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Der Israelit · 1908-10-29 · Heft 43 (29.10.1908) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 43 (29.10.1908)
Date
1908-10-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
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4. Jahrgang JK (O. üdtecber Volhöfreund tu Moustr-Beilage zum „3$raelif Yerantwortlicbe Redaktion* Rabbitur Df* ß. Jttolf in Köln. fortbildung. Wir klagen über die Armut der Zeit an Thorawissen. Es fehlt uns das Rüstzeug den Kamps aufzunehmen, den Kampf mit den Feinden außen und innen. Immer geringer wird die Zahl derer, die mit Bewußtsein ihr Judentum durchs Leben tragen und das Leben vom Judentum tragen lassen. Verzweifelt ringen wir die Hände, wenn wir an die Zukunft denken. Doch noch immer ist es Zeit, bessernd die Hand ans Werk zu legen. Jeder Augenblick, gut angewandt, kann eine neue Zukunft erzeugen. Wir müssen zum einigen AUbeilmittel greisen, das uns zu Gebote sieht. Das Volk der Thorah lebt nur durch Thorah. Und Thorah-Verbreitung ist die höchste Aufgabe, die jeder jüdische Kreis trägt, jede jüdische Gemeinschaft, mag sie klein, mag sie groß sein, hat. Diese Aufgabe kann ohne viel Opfer gelöst werden. Und ist sie erst gelöst, dann erblüht auf solchem der Thorah wiedergcwon» euen Boden alles Uebrige: Glück der Gemeinde und der Einzelnen, seelisches und wirtschaftliches Wohl von selbst. Doch wie sollen wir heute dem Ziele näher kommen, da „verloren scheint die Weisheit der Weisen und die Einsicht der Einsichtigen dem Volke entzogen ist?^ Wo sind denn die Männer des Wissens, besonders aus kleinen Plätzen, die noch Thorah aus dem Born des eigenen Wissens spenden könnten und die Form fänden, in der das Dorgereichte ge n angenommen wird, die Form die gemeinsam ntit dem herzerfreuenden, Geist bildenden J -Halt Werbekraft besäße, auch die Fernen uw M Ideal zu sammeln? Wohl dürften sich heu.'e nur noch wenig kleine Gemeinden sich des Glückt ö erfreuen, einen Mann in ihrer Mitte zu zählen, der „lernen", und wenn er für sich „lernt'', auch letjren kann, so lehren. Ferr ll iet an* Dr. B rifteim. L k z e. Es war eine große Trauerversammlung, die sich auf dem alten Friedhofe zu Preßburg einfartd, um unfern treuen Freund zur letzten Ruhe zu geleiten. Zur letzten Ruhe! Wann hat sich der Nimmermüde, uuabläsjig Tätige, je Ruhe gegönnt? I tzt hatte er Zeit sich von der Lebensarbeit auszuruhen, und wenn jemand Anspruch auf ein Ehreu^lätzcheu im Gan Eden hat, dann ist es Dr. Be nheim. Wohl fehlten bei der i ew ssoh leibliche Angehörige, er war unverheiratet gestorbcn, und sein einziger noch lebender Verwandter war ihm seelisch fremd und hätte nur einen Mißton in ben feierlichen Ernst derer gebracht, die chm den letzten Liebesdienst erwiesen. Roch einen letzten Blick ans das frische Grab, dann verließ ich das Haus der Ewigkeit! Etwas unsäglich Stilles und doch Erhebendes liegt auf diesen jüdischen Friedhöfen, ein einfacher Grabstein neben dem andern. Was für Verschiedenheiten das Leben dem Einzelnen gebracht Me^imTode sind wir aüegleich.Vom wie die Zeit es verlangt, so lehren, daß nicht nur die Alten alten Schlages hören wollen, sondern auch die Jugend jugendlichen Stils aufhorcht. — Das bedeutet eine große Armut an Männern und an Thorah. Und dock, unsere Zeit besitzt einen großen Reichtum, einen Schatz, um den manche Zeit der Vergangenheit sie beneiden kann, ein Kleinod, das uns die alte Wahrheit von neuem kündet: „Israel ist nie von seinem Gott verlassen worden." Unsere Zeit besitzt in reidjem Maße die Mittel, aus einer armen eine reiche ßeit zu werden, und sie besitzt den Vorzug, daß sie auch ohne vermittelnde Lehrpersonen sich den Inhalt der Thorah zu eigen machen kann. Wohl in keiner Zeit, so wie der heutigen gab es so viele Werke, die, in der Muttersprache geschrieben, die Gedanken und die Gesetze der Thorah dem Volke mitteilten. Es hat heute niemand die Entschuldigung für Unkenntnis des Gesetzes dadurch, weil er nicht gelernt habe und weil er die heilige Spräche nicht verstehe. Samson Raphael Hirsch hat sein Leben dafür eingesetzt, daß auch den der Spracke Unkundigen der Inhalt der Thorah nicht verschlossen zu bleiben brauche. Nehmt seine Werke zur Hand und lernet! Freilich auch Hirsch will systematisch benutzt werden. Mit den Neunzehn Briefen z. B. zu beginnen, bringt dem großen Publikum keinen Vorteil. Sie' biete« nur in Kürze Hirschs Gedankenwelt. Wie sie als Hirschs erstes Werk einen Entwurf seines Arbeitsplanes bedeuten, so stellen sie sich für den Leser als Zusammenfassung seiner Ideen dar. Sie sind fruchtbringend nur als Wiederholungslektüre, nachdem man sich in den anderen Werken schon gründlich und umfassend vertieft hat. In Kursen für die Oeffentlichkeit, für einen Kreis noch wenig Belesener beginne man mit den „Gesammelten Schriften". Soll aus der Lektüre ein Lernen sich ergeben und ein rück. Für dein ewiges Teil gibst du dem Rechenschaft, der Herz und Nieren prüft. — Ein junger Mann gesellte sich mir zu. „Haben Sie den Verstorbenen näher gekannt?" fragte er mich. Erstaunt sah ich ihn an. Der Fremde bemerkte es. „Ich bin eigentlich nur zufällig hier, ich habe heute geschäftlich hier zu tun, da erzählte man mir, daß ein Großer in Israel heute zur letzten Ruhe geleitet worden. Ich wollte mir die Mizwoh zu folgen nicht nehmen lassen, obwohl ich den Toten nicht kannte. Allerdings den Namen hörte ich manchmal nennen, weiß aber nicht mehr wieso," setzte er sinnend hinzu, „was war er denn eigentlich?" „Ja, was war er? Das ist schwer zu sagen und doch so einfach. Er war ein Mensch und Jehudi in des Wortes edelster Bedeutung!" „Aber sein Beruf?" sagte mein Begleiter. „Sein Beruf," antwortete ich, „war als Mensch und Jehudi zu wirken, wie es die Verhältnisse mit sich brachten!" Der junge Mann blickte mich etwas geärgert an, er meinte wohl, ich wollte ihn narren, obwohl Ort und Stuude wenig geeignet waren. „Er hatte nicht das, was man landläufig als Beruf bezeichnet, sondern lebte immer den Pflichten, die die Lage mit sich brachte", setzte ich hinzu. „Aber wovon lebte er denn? War er denn jüdisches Wissen als wahrhafte Frucht der gemeinsamen Arbeit reifen, dann wähle man Artikel halachischen Inhaltes aus. Man greife z. B. einen Artikel über die Festtage heraus, lese ihn. Dann schlage man dazu die Quelle des Gesetzes über diesen Festtag im Pentateuch nach. Dort lese man den Kommentar von Hirsch im Zusammenhang und sehe, wie sich aus der Ausdrucksweise des Verses der von Hirsch vorgetragene Gedanke ergiebt — und man hat Chumisch gelernt. Darauf" nehme man den Choreb zur Hand und unterrichte sich hier über die gesetzlichen Bestimmungen des in Frage stehenden Gegenstandes. Allmählich wird das Verlangen schon erwachen, die Quellen selbst zu studieren. In der Bibliothek werden dann bald die Uebersetzungen der Mifchnah nicht mehr fehlen. Die Prophetenreden lernt man durch die„Haftoroth" und die „zwölf kleinen Propheten" von Dr. M. Hirsch vor allem aber aus der „Einleitung zum Jesajas" im zweiten Band der „Gesammelten Schriften". Die Anschauung von Welt und Leben erlauscht man sich aus den empfindungsreichen Psalmen durch den Kommentar von Hirsch als Dolmetsch, und die Pflichten des jüdischen Gemeindelebens studiert man aus den Artikeln der „Gesammelten Schriften." Die Begeisterung, die aus Hirschs Feder floß, teilt sich unseren Herzen von selbst schon mit und wie bald löst dieselbe sich in spontanem Willen zum „Lernen" aus. Wo aber ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Ist nur erst rrnnn npttm wieder erweckt, Liebe zum Lernen, minn TID'V folgt dann von selbst. Mit elementarer Gewalt wird sich die Begeisterung für den erhabenen Inhalt der Lehre durch die Erkenntnis der ungeahnten Hoheit ihrer Ideen den Weg zur Thorasprache von selbst bahnen. Auf dieser Grundlage sollten sich besonders in den Wintermonaten Kurse der Jugend bilden. Bernheim reich! der Gedanke hat etwas so unsäglich komisches, daß ich das Lachen nicht verbeißen konnte. „Verzeihen Sie meine übel angebrachte Heiterkeit," 'sagte ich zu meinem Begleiter, der sich schon beleidigt abwenden wollte. „Aber der Gedanke an Bernheim als reichen Rentier ist zu merkwürdig. Doch ich will Ihnen gern von Ihm erzählen, was ich weiß." „Es würde mich sehr interessiren," antwortete mein Begleiter. „Dr. Bernheim kam schon feit meiner frühesten Jugend in unser Haus, er war Studiengenosse meines Vaters, und treue Freundschaft verband die beiden Männer. Bernheim wollte auch Raw werden, er hat auch das Examen bestanden, wenn ich nicht irre, doch Gebrauch gemacht hat er wohl nicht davon. Seine Eltern waren vermögende Leute, standen aber dem religiösen Standpunkte dieses Sohnes fern, legten ihm aber kein Hindernis in den Weg." „Also war er doch vor Geldsorgen geschützt", rief mein Begleiter. „Ja und nein, in erster Linie schützte ihn vor solchen Sorgen das Vertrauen auf den, der die Seinen nicht verläßt. Doch darauf komme ich zurück. Lassen Sie mich fortfahren, wenn Sie das Leben dieses seltenen Mannes interessirt." „Ja, bitte."

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