Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 44 (5.11.1908)
- Date
- 1908-11-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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6. November 1908 Der Israelit. Seite 3 Ro. 44 keinen Stillstand gibt. Wo Fortschritt nicht zu erwarten/ da ist der Rückschritt unausbleiblich. Die Duma konnte nach ihrer Beschaffenheit keine Besserung der jüdischen Lage bringen ergo mußte sie eine Verschlechterung herbeiführen, Verschlimmerung aus Verschlimmerung. Die Millionen Juden stehen heute im Zarenreiche rechtloser denn je, rechtloser als in den Zeiten, da die absolute Willkürherrschaft noch von keiner Farce einer Volksvertretung gestört und belastet wurde. Man denke nur an die drakonischen Wohnrechtseinschränkungen in Petersburg und Moskau, an die Ausweisungen der eingeborenen jüdischen Fischer in Astrachan, an die judenreinen Universitäten usw. In der dritten Duma ist die eigentliche Judenfrage nicht zur Verhandlung gelangt, aber es verging bisher fast keine Sitzung, die nicht einen Angriff gegen die Juden gezeitigt hätte. Man verhandelte über Steuerreformen und schimpfte auf die Juden, man beriet ein neues Älkoholgesetz und griff die Juden an, man debattierte über das Militärbudget und verleumdete die Juden. Einmal wollte man freilich die Juden unerwähnt lassen, das war als man bei der Behandlung der Schulvorlage wichtige Beschlüsse betreffs Zubilligung von eigenen Schulen an die verschiedenen Nationalitäten Rußlands faßte. Als aber dann ein jüdischer Abgeordneter mit einigen sehr schüchternen Worten die Juden in empfehlende Erinnerung brachte, da traten die Reaktionäre noch rechtzeitig ein und sorgten dafür — daß auch diese Vorlage nicht ohne die unvermeidliche Judenbeschimpfung ihre Erledigung fand. Unter diesen Umständen ist der immermehr platzgreifende Pessimismus unter den russischen Juden mehr als begreiflich. Man hat den Mut verloren und wagt es nicht mehr, von sich reden zu machen in einer Körperschaft, deren feindliche Gesinnung ohnedies täglich bei jeder passenden und unpaffenden Gelegenheit zum Ausdruck gelangt. Ein direkter Antrag auf Gleichberechtigung, gegen den sich die Mehrheit der russischen Juden wegen seiner sichern Aussichtslosigkeit und eventuellen Gefahren erklärten, wird oaher auch in dieser Session nicht eingebracht werden. . Es ist von völkerpsychologischem Jntereffe, einige Vergleiche nach dieser Richtung anzustellen. In Oesterreich hat das allgemeine Wahlrecht eine antisemitische Volksvertretung entstehen lassen. In R uß l a n d, diesem berüchtigten Lande der Pogrome, hatte aber, als die Wahlverhältniffe noch günstiger lagen, eine durch und durch liberale und judenfreundliche Duma bestanden. In der ersten „demokratischen" Duma saßen 13 jüdische Abgeordnetein der zweiten gemäßigtliberalen 7 jüdische Vertreter. Erst der dritten Duma, diesem Produkte eirres allen Begriffen der Gerechtigkeit und Bürgerfreiheit hohnsprechenden Wahlsystems, in der die 10 Millionen Juden durch zwei Sitze ververtreten sind, blieb es Vorbehalten, ohne die eigentliche Frage der Judenemanzipation als spruchreif zu erachten, jeden Punkt der Tagesordnung in den Dienst der von oben verfolgten Ausrottungspolitik zu stellen. Soll etwa aus dieser Wahrnehmung ein Trost für die russischen Juden abgeleitet werden? Das Bewußtsein, daß das Volk in seiner großen Gesamtheit nicht judenfeindlich gestimmt ist, ist leider praktisch wertlos zu einer Zeit, da die Volksmeinung so wenig ins Gewicht fällt. Immerhin sollte diese Tatsache den sogenannten fortschrittlichen Parteien, den Kadetten und Oktobristen zu denken geben, deren Führer auf eine diesbezügliche Anfrage des jüdischen Abgeordneten Nisselowitsch wiederholt erklärten: Das russische Volk sei für die Idee der Gleichberechtigung noch nicht reif und würde durch Aufrollung dieser Frage in Aufregung geraten. Die banäfagsioahien in fliefleröflerreidi. Die Landtagswahlen in Niederösterreich sind so ausgefallen, wie man es nach Lage der Dinge nicht anders erwarten konnte. Die Antisemiten haben die Kraftprobe wiederum glänzend bestanden und die Gewißheit erhalten, daß das allgemeine Wahlrecht ausschließlich ihnen zugute komme. Speziell Wien hat sich als gute Lueger-Stadt bewährt. Von den 48 Mandaten, die diese Stadt zu vergeben hatte, fielen 43 den Christlich-sozialen zu, den Rest von 5 Mandaten erhielten die Sozia ldemokraten. Die Liberalen gingen leer aus. Die zweihunderttausend Juden Niederösterreichs bleiben auch in diesem Landtag unvertreten. Dies das Resultat der letzten Wahlen, das, obwohl vorausgesehen, doch nun als Tatsache niederschmetternd auf alle liberal gesinnten, für Recht und Freiheit einstehenden Elemente wirken muß. Das allgemeine Wahlrecht, das nunmehr zur allgemeinen Wahlpflicht geworden, traf das Volk nicht unvorbereitet. Die Lueger-Partei hatte, von unzähligen Faktoren begünstigt, gehörig vorgearbeitet und kann nun allein das Feld behaupten. Es ist von jeher das eigenartig Tragische in unserer Geschichte, daß die jüdische Macht, die als Schlagwort im Feindeslager mit so großem Nutzen arbeitet, von den Juden selber kaum verspürt wird. Mit der Parole „Gegen die jüdische Macht und Herrschaft" halten die Christlich-sozialen ihre glänzenden Triumphzüge, ernten sie Erfolg auf Erfolg, haben sie nun alle Sitze rm Landtag erobert. Und die viel gefürchtete jüdische Macht, der viel bekämpfte jüdischeEinfluß haben es nicht verhindern können, daß in der Le op old stad t, im sogenannten jüdischen Zentrum, zwei christlich-soziale Abgeordnete, darunter der Antisemitenhäuptling Dr. Lueger, in den Landtag gewählt wurden. — Freilich enthält diese Tatsache weniger eine Rechtfertigung, als vielmehr eine Anklage gegen die Wiener Judenheit. Sie beweist, wie wenig entschlossen und zielbewußt sich die jüdischen Wähler an der Wahlkampagne beteiligen. Abgesehen von den wenigen Juden, die. von den christlich-sozialen Verwaltungsorganen gewaltsam ins sozialdemokratische Lager gedrängt wurden, zersplitterten sich die jüdischen Stimmen unter die. verschiedenen liberalen Fraktionen, die auf einen Erfolg weder rechnen konnten noch ernstlich rechneten. Die bei einer solchen ziel- und zwecklosen Wahltaktik bekundeten frommen Wünsche sind gewiß menschlich begreiflich und sollen vom idealen Standpunkte aus gewürdigt werden, ein Anwalt, der im Landtage jüdische Interessen wahrnimmt und gegen einen übermächtigen Feind verteidigt, ist aber leider dadurch nicht gewonnen. Und einen solchen hätte man durch Konzentration der jüdischen Stimmkraft gewinnen können. Gewiß hätten die Juden, und träten sie noch so geschlossen auf, nicht vermocht, den allmächtigen Christlich-sozialen ernstliche Hindernisse in den Weg zu legen. Aber einen Vertreter hätten die Juden bei geschlossenem und zielbewußtem Vorgehen sich erringen können. Das ist nicht geschehen und es ist überaus bedauerlich, daß es nun doch der ganzen Legislaturperiode eines durch und durch antisemitischen Parlaments bedürfen wird, um die jüdischen Wähler Niederösterreichs von der Notwendigkeit eines geschloffenen und entschlossenen politischen Vorgehens, ohne welches eine geeignete Vertretung ihrer Interessen im Landtage undenkbar ist, zu überzeugen. Line literarische Execution. Die „Jüdische Religion" des Herrn Dr. Coblenz ist von gesetzestreuer Seite wiederholt unter die Lupe genommen und als ein wissenschaftlich wie pädagogisch unbrauchbares Werk gekennzeichnet worden. Wenn wir heute auf das kleine Büchlein, das so viel Ehre gar nicht verdient, nochmals zurückkommen, so geschieht das, weil das Coblcnz'sche Religionsbuch in neuerer Zeit eigentlich der erste Versuch ist, die widerspruchsvollen und in der Luft schwebenden religiösen Phantasien des „liberalen Judentums" in die Kunde von dem Reiche der Sumerier und der ihnen folgenden Altbabywnier, eine Kunde, welche aber wohl unsere Bibel besitzt. Im Lande Babylon lebten zur Zeit Mrahams außer den allgemeinen Ostsemiten, zu welchen die Assyrer und eigentlichen Babylonier gehörten, auch noch westsemitische, syrische Semiten. Von diesen stammte Abraham, so daß also die Urväter Israels ebenfalls aus Palästina stammten. Ueberhaupt waren die Urbewohner Palästinas, also die Vorgänger der sieben Völkerschaften Semiten. Damit erklärt sich eine andere Tatsache. Bekanntlich rechnet die Thora im Kap. 9 des 1. B. M. die Kenaani, Jewusi, Emori :c. zu den Abkömmlingen Hains. Dazu stand aber in außerordentlich großem Widerspruch die Tatsache, daß die Kanaanäer und Phönizier, welche einen Teil der Kanaanäer ausmachen, eine semitische, der hebräischen durchaus nahe Sprache besaßen. Daher gaben fast sämtliche Bibelforscher der Thora Unrecht und rechneten die Kanaanäer zu den Semiten. Dieser Widerspruch klärt sich jetzt zu Gunsten der Thora. Die Urbewohner Palästinas waren, wie gesagt, Semite^», besaßen geläuterte Unschauungen von Gott und eine ziemlich hohe Kultur, die Kanaanäer rc. drangen später in Palästina ein und sie waren von bedeutend niedrigerer Kultur. Es trat jene oftmals sich ereignende Erscheinung ein, daß die auf tieferer Kulturstufe stehenden Eroberer Kultur und Sprache der höher zivilisierten Ureinwohner annahmen. Jetzt versteht man auch die Bemerkung, im 1. B. M. 13,7 „der Kanaani und der Perrsi waren damals im Lande", an welcher die Bibelkritiker so großen Anstoß genommen haben. Die Thora gehr eben von der ihr bekannten Tatsache aus, daß die Kanaanäer ins Land „gekommen" waren und nicht, wie die Bibelkritiker meinen, daß sie von Urzeiten her Bewohner und Besitzer de- Landes waren, und meint. daß die Kanaaniter» inzwischen ins Land gekommen waren. Ebenso wird durch diese Forschungen jetzt Malkizedek, der König von Salem, Priester des höchsten Gottes, in das hellste Licht der Geschichte gerückt. Er gehörte zu den semitischen Urbewohnern Kanaans, welche wie gesagt, eine ziemlich lautere Anschauung von Gott hatten. Jerusalem ist somit eine uralte Stadt, von Uralter her Sitz der Gottesverehrung. Bekanntlich hatte die Bibelkritik gerade dieses jetzt legitimierte Kapitel der Genesis in das Reich der Legenden verwiesen und dessen Einführung in den Pentateuch irr die Zeit kurz vor Alexander dem Großen datiert. Tie Westsemiten haben der Menschheit einen unendlich wichtigen Knlturdienst geleistet. Die Schrift der Sammerier, oie Keilschrift, war eine Silben schrist, d. h. für jede Silbe gab es ein besonderes Schriftzeichen, sodaß der Schreiber und der Leser über eine ganz ungeheuere Zahl von Schriftzeichen verfügeir mußte, was üas Schreiben und Lesen Zu einer sehr großen Kompliziertheit und Schwierigkeit machte. Die Westsemiten erfanden die Alphabetenschrift, d. h. für jeden Konsonanten ein besonderes Zeichen, sodaß also die Zahl der notwendigen Schriftzeichen, über welche Schreiber und Leser verfügen mußten, bloß eine geringe (20 bis 28, je nach Anzahl der Laute einer Sprache) zu »ein brauchte. Von den Westsemiten lernten ja bekanntlich die Griechen, von diesen die Römer und dann ore Germanen und Romane»», also die heutige W.'lt die' Buchstabenschrift. Dies die Ausführungen des Herrn Dr. Jampe», denen wir im Interesse der Wertung und Schätzung unserer heiligen Thora die weiteste Verbreitung wünschen. Herrn Dr. Jampel aber sei für sein eifriges Forschen und Arbeiten auf diesem Gebiete der 71fl dem er nach dem Borbilüe Jissachars obliegt, reiche Anerkennung Zaitgwill’s Plaidoyer für die misebebe. Newyork, 21. Oktober. Israel Zangwill ist eigens von Europa herübcrgekoinlnen, unr per Aufführung seines neuen Dramas „Ter Schmelztiegel", die am ö. Oktober in Washington stattsand, beizuwohnen. Im Publikum sah man den Präsidenten Roosevelt, mehrere Mitglieder des" Kabinets und ein distinguiertes Publikum aus allen Konfessionen. Die Tendenz oes Stückes, die Amerika als einen großen „Schmelztiegel" für die Nationalitäten darstellt, ist geeignet, die Syinpathie aller amerikanischen Patrioten wachzurufen. Weniger erbaut werden die national oder religiös empfindenden Juden sein von eine»n Stücke, das nt der Verheiratung einer russischen Christin Vera Ravendele mit einem russischen Violinisten David Quixano gipfelt. Vera's Vater hat in Rußland den „schwarzen Hundert" nahe gestanden und den Pogrom von Kischinew geleitet. David ist eilt Opfer der Kischrnewer Massakres, und wenn beide sich dennoch in Liebe finden, so soll damit nicht etwa wie in den Theaterstücken der Emanzipationszeit die überwindende Macht der Liebe besungen, sondern eine rein politische These verfochten werden. Diese These lautet: In Amerika walten, wie David sich ausdrückt, die „großen Gottesseuer", die über die kleinlichen Rivalitäten und Gegensätze der Menschen zur Tagesordnung übergehen und Deutsche und Franzosen, Iren und Engländer, Juden und Russen zu einem großen Ganzen zusammenschmelzen. Gute Freunde des Herrn Zangwill behaupten, das Stück solle eine Warnung sein und den Juden zurufen: „Gründet Euch einen nationalen Staat, sonst geht Ihr zu Grunde". Leider