Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1908)
- Date
- 1908-10-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18. Nr. 42. Der J-raeltt. 29. Ottover 1908. Sie bedürfen dazu keines Lehrers, keines Vorstandes. In freien Zusammenkünften, in denen der Ernst und die Heiligkeit der Sache genügende Autorität ist, werden Referate gehalten und verteilt, erfolgt das gemeinsame Lesen und Besprechen -es Gelesenen, werden Vorträge gehalten und wird diskutiert. Ohne Ehrenämter und ohne Streit, ohne Amtspersonen und ohne viel Wesen werden die schlichten und doch so erhebenden Stunden der Thorah gewidmet und ihr gelebt. Dann bleibt der „Religionsunterricht" nicht an die Zeit des Schulzwanges gebunden, dann wird aus dem Religionsunterricht wieder ein echtes und rechtes „Lernen." Und aus dem alten Wissen erblüht ein neues Leben. Die Einleitung zu einem ‘alten ^entatencb'Koninientar. Wenn heute ein Büch erscheint, }0 bringt es an der Spitze eine Vorrede, die uns über den Grund der Herausgabe belehrt. Ihr folgt eine Einleitung, die uns in den Geist und die Methode des Werkes einzuführen bestimmt ist. Je bedeutsamer das neue Literaturerzeugnis ist, umsomehr Vorworte glaubt man vorangehen lassen zu sollen. Und je höher die Sache steht, die in der Schrift ihre Würdigung erfährt, um so umfangreicher glaubt man die Einführung in den Stoff gestalten zu müssen. Ganz anders verfuhr oer Kommentar, dessen Einleitung uns vorliegt. Das bedeutsamste Werk der Literaturgeschichte macht er zum Gegenstand der Betrachtung. Volkstümttch sind die Gedanken, die uns vorgetragen werden, leicht fasslich die Form, in der sie dargeboten sind. Es ist eine Erklärung, die nicht bloß dem Gebildeten verständlich ist in ihrer Höhe oder dem Zunftgelehrten in ihren technischen Ausdrücken. Dem Kenntnisreichen bietet sie Vieles und Großes, dem Ungelehrten Neues und Befriedigendes. Jede Zeit findet ihren Gedankenkreis darin,' jede Neigung ihre Freude: der Grammatiker sein Gebiet, der Prediger seine Fundgrube, gesetzliche Bestimmungen bietet sie aller Art und enthält eine Fülle sprachgeschichtlicher Bemerkungen^ Jedes Handwerk fast kommt zu seinem Recht, und auch die Kunst ist nicht vergessen. Wir erhalten geographische Aufschlüsse und zoologische Aufklärungen werden uns gegeben. Der ganze Apparat des menschlichen Wissens wird in Bewegung gesetzt, und von allen Seiten wird das Material zum Gerüst herbeigeschafft, um den Bau des Buches der Bücher damit herrlich aufzurtchten. Was Wunder, wenn einem so umfassenden Werk, wie die Thorah es ist, eine gedankenreiche Einleitung vorausgeschickt wird, was Wunder aber auch, wenn der Eigenart der eigentlichen Arbeit der Charakter der Einleitung entspricht? Anspruchslos und einfach tritt sie uns entgegen. Doch diese Schlichtheit gerade ist es, die ihr das Herz ihres Volkes erworben und in ihm ein ewiges Leben sich gesichert hat. An alle Zeiten und an alle Stände, an jedes Geschlecht und an alle Altersstufen kann man sich wenden und von allen wird man gleichmäßig verstanden, wenn man zu allen in der Sprache spricht, die allen verständlich ist. So wurde Raschi der treue Vermittler der Thorah an Jahrhunderte, und schon sitzt sein Volk fast tausend Jahre zu seinen Füßen und noch immer ist sein Wort zeitgemäß. Es ist uns alleiniger unbestrittener Führer durch die Gänge des takmudischen Labyrinthes geblieben und kann uns mit seinen tiefgründigen Worten zur Thorah auch dort heute noch den Pfad weisen, wenn wir die Winke verstehen, die Raschi gibt. Die Zitate, die er ansührt, wollen nur durch die Quellen, denen sie entlehnt sind, ergänzt werden. Die Sprache, die er wählt, will nur ins Moderne übertragen sein, sie bildet nur die Schale, die den gehaltvollen Kern ewiger Gedanken enthält. Da verabsäumt Raschi es denn nicht in den einleitenden Worten zu seinem Kommentar zum ersten Buche der Thorah, gleich zu Beginn der Geschichte derSchöpfung und derGeschichte derMenschen uns den jüdischen Standpunkt des Denkens und Denkers anzuweisen. Im Geistesleben der Völker bildet das bloße Denken und Grübeln über die Welt in uns und außer unserer den Hauptinhalt, die Grundlage aller Bildung. Die Geschichte der Anschauungen des Menschen und ihrer Gedanken ist die Geschichte der Philosophie. Ohne Philosophie wäre kein Wissen, keine Bildung denkbar, denn wo der Blick nach außen gerichtet ist, da wird die Disziplin des Geistes dadurch beherrscht, wie die Dinge außer uns uns erscheinen und wie wir unsere Beziehungen zu ihnen beurteilen. Was die Thorah aber der Welt brachte, war eine ganz neue Gedankenrichtung. Der Blick des Menschen sollte aus sein Inneres gelenkt werden. Nicht die große Welt der Schöpfung sollte des Menschen Anteilnahme ausschließlich in Anspruch nehmen. Die kleine Welt in seiner Brust sei seine Welt, so spricht die Thorah Auch die Thorah kennt und will eine Philosophie. Sie verwirft aber die Philosophie des Seins und ruft eine Philosophie des Sollend aus. Die Fragen nach Ursprung und Ziel des Seins sind insofern müßige Fragen, als sie unbeantwortet bleiben. Doch die Fragen nach Grund und Zweck des Pflichtenlebenkönnen ihre Antwort erhalten und führen zur glücklichen Gestaltung des Lebens der Menschen und Völker. Das sind Erfolge, greifbar und bejahend, ausbauend und beglückend. Streng genommen würde auch die Kenntnis der Geschichte für einen Menschenkreis keine sittliche Bedeutung beanspruchen, der nach dem Sittengesetz seinen Wandel einrichtet uno nie von dem Moralkodex abgewichen wäre. Denn was die Geschichte zur warnenden und mahnenden Lehrerin erhebt, ist der Kampf des Guten und Bösen, den sie veranschaulicht. Aus ihr erkennen wir den Much der bösen Tat und den Segen des guten Wirkens. Sie stellt die Erfahrung dar. Wer nur um sich blickt, um Platz für sich zu suchen, wird durch Erfahrung klug. Wer aber in sich hinein den Blick versenkt, um seine Pflicht zu erkennen, bedarf der fremden Lehre nicht. Auf sich und seine Pflicht gestützt vermag er sein Leben aus diesen beiden Elementen allein aufzubauen. Nie ginge er fehl. Nur muß er stark genug sein, den Reizen der Natur und den Lockungen der Menschen zu widerstehen. Wir könnten uns Menschen und Völker denken, die losgelöst von dem Zusammenhang der Weltgeschichte in den Kreis der Staaten einträten und durch ein vollkommenes Sittengesetz, das sie mitbrächten — a priori — aus sich heraus, die richtige Bahn einschlügen und den richtigen Ton der Lebensharmonie weit bester träfen, als ihre Umgebung, die immer noch erst in der Fortentwickelung begriffen ist und — a posteriori — aus Gelingen und Mißlingen den Katechismus der Anschauung und des Lebens sich zusammenstellen muß. Mit Israel hat dieser Gedanke ja wirklich Leben gewonnen. Die Thorah —so meint drum Raschi— hätte erst mit tob ntn (2. B. M. 12, 1) zu beginnen brauchen. Denn das ist das erste Pflichtengesetz, das Israel gegeben wurde. Die Neumondsheiligung ist das erste Gesetz, das Israel, als Volk, erteilt wird. Die Thorah ist ein Gesetzbuch und das jüdische Volk ist ein Volk des Gesetzes. Das Gesetz ist der Kern der jüdischen Lehre und durch es allein lebt die jüdische Nation als solche. Fragen, die jenseits des menschlichen Begriffsvermögens liegen, werden von der Thorah gar nicht aufaerollt und mithin auch gar nicht beantwortet. Das schließt allerdings nicht aus, daß es gewisse Voraussetzungen gibt, auf denen als Grundlage, nur das Gesetz bestehen kann. So kann jedes Staatsgesetz solcher Bedingungen nicht entraten. Das Vorhandensein eines Gesetzes lehrt einen Gesetzgeber, einen Volkskörper, für den das Gesetz gegeben noch in B. und verstand es einige wohlhabende, einflußreiche Jehudim von der Notwendigkeit zu überzeugen eine fromme Gemeinde zu gründen. Die Geschichte lehrt, welchen Dienst er dem orthodoxen Judentum damit geleistet. Nachdem er auch sonst einige nicht unwichtige Unterstützungen der jungen Gemeinde angedeihen ließ, zog er sich zurück. In einer Reihe anderer Großstädte leistete er Aehnliches. Das ist nun die tragische Seite seines Geschickes, wenigstens für objektive Beobachter. Er verstand es wie wenige, die Geister aufzurütteln und zu ihrer Pflicht zu rufen. Dem stets für die Allgemeinheit Opferbereiten wagte keiner so leicht seinen kleinlichen Egoismus entgegenzusetzen. Er glaubte so fest an das Gute in jedem Menschen, daß sich unwillkürlich jeder bemühte, den Glauben zu rechtfertigen. Große Gedanken anregen konnte er, gründen wie kein zweiter, aber die Neuschöpfung dann in ruhiges Fahrwasser zu lenken, war ihm versagt. Er wusste es, und erst vor wenigen Jahren — wieder, bei der Gründung einer Gemeinde in einer deutschen Großstadt — äußerte er, als im Anfänge Zwistigkeiten ausbrachen: „Ich muß fort, früher kommt keine Ordnung!" — Doch ich greife vor. Später ging er nach London, rief dort eine Jeschiwah ins Leben, und nun war ein großer Teil seiner Lebensaufgabe, dieses Institut zu erhalten. Sem eigenes Vermögen hatte er größtenteils verschenkt, es gab für ihn kein langes Ueberlegen in diesem Punkte. Sah er jemand in Not, und er hatte Mittel zur Linderung, so war es selbstredend, daß er half, der Gedanke, morgen vielleicht in derselben Notlage zu fein, kam ihm nicht, sein unbegrenztes Gottvertrauen ließ ihn nicht aufkommen. Eine Rente sollte ihn vor Not schützen, aber da man ihn natürlich nicht hindern konnte, das Geld sofort weiterzugeben, wenn er es bei anderen angebrachter fand, als bei sich, kam es oft genug vor, daß er nicht hinreichend zu essen hatte. Seine zahlreichen Freunde hätten es sich zur Ehre gerechnet, ihm helfen zu dürfen,, er benachrichtigte aber keinen, fand es wohl gar nicht so schlimm, dasselbe zu leiden, wie hundert Andere. Erst als er infolge mangelnder Ernährung erkrankte, wurde feine Lage den Freunden bekannt, die nun wetteiferten ihn gesund zu pflegen. Uns Kindern war es ein Feiertag, wenn Bernheim bei uns war, wir spürten den Geist des Edelmenschen, und unsere Eltern pflegten uns dann auch nicht so rasch ins Kinderzimmer zu entlassen, sie wußten wohl, daß keine Lehre so eindrucksvoll ist, wie das lebende Beispiele Es vergingen selten Jahre, ohne daß er uns besuchte. Das, was wir als erstrebenswerte Lebensgüter bezeichnen, Frau und Kinder, war ihm versagt geblieben. Er hatte keine Zeit, er schob den Zeitpunkt immer wieder hinaus. Noch als Sechziger plante er eine Eheschließung. . Ein Jehudi wie er, wußte, daß zur Krönung des Daseins die Eser Kenegdau, die ebenbürtige Lebensgefährtin notwendig ist. Er fühlte sich noch jung genug, und in der Tat hätte man den großen, stattlichen Mann mit 60 Jahren gut für einen Vierziger halten können. — Von London aus unternahm er weite Reisen zu Neugründung von Gemeinden, sein Streben war stets darauf gerichtet die Gesetzestreuen zum Zusammenhalt zu bringen. Und sind auch nicht alle feine Bestrebungen von sichtbarem Erfolge begleitet gewesen, die Samenkörner, die er gestreut hat, sind nicht verloren. Mit Sorgen dachten seine Freunde oft an seine Jahre, was sollte werden, wenn seine Jünglingskraft doch nachließe. Das Schicksal meinte es gut mit ihm. Eine akute Krankheit raffte ihn in wenigen Tagen dahin. So wurde ihm das Alter, das einsame, hilflose Alter erspart. Seine letzten Monate verlebte er im Kreise von Jugendfreunden, die mit ihm als Jüngling „in dem Ozean mit tausend Masten" geschifft waren und in ihrem friedlichen Hafen den treuen Freund gern willkommen hießen."