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Der Israelit · 1908-10-29 · Heft 43 (29.10.1908) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 43 (29.10.1908)
Date
1908-10-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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29. Oktober 1908. Der JSraelit. Nr. 43. Seite 7. gen, die Annahme der Bestimmung durch den Landtag zu sichern. Nürnberg, 25. Oft. In der heutigen, von 86 Wahlberechtigten besuchten Mitglieder- Versammlung der orthodoxen Vereinsgemeinde wurde Herr Dr. Klein, Würzburg mit Stimmenmehrheit zum Vereinsrabbiner gewählt (Wir gratulieren Herrn Dr. Klein, der unseren Lesern rühmlichst bekannt ist, zu seiner ehrenvollen Berufung, nicht minder aber auch der orthodoxen Vereinsgemeinde Nürnberg zu ihrer vortrefflichen Wahl. D. Red.) KrhnreU Basel, 15. Oft. Am Donnerstag, 8. d.M. begann der Große Rat mit der Beratung des Sonntagsruhe esetzes. Der Vorsteher des Departements des Innern, Regierungsrat Wullschleger gab zuerst einige allgemeine Bemerkungen. Bis 1893 gab es in Basel kein eigentliches Sonntagsgesetz. Das bisher giltige Gesetz umfaßt im wesentlichen nur den Schutz der Sonntagsheiligung. In unserer Zeit wurden immer mehr Wünsche nach Schutzmaßregeln geäußert und soll nun bas neue Gesetz den Geschäftsinhabern wie den Angestellten mehr Ruhe und Erholung sichern. Der Regierungsrat hat vor einiger Zeit eine Kommission, in welcher möglichst viele Interessentenkreise vertreten waren, zur Durchberatung des Gesetzes gewählt. Der Entwurf liegt nun dem Großen Rate vor. Es entspann sich hierauf eine längere Diskussion, ob man den Entwurf zuerst noch wie üblich einer Spezialkommission überweisen solle oder nicht. Mit großer Mehrheit wurde beschlossen, gleich mit der artikelweisen Durchberatung zu beginnen. In der Nachmittagssitzung wurden dann die'ersten sieben Paragraphen angenommen. Besonders lebhaft wurde § 7 diskutiert, der die Bestimmungen über die Dienstboten enthält, denen nun wöchentlich mindestens sechs Ruhestunden gewährt werden müssen. In der nächsten Sitzung wird das Gesetz weiterberaten. Auf der Traktandenliste figuriert außerdem noch Trennung von Kirche und Staat. Oesterreich. . Wien, 23. Oktober. Den Landtagswahlen, die am 26. d. Mts. stattsinden, sieht die Wiener Judenschaft mit dem größten Gleichmut entgegen. Alle jüdischen Parteien sind in der gleichen resignierten Stimmung. Man erwartet nichts, hofft nichts, man hat nichts mehr zu verlieren, höchstens nur noch zu gewinnen. Liberale Kandidaten sind mit einiger Aussicht auf Erfolg in der inneren Stadt (6 Mandate) und in der Leopoldstadt (2 Mandate) ausgestellt worden. Beide Bezirke waren bisher in den Händen der Antisemiten. Man hält es nicht für ausgeschlossen, daß diese beiden Bezirke bei intensiver Agitation den Antisemiten entriffen werden können. In beiden Bezirken werden auch jüdische Kandidaten nominiert. Im letzten Landtag hat kein einziger Jude gesessen. Die Chancen der jüdischen Kandidaten sind auch diesmal sehr zweifelhaft, weil das Wiener Bürgertum zum größten Teil der antisemitischen Partei angehört. $ * Am 15. d. Mts. fand im 2. Bezirk, „zum goldenen Widder", eine vom Verein „Linas Hazedek" einberufene Versammlung statt, die den Zweck hatte, gegen die Sperrung des Bethauses an den hohen Feiertagen zu protestieren. Die Versammlung war aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung massenhaft besucht. Den Vorsitz führte Dr. Zipser, das Referat erstattete Dr. Rybaczewski. Derselbe stellte in einer ausführlichen Rede den ganzen Sachverhalt dar, und wies in scharfen Worten die ungerechte Haltung des Kultusvorstandes bei der Sperrung des Bethauses nach. Nach eifriger Diskussion wurde einstimmig eine Resolution im Sinne des Referates angenommen. Wien, 25. Oft. Am 15. Oktober erhielt Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel einen Brief, aus welchem der folgende Vorfall bekannt wurde: Am' 4. Oktober, also am Vorabend des Jom Kippur, wurde in Kretowice die 13jährige Tochter des Michael Wieselthier, Hinde Wieselthier von zwei Bauernweibern entführt. Während die Eltern zu Kol Nidre sich in der Synagoge befanden, drangen die zwei Bäuerinnen mit Hilfe des Bauern Jacko Weubel in die Wohnung des Wieselthier, erbrachen die Schränke, nahmen die der Hinde Wieselthier gehörigen Effekten an sich, entwendeten auch andere Wertsachen, und entführten dann das wehrlose Mädchen in das Kloster der Felicianerinnen in Krakau. Die Anzeige wurde bereits erstattet. Abgeordneter Dr Gabel wird nun in dem Schreiben gebeten, in dieser Angelegenheit bei der Statthalterei zu intervenieren. Es wiederholte sich hier dieselbe Komödie, wie in allen früheren gewaltsamen Tauffällen, indem die Behörde sich darauf berief, daß das Mädchen nicht gewaltsam entführt und getauft wurde, sondern angeblich freiwillig das Elternhaus verlassen nnd die Taufe genommen habe. Auf Veranlassung des Dr. Gabel wurde die Angelegenheit zur Kenntnis der Regierung gebracht. Lemberg, 15. Oft. Im Lemberger Strafhaus starb dieser Tage ein 83jähriger Gefangener, Jakob Stern. Vier Jahre hätte er, laut dem Urteilsspruche galizischer Richter im Kerker verbringen sollen, hat es aber nicht länger als sechs Monate ausgehalten. Eine Kette von Verfolgungen und Drangsalen hat den Lebensabend dlesis vielgeprüften Juden vergiftet. Seit zwei Jahrerr war Jakob Stern Untersuchungshäftling des Rzezower Gerichts. Dreimal wurde er vor die Geschworenen gebracht und dreimal hat sich der Oberste Gerichtshof mit seiner merkwürdigen Angelegenheit beschäftigt Am 29. April 1906 wurde in Chialobr^eg bei Rzezow der Bauer Grigor ermordet aufgefunden. Der Verdacht der Täterschaft fiel auf den 80 jährigen Juden Jakob Stern. Er wurde wohl in der kritischen Nacht von Niemanden in der Nähe des Tatortes gesehen, aber die Aussage eines „Zeugen" genügte, um die ganze Familie Stern zu verhaften und unter Anklage zu stellen. Das Schwurgericht hat dankals Jakob Stern wegen Mordes zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Oberste Gerichtshof hat das Urteil aufgehoben und eine neuerliche Verh andlung ungeordnet. Und siehe da, die zweite Jury, die aus 12 Christen bestand, hat, trotzdem genau dieselben Beweise Vorlagen, wie in der ersten Verhandlung, Jakob Stern einstimmig sreigesprochen. Aber Jakob Stern, der gebrochene Greis wurde nicht freigelassen. Der Staatsanwalt hat den 12 christlichen Volksrichtern keinen Glauben geschenkt und die Verfolgung der Fanlilie Sterns hat von Neuem begonnen. Zunächst wurden die Entlastungszeugen wegen falscher Zeugenaussage, — trotzdem ihr Verteidiger ihre volle Unschuld nachgewiesen hat — zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Diese Verurteilung wurde nun dazu benützt, dem arg gequälten Jakob Stern zum dritten Male den Prozeß zu machen. Aber diesesmal lautete die Anklage, trotzdem das Beweismaterial dasselbe geblieben war, nicht mehr auf vorsätzlichen Mord, sondern nur auf Totschlag und Jakob Stern wurde zu vier Jahren Kerker verurteilt. Dieses Urteil hat auch der Oberste Gerichtshof bestätigt. Jakob Stern ist nun tot. Auf dem Sterbebette, nachdem er Widdni gesagt hat, stieß er noch röchelnd hervor: „Ich trete vor Gott hin, ich bin unschuldig an dem Morde Grigors!" Und dann hauchte er seine Seele aus. Czernowitz, 19. Okt. Die erste Sitzung des Bukowinaer Landtages wurde für den 5. Oktober einberufen. Der 5. Oktober fiel Heuer auf den Jom Kippur. Die jüdischen Mitglieder des Landtages waren daher verhindert, zur Eröffnungssitzung zu erscheinen. In der nächsten Sitzung brachte Abg. Dr. Straucher folgenden Protest ein: „Im eigenen Namen, sowie in jenem der Herren Abgeordnetenkollegen Wilhelm Trttinger und Dr. Josef Weidenfeld beehre ich mich, an Eure Exzellenz die folgende Anfrage zu richten: Die Eröffnungssitzung des hohen Hauses hat in der gegenwärtig tagenden Session am 5. Oktober d. I. stattgefunden, d. h. am höchsten jüdischen Feiertage, nämlich am jüdischen Versöhnungstage; aus diesem Grunde sind auch die drei jüdischen Mitglieder des hohen Hauses der Eröffnungssitzung fern geblieben. Die Anordnung und Abhaltung der Haussitzungen haben, abgesehen davon, daß den jüdischen Mitgliedern die Teilnahme unmöglich gemacht worden ist, die Gefühle der Jndenschaft vielfach empfindlich verletzt. Auch aus dem Grunde, damit kein Präjudiz in Zukunft geschaffen werde, muß ich den eingebrachten Protest erheben und gestatte mir nun, an Se. Exzellenz den Herrn Landeshauptmann, die geziemende Anfrage zu stellen: Gedenkt Se. E^ellenz zu verfügen, daß in Zukunft Sitzungen des hohen Hauses an gebotenen hohen jüdischen Feiertagen nicht abgehalten werden?" Der Landeshauptmann erklärte, daß die erste Sitzung am 5. d statifinden mußte, weil der Landtag für diesen Tag einberufen worden sei, daß er aber in Zukunft selbstverständlich alle gebotenen Feiertage, auch die der Juden, berücksichtigen wolle. Prag, 26. Oktober. Zu der Erklärung des Herrn Pollack in letzter Nummer des „Israelit" schreibt man uns von sehr gesch. Seite: „Ich mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Simon Pollack, der sein Judentum mit so viel Ueberzeugung im „Israelit" vertritt, der Herausgeber einer Lokalkorrespondenz hier in Prag ist, die sich bemüht, Juden und Judentum möglichst in den Augen der Mitwelt herabzusetzen — er wird auch meist nur von tschechisch-antisemitischen Blättern zitiert —, der sich angeblich aus Ueberzeugung für eine Vermengung des Judentums mit dem Christentum einsetzt. Er hat den Otpn so weit getrieben, daß über Anordnung unseres Kultuspräsidenten mit nachträglicher Einwilligung unseres Oberrabbiners ihm das Aufrufen in der Altneuschul gänzlich unmöglich gemacht wurde. P. erdreistet sich, sich als frommer Jude auszugeben, während er seinen Sohn als kleines Kind taufen ließ." Unter diesen Umständen begreift man es, daß P. zur Sache selbst d. h. zu seiner ungeheuerlichen Verdächtigung der Wiener und Prager Kultusgemeinden in seiner Erwiderung nichts zu sagen hatte. Kwßjmt. Ein Memorandum. lBon wnferem Korrespondenten.) Budapest, 9. Oft. Das allerneuste auf dem Gebiete der ungar.- jüdischen „Kirchen-" Politik ist, daß zufolge der bereits in der vorigen Nummer berichteten ungestümen Angriffes des neologen Wochenblattes auf den neologen Kanzleipräses Maurus Mezei, derselbe sich veranlaßt fühlte, das bereits am 10. Januar des Jahres verfertigte Memorandum am 8. des M. dem Kultusminister Graf Apponyi zu überreichen. Derselbe versprach dem Herrn Mezei, die Angelegenheit gründlich zu prüfen, doch möge man nicht in Bälde auf seine Antwort warten, da er vorläufig ganz andere Dinge zu tun habe. Wie es den Anschein hat, wird auch diesmal — wie schon oft seit dem Vollzug der Trennung im Jahre 1868 — den Neologen der Weizen nicht blühen. Ueber den Inhalt dieses neologen Memorandums, des würdigen Seitenstücks zu seinen Vorgängern, werden wir noch ausführlich berichten (Siehe Leitartikel.) * * * > Die heutige Nummer des „Pefter Lloyd" berichtet: „Graf Appony erzählte gestern abend im Klub der Koffuth - Partei, welche Schwierigkeiten ihm die Regelung der konfessionellen

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