Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 45 (12.11.1908)
- Date
- 1908-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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IS. Aohemver 1908 v Me Beamten während ihrer Amtsdauer nur solche« Vereine« fnr Mdische Angelegenheiten -eitreten dürfen, die zn jener Sel-st-eschränkung sich bereit erkläre«, daß die Beamten auch für ihre Person Einwirkungen auf Behörden oder parlamentarische Körperschaften in derartigen Angelegenheiten anders als im Einverständnis mit dem Verband der Deutschen Juden zu unterlassen haben. Eine Gemeinde wird von ihren Beamten verlangen dürfen, daß siesichdemunterwersen,wasdieGesamtheit derGemeinden unter Zuziehung der großen Vereine beschließt, und daß sie nicht durch Sondereingaben oder mündliche Sondervor st ell ungen die Einheitlichkeit des Vorgehens nach außen stören. Manchem wird vielleicht scheinen, daß die vorstehenden Vorschläge eine zu weitgehende Einschränkung der Selbständigkeit von Vereinen und 'Gemeindebeamten enthalten. .Wer aber diese Einschränkungen nicht will, muß sich klar sein, daß er den allgestrebten Zweck, die bisherige Zersplitterung im Auftreten nach außen zu verhüten, auf die Tauer nicht erreichen wird. Zumal gerade dann nicht, wenn besonders wichtige Interessen auf dem Spiel stehen, wenn also ein Zusammenhalten gm notwendigsten wäre. Denn je wichtiger der Gegenstand, um so mehr wird jeder Sonderverein geneigt sein, seiner etwa vom Standpunkt der überwiegenden Mehrheit abweichenden Ansicht auch nach außen rücksichtslos Ausdruck zu geben." Jedes Wort des Kommentars erscheint überflüssig und kömrte den Eindruck dieses Bekenntnisses nur abschwächen. „Aus eigener Kraft kann der Verband eine solche Macht nicht erringen." Hätten wir dieses Bekenntnis des Herrn Makower auch nicht von ihm Schwarz auf Weiß, aus den Mitteln, die er zur Erlangung der Macht wählen will, würden wir es erschließen. Oder bedeutet es nicht einen Akt der Verzweiflung, wenn von einer Seite, die im politischen Leben zur Fahne des Freisinns schwört, die in Wissenschaft, Litteratur und Kunst es mit den Fortgeschrittensten hält, die auf dem Gebiete der Religion mit geflissentlicher Deutlichkeit ihre „liberale" Gesinnung bekennt, wenn von dieser Seite, die auf ihre soziale Bildung und Empfindung sich nicht wenig zu Gute tut, gegen die wirtschaftlich -Schwachen ein System rücksichtslosester Zwangspolitik, die vor dem Letzten selbst nicht zurückbebt, als einziges Rettungsmittel proklamiert wird? Ein Bankbruch in aller Form! Und gerade diesen Augenblick hält man dort für geeignet, nrit den letzten Plänen herauszukommen und die Oeffentlichkeit für eine Gesamt- Organisation unter der Aegide des Verbandes und seiner Gefolgschaft zu gewinnen! Fürwahr; anders als in anderen Köpfen, malt in diesen sich die Welt! Und dennoch: nichts wäre verfehlter und verhängnisvoller, als sich in Sicherheit zu lviegen und dem Glauben sich hinzugeben, daß die Verbandsleiter das Spiel verloren geben und vor Baume, setzte sich in feinen Schatten und weinte, weinte und weinte, und der Baum weinte mit chr, denn er war nicht unschuldig. Er hatte nämlich auch jenen Mördern Schutz und Schatten geboten und ihr blutiges Geheimnis gehört und gehütet. Als ihr Tränenquell austrocknete, vernahm sie ein Rauschen in den Blättern, und eine Stimme, die ihr zurief: „Halt ein mtt den Flüchen und Tränen, der Tag der Abrechnung kommt, der Frevel wird geahndet. Tein Einziger aber, der den Namen Gottes geheiligt und für sein Judentum gestorben ist, er weilt in den lichten Engelhöhen, sonnt sich an den Strahlen der göttlichen Majestät. . . ." Da regte sich das Mutterherz von Neuem, es waren aber weder Flüche noch Tränen, die ihrem Munde und ihren Augen entauollen. „So will ich zu ihm," rief sie, „zu ihm, zu rhm", hallte es schaurig durch die Zweige und Blätter.' „Zu ihm, der vor dem Throne Gottes vom Leide und dem Opfermute seines Volkes erzählt, zu ihm, zu ihm. . . Als am zweiten Morgen die Leute kamen, um, wie immer, im Schatten des Baumes Schutz zu suchen, da lag die Frau leblos da. .Im Herzen des Baumes aber war das große Loch entstanden, und er siecht seitdem langsam dahin. Sch. SS] Die frqtiKitioit in Mexiko. Nach der Entdeckung der Neuen Welt, hatte Spanien die Inquisition auch in seinen amerikanischen Kolonien etabliert, indem es gegen Marannen und Juden, die Nch hierher geflüchtet hatten, das. hochnotpeinliche Verfahren enrleitete. Der erste, der in New-Espannol-a aus Grund der neuen. .Jnquifiton verurteilt werden - _Deik Israelit._ der allgemeinen Entrüstung, welche die Bekenntnisse des Herrn Makower erregen müssen, nun kapitulieren werden. Wie war's doch vor Jahr und Tag, als der Rosin'sche Entwurf unter der Wucht der einhelligen Verurteilung, der er hüben und drüben begegnete, zum NimmerauferKehen zusammenbrach? Haben darum die Faiseure der OrganijationFbeweLung auch nur einen AuLenblick in ihrer Tätigkeit innegehalten? Haben nicht dieselben Inhaber lediglich unter anderer Firma .das alte Geschäft weiterbetrieben und schließlich der Werbekrast ihrer Agitation sogar die Belastungsprobe durch die Makowerschen Bekenntnisse zugetraut?! Wir haben bisher mit einer Kritik des Macholschen Entwurfes, derünsseitdem Juli v. I s. bekannt ist, zurückgehalten, um loyalerweise das Ergebnis der damals verheißenen Revision urrd Superrevision abzuwarten und zu sehen, ob das si'ir uns Anstößige nicht hei dieser Umarbeitung in Fortfall kommen wird. Damit muß es nun ein Ende haben. Die Bekenntnisse des Herrn Makower haben uns gelehrt, was wir von dorther zu erwarten haben, haben das geringe Maß von Vertrauen, das da und dort zu der Verbandsleitung noch bestanden hat, bis auf den letzten Rest zerstört, sie machen cs uns zur gebieterischen Pflicht, alle Schritte der Verbandslektung noch sorgfältiger als bisher zu überwachen und ihren, das Gemeindewohl bedrohenden Aspirationen und Machinationen nqch entschiedener als bisher eytgegenzutreten. Es ist nicht unsere Schuld, wenn die Verhältnisse sich zu der Parole: „Kamps auf der ganzen Front" zugespitzt haben. E. B. 'ocheilrrtnöschau. „Verband der deufidien Juden“ und .Freie Vereinigung“ Wir führen an leitender Stelle die gründliche Erwiderung unseres Berliner Korrespondenten auf Herrn Makowers „Bekenntnisse" zu Ende und möchten glauben, daß bis tief in die Reihen der Verbandsfreunde hinein die logische Schärfe und die sachliche Berechtigung dieser Ausführungen anerkannt werden wird. Der Makower'sche Artikel beschäftigt sich indessen noch mit einem besonderen Lieblingsthema des streitbaren Polittkers, das eine eigene kurze Entgegsollte, war Diego Caballero, ein Sohn des neuchristlichen Barrameda. Tie Jnquifiton würde in Mexiko im Jahre 1571 eingeführt und drei Jahre später wurde das erste Autodafe ab gehalten. In der Zeit von 1574 bis 1593 wurden daselbst neun Autodafes veranstaltet. Bei der Hinrichtung am 8. Dezember 1596 befanden sich 60 Personen in der Armensünderzelle, während am 25. März 1602 über 100 Juden den Scheiterhaufen betreten mußten. Im Jahre 1608 wurde Jorge de Almeida io contumaciam exkommuniziert und im Jahre 1645 fand die Verbrennung des blutjungen Gabriel de Grenada statt. Auch in den folgenden Jahren haben nach Autodafßs in Mexiko stattgefunden und zwar wurden im Jabre 1647, 71 Personen, zumeist sogenannte Judaisierenoe verbrannt und am 13. März 1647, 48 ersonen, unter ihnen auch Anna Xuarez dem lammentode überantwortet. Auch aus dem Jahre 1649 liegen Daten von Verbrennungen von Judenchristen vor, aber auch darüber, daß einige von den Angeklagten begnadigt wurden. 1659 starben Diego T iaz und Francisco Botello als treue Juden den Märthrertod. Alles in Allem wurden in Amerika insgesamt 129 Autodafes veranstaltet.... In Spanien erhob die Inquisition im- Jahre 1481. wahrscheinlich mehr als eine politische, denn als kirchliche Institution ihr grausiges Haupt. In Mexiko hat das Schicksal die verfluchte Institution -im 16. Jahrhundert gebracht. Am 2. November 1571, so erzählt der Geschichtsschreiber, zog eine seltsame Prozession durch die Straßen Mexikos. Wortlos, folgte dre unübersehbare Menschenmenge. Vielleicht hatte sie eine Vorahnung von dem bevorstehenden Unglück, dem sie hilflos gegenüberstand. Aus einein Hauptplatze der Stadt machte die Prozession Halt und das Haupt der Prozession verlas einen Erlaß, in welchem «He Be- __Seite 8 Ro. 45 ttuttg erheischt: mit bem Verhältnis der „Freien Vereinigung" zum „Verbände". Wenn die Leitung der „Freien Vereinigung" es mit Recht verschmäht, auf die wiederholten Anrempelungen in der Presse zu reagieren, wenn sie es vorzieht, geräuschlose Arbeit zu verrichten, statt Kraft und Zeit in unfruchtbarer Polemik ^u verzetteln, so findet das unsere uneingeschränkte Billigung. Trotzdem scheint es uns eine Pflicht der Höflichkeit, aus die wiederholten Liebeswerbungen des Herrn Makower die selbstverständliche Antwort sxpr688i8 verdi8 zu erteilen, die sich freilich jeder Kenner der Verhältnisse ohne weiteres zu geben vermag. Herr Makower kann sich der Entwickelung . des „Verbandes" solange nicht aus voller Seele freuen, wie die „Freie Vereinigung" nicht ihre Delegierten in den Verbandsausschuß entsandt und damit feierlich bekundet hat, daß auch sie der von Herrn Makower wie einen roe-er de bronce stabilierten Zentralbehörde die gebührende Huldigung erweist. Er sieht in der Verweigerung dieses Tributs der Huldigung Eigensinn, Sonderbündelei, Mangel an Gemeingefühl und was der schönen Dinge mehr sind, und es scheint ihm noch nie der Gedanke gekommen zu sein, daß es doch auch ein Höheres, das Bewußtsein der Verantwortung vor der Geschichte, sein könnte, was die „Freie Vereinigung" zu ihrer Haltung bestimmt. Im Gegensatz zum „Verbände", dem die Grundprinzipien seiner (^istenz zugestandenermaßen nur schattenhaft über die Schwelle des Bewußtseins treten, vertritt die „Freie Vereinigung" in klarer Bewußtheit ein scharf bestimmtes religiöses Prinzip. Dieses geistige Prinzip — die absolute (nicht bloß relative) Wahrheit und Einzigkeit des überlieferten Judentums—, dessen organisierter Körper die „Freie Vereinigung" sein will, wäre verleugnet und verraten, in dem Augenblick, in dem sie ihre Selbständigkeit preisgeben und sich als Part e i Vertretung in ein größeres (prinzipienloses oder prinzipwidriges) Ganze einordnen wollte. Diesen Gedanken anerkennen de facto alle gesetzestreuen Juden, die zu denken vermögen, ja kein historisch empfindender und objektiv urteilender neologer Jude wird diesem ' Standpunkt seine Berechtigung für das historische Judentum bestreiten. Es ist also verlor'ne Liebesmüh', wenn Herr Makower die dem Verbände angehörigen Vorstands-Mitglieder der „Freien Vereinigung" bei der Ehre zu packen und sie auf ein Programm sestznnageln sucht, das nicht das ihrige ist und das man auch niemals versucht hat, der „Freien Vereinigung" aufzndrängen. wohner aufgefordert werden, am kommerrden Sonntag in der Kathedrale zur Anhörung der Predigt und Ablegung, des Gtaubenseioes zu erscheinen. Der Tag kam. der Geschrchtsschreiber vergaß zu erwähnen, ob die Erde erzitterte oder nicht, aber wir müssen annehmen, das; die Natur durch irgend ein Phänomen ihrer Mißbilligung Ausdruck gegeben. Das Volk strömte der Kirche zu. Es zitterte nicht mehr davor, hineinzugehen, sondern wagte nicht, sernzubleiben. Es erblickte die Inquisitoren auf einer erhöhten abgesonderten Plattform in einer Amtskleidung sitzend, die wahrscheinlich Recht und Gesetz symbolisieren sollte. Endlich wurde das Edikt verlesen. Es enthielt einen Eid, mit Haeretikern Nichts gemein haben zu wollen. Am Schlüsse mußte jeder der Anwesenden laut ausrufen: Si, lo juro! Jawohl, ich beschwöre es! ... . Am 4. November 1571 wurde das „ehrwürdige" Tribunal der Inquisition mit vielem Pomp in dem Hause etabliert, welches sie auch während der langen Periode ihrer traurigen Existenz indieser Stadt ununterbrochen inne hatte. Das Gebäude steht schräg gegenüber der Plaza della Corregidera. Es ist heute schwer das Gebäude in seiner ursprünglichen Verfassung zu beschreiben, da es inzwischen vielen Aenderungen unterworfen wurde. In seinem heutigen Zustande weist das Gebäude nichts Merkwürdiges auf. 'Es trägt die Inschrift „Escuela National de Medicina". Aus dem finsteren Gebäude mit seinen Schrecken erregenden- Folterkammern ist in: Laufe der Zeiten eine medizinische Hochschule geworden! . ' Gut erhalten ist noch der einstige Berhandlungssaal der Inquisition. Marl sieht noch die Stelle, wo der heilige Gerichtshof faß und sein stets vorgefaßtes Urteil fällte. Glücklich war derjenige, der „bloß" zur