirnmasse und Denkkraft seien im Wesen identtsch, nicht vorhanden ist.Der Monismus muß eben vor dem Problem, was Materie und Kraft sei und wie sie zu denken vermögen, genau so Halt machen wie der Dualismus . Wenn sich nun aber im Geistesleben überall eine durchgreifende Verschiedenheit der Wirkungsweise zeigt, so wird man diese Verschiedenheit am besten dadurch zum Austtag bringen, daß man für das Seelenleben ein eigentümliches, körperloses Wesen, den Geist, postuliert und, ohne der Materie ihre Wirkungsweije zu entziehen, beim Dualismus verharrt. Die Art und Weise festzustellen, in welcher der erste Mensch ins Dasein trat, ist uns nicht verstattet." Der 14. Bortrag „Die menschliche Wahlfreihett" begibt sich wieder auf spekulatives Gebiet. Nach einer historischen Sichtung dieses vielumstrtttenen ethischen Problems, kommt der Autor zu folgendem Schluß: „Wollte Gott bas ethische Uebel und das Heer von Elend, das damtt zusammenhängt, aus der Welt schaffen, so müßte er den Menschen in den Stand der Unfreiheit zurückweisen, und ihm damit die Möglichkeit des sittlichen Verdienstes ebenso abschneiden, wie die Erreichung des ihm beschiedenen Endzieles der direkten Gottesanschauung. Dualismus und Wahlfreiheit setzen sich somit voraus und es ist wohl kein Zufall, daß nur dort ein nach allen Seiten entwickeltes Kulturleben anfgeblüht ist, wo das Bewußtsein der freien Persönlichkeit und der schaffenden Tatkraft, wo das Streben nach Idealen besonders entwickelt ist." Hieran schließt sich der 15. Vortrag über die Unsterblichkeitsidee. „Am überraschendsten ist die Tatsache, daß die prähistorische Anthropologie .wie auf dem Anthropologenkongreß zu Wien 1889 von einem der Redner ausgeführt wurde, die Idee der Unsterblichkeit.zu erkennen gibt. — Nach dem Kritizismus.verlangt unsere Vernunft, daß das höchste Gut, die sympathische Harmonie von Tugend und Glückseligkeit zwischen Pflichterfüllung und Wohlergehn erreichbar sei. Da es nun auf Erden nicht erreicht wird, so muß es ein Jenseits geben, damit es überhaupt erreicht werden könne. — Auch der Materialismus kann sich von der Unsterblichkeitsidee als solcher nicht frei machen ..... Zu einer analogen Vorstellung sieht sich der Pantheismus genötigt ..... Zu derselben Konsequenz sieht sich der Darwinismus gedrängt. Am reinsten ist die Unsterblichkeitstdee in den religiösen Büchern der Bibel niedergelegt. Alle Einwendungen gegen den, Unsterblichkeitsglauben, die alten wie die modernen, zerschellen an der Macht des religiösen, des wissenschaftlichen und des künstlerischen Ideals .." . . . Der Schlußvortrag heißt „Philosophie und religiöser Glaube". „.Welcher Weltanschauung ich das Wort reden zu müssen glaube, sagt der Verfasser, hat sich im Verlaus unserer Vorträge ergeben, der Zwecklehre im Sinne eines theistischen Dualismus .... Wir entscheiden uns ... am liebsten für eine Weltanschauung die geeignet ist, dem Verstände im gleichen Maße Rechnung zu tragen wie dem Herzen, für eine Anschauung, welche dem religiösen Schöpfungs- und Borsehungsgedanken zuftimmt .(die Wahrheit dem Sterblichen) zu sichern, fügte die Gottheit dem endlichen Erkenntnisziele des Menschen ein unendliches hinzu, die Anschauung des ewigen Wahrhettsquells, die uns nicht mehr das induktive Wlffen, sondern der religiöse Glaube in der Ferne zeigt, das uns jedoch nur'zuteil werden kann, weny wir uns als endliche Wesen bescheiden, Endliches zu erkennen." Glauben und Wissen sind also keine Gegensätze. Sie brauchen einander und sterben einer an der Wunde des andern. Woher aber der Kampf? Zu beiden braucht man ehrliches Wollen. Unehrlicher Glaube und halbes Wissen sind die ältesten Todfeinde. Vielleicht aber ist es noch schwerer — man sollte es kaum meinen — ehrlich zu glauben als ehrlich zu forschen. — Der König fährt durchs Land. Draußen im Dorf steht das Volk, das ihn noch nie gesehen hat, und wartet. Scheu grüßen sie die goldbetreßten Reiter mit ihren finstern Gesichtern und langen Hellebarden, die Knechte des Königs, die. streng und trotzig auf ihren Rossen sitzen und ihrem Gruß nicht danken. Und bis sie es wagen recht auszusehen, ist der gütige, freundliche Herr, der im schlichten Kleide zwischen ihnen fuhr, vorbei, und keiner hat ihn erkannt: Mehr als einmal hat der Herr des Weltalls seinen Menschenkindern zugerufen: „DK '2 N22 fcAl 'fl *1ÖK TTPD. Fürchtet euch nicht vor Kräften und Mächten, die nichts wirken können ohne meinen Geist! — Wenn aber trotzdem jene ewigen ehernen Gesetze, furchtbaren Seraphim gleich, den Herrn verbergen, daß wir irre werden an seiner Macht! Wenn wir ihn nicht finden in all diesen eisernen Notwendigkeiten, die wie unbesiegbare Nechaschim jam? Staube der Endlichkeit haften!

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