Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 45 (12.11.1908)
- Date
- 1908-11-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Der Israelit V t.i.- f. 45 12. NoeMber 1908 unter Dach und Fach, dann hat der Verband die erstrebte gesetzliche Unterlage unter den Füßenein stummer Dekorationswechsel — und die Herren, die heute als Nothelfer im Verband die Zentralbehörde agieren, werden morgen als Konsistorial- oder Synagogenräte von der anderen Seite her auftreten, um, wie bisher auch schon, das Judentum nach außen einheitlich zu vertreten, die Behörden „in wünschenwerter Weise" über dasJudentum aufzuklären und — last not least — die ungefüge Orthodoxie zu bändigen und zu ducken! Wir fürchten die Herren nicht und halten ihren Schachzug für einen Bluff! Aber in solchen Dingen ist auch der Versuch, und geschähe er wie hier, selbst mit dem untauglichsten Objekt, strafbar — und erfordert die allerschärfste und nachsichtsloseste Abwehr. Und es ist wohl nicht zu bezweifeln, daß die Enthüllung dieser Pläne des Verbandes nicht nur in orthodoxen Kreisen, sondern überall da, wo mau die bisher vermiete Erkenntnis mehr gewinnen muß, daß hier die Minen gelegt werden sollen, um das Gebäude der Gemeindeautonomie in Preußen in die Luft zu sprengen, die Laufgänge angelegt werden sollen, die einem kleinen, abermächtigen Personenkreis die Herrschaft über die religiösen Empfindungen der Gesamtjudenheit Preußens eröffnen sollen, daß es hier um das freie Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, um Gedankenfreiheit, um Gewiffensfreiheit geht, daß diese Bekenntnisse von einem Entrüstungsschrei beantwortet werdender den Berbandsgewaltigen gar unangenehm zu Ohren schallen soll. Es ist mit Veröffentlichungen des Verbandes so eine Sache; die Gegenüberstellung der Aeußerungen des Herrn Juftizrats Fuchs mit denen des Herrn Makower in unserem vorwöchentlichen Artikel hat ja deutlich gezeigt, welche Berschiedenartigkeit der Auffassungen in den essentiellsten Fragen nebeneinander im Ver ande ihren Raum findet, wie schnell das Schwarz von heute sich dort in das Weiß des morgen wandelt. Aber da Herr Makower heute für den Verband ausdrücklich auch „die. Fragen, welche mit der jüdischen Religion im Zusammenhänge stehen," in Anspruch nimmt, sei hier auf die Gefahr hin, daß wir dahin belehrt werden, inzwischen habe „der Rahmen" eine andere „Füllung" erhalten, folgender Satz aus einer offiziellen Verbandskundgebung zum Volksschulgesetz wiedergegeben, an deren Ausarbeitung wohl auch Herr Makower seinen Anteil hater möge illustrieren, was der Verband unter dem ihm zufallenden Schutz der jüdischen Religion verstcht: Kleines Feuilleton. ver Baiim. Eine Ghetto-Sage. Unterhalb des Städtchens steht ein Baum, von dem'aus zwei schmale Pfade sich deltaartig nach zwei verschiedenen Richtungen hinzrehen. Ter eine verliert sich in einem Wald, der andere führt schnurstracks pnt Friedhof. Alte Leute erinnern sich noch der Zeit, da der Baum gerade und hochaufgerichtet von dichten Zweigen und grünen Blättern bedeckt war. Monumental stand er auf seinem Platze, ohne sich um Wind und Wetter, Sturm und Hagel im mindesten zu bekümmern. Selbst der Blitz, so erzählte man, der es einmal versuchte, in den Baum einzuschlagen, prallte zur Seite und sank in den Boden. Os entstand eine ttefe Grube, doch der Baum blieb fest und unerschütterlich. Im Laufe der Jahre wuchs aus diesem Baum noch ein anderer hervor, der ebenso groß und stark wurde, sich jedoch etwas schief zur Seite neigte. In früher Jugend nämlich, als er noch dünn und geschmeidig zum blauen Himmel ernporragen wollte, da erhob sich der Haß der anderen Zweige und Aefte gegen ihn,. die neidisch nach dem Emporstrebenden schauten. Sie schoben unb. drückten ihn, wo sie es nur konnten, sodaß er gebückt und gesenkten Hauptes in schiefer Richtung zur Erde blickte und seine gebückte Haltung „Endlich wirb in den verschiedenen Preßangriffen vor der jüdisch christlichen Volksschule gewarnt, weil eine solche weder den jüdischen Kindern noch den jüdischen Lehrern die Möglichkeit einer gesetzestreuen Sabbathbeobachtung gewährleiste. Der Verband hat sich streng unparteiisch jeder Stellungnahme in dieser Frage enthalten. Sache der orthodoxen Kreise wirb es sein, wenn sie eine Beobachtung der Sabbathruhe in jüdisch-christlichen Volksschulen erreichen wollen, wie es in außerpreußischen Ländern sich als durchführbar erwiesen hat, ihre Wünsche mit dem gehörigen Nachdruck an berufener Stelle zu vertreten." So schützt und vertritt der „Verband der Deutschen Juden" die Religion. Wenn jüdische Lehrer am Sabbath ihren Dienst wie an den Wochentagen verrichten müssen, wenn Schulkinder zum Schulbesuch am Sabbath und — was nur allzu oft — dabei auch zur Sabbatheutweihung durch Schreiben u. Ä. förmlich, gezwungen werden — was verschlägt's? Die Herren um Makower besorgen alle ja auch am Sabbath wie an jedem Wochentag ihren Dienst, Geschäft oder Amt; auch ihre Kinder entweihen den Ruhetag durch Schreiben und noch manches Andere — und doch sind die Herren, nach ihrer Auffassung, gute Juden, bessere sogar, als die siebenmal bösen Orthodoxen, die nur immer wieder ihre Zirkel stören. Mögen doch diese Käuze den Sabbath vor Entweihung bewahren und schützen! Der „Verband "hat wahrlich wichtigere Ausgaben zu erfüllen, als sich um den Sabbath der Lehrer und Schulkinder zu kümmern; er muß sich doch als Zentralbehörde betrachten und in Fragen, welche mit der jüdischen Religion im Zusammenhange stehen, dafür sorgen, daß die Juden nach außen einheitlich austreten!- Die bösen Orthodoxen! Oder sind nicht alle so böse? Herr Makower scheint's zu glauben; beruft er sich doch zum Beweise dafür, daß über seine Pläne Uebereinstimmung erzielt worden ist, ausgerechnet auf Herrn Gumpertz-Hamburg, dessen gutbewährte Orthodoxie und sogar Zugehörigkeit zur „Freien Vereinigung" also kern Ansschließungsgrund ist, wenn Herr Makower meint, seine Autorität sich dienstbar machen zu können. Hören wir, was Herr Makower schreibt: „Um hierauf hinzuwirken, ist auf Antrag des Herrn Gumpertz-Hamburg seitens des Berbandsausschusses am 14. Oktober 1907 einstimmig — also unter Zustimmung der damals anwesenden leitenden Mitglieder aller jener größeren Vereine — folgender Beschluß gefaßt worden: „Ter Ausschuß des Verbandes der Deutschen Juden erachtet es für dringend erwünscht, daß in Zukunft die dem Verband der Deutschen Juden angeschlossenen Körperschaften und Vereine und ^soweit dies erreichbar, auch die ihm nicht angegeschlossenen jüdischen Körperschaften und Vereine, bevor sie mit einem auf Erlaß von Gesetzen oder allgemeinen Verwaltungsvorschriften zieleiüren Antrag an die Staatsbehörden herantreten, diese Absür immer bekam. Unten gingen die Wurzeln auseinander, oben aber blieben die Blätter und Zweige einig und friedlich, in und um einander geschlungen, als gehörten sie immer noch treu und fest zu einander. Vergebens pflegte sich die Sonne abzumühen, einen Blick zwischen die Zweige zu werfen. Bei der größten Hitze war der Baum von früh bis spät in seinen dichten Schatten gehüllt. Und jeder, der vorbeiging, fand hier ein kühles Ruheplätzchen. Ein armer Hausierer, der von Dorf zu Dorf mit seinen Packen wanderte, pflegte sich dahln zu setzen und sich mit den kühlen, grünen Blättern den triefenden Schweiß vom Gesichte abzuwischen. Ein hungriger, gebeugter Bettler schleppte sich mühsam herbei und ließ sich ganz häuslich unter den schattigen Aesten des gastlichen Baumes nieder. Eine junge Bäuerin suchte mit ihrem Karren voll frisch gemähten Heues unter den dichten Zweigen Schutz vor oem strömenden Regen. Und kam der Sabbat, da war die ganze Jugend des Städtchens hier versammelt. So manches Geheimnis hörte der alte, ehrwürdige Baum, das 'er nie verriet; so mancher Plan wurde unter ihm geschmiedet, der, als er zur Ausführung gelangte, die Gemüter erregte. Der Baum war liebreich und verschwiegen. So war er einstens, der kühle Baum unterhalb des Städtchens. Eine Reihe von Jahren ist seitdem verflossen. Die Jungen wußten es nicht mehr und bei den Alten fing die Erinnerung zu verblassen an. Keiner wußte mehr, wann dieses geschehen, wann das Unglück angefangen. Der Baum fing an zu faulen, zu kränkeln. — Mitten im Stamme, so um die Herzgegend, bildete sich plötzlich ein tiefes Loch, eine lassende Wunde, die immer größer und tiefer wurde und sich immer grauenvoller ausbreitete. Inwendig ivar es hohl und sicht dem Ausschüsse des Verbandes der Deutschen Juden mrtteilen urck> ihm Gelegenheit geben, auf etwa entgegenstehende Bedenken aufrnersiam zu machen." Also wäre auch Herr Gumpertz mit den weitausschauenden Plänen des Herrn Makower nicht nur vertraut, sie hätten nicht nur seine Billigung erhalten, sondern gerade er hätte die Formel gefunden, welche die Synthese der auseinanderstrebenden Elemente zu einem konstitutiven Ganzen erst ermöglicht.... Man traut seinen Augen kaum, wenn man das zu lesen bekommt. Also, weil Herr Gumpertz den ebenso vernünftigen wie unter Schonung der Entschließungssteiheit und Aktionsmöglichkeit der Einzelnen durchaus gangbaren Vorschlag machte, es sollte dem Verband Gelegenheit gegeben werden, bei größeren Aktionen, bevor bindende Schritte unternommen werden, auf etwaige Bedenken aufmerksam zu machen — daraus folgt nach Herrn Makower, daß Uebereinstimmung , darüber herrscht, daß der Verband „eine Art Zentralbehörde" werden solle, welche in Fragen der jüdischen Religion oder religiöser Einrichtungen die Gesamtheit nach außen vertritt!... Es hält wirklich schwer, das Wort, das bei solchen Leistungen einem auf die Lippen tritt, noch einmal zu unterdrücken. Allein, selbst diese Musterleistung tritt, so typisch sie auch für die feine, diplomatische Kunst der Berbandsleiter ist, hinter jener anderen zurück, die Herr Makower als piece de resistance — im vollsten Sinne des Wortes — für den Schluß sich aufbewahrt hat. Der Wert dieses Bekenntnisses ist schier unschätzbar; das Schlaglicht, das von ihm auf das Innenleben der Berbandsmächtigen fällt, ist so erbramungslos grell und hell, das „liberale" Glaubensbekenntnis der Herren enthüllt sich hier so ungeschminkt in seiner ganzen unwahren Phrasenhaftigkeit, daß sich eine Kritik fast völlig erübrigt und nur die allerweiteste Verbreitung dieses document humain zu wünschen bleibt. Herr Makower schreibt: „Aus eigener Kraft kann der Verband eine solche Macht nicht erringen. Wer sie daher für wünschenswert hält, muß das Seine dazu tun, sie ihm zu verschaffen. So sollten z. B. die Mitgliederversammlungen der großen Vereine aus eigenem Antrieb den Beschluß fassen, daß der Verein künftighin in Fragen der Gesetzgebung oder allgemeiner Verwaltungsvorschriften nur .durch Vermittlung des Verbandes der Deutschen Juden oder im Einverständnis mit ihm an Behörden oder parlamentarische Körperschaften mündlich oder schriftlich herantreten wolle. Auch die Gemeinden, Provinzialverbände, Stiftungen und Private sollten die Bewilligung von Beiträgen an Vereine davon abhängig machen, daß diese die Verpflichtung zu einer solchen Selbstbeschränkung übernehmen, und die Gemeinden sollten auch in die Anstellungsbevingungen ihrer Beamte» eine Bestimmung ungefähr des Inhalts aufnehmen, daß unheimlich feucht und ein dumpfer Hauch entströmte der Wunde des einst so herrlich duftenden Baumes. Und der Sturm, der sonst vergebens um den Baum her wütete, blies jetzt schadenfroh in das Loch, so daß der ganze Baum erschauerte. Ein Seufzen und Jammern rang sich aus seiner hohlen Brust, und sein Haupt beugte sich sorgenschwer. Das Herz war faul und krank, und der ganze Körper ging sichtlich dem Untergange entgegen. Was hatte wohl den stämmigen gesundheitsstrotzcnden Baum so tötlich getroffen? ' Alte Frauen wußten über das Schcksal des Baumes eine Geschichte voll Leid und 'Tränen zu erzählen. Es war einmal eine Mutter, die ein einziges Kind hatte, einen Sohn, der sie an Stelle des verstorbenen Gatten erhielt und .ernährte, ihr Licht und ihr Sonnenschein, ihr Stolz und jhre Freude, ihr einziger Trost tm öden Witwendasein war. Mit allen Gaben des Geistes ausgestattet und mit einem goldenen Herzen war er aber auch der Liebling Aller, die um seinetwillen auch die Mutter ehrten. Und dieser Jüngling starb. -Er starb nicht eines natürlichen Todes. Frisch und gesund, voll Mut und Lebenskraft ging er an einem hellen sonnigen Tage von Hause fort, und als er wiederkam, war er nicht allein; aus einer Bahre, von schweigsamen Männern wurde er ins Haus gebracht. -Er antwortete nicht mehr auf die Fragen der Mutter, er sah sie nicht mehr. Tie Männer aber sagten: „Du kannst, gute Frau, stolz auf.Deinen Liebling, ^fein,, er hat tapfer mit oen Feinden gekämpft und hat mit seinem Herzensblute die Unglücklichen und Wehrlosen verteidigt." Die Mutter aber konnte ihres Sohnes nicht vergessen. Tag und Nacht fluchte sie den Mördern. Die Flüche gingen nicht in Erfüllung. Wer täglich ging sie aus den Frredhöf zum Grabe, ihres Kindes und vo^dM^yn