Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 44 (5.11.1908)
- Date
- 1908-11-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8. Nr. 44. 5. November 1908.. Y- Der Israelit. / neologen Unifikationshelden das Verkehrte ihres Vorhabens und das Unmögliche ihrer Be- : strebungen, das ganze ungarische Judentum in eine gemeinschaftliche Organisation einzuzwängen, vorfordert dieselben auf, die Orthodoxen in Ruhe zu laffen und lieber vor der eigenen; Tür zu kehren, ein bischen die der Neolagie so . ,nottuende^„innere" Mission zu treiben! Schade nur, daß die Herren von der neologen Landeskanzlei taube Ohren für derartige Ratschläge ihrer eigenen einsichtsvollen Parteigenossen haben, und dem Prophetenworte gemäß nicht ruhen können noch ruhen werden, bis * daß sie ihr Haupt wieder einmal an der Fäsmauer der „widerspenstigen" Orthodoxie zu Blute gestoßen haben, wie schon so oft geschehen! Auch der neologe Rabbiner von Neupest Dr. Venetianer spricht in derselben Nummer sein vernichtendes Urteil über jegliche staatliche Zwangsorganisation aus. ftnftLrob. - Petersburg, 1. Nov. In einem Zirkular verfügte der Minister des Innern, daß die Ausweisungen der Juden aus den Städten außerhalb des Rayons, in welchen sie seit mehreren Jahren ansässig sind) bis zur Entscheidung des Ministeriums über die von den Betroffenen eingereichten Gesuche und Beschwerden einzustellen . seien. Darob große Erregung in den Kreisen der Berbändler, deren Präsident Graf Konown izin in Odessa in einer Eingabe an den Senat den Minister als Judenknecht gezeichnete, der sich < ungesetzliche judenfreundliche Maßnahmen auf Kosten des russischen Volkes leiste. Diesen schon aus formalen Gründen ganz unzulässigen und hier unerhörten Einspruch gegen eine ministerielle Verfügung nahm der Senat ganz ernst und holte darüber ein Gutachten von Premier Stoly pin ein. Im Gutachten wird vom Premiereminister die prinzipielle Berechtigung des um sein Volk so besorgten Berbandspräsidenten entschieden in Abrede gestellt, zugleich aber der Sachverhalt und die Gründe, die beim Erlaß maßgebend waren, klargeftellt und im übrigen dem Senat anheimgestellt, nachträglich die letzteren auf ihre gesetzliche Basis zu prüfen. Der Senat glaubte, diesen Fingerzeig zu verstehen und fällte im Sinne des ominösen Gutachtens Stolypins ein wahrhaft Salomonisches Urteil. Die Beschwerde des Verbands, entschied der Senat in seiner Sitzung im Februar 1908, sei zwar aus formalen Gründen abzulehnen, allein über den ministeriellen Erlaß an sich, auf den der Senat nun einmal aufmerksam gemacht worden ist, soll in eine Verhandlung eingetreten werden. Diese Verhandlung fand in der Plenarsitzung des Senates vom 20. Juni 1908 statt, die aber wegen Meinungsverschiedenheit hin praktisches Resultat ergab. 13 Senatoren erkannten die Berechtigung des Erlaffes an, während 18 deffen rechtliche Grundlage (?) bestritten. Die Sache wurde nun einer Kommission überwiesen, die in den nächsten Tagen ihre endgiltige Entscheidung treffen wird. Viele Hunderte jüdische Familien, über denen das Damoklesschwert der Austreibung schwebt, harren nun dieser Entscheidung bangen Herzens entgegen. Die Minister wiffen indeß, daß der Berbändler Augen über ihre Taten wachen und sind seitdem tubezug aus ju^enfreundliche Erlaffe sehr vorstchttg geworden. Petersburg, 1. November. Der „Fraind" hat sein Erscheinen eingestellt. Dieses jüdische Tagesblatt, das jahrelang ganz allein das Feld behauptete und die öffentliche jüdische Meinung in Mußland beherrschte und oft genug vergewaltigte, ist nicht mehr. Einen Seufzer der Erleichterung löste diese Kunde in all den Kreisen aus, die es ernst und gut mit dem Judentum meinen, in denen man oft genug betete: Behüte uns Gott vor solchen Freunden! Bemerkt sei, entgegen allen böswilligen Gerüchten, daß das Blatt keineswegs durch irgend welches Unternehmen der gefetzestreuen Kreise seinen Geist aufgab. Einzig die finanziellen Schwierigkeiten, hervorgerusen dadurch, daß dem jüdischen Proletariat, als deffen Organ sich das Blatt mit Stolz ausgab, an den nötigen Mitteln, vielleicht auch dem guten Willen fehlten, haben das weitere Erscheinen der Zeitung zur Unmöglichkeit gemacht. Es wird sich nun zeigen, ob und inwiefern das ausgestreute Gift nachwirkt. Man spricht bereits von neuen ähnlichen Unternehmen. Wäre es nicht vielleicht an der Zeit, daß in den gesetzestreuen Kreisen die Frage der Herausgabe einer geeigneten Volkszeitung ernstlich erwogen wird? Bei der großen Regsamkeit im anderen Lager sollte man sich doch schließlich einmal auch hier über die endlosen Beratungen und Verhandlungen hinaus zur kräftigen Tat aufraffen — bevor es wieder zu spät ist. England. Londoner Brief. London, 26. Oktober. In der letzten Sitzung des „Board of Deputies" wurde die Frage behandelt, welche Schritte bei einer etwa bevorstehenden internationalen Konferenz zu Gunsten der rumänischen Juden unternommen werden könnten. Der Präsident, Mr. Alexander, teilte mit, daß der Ausschuß des' BoäM tzirl Schriftstück' itt dieser Beziehung vorbereite, das dem Ministerium des Auswärtigen überreicht werden soll. Ob die etwa zu ergreifenden Schritte in Gemeinschaft mit anderen Körperschaften unternommen werden sollen, stehe noch zur Erwägung. — Der große Kampf zwischen dem „Shechita Board" und den unbotmäßigen Metzgern, der unsere Gemeinde schon seit Wochen in Atem hält, scheint jetzt etwas mehr Aussicht auf friedliche Beilegung zu bieten, Wenigstens haben beide Teile die Vermittelung eines angesehenen Herrn angenommen der einen Ausgleich suchen soll. Der „Shechita Board" ist bei dieser Gelegenheit sehr energisch vorgegangen und es ist im Interesse des Kaschrus jedenfalls sehr erfreulich, daß er sich durch den nach ganz modernen Mustern organisierten Metzger-Putsch nicht hat emschüchtern laffen. Der Streit um das von Dr. Gaster entdeckte samaritanische Buch Josuk dürfte zu Ungunsten Dr. Gaster's entschieden sein. Es ist bedauerlich, daß ein unleugbar außerordentlich verdienter Gelehrter in so angesehener Stellung wie Dr. Gaster nicht vorsichtiger vorgegangen ist und sich dadurch eine wissenschaftliche Niederlage zugezogen hat, die nicht nur peinlich für ihn selbst, sondern auch von schädlichen Folgen für die Sache, die er im öffentlichen Leben zu vertreten hat, werden kann. Irrtum ist menschlich,' — aber ein weniger geräuchvolles Auftreten würde diesen Irrtum wenigstens in der Oeffentlichkeit weniger stark haben empfinden laffen. Vom Standpunkt des überlieferten Judentums aus ist es übrigens freudig zu begrüßen, daß der angeblich uralte Text, der in scharfem Widerspruch zu dem maßoretischen Buch Josuä stand, als Fälschung erwiesen ist. Türkei. Stimmungsmache für Baim flahoum. IBon unserem Korrespondenten.) Konstantinopel, 1. November. Die Tatsache, daß die Kandidatur des Herrn Haim Nahoum für den Posten des Chacham- Baschr, wie ich Ihnen bereits meldete, von verschiedenen Selten bekämpft wird, spornt seine Anhänger, vor allen Dingen den Vertreter der „Alliance Jsraslite" Herrn Fernandez, zu erhöhter Reklametätigkeit für ihren Schützling an. Einige junge Leute, die durch Nahoum zu hohen Stellungen zu gelangen hoffen, haben einen Verein unter dem Namen DOK 'STn ins Leben gerufen, der sich die Aufgabe gestellt hat, Nahoum um jeden Preis zum Chacham-Baschi zu machen. Charakteristisch für den religiösen Tiefstand der Nahoum'schen Parteigänger ist die Tatsache, daß der genannte Verein am nnötP JTT)Ü, also am Feiertage, aus dem großen Platze des Haskei-Stadtteiles zu Gunsten Nahoum's eine Volkskundgebung veranstaltete, wobei es zu offenen *2"i *^77 kam. Die Teilnehmer kamen von allen Seiten in Schiffen und Wagen herbei. Auf einem goldenen Stuhle war das Bild Nahoum's ausgepsianzt und wehe dem, der ihm keine Reverenz erwies! Um ihrer Kundgebung größeren Nachdruck zu rerleihen, feuerten die jungen Leute Revolverschüffe ab, darunter auch Angestellte des Großrabbinats. Ein Knabe wurde schwer verwundet und mußte nach dem Hospital verbracht werden. Die gute Gelegenheit benutzend manifestirten die jungen Politiker auch gegen Bulgarien und predigten eine Boykott gegen die österreichischen Waren! Trotz dieser widerlichen Kundgebung von „Loyalität" machten sich die politischen Zeitungen über die unreifen Manifestanten lustig. Die Sache hat übrigens auch ihre ernste Seite, da die Kundgebungen gegen 'Bulgarien nnseren bulgarischen Maubensbrüdern sehr übel bekommen sein sollen. Der „Tiempo," das Leibblatt des Herrn Nahoum, setzt seine marktschreierischen Reklamen für diesen unermüdlich fort. Was das Blatt an Verhetzung und Beschimpfung der Gegner Haim Nahoum's leistet, läßt sich nicht wiedergeben, ohne die Grenzen desrparlamentanschen Anstands zu überschreiten. Insbesondere werden die zehn Chachamim des Myschlisch Ruchani, die den Mut hatten, gegen die Kandidatur Haim Nahoum's zu protestieren, fortgesetzt angegriffen und als Verräter gebrandmarkt. Die Bevölkerung wird ausgefordert, diese zehn Chachamim zu boykottieren und durch Hunger zur Raison zu bringen. In der Tat haben sich drei von ihnen leider so weit einschüchtern lassen, daß sie ihre Unterschrift zurückgenommen haben. Herr Nahoum selbst ist unermüdlich für seine Sache tätig. Jeden Samstag ist er in einen! anderen Stadtteil und läßt sich feiern. Ein ernster Gegenkandidat ist Herrn Nahoum übrigens in — man höre und staune — seinem Schwieg er vater, Rabbi Dan non, erstanden, der in. den letzt n Taaen alle Beziehungen zu Schwiegersohn und Tochter abgebrochen und seine eigne Candidatur aufgestellt hat. , Letzte Woche war Dannon in Adrianopel, um Propaganda für sich zu machen. Es ist dringend nötig, daß die religiös Gesinnten sich so schleunigst wie möglich auf einen (Kandidaten einigen und dann für diesen eine sofortige Propaganda entfalten. Nur dann wird es möglich sein, gegen den von den starken Einflüssen der Alliance getragenen Partei-Gängern Haim Nahoums eine Parole zu bilden. vermircdier. Berlin, 1. Nov. Am Sonntag, 35. Oktober, fand die ErbffnungSfeier der Wilhelm-Auguste Viktoria- Stiftung;n Beelitz, der neugegrünoelen israelitischen Erzieh mgsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder statt. Die Feierlichkeit begann mittag 1 Uhr in dem Festsaale der Anstalt. Ehrengäste und Wohl Ster der Sttfmng hatten fich in außerordentlich großer Zahl, besonders auS Berlin und Potsdam eingesunden, sodaß der Saal die Menge der Teilne: mer kaum fassen konnte. Nachdem der Geangveretn Beelitz die Feier durch einen Bortrag etnqeleitet hatte, sprach der Borfitzende des Deutsch-Israelitischen Gemetndebundes, Herr Professor Dr. Ma ttn Philippson über die Entstehungsgeschichte der neuen Anstalt. Ein im Jahre 1904/05 vom Bureau deS Demsch-JSraelttischen Gemetndebundes veranstaltete Enquete habe ergeben, daß nt ht weniger als 2i5 jüdische Schwachfinnige sich in den Anstalten anderer Konfesstonen befinden, während weitere 231. zu Haus bei ihren Angehörigen gepflegt werden. Der Gemeindebund habe daher in Gemeinschaft mit der Benei-Seriß-Loge dte Errichtung einer solchen Anstalt in dte Hand genommen. Ferner sprach Prof. Phtttppion Sr. Majestät dom Kaiser sowie . Ihrer Majestät der Kaiserin seinen Dank dafür aus, baß ste die Genehmigung dazu gaben, dte Anstylt nach ihren Namen Wilhelm-Äuguste Btttoria-Sttftung nennen zu dürfen. DaS Erziehungsheim beherbergt 19 Knaben und 11 Mädchen und soll in Zukunft noch wetteren 10 Kindern Untertuwt bieten. Vorläufig sollen nur Knaben und Mädchen unter 14 Jahren ausgenommen werden, die zwar