Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 44 (5.11.1908)
- Date
- 1908-11-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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cfee^X^arfe illeraris Die Jaden im Urteil der oriecbiscben and römischen Schriftsteller. Aus dem literarischen Nachlasie von Golm Berlin. (Fortsetzung.) In der darauf folgenden Periode vom Tode des Augustus bis zum Beginn -des Judenaufstandes unter Vespasian tritt zwar im Allgemeinen in der die Juden betreffenden Gesetzgebung keine Veränderung ein, — doch gab ein besonderes Moment den Judenfeinden eine günstige Gelegenheit für.ihre Gehässigkeiten breiteren Boden zu gewinnen. Dies Moment war die göttliche Verehrung der lebenden und der toten Kaiser als ein neuer Götterkult. Schon Cäsar war vom Senate unter die Götter erhoben worden, und feit Augustus entstand unter den Provinzen ein Wetteifer, den Cäsaren Tempel und Altäre zu errichten. Nichtsdestoweniger haben es die Römer ruhig geduldet, daß die Juden in ihrem Tempel und ihren .Synagogen der neuen Gottheit die Verehrung vertagten. Aber seit Tiberius macht sich der Einfluß griechischer Freigelassener bemerkbar, die in Rom die Herrschaft führten und den Judenhaß schürten und in Judäa, welches jetzt römische Provinz geworden war, durch Rücksichtslosigkeiten das Volk zur Verzweiflung trieben. So wagte es denn unter Tiberius Herrschaft ein römischer Statthalter Pilatus, das Kmserbild des Tiberius in die Stadt Jerusalem hineinzubringen. Die Juden aber widersetzten sich entschieden und verharrten auch in if^em Widerstande, als Pilatus sie von seinen Soldaten niederhauen lassen drohte, so daß er sich genötig sah, sein Vorhaben aufzugeben. Als dann aber Caligula mit Gewalt von den Juden seine göttliche Verehrung erzwingen wollte» war der günstige Zeitpunkt für die Judenfeinde gekommen, die Juden Al verderben, indem sie der wahnsinnigen Eitelkeit dieses Kaisers schmeichelten. Ein Mann von mittelmäßiger Begabung, der aber groß in der Lüge war, der Grammatiker Apion, hat in einer Aegyptischen Geschichte, die er verfaßt har, die Bosheiten .und Verleumdungen in der griechischen judenfeindlichen Literatur noch durch unerhörte Frechheiten überboten. In der Oase Aegypten war er geboren und hatte in Mexandrien das Bürgerrecht erlangt^ Als Ausleger der homerischen Gesänge bereiste er Griechenland und Kleinasien und verstand den Griechen die ergötzlichsten Fabeln zu erzählen. Bon dem ^hatten Homers 'wollte er vernommen haben, welche Sttwt den ältesten Dichter Griechenlands gehören habe; und so-wußte er auch in Bezug auf die Juden zu erzählen, daß sie den Sabbat feierten, weil die häßliche Krankheit, um derentwillen sie aus Aegypten vertrieben worden waren, auf Aegyptisch Sabbathosis hieße. Zur Rechtfertigung seines Märchens, von dem bei den Juden der göttlichen Verehrung sich erfreuenden Eselskopfe, berief er sich auf Zeugnis des Antiochus Epiphanes, der ihn noch gesehen haben wollte. Er wußte auch für diese Eselsanbetung einen lächerlichen Grund anzugeben. Die Juden seien in ihrer Wüstenwanderung dem Verschmachten nahe gewesen, da habe Mose einen Esel erblickt, der ihn zur Wasierguelle geführt. — Auch erzählte er, Antiochus Epiphanes habe im Heiligtume einen Griechen angetroffen, der bereits ein ganzes Jahr gefüttert worden und bestimmt war, demnächst unter großer Feierlichkeit geschlachtet zu werden. Dies täten die Juden jahraus, jahrein, genössen dabei die Eingeweide des Geopferten und schwüren den Griechen ewige Feindschaft. Apian ist auch der erste gewesen, welcher die Weigerung der Juden, die Kaiserbilder göttlich zu verehren zur Aufreizung gegen sie verwendet hat. Wenn wir erwägen, welche Mühe sich Josephus 50 Jahre später noch geben muß, diese Anfeindungen zu widerlegen, dann sehen wir ein, daß diese Schrift Apions der Sache der Juden noch mehr geschadet hat, als die.Tyrannei und der Wahnsinn selbst der Cäsaren. Durch den frühzeitigen Tod des Caligula, der die römische Welt von einem Scheusal befreite, waren auch die Leiden der Juden beendet und bald überwunden. Die folgenden Kaiser Claudius und Nero erweisen sich den Juden wieder günstig. Aber.die Literatur beginnt jetzt mehr und mehr eine ungünstige Stimmung gegen sie zum Ausdruck zu dringen und eine feindliche Haltung anzunehmen. Sicherlich ist jedoch dieser Umschwung nicht durch die religiöse und soziale Abgeschlossenheit der Juden, noch durch eine auf Proselytenmachern gerichtete Propaganda hervorgerufen worden, vielmehr sind es die von Tag zu Tag sich steigernden Erfolge des Judentums, dessen Anziehungskraft auf die Römerwelt, die dunkle Ahnung einer drohenden Gefahr erweckt, und selbst bei edlen .Geistern Stimmungen des Hasses, vielleicht auch des Neides hervorruft. Dies mag in erster Linie der Satiriker Persius beweisen. Dieser edle, sein ganzes Zeitalter an sittlicher Reinheit überragende Schüler des großen Cornelius widmet in der 5. Sattre dem Judentume einige Worte des Spottes. Sie lauten: „Aber kommt der Tag des Herodes und lassen am triefenden Fenster regelgerecht aufsteigen ihr ölig Gedünste die Lampen, tragend Blumengewind, und schwimmt breitdeckend in der roten Schüssel der Thunfisch, schäumt dann der Wein im weißlichen Kruge, dann regst du schweigend die Lippen und vereist den jüdischen Sabbath." Man sieht, weniger die Bräuche der Juden a*;; sich als der Verdruß über die Sympathie^ welche Römer ihnen entgegenbringen, hat diesen Ausdruck sattrischen Spottes erzeugt. Persius freilich kennt das Judentum nicht und dieses in wenigen Strichen gezeichnete Bild eineK jüdischen Freitag-Abends, möchte uns vielleicht Anlaß bieten, zu beklagen, daß dieser edle Denker keine genauere Kenntnis des Judentums getvon-, neu hat. Anders verhält es sich mit seinem berühmteir Zeitgenossen, dem stoischen Philosophen, S e n e c a. Er kannte das Judentum genau durch seinen Aufenthalt in Alexandrien und durch seine staatlichen Aemter, die er unter Nero bekleidete. Er selbst eiferte gegen die göttliche Verehrung der Kaiser, und die Juden, welche dieselbe mit Er-» ttagung unsäglicher Leiden und selbst mit Todes» Verachtung heroisch geweigert hatten, hätten ihm doch geistesverwandt erscheinen müssen,' und doch ist er der erste, der in lateinischer Sprache seinem! Hasse Ausdruck verleiht, in den Worten: „Solche Ausbreitung haben die Bräuche des verruchte» Volkes gewonnen, daß die Besiegten den Siegern Gesetze gegeben.haben." Sxneca meint nickt so sehr, wie viele geglaubt haben, den Anhang, den die Juden unter den Römern fanden, <u£ vielmehr die Erlasse, welche seit Cäsar bis Augustus und -xf) neuerdings unter Claudius den Juden die Freiheit ihces Kultus gewährleitet hatten und dessen Ausübung fortwährend die Gesetzgebung' zur Erteilung von Privilegien in Anspruch nahm. — Darum richtet sich sein Eifer ganz besonders gegen die Sabbatseier. — Ueber die Art der Gottesverehrung, schreibt er, müsse» Vorschriften erteilt werden: Laßt uns doch das Latnpenanzünden am Sabbat verbieten, well weder die Götter die Beleuchtung brauchen, noch die Menschen an dem Qualm Vergnügen haben. Ob Senecas Aufreizung einen Erfolg erzielt hät, ist schwer zu sagen. Allerdings hat Claudius, der seine Regierung mit einem Toleranzedikte für die Juden eröffnet hatte und mit strengen Strafen gegen die alexandrinischen Ausschreitungen vorgegangen war, im Jahre 49 das sind 5 Jahre' nach dem Erscheinen der Senecaschen Schriften, Ausnahmegesetze gegen die Juden erlassen. Die Regierung Neros jedoch war den Juden noch «. In der darauf folgenden Zeit aber, in )er Jahren, kann von einem wirklichen Juden hasse in der Literatur die Rede sein. Die Ursache lag in den fortwährenden Erhebungen des jüdischen Volkes. Durch rohe Willkür und schamlose Rücksichtslosigkeiten der Prokuratoren mm Aeußersten getrieben, hatten die Juden jene Berzweiflungskämpfe begonrzersi durch welche die Römer sich genötigt sahen, dle erprobtesten Feld-- herren, die tapfersten Legionen, Geld und Menschen ohne Ende aufzubieten, um sie niederzuwersen. (Schluß folgt.)