Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 45 (12.11.1908)
- Date
- 1908-11-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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i O-Lizkeü wirklich die ihnen durch Gesetz gewährte Gleichberechtigunggenießen. Die unter dem Deckmantel des Fortschrittes unternommene Monopolisierung vieler Zweige im Handelsgettjerfe hätte weiter nichts als die Vernichtung . taufender jüdischer Existenzen bewirkt. Dr. Landau trat noch mit scharfen Worten den judenfeindlichen Aufstellungen des Paters Stojalowski entgegen und erklärte, daß die Juden Galiziens trptz aller Zurücksetzung nnd Anrempelung das Glück und das Wohlergehen des Landes wünschen, und auf eine Zeit hoffen, die eine bessere Wahrung ihrer Bürgerrechte und mehr Verständnis ffir ihre gerechten Forderungen bringen muß. Der ^angegriffene Pater Stojalowski suchte sich zü verteidigen und verteidigte dabei aber noch Mehr den brutalen Antisemitismus. Cr sprach von der jüdischen Ausbeutung und nahm den Landesausschuß in Schutz. Die „armen" Schlachzizen seien durch die Juden zu Grunde gegangen, u. s. w. Die abgeschmacktesten, abgedroschensten antisemitischen Phrasen und Schlagwärter wurden vom Hause wie neue Offenbarungen mit gespannter Aufmerksamkeit angehört und d?r Präsident Graf Badeni fand für die Rede, , die, wie der Redner selbst zugab, weit von dem Thema abwich, kein Wort des Tadels. Erst als der Abg. Dr. Nittel das Wort zur Entgegnung ergriff, erinnerte sich der Vorsitzende, daß eigentlich nicht Juden, sondern „Bildung und Knust" auf der Tagesordnung ständen und rief Abg. Dr. Rittel zur Ordnung. Es gelang dem Redner jedoch noch die Taktik der Schulbehörden die darauf hinausgeht, die Juden möglichst zu chikanieren und auszuschließen, zu illustrieren. Wohl ergriff der Vizepräsident des Landesschulrates Dr. Dembowski das Wort zur Erwiderung. Seine schüchterne Rede war aber im Großen und Ganzen keine Widerlegung der Ausführungen Dr. mittels, sondern gewissermaßen eine „Erklärung" der antisemitischen Taktik, die er im übrigen nicht bestreiten wollte. — Ungefähr zur gleichen Zeit verhandelte der Landesausschuß über eine von Dr. Löwenstein am 23. Okt. eingebrachte Interpellation betreffs der Durchführung des Landtagsbeschluffes vom IS. März 1907, die Gründe der Verarmung der jüdischen Bevölkerung in Galizien zu prüfen. Wie man aus der Verhandlung erfährt, hat der Ausschuß die Prüfung bereits begonnen und wird, sobald das Material gesammelt und gesichtet ist, im Einvernchmen mit der Regierung dem Landtage seine Vorschläge machen. K r a k a u, 6. November. Auf einer der letzten Sitzungen des galizischen Landtages erklärte der Pater Stojalowski, daß, obwohl er der einzige Antisemit im Landtage sei, dennoch Galizien Millionen Antisemiten zähle und sogar unter den Landtagsabgeordneten seien viele, die nur ihren (größtenteils jüdischen!!) Wählern zuliebe den Antisemitismus nicht bekunden, im Herzen aber dennoch Antisemiten sind. — Daß Stojalowski nicht Unrecht hatte, können wir leider beweisen. Hier wurde unlängst eine polnische anti- . semitische Partei begründet, deren Vorsitzender der Abgeordnete Staniszewski ist. Diese Partei, die de facto schon lange exiftert und chren Antisemitismus im geheimen zu betreiben pflegte, verfügt über bedeutende materielle Mittel mid über zwei Tagesblätter, von denen eines („ Glos naroda“) soeben vergrößert wurde. Sie begann ihre öffentliche Tätigkeit mit der Herausgabe zweier judenfeindlicher Broschüren, die, nachdem sie inzwischen eine große Verbreitung gefunden hatten, ihres aufreizenden Charakters wegen von der Zensur konfisziert wurden. Ungarn. Seinde non innen- Budapest, 8. November. Unter der geschmackvollen Ueberschrift „Der Präsident der orthodoxen Zentralkanzlei auf den L Fittigen der Protestanten- und Meschummodim- Ä/vI ^j9Tuvill« ipresie |tflj ein yrer erjttzetnenve» „konservatives Organ für die gesamten Interessen des Judentums" eine gegen die orthodoxe Landes? känzlei gerichtete Philippika, die man ebenso unbeachtet lassen könnte wie die sonstigen Ausfälle dieses Blattes gegen, alles, was nicht zur zionistischen Parteifahne schwört, handelte es sich nicht um tatsächlich unwahre Angaben, die schon im Interesse der objektiven Wahrheit berichtigt werden müffen. Der Artikel überhäuft den Kanzleipräsidenten mit Vorwürfen, weil er ein „protestantisches Kampforgan" „Magyar Szo" zu seinem Sprachrohr bei der Zurückweisung anttsemitischer Angriffe gewählt habe. Der Präsident habe ferner „unaufrichtiger und wahrheitswidriger Weise" die von den Antisemiten behauptete geringe Fürsorge der Juden für ihr Schulwesen mit der „Armut" der Orthodoxie begründet und endlich — das ist der Hauptanklagepunkt — habe es der Präsident der orthodoxen Zenttalkanzlei für vorteilhafter erklärt, wenn die orthodox-jüdischen „Kinder nicht die jüdischen, sondern die staatlichen öffentlichen Schulen besuchen, damit sie sich so früher dem nationalen Geist anpassen." An diese erstaunlichen Mitteilungen werden dann tiefgründige Auseinandersetzungen über den „assimilatorischen" Charakter der orthodoxen Leitung geknüpft, die weiter kein Bestreben habe, als sich bei der Regierung „Liebkind" zu machen und sich „Positionen" „oder noch mehr" zu verschaffen! Diese unerhörte.persönliche Verunglimpfung gegenüber einem Manne, auf den die ganze ungarische Judenheit und die „konservative" insbesondere. alle Ursache hat, stolz zu sein, würde sich in den Augen aller anständigen Menschen selber richten, auch wenn die Voraussetzungen an die sich diese Ausfälle knüpfen, den Bor-' zug hätten, wahr zu sein. Wir sind indessen in der Lage zu eklären, daß dies nicht nicht der Fall ist. Der Kanzleipräsident hat Magyiar Szo' niemals zu seinem publizistischen Organe gewählt, sondern nur einem Mitarbeiter jenes Blattes auf sein Ansuchen ein Interview gewährt, wie er sie täglich über sich ergehen lassen muß. Niemals war dabei die Rede davon, daß die Orthodoxie zu arm sei, um Schulen zu gründen und unwahr ist es auch, daß der Präsident seinerseits für die Staatsschule und gegen die jüdisch-konfessionelle Schule Partei ergriffen habtz. Vielmehr hat Herr Frankl — ohne seine eigene Meinung zur Sache zu äußern — aus die Frage, warum die Juden in Schulgründungen hinter den Katholiken zurückst'ehen, lediglich die Tatsache konstatiert, daß „abgesehen von dem Reichtum der geistlichen Orden" viele jüdische Gemeinden die Staatsschule neben der Erhaltung einer vollständigen und oft große Opfer heischenden der Errichtung eigener Volksschulen vorziehen. Damit entfallen alle an die angeblich „assimilatorische" Haltung der Kanzleileitung geknüpften Tiraden. Wir aber glauben, daß ein Redakteur, der den Anspruch erhebt, orthodoxer Jude zu sein, die Pflicht hätte, sich zunächst durch.Erkundigungen an der zuständigen Stelle zu i n f 0 rmieren, bevor er grundlose Beleidigungen ausspricht und seinen religiösen Gesinnungsgenossen in den Rücken fällt. Stafttan*. Odessa, 3. Nov. Vor den Richtern hatte sich am 29. Oktober der Bauer Kuschanow wegen unbefugter Teilnahme an der Dumawahl zu verteidigen. Kuschanow. ist der schwarzen Kunst des Lesens und Schreibens unkundig. Dagegen besitzt er eine Mitgliedskarte des „Schwarzen Verbandes", die seiner Ansicht nach auch als Eintrittskarte für das Wahllokal gelten muß. Am Tage der Wahl wurde ihm, nach seiner beeidigten Aussage, von einem Beamten des Verbandes ein Wahlzettel in die Hand bedrückt mit der Weisung, zur Urne zu gehen. Er tat es, ohye die Bedeutung der Handlung recht gekannt , __ 12. zu haben. Der Name, des Kandidaten, auf den sein Zettel lautete, kennt er heute noch nicht und interessiert ihn auch nicht im geringsten. Viele andere machten es genau so, und warum gerade ihm der Prozeß gemacht werde, konnte er absolut nicht begreifen. Uebrigens, sagte der Bauer triumphierend, er fürchte den Ausgang der Verhandlung nicht, da der'Verbandsbeamte für alle Folgen aufkommen wollte und sein Versprechen wohl auch halten werde. Der biedere Bauersmann erhielt eine Gefängnisstrafe von 3 Tagen. Seine Selbstverteidigung machte sichtlichen Eindruck. Nach dem betreffenden Beamten zu fragen, fanden es jedoch die Richter nicht für nötig. Die Sache wäre auch zu weitläufig und könnte unangenehme Folgen haben für manche Herren, die einem nicht gerade ungünstigen Wahlsystem durch etwas Bauernfängerei eigner Art nachhelfen wollten. Odessa, 3. November. Der hiesige Polizeipräsident erhielt die Erlaubnis der Regierung, den Juden Litimski auf Vorschlag des Generalgouverneurs Tolmatzow ausnahmsweise zum Polizeiinspektor zu ernennen. In dem betreffenden Erlasse wird der Polizeipräsident, angewiesen, in. dem Aufnahmedekret des Litinski ausdrücklich zu betonen, daß seine Ernennung eine Ausnahme von den gesetzlichen Bestimmungen bedeute und für die Anstellung von Juden im Polizeidienste kein Präjudiz bilden könne. Mohilew, 1' Nov. Anstelle des scheidenden Gouverneurs Klingenberg, unter welchem im nahen Homel der zweite blutige Pogrom nach Kischinew stattfirrden konnte, hat nun der neue Gouverneur Generalmajor von Nuikin, seinen feierlichen Einzug in die Stadt gehalten- Nulkin der früher Oberpolizeimeister in Warschau war, gilt als Kenner der Juden. Die Hoffnungen, die die letzteren auf ihn setzten, mußten jedoch schon beim ersten Empfang eine tiefe Erschütterung erleiden. Zu seiner Begrüßung erschien auch eine Deputation der jüdischen Gemeinde, an die der Gouverneur eine Ansprache voll väterlicher Mahnungen, Warnungen, auch versteckter Drohungen richtete. Gleich darauf empfing er die Deputation des „Russischen Verbandes" und sagte: „Ich freue mich euch als edle und tapfere Kämpfer für Recht und Ordnung, für das Wohl des Vaterlandes zu begrüßen!" Die Begrüßung war öffentlich vor versammeltem Volke und rief bei den Juden große Niedergeschlagenheit hervor. Lodz, 7. Nov. Der Inspektor der hiesigen Volksschulen ließ vorgestern die Besitzer oer Chederschulen in unserer Stadt zu sich kommen, pm sie mit dem Inhalt des neuesten Zirkulars her Lodzer Schuldirektion vertraut zu machen. Im Sinne des Zirkulars darf 1. der Inhaber einer Chederschule als Lehrer nur diejenigen tersonen anstellen, die nur ein Privatlehreriplom aufweisen können, während bisher den Unterricht in diesen Schulen Personen mit Rechten eines Elementarschullehrers erteilten- 2. müffen in den Chederschulen sämtliche gegenwärtig mit dem Unterricht beschäftigte Personen, die die Rechte eines Elementar sch ullehrers genießen, entlaffen werden- 3. ist es den Inhabern von Chederschulen verboten: a) sogenannte Helfer für den Unterricht anzustellenb) mehr als 40 Schüler in einer Chederschule aufzunehmen - 4. ist es gestattet, daß die Chederschule auch nur aus. einer Klaffe bestehen darf- 5. muß das Schulzimmer von der Privatwohnung des Lehrers, des Schulmhabers vollständig getrennt sein und unbedingt einen separaten Eingang aufweisen. Zur Einführung dieser Neuanördnungen wird den genannten Schulbesitzern von der hiesigen Schuldirektion eine zweiwöchentliche Frist gewährt. Diese Bestimmungen, vorausgesetzt, daß sie von den Polizeiorganen nicht noch eine weitere Jnterpretion erfahren, können nicht als hart empfunden werden und werden von denZMelamdim gern erfüllt werden.