Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 44 (5.11.1908)
- Date
- 1908-11-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 44 Der JSraettt. 5. November. Seite 5 Das Judentum ist ferner schon von Mose her, die Tatsache mag jemandem bequem sein oder nicht, eine Gesetzesreligion, d. h. eine Religion, die konkrete Handlnugen als verbindlich vorschreibt. Renn Zehntel, wenn nicht noch mehr, der gesamten religiösen Literatur, handelt von diesen Gesetzen. Dem Verfasser sind sie offenbar recht ungelegen. Dc fertigt sie kurz als Zeremonialgesetz ab, und es ist ergötzlich, aber für die Beurteilung seiner Aufrichtigkeit bedenklich, den Eiertanz KU beobachten, den er dabei aufsührt. Wir müssen, meint er bedeutsam (S. 98) die Zeremonialgesetze — nun was? etwa halten? O, nein!. wir müssen sie in ihrer Bedeutung würdigen, d. h. wir dürfen darüber predigen! Wir sollen sie ferner nicht mißachten, und ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Alles, nur beileibe nicht sie halten. „Aber sie können diese Bedeutung nur so lange behalten, als sie der lebendige Ausdruck unseres religiösen Denkens sind. In dem Augenblicke, in dem sie unserer Gesinnung nicht mehr entsprechen, verlieren sie ihre wirkende Kraft, .und mancher fromme Brauch, der. unseren Vätern ein schönes Sinnbild der religiösen Ideen war, ist uns, den Kindern einer anderen Zeit, innerlich fremd geworden. Wo uns das zum Bewußtsein kommt, da hat die Glaubensgem'einde auch heute noch das Recht und die Pflicht, die religiöse Form zu ändern. Das zeremonielle Leben muß mit unserem Denken und Fühlen in Einklang gebracht werden .Die Gegenwart muß durch die Weiterentwicklung der religiösen Formen die Arbeit der Vergangenheit fortsetzen." Sehr schöne Allgemeinheiten für eine Predigt, von der man nichts Konkretes verlangt. Wie aber, wenn ein Kind so ausdringlich ist, eine positive Antwort zu . verlangen: Herr Lehrer, darf man am Sabbat arbeiten oder nicht? Muß man am Jom Kivpur fasten oder nicht? Muß man noch Tesillin legen oder nicht? Und wenn nicht, warum nicht? Warum entsprechen diese Gebote nicht mehr unserer Gesinnung? Mit welchem Rechte sind wir „Kinder einer anderen Zeit"? W i e soll „das zeremonielle Leben mit unserm Denken und Fühlen (das auch erst in seiner Berechtigung nachgewiesen werden müßte) in Einklang gebracht werden"? Hier hätte der Verfasser zeigen können, was er als moderner Theologe zu leisten vermag. Aber darum geht er herum wie um einen heißen Brei. In dem ganzen Kapitel über das Zeremonialgesetz erfährt man mit keinem Worte, was denn nun eigentlich das Zeremonialgesetz sei. So ziemlich das Einzige, was wir von dem Versager an positiv Jüdischem lernen, sind — die zwölf Monatsnamen, die gewissenhaft aufgeführt werden. Doch nein, er hat ja ein besonderes Kapitel über „Sabbate und Festtage'." Aber auch diese werden dermaßen kastriert, daß fast nichts übrig bleibt als der öffentliche Gottesdienst und die Predigt. Zwar sagt er einmal, daß der Sabbat ein Tag „unbedingter Ruhe" sein solle, aber über das Peßachsest schlüpft er mit den Worten hinweg: aus diesen Bericht (2 M. 12Jf. 5 M. 16z) gründet sich die biblische Vorschrift: „sieben Tage hindurch sollt ihr ungesäuerte Brote essen", und am Jom Kippur vermeidet er sorgfältig das fatale Wort „saften". Der Verfasser wirb sich also ohne Zweifel den Beifall der „weitesten Kreise" erwerben, wenn sie es ihm nicht etwa übelnehmen, daß er ihnen andererseits wieder vier andere Fasttage aufbürden zu wollen scheint, nämlich den 17. Tammus, den 9. Ab, beit 10. Tewes und den 3. Tischri. Diese vier Gedenktage sind nämlich (S. 116) als „Fasttage eingesetzt". Doch ist ja der Ausdruck immerhin von der gebotenen Vorsicht. Wir müssen es mit Rücksicht auf die Knappheit des uns verfügbaren Raumes mit diesen (Der Rabbi Tolstoi.) Die „Rußkaja Snamna", das bekannte blutrünstige Organ des „Echtrnssischen Verbandes", schreibt: „In einem kleinen polnischen Städtchen war ein gelehrter und angebeteter Rabbi namens L e b T o l st, der es sich zur Lebensaufgabe machte, die Lehren seines Volkes auch den Andersgläubigen zu übermitteln. Er verfaßte daher einen neuen Talmud in russischer Sprache. Der Graf Witte, der bekannte Judenbeschützer, sorgte aber dafür, daß diesem Rabbi der Grafentit l verliehen wurde. Und nun heißt er nicht mehr Rabbi Leb Tolst, sondern Graf Leo Tolstoi und wird heute von allen Juden und Judenbeschützern gefeiert." Das Märchen ist nicht schlecht. Wer die „Rußkaja Snamja" hat bereits zur Verdummung ihrer Leser so viel getan, daß Letztere nun wirklich fähig wären, es ganz ernst zu nehmen. (Was ist eiu Thoramäntelcheu?) Bor einiger Zeit berichteten die jüdischen Blätter über eine phantastische Erläuterung der Meßußah, die in einem Museum fru Buxten zu lesen ist. Nun befindet sich in einem amerikanischen christlichen Blatte eine Erklärung des „Thora-Mantels" die gleichfalls zeigt, welch ungeheuerlichen Begriffe über die jüdischen Einrichtungen in christlichen Kreisen verbreitet werden. Das Blatt bringt die Wbildung eines Thora-Mäntelchens und schreibt hierzu: „Dieser Mantel wird vom jüdischen Priester getragen, wenn er aus per heiligen Thorarolle der Gemeinde verliest. Die zwei kleineren Oeffmrngen am -oberen Ende des Mäntelchens sind die zwei Gucklöcher, durch welche der Priester die Thora verlieft." Wie gruseligdas klingt! Auszügen aus der Rezension bewenden lassen. Nach der Aufnahme, die das Coblenz'sche „Judentum" jetzt gefunden hat, dürfte es erfreulicherweise wenig Schaden mehr anrichten. glaube« und (Missen. Bon Dr. med. Raphael Levi in München. Was ehedem das Volksbuch und das Volkslied, das ist heute die populäre wissenschaftliche Literatur. Ein unabweisbares Bedürfnis nach einer bewußten zusammenhängenden Weltanschauung kennzeichnet unsere Zeit. Ihr Schwerpunkt ist vom Herzen in den Kopf verlegt. Der Glaube, der früher empfunden ward, will jetzt erfahren werden. Demnach ist er in dem Grade schwächer geworden, wie das Denken schwächer ist als das Fühlen. Dieses ist das Elementare und Unwandelbare, jenes das Veränderliche und Abhängige. Die Religion ward so von den Pulsen des Lebens, aus dem großen Herzen der Natur, nach der Retorte abgeleitet. Sie ward veräußerlichtdenn in das Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist, wenigstens mit der der Retorte nicht. Sonst hätte es nicht dazu kommen können, daß der platte Materialismus 5em erhabenen Wissen von der Natur die Schleppe trug, als es den Thron der Wissenschaften bestieg. Heiß und ergreifend begann ein Arbeiten in den Stätten der alten Alchimisten/ im toten Gestein und Metall suchte man sehnsüchtig nach dem ersten Goldglühen den Funken des Lebens. Ein Homunkulus, in der der Glut des Laboratoriums gezeugt, zieht suchend durch die Jahrhunderte und alle Räume des Himmels, zum Nebelfleck und den Gärten der Urzeit, voll Sehnsucht nach dem klassisch schönen Ideal des alten Glaubens, bis schließlich dem wüsten Treiben der Walpurgisnqcht ein leiser Ton aus lichter Höhe ein Ende bereitet und die Dämonen in ihr- Nichts zurückversenkt, dem sie angehören. Doch für manch einen m spät! Die wissenschaftliche Alltagskost der Masse ist jene glitzernde Legierung von Wahrheit und wissenschaftlicher Notlüge — Hypothese genannt, — welche das Auge gegen die schlichte prunklose Schönheit der Wirklichkeit blendet. Ein Buch, das einem den schwankenden Boden durch eine Positive Weltanschauung festigt, gehört zu den selten auserlesenen Genüssen. Es ist aber eine Erfahrungstatsache, daß gerade diese Bücher es sind, welchen der tiefe Ernst wissenschaftlicher Forschung das Recht verleiht, in so verantwortungsschweren Dingen das Wort zu sprechen. In diesem Sinne möchten wir aus ein Buch von ganz ungewöhnlicher Bedeutung Hinweisen, dessen Lektüre einen hohen wissenschaftlichen Genuß noch dadurch erhöht, daß es in alle Gebiete mit gleicher Schärfe und Tiefe eindringt: Wissen und Glauben von C. Güttler, München. Es sind 16 Vorträge welche an der Universität München vor einem zahlreichen Hörerkreise, bestehend aus Studierenden aller Fakultäten, wie aus Freunden der Wissenschaft wiederholt gehalten und mit Beifall ausgenommen worden. Güttler ist Professor der Philosophie in München und beherrscht den Gegenstand in ganz außerordentlicher Weise. Er entstammt ursprünglich dem naturwissenschaftlichen Lager und das gibt dem Buch erst einen Wert. Denn wie die Naturwissenschaft ohne Philosophie ein steriler Ackerboden bleibt, ebenso ist Spekulation allein heute nnmündig ohne Naturwissenschaft. Erst aus der gegenseitigen Befruchtung beider kann der menschlichen Erkenntnis die Frucht keimen, geweckt und genährt von der Sonne einer göttlichen Offenbarung. In den ersten 7 Borträgen orientiert uns G. in historiscker, kritischer, immer aber durchaus roraussetzungsloser Weise über Wissen und Glauben in der Gegenwart, voraussetzungsloses Erkennen, die Grenze des Erkennens, die Formen des Glaubens, den Ursprung der Religion, die Gottesidee. Mit dem 8. Vortrag über die Schöpfung in der Zeit betritt er den naturwissenschaftlichen Boden. Nach einer Würdigung der Axiome der Erhaltung der Energie und Unzerstörbarkeit der Materie, der Theorien über Anfang und Ende der Welt, Entropie, den ewigen Kreislauf, kommt er zu dem Schluffe: „Der Materialist oder Pantheist.bewegt sich hier (sc. in der Frage vom Wcltanfange) nicht minder in der Glaubenssphäre tuie der Skeptiker, welcher bei dem „'gn rabiums“ stehen und sich selbst ein ein Rätsel bleibt.Wenp sonach Naturforscher, Philisophen und Theologen vor den Eingangsworten des Pentateuchs: .„in priocipio vsavit Oens coslum st tsrrsan" Halt machen müssen d. h. wenn keiner etwas Besseres über den Urzustand zu sagen weiß, so wird auch niemand mit Grund behaupten dürfen, daß der religiöse Schöpfungbegriff gegenüber der wissenschaftlichen Weltanschauung illusorisch sei Daß er in der Tat besteht und bestehen könne, dafür legen alle jene Männer Zeugnis ab, die in der Erforschung der Natur Großes geleistet und dennoch dem Schöpfer ihre Huldigung nicht versagt haben, Männer von denen Darwin in seinem Buche über „Die Entstehung des Menschen" (1875 Werke Bd. 5. S. 122.) sagt, „daß die Frage ob ein Schöpfer und Regierer des Weltalls existiere, von den größten Geistern, welche je gelebt haben, bejahend beantwortet sei." Der 9. Dortrag beschäftigt sich mit der Einheit und Entwicklung des Kosmos. Da es dem Schöpfer gefiel den Menschen als letztes Glied seiner Schöpfung zu bilden, so wird dessen Wissen von der Geschichte des Universums nur immer ein erschlossenes bleiben können. So glänzend auch das Mysterium der Urzeit vchr den Strahlen des menschlichen Geistes beleuchtet werden mag, seine Tiefen sind nur scheinbar erhellt. Wenn Dubois-Reymond in einer seiner Reden sagt: »Das biblische Fiat lux ist physiologisch falsch, Licht ward erst, als ein empfindender Pigmentpunkt vorhanden war, welcher das Licht aufnehmen konnte," so ist das eine Kathederfrage. Denn ein lichternpstndender Pigmentpunkt wird erst, wenn Licht vorhanden ist, wie das zahlreiche Tiesseebewohner zeigen, die eben dieses lichtpercipierenden Pigments entbrhren müssen. Und jeder von uns brachte sein Sehorgan dem Lichte entgegen, das viel früher da war als er. Manch einem aber ward es bei gesunden Augen niemals wieder licht, wenn er im finstern Turmverließ ein schreckliches Leben zu Ende schmachten mußte. Daß gerade die Welt der Sterne, der erhabenste Schlüssel zum Gottesbewußtsein, eine Schwelle zum Atheismus abgebens sollte, wie das die Geschichte der Kant-Lä Place'schen Weltemftehungshypothese bezeugt, ist ein tragischer Beweis für die Unzu-. länglichkeit selbst des höchsten menschlichen Geistesfluges. „Wir könnten ...... zeigen, daß die Kant-La Place'sche Entwicklungstheorie in sich selbst eine solche Mengen ungelöster Schwierigkeiten enthält, daß der Gedanke, sie gänzlich fallen zu lassen, wiederholt ausgetaucht ist." Jndeß ist es interessant von La Place zu hören, daß sein Herz dem Verstände nicht ganz folgen konnte. La Place negiert vor allem die Möglichkeit einer Zufallshypothese und wettet 4000 Milliarden gegen eins, daß eine primittve Ursache die Bewegung der Planeten bestimmt habe (Exp. du monde 1813 p. 429). Und was wir etwa an La Place vermissen, das hat die persönliche Stellung anderer Physiker und Astronomen zur Religion, eines Mädler, Leverrier,. Vieo, Secchi, Bessel, Lamont, Ganß, JuliuS Robert Mayer vollkommen ersetzt. Während der Materialismus das Gesetz von der Erhaltung der Kraft für das Dogma von der Ewigkeit der Materie ausnützt, finden wir bei dem Entdecker dieses Gesetzes nicht nur einen lebendigen Gottesglauben, sondern die.... . Aeußerung: „Eine richtige Philosophie kann und darf nichts anderes sein als eine Propädeutik für die.Religion." (Mechanik der Wärme. 1874. S. 318.) Ich habe diese Stelle hier angeführt, um zu be-.