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Der Israelit · 1908-10-29 · Heft 43 (29.10.1908) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 43 (29.10.1908)
Date
1908-10-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
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SS. Oktober 1908. Der Israelit. «eite IS. Nr. 43 ist, erkennen, erheischt Ausführungsbestimmunaen und Auslegung des Gesetzes, und aus den Motiven des Gesetzes erfahren wir die Bedingungen seiner Anwendung. Fragen aber über da-, was jenseits unserer Erfahrung liegt,. bilden keinen Bestandteil der jüdischen Lehre. Um Juden sein zu können, bedürften wir nicht der Wissenschaft von der Geschichte der Schöpfung, nicht einmal die der eigenen Geschichte des jüdischen Stammes. Wir wären Juden auch ohne das erste Buch Moses und auch ohne die ersten elf Kapitel des zweiten Buches. Wir find nicht Juden durch die Anerkennung gewisser Glaubenswahrheiten, wir sind nicht Juden durch die Geschichte, wir sind Juden durch das Gesetz, das uns ward und das seine Erfüllung von uns erwartet. Nur aus apologetischen Gründen, zum Zwecke der Verteidigung, werden uns Mitteilungen über die Welt und die Geschichte der Menschheit auf ihr gemacht. Nicht etwa aus naturwissenschaftlichen Gründen gibt uns die Thorah Kunde von der Entstehung des Erdballes, nicht um den Schleier von den Geheimnissen der Schöpfung zu lüften und die Gesetze uns mitzuteilen, nach denen die Kräfte der Natur wirken, die Geschehnisse außer uns sollen den Blick nicht von uns ablenken. Nur insoweit werden wir über sie belehrt, um uns in unserer Weltstellung zu begreifen, nur um zu erkennen, daß wir einem Gesetze unterliegen, wie die Dinge um uns von Gesetzen beherrscht werden, nur um dem Gedanken der Willkür zu begegnen, der dort triumphiert, wo der Blick stets nach außen schweift. Nicht Willkür schuf unser Volksleben, nicht Willkür schuf unsere Anschauung und unser Volk kennt keine Willkür eigener Unternehmungen, unsere Anschauung erblickt nirgends Willkür. Es gründet sich unser Dasein auf ein Gesetz und dieses Gesetz befiehlt uns unser Tun. Es hat das Recht uns zu führen, denn nach ihm, nach dem Wort unseres Gesetzgebers, regelt sich auch -er Lauf der großen Natur, des allweiten Weltalls. „Die Kraft Seiner Werke hat Er Seinem Volk verkündet, ihm ein Erbteil unter Völkern, das Erbe von Völkern, zu geben." In Natur und Geschichte gilt nur ein Gesetz. Beide haben nur einen Gesetzgeber und Leiter. Das lesen wir aus den Berichten über das Werden in Natur und Menschheit. Und um dieses Gesetz anzuerkennen und seiner Führung uns anzuvertrauen, in ihm allein den Gestalter und Erhalter unseres Lebens zu erblicken, dazu ward uns die Thorah. Also beginnt Raschi-seinen Commentar zum Pentateuch. Die Geologie und die ersten Blätter der Genesis. Entwicklung ist das Schlagwort, welches das wissenschaftliche Denken heute beherrscht. Wie sehr der Entwicklungsgedanke der Anordnung der Schöpfungsgeschichte der Bibel entspricht, ahnen diejenigen wohl kaum, welche wähnen, durch die Entwicklungstheorie der Bibel den Garaus gemacht zu haben. Allerdings bedingt das Nachdenken einer EntwiÄungsreihe auch ein Nachrechnen. Und wo viel gerechnet wird, da stellen sich auch leicht Rechenfehler ein. Nicht als wenn aus den angenommenen Voraussetzungen man nicht die logischen Schlüffe aufbauen könnte, die daraus gezogen werden, sondern die Voraussetzung, daß sich alles berechnen ließe, ist der Grundirrtum. Ebensowenig wie in der Geschichte und der Politik sich alles in Zahlen auflöst und hier wie dort an Ueberraschungen es nicht fehlt, so ist auch in der Natur den Elementen Rechnung zu tragen, die häufig genug mit elementarer Gewalt durchbrechen und alles zu Schanden machen, was der Mensch mit dem Fleiß seiner Hand und auch im ernsten Streben seines Gedankens sich praktisch und auch theoretisch geschaffen und zurecht gelegt hatte. Und diese unberechenbaren Vorgänge zu berechnen, mit zu kalkulieren, bildet die Aufgabe des Rechenkünstlers, wenn er Enttäuschungen sich ersparen will. Die Wissenschaft meint heute, die Welt bestehe schon Millionen Jahre, und Perioden lassen sich unterscheiden, die den einzelnen Zeiten der Entwicklung ihre besondere Präge gegeben. Diese deutlich zu unterscheidenden Zeitalter wären es, die uns in undenkliche Vorzeiten führen, wenn wir nach dem Tag der Schöpfung forschen wollten. Dem gegenüber lehrt die Chronologie des biblischen Schrifttums und der nachbiblischen Annalen der Geschichte, daß wir noch keine sechstausend Jahre von dem Schöpferwort entfernt sind. Zwischen solchen Ansichten gähnt eine unüberbrückbare Kluft und Ja oder Nein, Wahrheit oder Lüge der Bibel, Sein oder Nichtsein der höchsten Weltmacht in der Vorstellung der Menschen hängt von dem Siege der einen oder anderen Weltanschauung ab. Lassen sich nun in der Thoraherzählung Andeutungen finden, welche bei Beibehaltung der von ihr überlieferten Zeitspanne doch etwa den „feststehenden Tatsachen" der Naturwissenschaft recht eigentlich die Grundlage erst geben, wenn auch in anderer als von der Wissenschaft gewollter Form? Wir wollen mit dieser Frage nicht mißverstanden werden. Wir stehen durchaus nicht auf dem Standpunkt, das Judentum gerettet zu haben, wenn wir glücklich die Tageswüsheit in es hineinerklärt hätten. Wir können es ruhig, ohne nervös zu werden, ertragen, wenn einmal Thorah und Wissenschaft in den denkbar größten Gegensatz geraten. Die Thorah gilt uns und hat sich vor den Augen der ganzen W lt als jenen bronzenen Fels bewährt, an dem Welle aus Welle der wissenschaftlichen Sturm- und Hochfluten zerrinnet. Die widersprechendsten Resultate des menschlichen Denkens heben sich ja fortwährend selbst auf. Auf der anzen Linie der wissenschaftlichen Forschung, . h. auf dem theoretischen Gebiete der belebten und unbelebten Natur gibt es keine feststehenden Tatsachen. Und der Glaube, wir dienten der Sache des Judentums, wenn wir der Thorah jedesmal den Mantel umbängen, den die wissenschaftliche Welt ihr reicht, dürfte wohl unser höchstes Mitleid erregen. Mitleid mit einer unberechtigten Ueberschätzung des Wertes wissenschaftlicher Theorien und Mitleid mit einer Geringschätzung des eigenen höchsten Kleinods, unseres Judentums, das man zu einem Leisten erniedrigen wollte, auf den jeder Schuh paffen soll. Aus diesem Grunde scheint es uns, um ein - Beispiel anzuführen, bedenklich, einen Versuch erneuern zu wollen, den allerdings anerkannte Größen unserer spanischen Blütezeit schon gemacht haben, die sechs Schöpfungstage als ebensoviel nicht näher zu bestimmende Zeitperioden anzusehen. Bedenken wir denn nicht, daß wir damit ganz einfach den Schabbos, die Grundlage des Judentums, entthronen? Wenn ein Tag der Schöpfung kein Tag ist, sondern Perioden darstellt, warum soll dann der siebente Tag nicht auch eine Dauer haben, die den anderen Zeiten der sechs vorangegangenen Tage gleicht, sondern ein Tag von vierundzwanzig Stunden sein? Wollten wir aber zur Allegorie greisen, wo dürfen wir da anfangen und wo aufhören? Die Alexandrinische Schute, die aus der ganzen nicht mit erlebten Geschichte eine Allegorie zu gestalten wagte, dürfte für die Praxis des Judentums nicht sehr nachahmenswert erscheinen. Zudem ist sie doch durch die Wissenschaft, der sie dienen wollte, gründlich widerlegt. Die inzwischen gefundenen Dokumente der Geschichte haben uns ein leibhaftiges Leben z. B. Abrahams bewiesen. Seine allegorische Figur hat inzwischen eine recht lebensvolle Gestalt angenommen. Ist Abrahams Leben nun etwa darum weniger vorbildlich, weil es ausgehört hat bildlich zu sein? Ist die Lehre, die an seinen Namen geknüpft ist, nicht lebensgroß gewachsen, well sie lebenswahr und nicht erdichtet ist? Mag das eine Beispiel den Wert allegorischer Auffassung genügend kennzeichnen. Und was zwingt uns, um auf die oben berührte Frage zurückzukommen, in den Schöpfungstagen Perioden zu erblicken? Wir wollen gar nicht an den Satz denken: „Ist etwa Gottes Hand zu kurz?" Wir wollen die Natur natürlich betrachten. Ihr Wunder ist einer Steigerung nicht fähig. Also nennen wir es Natur, wenn aus dem Nichts das All entstand. Kann es gegenüber dieser Tatsache noch eine Bedeutung haben, ob an einem Tage oder in vielen Jahren das Werden sich vollzog? Und doch, die heutige Wissenschaft will berechnet haben, daß zur Entwicklung bis heute die Welt der Erscheinungen Millionen Jahre gebraucht hätte. Das „Wenn" vergißt sie hinzuzusetzen. Wenn nämlich alles in ruhiger allmählicher Entwicklung sich entfaltet hätte. Das „Aber" fügen wir hinzu. Aber dem war nicht so. Kennt die Geschichte keine plötzlichen Vulkanausbrüche, ken it sie keine Fortspülungen durch das Meer? Wird nicht Eisen durch plötzliche Erkaltung zum Stahl? Und sehen wir nicht, welche Rolle in der Industrie überhaupt plötzlicher Temperaturwechsel spielt und welche Veränderung er herwrzubringen vermag? Müssen aber nicht die Eigenschaften einzelner Teile der Natur ihren Ursprung in der Gesamtheit der Natur haben? Und wenn wir nun solche plötzlichegroße Veränderungen der Natur im Bericht der Thorah gewahrten, Veränderungen, die freilich, wären sie erst allmählich vorbereitet und gestaltet worden, Millionen Jahre bedurft hätten, die aber nun, da sie Plötzlich eintraten, von gleichen und vielleicht viel stärkeren Wirkungen begleitet waren, aber innerhalb der überlieferten Zeitspanne sich vollzogen haben?! Bon drei Veränderungen, die die Erde durchgemacht hat, berichten die ersten Blätter der Genesis. Die erste trat nach dem ersten Sündenfall ein. Das dritte Kapitel des 1. B. M. berichtet darüber in Vers 17 bis 19: „Fluch trifft die Erde um deinetwillen, in Entsagung sollst du sie genießen, solange du lebst. Stachel und Klette wird sie dir wachsen lassen, und du müßtest das Gras des Feldes essen. Im Schweiße deines Angesichts nur wirst du Brot essen, bis du zur Erde zurückkehrft." Ist es nicht dieselbe Erde, auf der der Mensch vor und nach seiner Sünde lebte? Trifft den Erdboden Fluch, sodaß er dem Menschen nicht die Fülle einer Schätze wie bisher reicht, sondern der Mensch nach harter Arbeit erst im Schweiße seines Angesichts ihm sein Brot abringen muß, dann ist klar und deutlich damit gesagt, daß eine Veränderung in der Natur eingetreten war, eine Magerkeit des Bodens, eine Entziehung der Feuchtigkeit, eine Erkaltung der Kruste. .Die Wirkung erfährt der Mensch auf der Oberfläche des Bodens, den er fortan bearbeiten muß. Die Begleitwirkung im Erdinnern find vielleicht uns zu entdecken aufbewahrt geblieben: nicht zur Läugnung, sondern zur Bestätigung des Bibelwortes. Mit diesem Fluche war die erste Periode des Erdballs durch plötzliche Einwirkung des fteiwaltenden Schöpfers i m Hinblick auf das Sittenleben des Erdensohnes, des Menschen, abgeschlossen. Es beginnt das zweite Stadium. Doch wieder nicht nach Millionen Jahren, a llzubald erfährt auch diese relattv noch günstig zu nennende Lebensbedingung ihren plötzlichen Abschluß. Wieder zeigt sich der fteie Beherrscher der Natur als Sittenrichter des Menschen. Die Natur ist des Menschen wegen da. Denn da die Klageftimmen ertönen, das verspritzte Bruderblut vom Erdboden zum Himmel schreit, da muß die Erde, die ihren Mund aufgetan, um das Blut des Bruders hinzunehmen, die zweite plötzliche Veränderung erfahren. Kap. 4 V. 12 spricht das große Wort der Strafe aus: „Wenn du den Menschenboden bearbeitest, wird er dir seine Kraft nicht mehr geben." Auch die Kraft, die dem Boden nach dem ersten Fluch noch geblieben war, wird vermindert. Neue, erhöhte Anstrengung wird vom Menschen

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