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Der Israelit · 1908-10-29 · Heft 43 (29.10.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 43 (29.10.1908)
Date
1908-10-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 43. Der Israelit. 29. Oktober 1908 daß Chamberlain hieraus nicht den Schluß gezogen, daß die Juden ursprünglich Menschenfresser gewesen. Diese Behauptung wäre so mancher anderen „wissenschaftlichen" Jnvektive an die Seite zu stellen. Vielleicht sind auch diese Uebertreibungen zum Guten. Sie zeigen dem, der noch nicht vom Judenhaß verblendet ist, daß er es nicht mit einem Werk vorurteilsloser Wissenschaft, sondern mit einem Buch zu tun hat, das in der Hülle der Wissenschaft nur ein Pamphlet gegen das Judentum darstellt. Die neudebläkcde cmratur. Bon S. H. R. Die hebräische Wochenschrift „Ha' Olam" bringt aus der Feder des Herrn Breinin einen DV „Gerichtstag" überschriebenen Artikel, der zum Hinweis auf yne merkwürdige, geschichtlich bedeutsame Analogie geradezu herausfordert.. Anläßlich der Jahreswende stimmt dieser Publizist in elegischen Tönen eine bittere Klage an über den trostlosen Zustand der hebräischen Sprache und über den noch trostloseren der hebräischen Schriftsteller. Noch nie sei so viel Propaganda für die hebräische Sprache in Wort und Schrift gemacht worden, wie in unseren Tagen, und doch sah es nie im hebräischen Lager trauriger aus, als gerade heute. Das jüdische Volk schein? der nationalen Sprache, die es bis jetzt mit wahrhaft aufopfernder Liebe gehegt und gepflegt habe vollständig den Rücken kehren zu wollen. Noch sei es nicht lange her, als zwei, zeitweise sogar drei hebräische täglich erscheinende Zeitungen sich eines ansehnlichen Leserpublikums erfreuten. Nebenher gingen stets einige größere und kleinere literarische Unternehmen, die ebenfalls gut gediehen. Die h?bräischen Schriftsteller, Publizisten, wie Belletristen, fanden für ihre geistigen Produktionen ein lohnendes Absatzgebiet, das ihnen ein ehrendes Auskommen sicherte. Nicht selten sprangen auch Freunde, Gönner und Förderer bei, die ihre Talente richtig einzrkschätzen und zu werten wußten. Diese schöne Zeit habe nun einem allmählich eintretenden Verfall der hebräischen Literatur Platz gemacht. Alle Zeitungen und Wochenschriften verschwinden nach einem kurzlebigen kümmerlichen Dasein spurlos von der Oberfläche. Alle sonstigen literarischen Unternehmungen müssen nach minimaler Frist eingestellt werden, oder erschwingen nicht einmal so viel Kraft, um das Licht der Welt zu erblicken. Die hebräischen Schriftsteller darben, verkümmern und verhungern. Vergeblich bieten sie dem üdischen Volke ihre geistige Kraft ail. Bitter enttäuscht müssen sie in ihre enge, schwüle Stube zurückkehren, um vergessen und weltentrückt, in Not, Elend und Krankheit ihr qualvolles Leben zu beenden. Diese für unsere Zeit so bezeichnende Klage über den Niedergang der hebräischen Sprache urnd Literatur erinnert uns unwillkürlich an einen Artikel gleichen Inhaltes, den der berühmte hebräische Stilist Jzchok E i ch e l in einer hebräischen Zeitschrift in Deutschland vor ungefähr 100 Jahren veröffentlicht hatte. Sowohl die erste stammende Begeisterung für die nationale Sprache als der spätere Rückgang der letzteren, vollzogen sich in der gleichen Art und unter den gleichen Begleiterscheinungen, hüben wie drüben, in Deutschland wie in Rußland. Auch in Deutschland glaubte man die anbrechende „Lichtperiode" nicht anders als durch Schmähungen der herrlichen, in strenger jüdischer Pflichterfüllung verlebten Vergangenheit feiern zu können. In allen hebräischen Zeitschriften und Broschüren — denn nur in dieser Sprache konnte man sich noch damals den jüdischen Lesern verständlich nahen — die zahlreich verbreitet waren, regnete es förmlich von bösen Verdächtigungen und Verleumdungen der treuen Thorahüter und aller anderen im Dienste des jüdischen Volkes stehenden und von echter und tiefer Frömmigkeit beseelten Männer, die sämtlich den Wühlereien, und Treibereien der Stürmer und Dränger energisch Halt gebieten wollte,?. Die Thora selbst wurde natürlich auch nicht verschont. Bald wurde dieses Kapitel, bald jenes einer maßlosen, tendenziösen Kritik unterzogen, bald der Prophetismus, bald heilige Ueberlieferungen angezweifelt, bald an diesem, bald an jenem Gebot oder Verbot herumgezerrt. Nichts war heilig, nichts war ehrwürdig Alles und jedes mußte die Feder der sich wie toll gebärdenden Neuerer und „Verbesserer" paffieren und sich ihrem anmaßenden Richterspruch unterwerfen. Die jüdische Jugend, die ebensowenig wie später in Rußland für die neue Zeit gerüstet und gebildet war, verschlang diese überraschenden, in sirenenhafter Form dargereichten Geistesfrüchte mit einer alle Erwartungen überbietenden Gier. Die hebräischen Schriftsteller jubelten und frohlockten anfangs ob dieses raschen Erfolges ihrer „segensreichen" Tätigkeit, doch sie fühlten nicht, daß ihnen der ohnehin schwankende Boden unter den Füßen entzogen wurde. Sie übersahen, daß die Thora, ihre Gebote und Verbote, ihre Gesetze und Vorschriften den Lebensnerv des jüdischen Volkes bilden, daß all diese Werte in ihrer Gesamtheit den Inbegriff seines Lebens und Seins ausmache. Knmxi X1N *7N die Juden und ihre min sind eins, sie stellen einen einzigen Begriff dar. Wenn die Thora, wenn die Prophetenbücher nicht heilig sind, wenn das, was in ihnen gelehrt wird, keine verbindliche Kraft für jeden Einzelnen hat, wenn die Gebote und Verbote nicht als Bedingungen des Lebens sondern als unütze Fesseln angesehen werden, von denen man sich nicht zeitig genug losreißen kann, dann ist auch die hebräische Sprache, die Vermittlerin der jüdischen Geistesschätze ebenfalls überflüssig. Im Geschäfts- und Verkehrsleben sind die europäischen Sprachen die führenden und herrschenden. Alle Zeit- und Weltereigniffe übermitteln die europäischen Tages-Zeitunaen viel genauer und schneller. Was vermag ihm, dem Juden ohne Judentum, die hebräische Sprache noch sonst zu bieten, das ihn für sie erwärmen soll? Was kommen mußte, kam noch früher als man es erwarten mochte. Die Jugend, welcher die eben bezeichneten Anschauungen beigebracht wurde, entfremdete sich nicht allein dem Judentum, sondern wandte sich naturgemäß auch von der hebräischen Sprache ab. Bereits dreißig Jahre nach dem Beginn der Bewegung sah sich der schon genannte Jzchok Eichel veranlaßt, in scharfen Worten darüber Klage zu führen, daß die jüdische Jugend sich allerlei Sprachen befleißige, nur nicht ihrer eignen. David Friedländer, der Schüler Mendelssohns, welcher anfangs für seine schriftstellerische. Tätigkeit sich fast ausschließlich des Hebräischen bedient hatte, ging um diese Zeit zur deutschen Sprache über, weil er für das Hebräische keinen Leserkreis mehr finden konnte. So rasch wie in Deutschland vollzog sich allerdings der Umschwung in Rußland nicht. Zwar trieben und treiben hier die hebräischen Schriftsteller ihr Unwesen noch weit wilder als ihre Kollegen in Deutschland. Gelangten sie doch hier in den alleinigen Besitz der jüdischen Tagespresse, die ihnen eine unumschränkte, wahrhaft absolute Gewalt in die Hand spielte. Ganz gewaltig förderten ihre Bestrebungen auch die in der letzten Zeit aus dem Westen in Masse eingeführten kritischen, wie geschichtlichen Werke von Krochmal, Rappoport, Frankel unS Grätz, und nicht in letzter Linie die inzwischen zur vollen Entwicklung gereifte Biöelkritik, deren Resultate zuerst nur vorsichtig und mit einem gewissen Vorbehalt zur Sprache gebracht, dann ohne jede Rücksichtnahme und in weit schärferer Form als selbst die radikalsten christlichen Gelehrten es wagen, täglich vorgetragen wurden und noch vorgetragen werden. Aber die große Zahl der jüdischen Bevölkerung, und namentlich die Pflegestätten der Thora, die TilI'V'', welche noch immer den Jungbrunnen für das echte jüdische Leben bilden, vermochten durch den fortwährend neuen Zustrom, die durch den abgefallenen Teil der Zöglinge entstandenen Lücken in ihren Reihen rasch wieder auszufüllen. Indessen, die Katastrophe konnte nicht ausbleiben und blieb auch nicht aus. Die seit einer Reihe von Jahren ausgestreute und mit Eifer gepflegte giftige Saat geht jetzt auf und schießt üppig empor zum wahren Entsetzen aller, die es ernst mit ihrem Volktz meinen. Wie vor hundert Jahren in Deutschland, so verlor die jüdische Jugend auch in Rußland das Interesse für die hebräische Sprache, weil ihr das Judentum selbst fremd geworden ist. Die gebildete Klaffe, die Intelligenz, wandte sich dem Studium des Russischen zu, mit dem sie schon durch Beruf in nahe Beziehung gebracht wird. Der ärmere Teil der Bevölkerung bleibt am jüdisch-deutschen Jargon hängen, der bekanntlich keine grammatischen Regeln und Formen hat. Solange es noch wenigstens keine jargonischen, täglich erscheinenden Zeitungen gab, war die Masse des Volkes mehr oder weniger aus das Hebräische angewiesen. Nachdem aber auch dieser Mangel beseitigt wurde und es nun von jüdischen Schriften förmlich wimmelte, da war das Schicksal der hebräischen Sprache besiegelt. Leider wollen die hebräischen Schriftsteller auch jetzt noch keine Vernunft annehmen. Derselbe Breinin, der die tief beschämende Tatsache des Verfalls, dem die hebräische Sprache entgegengeht, offenherzig zugesteht, denkt ganz ernstlich daran, Wellhausens Werke ins Hebräische zu übersetzen. In der Quartalschrift "Tn]?n„ deren zweiter Redakteur er ist, werden bibelkritische Ansichten vertreten, wie. sie selbst unter deutschen Gelehrten vereinzelt sind. Solange darin keine Remedur geschaffen wird, sind alle Klagen vergeblich. Hier ist der Hebel anzusetzen. Wenn einmal in den Schriften der Junghebräer mit der alten Zerstörungsmethode aufgeräumt, wenn vor allem anerkannt wird, daß die min das Lebensprinzip unseres Volkes ist, dann wird sich auch in dem Herzen dieses Volkes die alte Liebe zur hebräischen Sprache wiederfinden. LDrCi. »orrespondenzen und Nachrichten. Derrtsrhes K-Uh. Frankfurt a. M., 29. Okt. Bekanntlich hat der „Bund gesetzestreuer jüdischer Lehrer" Ende vorigen Jahres.an das Preußische Kultusministerium eine Eingabe gerichtet, in der darum gebeten war, gelegentlich der bevorstehenden Abänderung des Lehrerbesoldungsgesetzes von 1897 die Beschäftigung der jüdischen Lehrer im Kantorate bei der Festsetzung der Gehälter mit in Berücksichtigung zu ziehen, ähnlich wie dies von den christlichen Lehrern für den Kirchendienst beansprucht wird. Erfreulicherweise hat die dem Landtage jetzt zugegangene Lehrerbe^otdungsvorlage diesem WunscheRechnun g getragen, indem in § 4, Absatz 5 bestimmt wird: Die Vorschriften in Absatz 1 bis 4 finden bei dauernder Verbindung eines Schulamtes mit einem jüdischen Kultusamte sinngemäß Anwendung. Wie uns ferner mitgeteilt wird, ist es der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" durch Rücksprache mit den Vertretern der verschiedenen Parteien in Ken. letzten Tagen gelun-

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