Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 45 (12.11.1908)
- Date
- 1908-11-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449344--65013-2507631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
©et ftfttsnt Güte 4~ 12. November 1906 Ganz anders würde sich das Bild stellen, wenn Herr Makower nnd seine Freunde auf ihre zentralistischen Herrschastsgelüste endgültig und hhne Vorbehalt verzichten und die „Freie Bereinigung" (ebenso, natürlich^ auch die anderen großen Verbände) als gleichberechtigten Faktor n e b e n sich anerkennen wollten. Dann wäre ein Zusammenwirken in denjenigen politischen Fragen in denen in der Tat eine Gemeinschaft der Interessen besteht, sehr wohl denkbar und wünschenswert. Die „Freie Vereinigung" hat es an Bereitwilligkeit zur gemeinsamen Beratung solcher Fragen, wie Herr Makower ganz gut weiß, nicht fehlen lassen, und er hätte es.sich gerade von f einem Standpunkte aus sehr wohl überlegen sollen, bevor er mit so rücksichtsloser — wir möchten fast sagen — Naivität, die Endziele der Berbandspolitik enthüllte und oamit das berechtigte Mißtrauen gegen j e de — vielleicht ganz harmlose — Aeußerung dieser Politik wachrief. Wenn Herr Makower bei dieser Gelegenheit aufs neue seinem Aerger über die Erfolge der „Freien Bereinigung" bei der Erhaltung der jüdischen Volksschule Luft macht/ wenn er sich zu beleidigenden Aeußerungen gegen diejenigen Anreißen läßt/ die damals aus der Tiefe ihrer religiösen Ueberzeugung heraus gegen die drohende Vergewaltigung dieser Ueberzeugung Front machten, so darf man darüber lächelnd zur Tagesordnung übergehen.. Herr Makower hat durch seine Offenheit oerWahrheit genützt, und die Wahrheit ist schon ein paar Grobheiten wert, die nicht weiter wehe tun. Wir hoffen sogar, daß die „Rhembundpolitiker" der „Freien Vereinigung" sich durch die MakywerHche Attacke die Ruhe nicht rauben lassen und tat Interesse des Ganzen auch weiter eine objektive urck» vorurteilslose Haltung gegenüber den Berbandskreisen einnehmen werden. Die Bhnehfion von Bosnien unfl Berjogeroina und die Juden. Die Bemühungen, anläßlich der bevorstehenden Konferenz der Mächte deren Augenmerk, auf den feit Jahr und Tag verletzten Artikel 44 der rumänischen Verfassung zu lenken, haben sich, Wie man es leicht voraussehen konnte, leider als vollständig ausstchtslos erwiesen. Die von uns in letzter Nummer veröffentlichte Antwort des Reichsamts des Aeußern an den „Hilf^verein der deutschen Juden" ist so bestimmt gehalten, daß fete weitere Hoffnung in dieser Beziehung, soweit .Deutschland in Frage kommt, gleichbedeutend mit einer Selbsttäuschung wäre. Wir glauben daher annehmen zu dürfen, daß eine weitere Amon nach dieser Richtung, die ,nur dazu angetan wäre, unerfüllbare Hoffnungen bei unseren rumänischen Brüdern zu wecken, eingestellt wird und unsere deutschen Organisationen, denen ernstlich daran liegt, jeden geeigneten Zeitpunkt zu Gunsten unserer Golksgenoffen auszunutzen, sich nunmehr den von der Lage stark beeinflußten jüdischen Verhältnissen in den Ländern der Krisis selber ruwenden, in den Ländern, von denen kein Ministerium lakonisch sagen kann, „sie müffen aus schwerwiegenden Gründen vom Programme der Konferenz unberührt bleiben." Bulgarien Wird wohl kaum zu ernster Besorgnis Anlaß geben. Der Fürst zeigte sich stets als entschiedener.Freund der Juden. Der Zar wird es nicht minder sein. Die Behörden in Bulgarien traten auf Anweisung von oben den in letzter Zeit sich dort geltend machenden antisemitischen Strömungen mit großer Energie und Entschiedenheit entgegen und die Juden Bulgariens können von oer Erstarkung des Herrscherhauses, das sie allezeit aufrichtig geliebt, nur profitieren. Anders aber scheinen die Verhältnisse in Bosnien und der Herzogewina zu liegen. Wir sind nicht geneigt, die übertriebenen Befürchtungen zu teilen, und man sollte es in der Tat kaum für möglich halten, daß die Juden dieser Provinzen, nachdem sie volle Bürger eines Rechtnnd Kulturstaates, wie Oesterreich geworden, ihre bisher genoffenen Rechte einbüßen könnten. Immerhin gibt doch die von uns in voriger Nummer registrierte Tatsache, daß der Finanzünnister Baron Burian in seinem Expose über die Wahlkurien, die Juden mit keinem Worte Erwähnte, zu denken. Ein solches Schweigen gesagt erfahrungsgemäß mehr als vieles Reden. And an den Juden zunächst, an denen der betreffenden Provinzen selber ist es, ihre durch dieses öminöse Schweigen bedrohten Rechte und Jntereffen Mit allen zu Gebote stehenden Mitteln, mit aller Energie und Entschiedenheit, zugleich aber auch mit Takt und Würde einzutreten. Denn ein taktloses Eintreten, und wäre es durch die Verhältnisse noch so berechtigt, würde unseres Erachtens den Erfolg in Frage stellen. Es müßte die besondere Betonung und Ausspielung der früheren günstigen Verhältnisse aus oer Türkenzeit möglichst vermieden werden. Die Juden müffen vor allem ihr Recht als Menschen und Bürger beanspruchen, darauf Hinweisen, daß sie allezeit als Element des Friedens und der Ruhe treu zur Regierung gehalten, daß das Vertrauen, welches sie nun in die Regierung gesetzt und setzen durften, nicht durch Schikanen und engherzige Zurücksetzung erschüttert werden dürfe. In diesem berechtigten Kampfe um ihr gutes Recht werden sie zweifellos die weitgehendste Unterstützung, der um das Wohl der Gesamtheit ernstlich besorgten Organisationen erhalten Auch j_ _ 9ti 45 für die jüdischen Abgeordneten in Oesterreich, die im Kampfe gegen Bedrückung und Rechtsverdrehung einige Erfahrung und Routine besitzen, würde sich hier ein Tättgkeitsfeld ergeben, umsomehr, als die Sache, vorausgesetzt, daß sie ebenfalls nicht in den Rahmen des Konferenz- Programmes hineinpaffen sollte, immerhin noch als eine interne Angelegenheit Oesterreichs behandelt werden könnte und müßte. Bibelhritifdter Religionsunferridrf. Welche Dimensionen der Abfall vom überliefertenJudentum auch im Kreise der Lehrerschaft angenommen hat, und auf welch fruchtbaren Boden die Lehren des berühmten Gutmannschen Exposes mit seiner Empfehlung Wellhausens vielfach gefallen sind, davon gibt ein Bor trag Kunde, den Lehrer Hermann Falkenberg- Berlin im „Verein jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg" gehalten hat und den das Organ des „Verbandes jüdischer Lehrervereine im Deutschen, Reich" — natürlich ohne ein Wort der Kritik — veröffentlicht. Der Vortrag will ein Beitrag zur Methodik des Bibellesens fein und behandelt die Persönlichkeit Mosis. Dabei leistet sich der Versaffer folgende Sätze: Wenn nun auch von Mose Satzungen ausgegangen sind, durch die bas gesamte Leben Israels geregelt wurde, so können die in den Pentateuch (besonders im 3.,.3. und 5. Buch) schriftlich niederlegten, keineswegs als mosaisch im eigentlichen Sinne bezeichnet werden. Es ergibt sich vielmehr — und die Besprechung muß daS erweisen — daß vieles, ja das meiste aus Zuständen und Bedürfnissen späterer Zeit enlstanden ist, daß man diese Gesetze, weil man sie als im Sinne Moses gehalten ansah, auf ihn, den großen Gesetzgeber der alten Zeit zurücksührte. — Als Grundlage d.r gesamten mosa schen Gesetzgebung muß der Deka log angesehen werden, wenn auch er in der vorliegenden Form, wenigstens nicht in allen Einzelheiten, von Mose herrührt. Daß die Thora Menschenwerk ist, daß unsere Väter uns Lug und Trug überliefert und für eine Lüge in den Tod gegangen sind — das sind diesem „jüdischen" Lehrer schon Selbstverständlichkeiten, die er nicht mehr erwähnt,sondern nur v ora ussetzt. Ihm geht es nur noch um die Frage, ob irgendwelche weise alte Juden den Pentateuch zu Mosis Zeit oder ein paar Hundert Jahre später zusammengedichtet haben. Doch liegt es uns natürlich fern, .mit Herrn Falkenberg, den wir nicht kennen und der vielleicht ganz ahnungslos nur weitergibt, was er gelernt und gelesen hat, über Bibelkritik und Judentum zu polemisieren. Wir fragen nur das ene. Gibt es eine religiöse Gemeinschaft zwischen Religionslehrern, die das eigentliche Konfiskation seiner Güter und zu lebenslänglichem Kerker verurterlr wurde. Senor Obergon erzählt manche Geschichte, die ihm von Don Manuel Teil, der bei der Aufhebung des Tribunals zugegen war, mitgcteilt wurde. Aber wozu diese grausigen Erinnerungen heranfbesAvören?! Am Morgen des 10. Juni 1820, sah die Bevölkerung, als sie zur Messe ging, ein Korps Soldaten die historische Plaza della Constitucion durchschreiten. An der Ecke der Perpetua nehmen oic Soldaten^ Aufstellung. Nun wurde das Edikt von der Auslösung der Jnauisition verlesen und dann aus den Toren des Tribunals affichiert. Hierauf befahl Kapitän Pedro Lop einem Manne, an der Türe zu klopfen. Als dies dreimal geschehen, ohne das; die Pforten des Tribunals geöffnet worden waren, wurden dre Tore gesprengt. Die Jnauisitoren rannten verzweifelt fluchend umher, als sie sahen, daß ihr Widerstand zwecklos sei. Bon Zelle zu Zelle führte nun der Kapitän seine Leute und sprengte die Kerkertüren. Die unglücklichen Gefangenen erschraken, sie glaubten, man hole sie zum „letzten Gang." Sie glaubten ihren Ohren nicht, als sie die Meldung vernahmen. ,JS&t König, Gott erhalte ihn, hat die Verfassung vom Jahre 1812 (welche von der Jnguisition aufgehoben wurde) von Neuem bestätigt. Me verfluchte Jnifujsikion ist aufgehoben und ihr seid frei!" Tie Straße, auf welche die Gefängniszellen blickten, erhielt dm Namen „Perpetua", weil das Zellen für lebenslängliche ununterbrochene Kerkerstrafen waren. Das "Recht hat auch hier, wie überall oen Sieg davon getrogen. Das Gebäude, in welchem einst im Namen des Rechts und der Religion gemordet wurde, dient heute als Schule für das Studium der Medizin, in welcher Svv Jünger des Hippocrates ihrem menschenfreundlichen Studium nachgehen. («ns dem Amsterdamer Ghetto.- Im alten jüdischenGhetto von Amsterdam, so schreibt „The Bolksadvokat", herrscht jetzt große Not. Tie allgemeine Krisis hat hauptsächlich den Tiamantenhandel getroffen, und die Juden des Amsterdamer Ghettos, die sich mit dem Diamantenschleifen beschäftigen, haben keine Arbeit. Die Mamantenschleiferei ist die älteste Beschäftigung der Juden in Amsterdam. Tie portugiesischen Juden haben diese Industrie im Jahre 1576 eingeführt und Jahrhunderte lang war sie ihr Monopol. Heutzutage ist die Diamantenschleiferei stark gefallen, aber dennoch gibt es im Ghetto noch 63 große Fabriken, wo Diamanten geschlissen und 11,000 Arbeiter beschäftigt werden. Mamantenschleiferei ist die einzige Beschäftigung, für welche Krauen oft besser bezahlt werden als Männer. Es gibt spezielle Arbeiten in der Diamäntenschleiserei, welche kein Mann verrichten kann, z. B. das Schleifen von kleinen Diamanten, das können nur die langen, zarten Finger der Frau, und eine, gute Diamantenschleiferin bekommt immer Arbeit und einen guten Lohn. Das war aber alles früher. Heute sieht man im Ghetto von Amsterdam nur traurige Gesichter. Die Menschen wissen heute nicht, woher sie morgen Brot nehmen sollen. Das Amsterdamer Ghetto ist sehr dicht bewohnt. Juden wohnen dort schon seit dem 16. Jahrhundert. Früher zwang man sie, abgesondert zu wohnen von der übrigen Bevölkerung. Heute dürfen sie überall wohnen, aber sie sind schon so sehr gewohnt an die Stätte, wo ihre Eltern uno Ureltern gelebt haben, daß sie sich nicht mehr von dort entfernen wollen. Tie Amsterdamer Juden sind stolz aus ihr Ghetto, und alles darin ist ihnen teuer, sogar die halbeingefallenen Häuschen, ist denen ihre Eltern gelebt haben. Es gibt angesehene Leute, die in solchen Häusern wohnen, die vor hundert Jahren gebaut worden sind, DaS. Amsterdamer Ghetto ist eine Stadt in der Stadt. Es gibt dort viele alte Juden, die noch niemals die Ghettomauern verlassen haben. Geschäfte gibt es dort sehr wenig, vbschon man sagt, der Jude sei ein geborener Kaufmann. Mer Men Tag finden drei Märkte statt, ein Fischmarkt, ein Fleischmarkt und ein allgemeiner Markt für allerlei andere Waren. Die meisten Juden im Ainsterdamer Ghetto sind streng fromm. Die meisten von ihnen sind portugiesischer Abstammung, deren Stammväter im Anfang des 16. .Jahrhunderts dort erngewandert sind. Die erste Synagoge wurde im Jahre 1640 erbaut und sie steht heute noch. Ter Streik der jüdischen Diamantenschleifer und die Krisis im Diamantenyandel interessiert die christliche Bevölkerung nur wenig, da die Amsterdamer Juden nicht gewohnt sind, bei Christen Hilfe zu suchen für die jüdischen armen.Leute. Das besorgt die jüdische Gemeinde allein und daher wissen dre Holländer überhaupt nicht, was im Ghetto vorgeht. Im Amsterdamer Ghetto haben viele berühmte Personen gelebt. Auch der berühmte Maler Rembrandt hat sich im Jahre 1640 dort niedergelassen und seine Bilder dort gemalt. Das von ihm bewohnte Haus wird jetzt in ein Museum umgewandelt. (Israeliten und JnvenJ Ein Mitarbeiter der „N. I. K. erzählt folgendes Reiseerlebnis: „Ich fuhr den Jndals-Elso, einen großen schwedischen Strom hinunter, und wir näherten uns seiner Mündung, der Stadt Sundsvall, die einen bedeutenden Holzhandel betreibt. Der Kapitän, ein dicker, blonder, blauäugiger Schnee, sprach. mich an und erzählte dies und jenes. An irgeiw etwas anknüpsend ftagte er plötzlich, ob ich — — Katholik sei. „Nein, ich Mit Jude." „So? Na, mein Schwager ist auch Indes"