Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-11-05 · Heft 44 (5.11.1908) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 44 (5.11.1908)
Date
1908-11-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449343--64996-2507613
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Cfette 4 5. November 1908 Der Israelit. Vk. 44. Wirklichkeit der Schulpraxis umzusetzen, und weil das Scheitern dieses Versuches nicht zunächst in der persönlichen Unzulänglichkeit des Verfassers, sondern in der Unwahrhaftigkeit der liberalen Phraseologie an sich begründet ist. Diese Tatsache möge es rechtfertigen, wenn wir im folgenden einige bezeichnende Stellen aus der gründlichen Besprechung abdrucken, welche das Coblenz'sche Buch in Brauns „Monatsschrift" erfahren hat und zwar von einer Seite, der man Orthodoxie oder auch nur Abneigung gegen den religiösen Standpunkt des Herrn Coblenz gewiß nicht nachsagen kann. Herr Rabbiner-Dr. Jacob in Dortmund ist es, der seinem Kollegen in Bielefeld dieses Stammbuchblatt widmet. Wir wollen nicht alle Aeußerungen seiner Besprechung vertreten, finden vielmehr, daß eine etwas weniger kraftvolle Ausdrucksweise der kollegialen Rücksicht die zwei geistliche Herren einander schulden, angemessener gewesen wäre. Mer man fühlt dem Gelehrten Dr. Jacob die Entrüstung nach, die ihn ob der leichtfertigen Arbeit seines Amtsbruders gepackt haben muß, und ehrliche Entrüstung entschuldigt vieles. Dr. Jacob sagt u. a.: Nach diesen wissenschaftlichen und pädagogischen Gesichtspunkten muß leider tonstattert werden, daß der Versuch, den Unterricht in der jüdischen Religion $u reformieren, gänzlich mißlungen ist. Ter Verfasser besitzt weder die Kenntnisse dazu, noch ist er logisch einigermaßen geschult. Er hat weder vom Theologen noch vom Pädagogen eine Ader und gar keinen B?- grifi davon, wie man zur Jugend sprechen muß, was man zur Genüoe erkennen wird, wenn man sich bei den folgenden Proben stets gegenwärtig hält, daß das Buch nach der Vorrede für die Oberklassen der Volks- und Religionsschulen und für die Unter- (?) itnö Mittelklassen der höheren Lehranstalten (a l s o auch für Sextaner oder doch mindestens für Quartaner) bestimmt ist. Ein Schulbuch muß jeder Phrase abhold sein und in jedem Satz der nüchternsten Kritik standhalten, aber in diesem Buche feiern die gedankenlose Phrase und das falsch verstandene Schlagwort wahre Orgien Ein Schulbuch soll knapp und klar sagen: Was und Warum. Dieses „Lehrbuch" aber bewegt sich in b"- ständiger Verschwommenheit und ist voll von den oltttesten Tiraden. Es ist überhaupt kein Lehrbuch, sondern eine Sammlung von recht mittelmäßigen Predigten. Es gibt nämlich nicht, wie bisher allgemein üblich, in bündigen Sätzen die religiösen Lehren und Gebote und, davon äußerlich unterschieden, die Beweise und Belege dazu aus den Quellenschriften, sondern, und darin soll n. a. die umwälzende formale Neuerung bestehen, der Verfasser verbreitet sich in S zwanglosen Betrachtungen über verschiedene :ata wip: die Lehre von Gott, die Bestimmung des Menschen, die zehn Gebote, Sünde und Buße nsw. Es ist also kein Lehrbuch sondern ein Erbauungsbach, das aber, von allen, anderen abgesehen, schon wegen seiner abstrakten Sprache für die Jugend unverständlich und wegen seines beständigen wässrigen Moralisierend von tätlicher Langweile ist, so z. B. S. 44 k., wo es noch viele Seiten in demselben ermüdenden Tone weitergehen könnte, S. 80ff, was direkt einer Kriegervereins-Festrede entnommen sein könnte u. ä. empfängt man im Stück selbst durchaus nicht den Eindruck, daß die Schicksale und Handlungen der Helden abschreckend wirken' sollen, zumal Vera mit den Worten der Ruth: „Dein Gott soll mein Gott, Teilt Volk sei mein Volk"" formell zum Judentum Übertritt. Tie einzige günstige Wirkung, "die das mit Reflexionen und langen Reden ausgestattete Stück unter Umständen ausüben kann, ist eine Erleichterung der Einwanderungsgesetze. Die Hoffnung hieraus dürfte aber auch die einzige künstlerische oder moralische Ausbeute sein, die man cnls dem Stücke mit nach Hause bringt. (Die Juden in Italien.) Robert Michels behandelt in einem Aussätze „Etnographisch-statistische Studien zur Entwickelungsgeschichte Italiens"" auch die einzelnen Konfessionen. Danach sind die Juden (35617 nach der Volkszählung von 1901) fast stationär geblieben, während alle übrigen Religionsangehörigen einen starken Zuwachs erfahren haben. Dieser Bevölkerungsstillstand, der, wie M. betont, relativ sogar einen Bevölkerungsrückgang bedeutet, ist nach Michels keineswegs als ein Anzeichen für eine etwaige Häufigkeit von Uebertritten zur herrschenden Religion anzusehen. „Nirgends ist die äußere Veranlassung zu einem Religionswechsel geringer, als in Italien, wo Männer israelitischer Konfession häufig die höchsten staatlichen Aemter bekleiden und selbst vom Posten eines Kriegsministers nicht ausgeschlossen sind." Die Inden sitzen in Italien lediglich in den großen Städten. Rom: 7121, Turin 2828, Florenz 2776, Liworno 2487, Venedig 2474, Mailarrd 1022. Auf dem flachen Lande und in den kleineren Orten ist der * Judtz*rine Seltenheit. Als besonderes Charakteristikum der italienischen Juden erwähnt M. ihre ungewöhn- Da muß man denn nun sagen, daß der Verfasser schon durch den allerersten Satz sein ganzes Werk verpfuscht hat. Die erste Betrachtung ist nämlich überschrieben: Die jüdische Religion — eine prophetische Religion, und danach wird nun burchgehends das Judentum dargestellt. In der neueren alttestameutlichen Wissenschaft bedeutet der Ausdruck „prophetische Religion"" die Religion, die die Propheten gehabt haben, und die der „mosaischen"" Thora vorangegangen sein soll. Wie aber der Verfasser ihn anwendet, hat er entweder gar keinen oder einen gründlich irreführenden Sinn. Denn zuerst setzt er auseinander: als die Verkünder der Lehren und Wahrheiten des Judentums gelten uns (was soll diese Phrase? sind sie es, oder sind sie es nicht?) die Propheten, und schließt: „das Judentum ist mithin eine prophetische Religion, denn Propheten sind oie Schöpfer und Lehren seiner höchsten Ideen"". Das ist ungefähr dasselbe, als wenn er definiert hätte: „das Judentum ist eine Religion, die von ihren Gründern gegründet worden ist". Jedoch im folgenden will er uns belehren, was fiir Männer die Propheten waren, und daß ihre Religion hie unsrige sein müsse. Dabei zeigr er zunächst eine völlige Unwissenheit über das Wesen der Propheten, deren Schriften er nicht einmal vollständig zu kennen scheint. Die Propheten seien keine Vorhersager zukünftiger Ereignisse gewesen. Schon das ist gröblich falsch. Zahllos sind die Aussprüche, in benen sie Künftiges Vorhersagen. Noch verkehrter ist es hierbei 5. M. 13. 2—5 anzusühren. weil „durch diese Stelle die Auffassung, als ob nach den Worten der Bibel die Propheten hauptsächli ch (mit einem Male wieder eine Einschränkung?) Wahrsager gewesen seien, widerlegt" werde. Die Stelle ist nur pin Beweis dafür, daß vorhergesagte und eintrefseube Ereignisse noch nicht die Wahrheit einer prophetischen Sendung beweisen. Wenn der Prophet zugleich Abfall von Gott predigt, so ist er trotz des Eintreffens seiner Vorhersagen ein falscher Prophet. Doch hören wir den Verfasser weiter! Mit gesperrtem Druck (durch den er nebenbei fast das halbe Buch ausgezeichnet) offenbart er: „Entscheidend für die Anerkennung des Propheten ist einzig und allein •'!)' der sittliche Charakter seiner Persönlichkeit, der sich in seinen Worten und Handlungen kundgeben muß". Als Prophet des .Ewigen wurde nur anerkannt, wer im Namen Gottes die reinste Sittlichkeit lehrte und sie auch von den Menschen forderte." — Nun fehlt es in der Bibel keineswegs an Stetten, wo die Anerkennung eines Propheten in Frage steht. Ich wähle den Propheten Jeremia, der nach Coblenz „als der größte Prophet nach Mose bezeichnet wird"" (von wem9 von der Bibel? oder etwa weil er von den Herren C o r n i l l und Lazarus protegiert wird? Zu Grunde liegt diesem schiefen Urteil der Umstand, oaß uns Jeremia am häufigsten einen Blick in sein Inneres geivährl und wir am meisten von seinen Schicksalerk erfahren). So soll Jeremia e. 26 getötet werden, weil er fälschlich im Rainen Gottes den Untergang Jerusalems und des Tempels weissagte. Ein heftiger Streit erhebt sich für und wider den Propheten. Aber weder er selbst noch seine Verteidiger, noch seine Angreifer berufen sich mit einer Silbe auf seine oder seiner Vorgänger sittliche oder unsittliche Qualitäten als Erweis oder Widerlegung prophetischer Sendung. Oder o. 28 tritt dem Jeremia ein anderer Prophet, Chunanja, entgegen. Jeder weissagt das Hegenteil vom andern. Aber wiederum wird die Entscheidung, welcher der echte Prophet sei, nicht nach der Moralität der Personen getroffen. Jeremia selbst sieht das Merkmal des wahren Propheten darin, oaß er zunächst Unheil weissage. Findet er olles schön und g>'.t liche Mobilität. Die Volkszählung hat festgestellt, daß nur 61,5 Prozent der jüdischen Bevölkerung in derselben Gemeinde geboren waren, in der sie zur Zeit ansässig sind. Noch vor einigen Jahrzehnten war ganz Südrtalien so gut wie frei von Inden, heute hat die schnell vor sich gehende kapitalistische Entwickelung in Italien die Juden auch nach dein Süden des Landes verpflanzt. Uebrigens hat in Süditalien weder vor noch nach der jüdischen Einwanderung irgend eine Are von Antisemitismus existiert. (Das größte Waisenhaus der Welt.) Das „Hebrew Orphan Afylum" in der City von Newyork ist sicher die größte und gleichzeitig bestgeleitete Anstalt dieser Art in der ganzen Welt. Aus dem letzten Jahresbericht geht hervor, daß das Waisenhaus am Schlüsse des Berichtsjahres 1199 Bewohner hatte, von denen 905 in Amerika geboren wurden, für deren Versorgung im letzten Jahre 210.000 Dollars ausgegeben wurden. Trotzdem ist am Jahresschlüsse ein llcberschutz von 57.699,77 Dollars verzeichnet worden, der sich hauptsächlich aus Legaten ergeben bat. Der Zuschuß der Stadt Newyork für die Verpflegung von Waisen amerikanischer Bürger betrug im letzten Jahre 131,230.73 Dollars. Leiter dieser riesigen Anstalt ist Rev. Salamon Löwenstein. Ob diese Riesenanstrlt darcrus Anspruch machen darf, eine jüdische zu sein, darüber gibt der Bericht leider noch keine genügende Auskunft. (Ein Bischof über die getauften Juden.) Das Budapester „Montagblatt"" bringt folgendes Geschick) tchen von einem .alten Herrn, der zu den populärsten Gestalten Budapests gehört. „Die Gemeinde, wo ich einen kleinen Gutsbesitz angekauft hatte, so erzählt der Herr, besäst ein weltliches Anliegen an den Bischof. und redet von Frieden, dann ist erst abzutvarteu, ob der Ausgang ihn rechtfertige. Was die Propheten beschüfrigte, war nicht nur der moralische Lebenswandel des Einzelnen, sondern vorzüglichdas Geschick ihres Volkes, sie waren religiös-sittliche Politiker, von denen der heutige Kinderlehrer zwar lernen soll, die aber doch aus höherer Warte standen als auf dem Katheder der Schulstube und selbst der Kanzel der Alltagsmoral. Nach Coblenz wäre jeder Prediger, gegen dessen Lebenswandel nichts einzuwenden ist. ein „Prophet des Ewigen"". Die „Religion des Propheten"" setzt ein israelitisches Volkstum, einen israelitischen Staat (in Gegenwart ober Zukunft) vor »ns und turnt nur durch bewußte oder unbewußte Täuschung mit „unserer" Religion gleichgesetzt werden. Ar.r allerwenigsten bat unser Verfasser mit seinen Ansichten ein Recht dazu. Es wird wohl kein Kundiger bestreiten, daß Gott allen Propheten ohne Msmiijnic ein außerweltliches, reales, persönliches Wesen ist, das die Welt gegiert und in jbren Gang eingrcift, das sich real offenbart, das lohnt und straft. Der Verfasser als moderner, ungläubiger Mensch glaubt an derartiges natürlich nicht, sondern deutet es, wo es gehl, als lediglich psychologischen Vorgang im Innern des Menschen. Dem Propheten wird nichts offenbart, er erlebt es innerlich, er erkennt es, er denkt es sich, sein sittliches Bewußtsein sagt es ihm. Alle Propheten, alle Lehrer des Judentums aller Jahrhnn- Perie würden sich lvie ein Mann gegen einen Satz 'rheben wie: Sittengesetz und Naturgesetz, Versündigung und Schrcksalsschlägc haben nichts miteinander zu tun (S. 561.). Oder: „Gott richtet über die Menschen"'. Das ist so aujzusassen: unser sittliches Bewußtsein richtet über unser seitheriges Leben, das Göttliche IN uns ist der Richter über unfern Wanoel." — Danach muß mail sich fragen, ob es nach Coblenz überhaupt noch einen wirklichen Gott gibt. Zu tun hat er jedenfalls bei ihm gar nichts. Jedoch ich bestreite dem Verfasser nicht das Recht, persönlich solche Ansichten zu hegen. Aber es ist eine grobe Fälschung, seine Religion für die der Propheten auszngebcn. Daß er dies durchgängig tut, zeigt schon der. Umstand, daß er in der Regel erst erzählt, was „wir" glauberr und dann fortsährt: und so sagen auch die Propheten . . wobei er nach Belieben wegläßt, was ihm nicht in den Kram Paßt. Allerdings, es ist für einen sich nicht zur landläufigen Orthodoxie zählenden Religionslehrer ganz besonders schwierig, positiv zu bestimmen, was an Lehren oder Vorschriften für veraltet zu gelten habe und w a r N m , die Berechtigung oder den Wert einer neuen Auffassung darzulegen, eine Ausgabe, der Herr C. auch liicht entfernt gewachsen ist. Ich sage, positiv, denn in der Schule hilft es nichts, windige Phrasen zil machen. Ta hilft kein Mundspitzen, da muß gepfiffen werden. Bor allem aber wird die konstitutive Bedeutung der Propheten ungeheuer übertrieben. Ich warte darauf, daß mir auch irur eine einzige grundlegende religiöse Lehre nachgewiesen werde, dre die nachmosaischen Propheten zuerst gefunden hätten, die nicht schon irr der Thora des Mose stünde, die sie Nicht (dies gegen den kritischen Einwand, daß die Thora nachprophetisch sei) als bekannt und anerkannt voraussetzten, so daß sie mit llichten als hie Schöpfer uufcnr Religioit zn gelten Habers. Diese Bevorzugung der Propheten ist eine Taktik der christlichen Theologie, die damit das zwischen- Propheten und Jesus „zwifche,reingekommene Gesetz" beiseite schieben möchteir. Will man schon das Judentum nach einer beftimmten Epoche nennen, so kann es nur die erste, die grundlegende sein: das Judentum ist eine mos a i s ch e Religion. Ich wurde zum Führer der Deputation bestellt und wir machten uns ans den Weg. Ich bin vor 50 Jahren mit Sr. Eminenz auf derselben Schulbank gesessen, wir waren damals gute Schulkameraden, wir trafen uns noch in späteren Jahren hie und da, wir duzten uns wie zur Zeit, als wir noch gemeinsam das Gymnasium besuchten und so war ich eines freundlichen Enlpfanges gewärtig, obwohl ich ihn seit ' zwanzig Iah reis, während welcher er Bischof geworden, nicht mehr gesehen. Zu meiner Verwunderung war jedoch der Empfang ein ziemlich frostiger. Der Bischof erinnerte sich meiner ganz gut, doch er duzte mich nicht und war mir gegenüber von einer befremdenden Kälte. Ich lvar umso peinlicher berührt, als ich ihn als einen hochgebildeten Mann kannte, dem kleinliche Schioüchen durchaus frentd waren. Keim schwarzen Kaffee, als ich mit ihm allein in einenl Winkel saß, fragte er mich, wann ich mich hätte taufen lassen und was mich dazu veranlagte? Ich war sehr erstaunt urtD erwiderte : bei aller Hochachtung für die katholische Religion sei es mir doch niemals in den sinn gekommen, zur Taufe zu schreiten. Ich sei Jude wie seit meiner Kindheit, und seitdem ich alt geworden, vielleicht noch mehr. „Ich habe eine starke Aversion gegen getaufte Juden," sagte er. „Das heiligste im Menschen ist seine Religion und tvev feine Religion verlassen kann, der ist mir antipathisch. Ich weiß nicht, wer mir gesagt hat, daß Du getauft wärst und das hat Dich mir entfremdet. Ich habe auch noch nie im Leben die Taufe eines Juden vorgenom- MkN. Es haben sich bereits zahlreiche an nnch gewendet, doch habe ich sie stets hinauskomplimentiert. Wenn sie durchaus das Beoürsnis füllen, eine andere Religion anzunehmen, so mögen sie sich einen anderen Vermittler suchen.""

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.